Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, October 04, 1917, Sonntagsblatt, Image 10

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    Die weissen Innre
der Frau non X.
Erzählung von Carl Schüjet
Ess
--.-rT-:.;«:00c;0»«ci
Eine Abendgesellschast bei Geheim
tafLagsenscheio brachte den Teilnelis
mern stets Genässe ganz besonderer
Urt. Nicht nur, daß der alte Geh-eint
rat großen Wert darauf legte, seinen
Gästen nuzerlesene Speisen, vorzüg
liche Weine und echte Haoannazigari
ren vorzusehn-, er hatte auch ein ei
genes Geschick darin, einen Kranz
schöner Frauen um sich zu versammeln,
die stets »seiner Tafel herrlichste
sitt-« bildeten, wie er sich auszu
drüsien pflegte.
Eines Abends« nach aufgehobener
Tafel, saßen wir im Musitzimmer
des Geheimnis, und teilten unsere
Aufmerksam!eit zwischen einer Tasse
Motla, einer der oorziiglichsien Zi
garsen des Hausherrn und den Vot
ttägen eines neuen weiblichen Ster
nes arn Kunsthimniel unserer Hos
oper.
Die junge Dame am Flügel sang
aus nir- Opset eines neueren, vielge
nannten Komponisten- Als sie geendet
hatte uno der übliche Beifall verklun
gen war, ftagte ein oenstonierter Hos
rat die junge Künstlerim »Einheit
Sie den Komponisten in letzter Zeit
gesehn-N -
»Ja, bei oen Proben zu seiner
Oper.« ·
.Jst Jhnen etwas an ihm ausge
sollen?«
»Er hat weiße Haare und doch
noch ein ganz jugendliches Gesicht-«
»Die haare waren vor seiner
Amerilareise vollkommen schwarz. over
sagen wir lieber schwarzbraun. Man
sagt, er have druden ver einem kri
senbahnzusamnienstoß eine heftige
Nervenerschiitterirng erlitten. Er soll
da eine Nacht, eingeteilt zwischen
den Trümmern eines Schlastvagens.
zugebracht haben, und in dieser
Nacht soll sein« vorher dunkles
Haar volltoinrnen weiß geworden
sein«
Ein Professor der Universität lö
chelte überlegen. »Lieber Hosrat, glau
ben Sie doch nicht an solche Märchen.
Die Geschichte von dem plötzlichen Er
granen bei einem Schreck oder einem
heftigen Angstzustand ist längst in
die Rumpelkammer geworfen worden«
in der der Glaube an Hexen, bösen
Blick, Werwols und andere schöne
Dinge ruht.«
Bei den Damen erhob sich lebhaf
ter Widerspruch gegen diese Worte
des Professorö. Sie alle hatten schon
von durchaus glaubwiirviger Seite
gehsrt, daß haare ganz plötzlich weiß
geworden waren. Die Gattin eines
Rittmeisters wußte sogar aus der ei
genen Familie iiber das plötzliche
Weißwerden von Haaren zu berichten·
Eine Tante hatte im Jahre 1870 in
der Nacht weiße Haare bekommen, in
der ihr Mann vor Paris gefallen
war; die bange Ahnung eines Un
glücks hatte diesen Wechsel in der
Farbe ihrer Haare zur Folge ge
habt
Jhre Erzählung fand bei den Da
men lebhafteste Teilnahme nnd bei
den herren riicksichtsvolle Beachtung,
nur der Unioersitätsprosessor ließ
steh nicht beitren.
»Gnädige Frau, Sie w-»en sehr
schön und sit-erzeugend zu erzählen,
aber vor der Kritik der Wissenschaft
hält die Geschichte nicht stand.«
Und nun hielt er einen kleinen Bor
ttag, reichlich mit wissenschaftlichen
Zutaten gespickt, iiber die Entste
hung der Farbe der Haare nnd über
die Unmöglichkeit, daß diese Farbe
Plbjlich aus den Haaren verschwin
den könne. s
Die Dcclcch Use Ilky III Ulc gilllsc
Angelegenheit weniges- extviirmten
als vie Damen, ließen sich oon den
Ausführungen des Professor-i über-s
zeugen, vie Damen aber erlliieten in
ihrer Mehrzahl, daß das Leben schon;
sehr häufig anscheinend unumstöß«
lich feststehenne wissenschaftliche Leh-;
ten rücksichtslos über den Haufen geil
werfen habe, und daß sie sich ihren.
Glauben nicht nehmen ließen. s
»Aber, meine DankenI tief da deri
Professor seinen schönen Widersache
tinnen zu, »wenn Ihnen meine Be
glünvungen so wenig genügt haben,
dann lassen Sie sich doch von einein
Beispiel aus dem Leben überzeugen.
Auch Tiere haben häufig vor ihrem
Lade die schlimmsten seelis en Quasj
lel zu erdulden, zum iel vie
Pferde der Knviilleristen im Kring
oder der Hund, der in einer bren
nenden Wohnung eingeschlossen ist
und so weiter, niemals aber hat
man an solchen Tieren die Beobach-.
sing gemacht. daß vie Iow- ihkekl
ilStaate eine send-rang erlitten hät
."Oio, mischte sich der Will-nei
ee in die Unterhaltnnk Sie bät-(
ruin- W - nicht mit
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Wen teile since W W voll
Bis-if teils adex
se W ist«-;- DER-:
»Den-tot« riefen vie Damen dein
Rittnieister zu
Der BeisaiL der seine-en Gegner ge
zollt wurde, entlsåe dem Professor
nur ein iiberlegeneo Lächeln. »Meine
Damens sagte er, .s?iihien Sie rnir
ein Beispiel vor, ein let-endet Beispiel,
nicht die Erzählung von verstorbenen
Panier-! Wenn Ihnen das möglich
Iist« dann ertliite auch ich inich von
Idee Richtigkeit Jhrer Ansicht über
zeugt.«
Einen Augenblick trat Stille ein
Dann rief die junge Sängerin:
«Herr Geheimni, laden Sie doch den
Komponisten F. ein, der soll uns er
zählen, wie er zu seinen weißen Haa
ren gekommen ist«
Der Geheirnrat stand neben dem
iSessel der Frau v. X. Er hatte mit
ihr leise Worte gewechselt, an dein
Redegefecht hatten sich beide nicht be
teiligt.
Frau v. X. war eine Dame in der
Mitte ver Dreißiger. Sie war von
einer madonnenhasten Schönheit, über
ihr ganzes Wesen war ein Zug stil
ler Schwerinnt schreitet Sie lä
ychette selten, sie gefiel sich augen
scheinlich besser in der Rolle einer
bereitwilligen Zuhorerin als in der
ver Erzähleritn Der Geheimrat be
lhandelte sie stets mit nusgesuchter
Höflichkeit, mit einer fast väter
lichen Fürsorge. Man wußte nicht
viel von ihr, sie war Witwe ver
ylchrte wenig in ver Gesellschaft, und
nur im Hause des Geheimnis sanv
man sie regelmäßig bei allen Fesilichs
teiten.
E »Wir haben nicht nötig, den Herrn
JProsessor mit Hilfe des Komponisten
zu überzeugen, daß eine heftige Ge
Hiniitserschiitierung in wenigen Stun
Iden die Haare eines Menschen zu
bleichen vermag, wir haben unter uns
»ein Beispiel dieser Art-«
Alle Blicke richteten sich aus den
Geheimrat.
j »Das Beispie« von dem der we
sheirnrat spricht, bin ich'« sagte Frau
Eo. X. und erhob sich mit einem leisen
tLticheln aus ihrem Sessel. Sie reichte
Inein Professor die Hand- »Ich kann,
alt Jhrer wissenschaftlichen Ausfüh
rungen ungeachtet, den Beweis erbrin
gen. daß die Geschichte von dem plötz
lichen Ergrauen tein Märchen ist
Bitte, entschuldigen Sie mich einen
Augenblick«
Der Geheimrat führte Frau v X.
jbis zur Tür eines Nehenzimmers,
Idie sich hinter ihr schloß, und wandte
fsich feinen verblüfften Gästen zu.
I«Frau v. X. trägt eine Perücke,« sagte
er, lächelnd iiber die Neugier, die aus
allen Blicken sprach. »Ihr natürli
ches haar ist schneeweiß, ganz so
weis, wie mein Haar, und diese weiße
tFarde hat das Haar ver gnädigen
,Frau in einer Nacht bekommen-" —
iDie Damen mndriingten den Geheim
stat. — »Wie das gekommen ist, meine
?Drmen, wird Ihnen Frau v. X selbst
Ierzöhtem Sie hat sich dazu bereit er
klärt«
s »He-den Sie einen Zeugen fiir den
Fall-« sugte der Professor.
»Wollen Sie mich als Zeugen get
ten lasse-ist«
»Sie, Herr Geheiinrai?«
«Ja,« nickte der Geheimni, »ich
yabe Frau v. X- wenige Stunden vor
jenem Ereignis gesehen, sie trug da
mals das schönste volle Schwarz
haar, das ich je an einer Dame zu
bewundern Gelegenheit hatte. Am
Morgen nach jener Nacht war das
Haar get-leicht, vollkommen weiß.
Nun. Sie werden es ja selbst sehen.
Da Frau v. X. stets jedes Aufsehen
zu vermeiden trachtet, hat sie sich
eine ausgezeichnete Perücke arbeiten
lassen, die über die Veränderung ih
res natürlichen Haares hinweg
tänscht.«
Jn diesem Augenblick öffnete sich
die Tür zu dem Nebenzitnniey nnd
herein trat Frau v. X. Dichtei wei
ßes haar nmrahrnte das cui-deutli
polle Köpfchen. Schiicht gescheitelt
legt- es sich fest an die Schläfe-i an.
Die ganze paartracht war darauf ein
gerichtet, sich unter der Periiete zu
sei-M
JIAU c· I. Mal Vllkcy Olcscll Wech
sel der Tracht und der Farbe des
Haares wie vollkommen verändert
Sie erschien uns allen zunächst wie
eine Fremde. Man mußte sich nn
ihren Anblick erst gewöhnen. Der
Gegensak zwischen ver Frische ihrer
Haut, den dunklen Augenbrauen, ih
rer biegsamen, jugendlich sehnigen
Gestalt und dem greisenhcisten hour
brachte einen Mißtlnng in ihr sonst
harmonisch abgetkntes Wesen. Wei
ßes haar kann auch einem jugendli
chen Antlih einen eigenen Reiz per
ieihen, das beweisen die Bilder nui
der Zeit des Noli-in aber dann miiss
sen zierlich gebrannte Löckchen, kunst
ovll nnsgebaute Tusss ein Init
Schönkitjpslösterchen und allein
DIurn und Drnn wohlvorbereitetes
zrauennntlik nnirnhrnen. Die ern
sten Augen ver Frau v. X. und der
"ir«,-wermiitige Zug unt ihren seinges
schnittenen Mund poßten wenig In
einer Erscheinung ans der Zeit des
gelernten Bomo. Sie mochte bns
wohl selbst herantgesiith habet-, alj
sie sich die Pers-de bestellt hatte.
» n, Here rosessorf sagte Frau
v. » «ss s ch in Birkl seit
ani. S- tehe- re mis, vie ber
Nacht weiß or .« " «
Der ein-M Im r. t.
Y
.
einen Seifei hingeschobem Sie feste
sich. und nlle Anwesenden riickten dicht·
nur sie her-um« denn sie hatte jn ver
sprochen zu erzählen.
.svr ocht Jst-ten ist ei WANT
begann Frau d. X. »Ich erzähle heute
zum ersten Male fremden Ohren die
Ereigniße jener Nacht. Daß ich sie
erzählen kann, daß ich seht ganz ru
hig iiber sie zu sprechen vermag, ver
dante ich nächft unserer größten Hel
ferin, der alles mildernden seit, der
treuen Fürsorge des Herrn Geheim
rats. Er hat mich gebeten, und so
soll diese Erzählung gewissermaßen
die Krönung einer geistigen Schulung»
fein, durch die mich der Geheitnrab
feit jener furchtbaren Nacht geführt
und durch die er mich vor der dro
lizendden geistigen Umnachtnng bewahrt
GL«
Der Geheimtnt wehrte gütig la
chend ab
«Jch fiige mich gern der Anord
nung meines treuen Beraters und
hoffe, daß meine Nerven mich nicht
im Stiche lassen,« fuhr Frau d. X
fort. »Ich will Jhnen alles so er
zählen, wie ich es damals erlebt ha
be: Noch zwei Jahren gliietlichster
Ehe starb mein Mann an einer Lun
genentziindgung die er sich nuf eine-I
Jagdaueflug geholt hatte. Meine
tteine Margot war elf Monate alt,
als mich dieser schwere Schlag traf.
Jn meiner Verzweiflung bot mir nur
der Gedanke einen Trost, daß ich in
unserem Kinde einen Schatz besaß«
den zu hiiten und pflegen jetzt meine
heitigste Aufgabe sein mußte· Mar
got war ein zartes Kind, das zu
seinem Gedeihen ständiger aufmerk
snmster Wurtung bedurfte. Die Pfle
ge meine-s Kindes war für mich der
einzige Daseinozweck geworden, sie
füllte mein ganzes Denken und Trach
ten aus. Ich lenkte ihre ersten Schrit
te, ich lehrte sie die ersten Worte lal
len, ich fuhr sie täglich in ihrem tleis
nen Hindert-vagen im Garten spazie
ren.«
Frau v. k. uesz ihre weise seine
Hand leicht über die Stirn gleiten.
Sie unterbrach ihre Erzählung. Die
Erinnerung an das Kind hatte sie
sehr ergriffen. Aber sie bezwang sich.
Sie überwand tapfer die aufsteigen
den Tränen und fuhr mit ihrer lei
fen, angenehmen Stimme in ihrer
Erzählung fort: »Und doch, trotz
der aufmertsamsten Ueberwachung—
noch heute ift es mir unbegreiflich,
wie das Kind zu der Anftecknng ge
kommen ist — eines Abends, als ich
vor denr Schlafengehen noch einmal
an da Bettchen Margots trat, fiihlte
ich mit Schrecken« daß das Köpfchen
der lileinen heiß war, daß fie fieber
te. Es gab damals viele Diphtheries
lrnnte in der Stadt, und ein Blick in
den Mund der Kleinen zeigte mir,
daf; auch mein Kind, wie mir schien,
in heftigster Weise von der Kranlheit
befallen war. Meine Köchin, der
einzige Dienstbote, über den ich hätte
verfügen können, war ausgegangen.
Ich befand mich mit Margot allein
in der Wohnung. Schnelle hilfe tat
not. Das Leben meines Kindes stand
auf dem Spiel. Rasch warf ich tnir
ein Tuch um die Schuttern nnd eilte
auf die Straße. Es mag ungefähr
zehn Uhr gewesen Lein. Kein Mensch«
der mir hätte hel en können, war zu
sehen· Keine Drofchie, die mich
schnell zu unserem hausarzt hätte
bringen können, fuhr vorüber. Da
erinnerte ich mich, daß vor einigen
Tagen ganz in der Nähe ein Arzt
zugezogen war. Ich hatte noch am
lTag vorher gesehen, wie Männer
sfein Schild neben der haustiir befe
ftigten. Dort lief ich hin· Die Lä
iden im Erdgeschoß des Haner waren
stängft geschlossen, aber die Haustür
;itand noch aus« und der Treppenflur
war erleuchtet. Ich ftiirtnie die
Treppe hinauf. An der Bordertiir
ver ersten Stockwerts stand der Name
des Arztes. tiingelte heftig.
iGleich darauf hätie ich Schritte, die
Vortiir wurde von einein langen ha
geren herrn geöffnet der mich ein
Land, näher zu treten. Ich wollte
nicht. Ich hatte ei fa fo eilig.
lEine Zeitverfänrnnis von Setnnden
’lonnte das Leben meines Kindes ge
Hfahroen Jn sliegendek hast erzählte
Hich dem Arzt, was mich hergeführt
Er lächelte. Meine Angsä, meine Not
schienen auf ihn teinen Eindruck zu
Tinachem
s »Die Sache ist durchaus nicht so
schlimm, wie Sie anzunehmen schei
jnem gnädige Frau,« sagte et. »Ich
muß noch einige Fragen an Sie stet
len. Also, bitte, treten Sie ein.«
Nun folgte ich seiner Aufforde
Fung und sah, daß er die Bottiit
i,hintee mit abschloß. Da ich, wie viele
;Leute, selbst meine Vottiike stets ge
schlossen halte, so fiel mir das Geda
,cen des Arztes ncht besonders auf.
Er nötigte mich in ein Zimmer, das ein
Aiittelding zwischen Operationssaal
und Laboratorium zu sein schien und
das von einem iidleu Geruch angefüllt
war.
Nehmen Sie Mad, gnädtge
Frau.« .
Er forderte mich durch eine nd
Senesung aus, mich in Auen essel
zu s en,« der den Eindeuck eines
Man enstuhles machte. Er sa mich
dabei aus seinen dunkel-, tief fegen
gä Augen ganz eisestiimiich an.
'"see Blick verwirrte mich, nnd ob
wohl ich eisentiich seines qusoedes
—- - , — ! f f- :
rang, mich zu lesen, nicht nachkom
men wollte, ließ ich mich doch in dem
Sessel nieder-. Der unheimliche
Mensch trat dicht on mich dirs-, nnd
ehe ich rnich zu besinnen ve-rt-noeltie.1
war ich rni- einigen dont-griffen seß-«
ar. den Stuhl geschnaclt Um meinenll
Hals, um meine Hüfte, um meine«
Arme und um meine Beine hinterr«
sich feste Klammern gelegt. die michs
hinderten, auch nur ein Glied zu’
ruhten.
»Was soll das heißenW rief ichs
entsetzt und zog und zerrte verzwei
selt un meinen Fesseln
. Der Arzt lächelte wieder-. Es warl
ein abscheuliches, tiiljles und üderlei
genes Lächeln.
.Strengen Sie sich nicht·ilnniitig
nn, gnädige Frau«, sagte er sehe ru
hig und mit langsamer Bedächtigleit.
»Es niikt Ihnen nichts. Sie können
auch schreien, wenn Sie wollen. « In
den Läden unter uns ist tein
Mensch, der Sie hören könnte, und1
die Wohnung über uns steht leer.
Sollte Sie wirklich jemand aus der
Treppe hören, so wird der sich nichts
Besonderes dabei denlen. In der
Wohnung eines Arztes schreien Kran
le ost sehr laut. Also ooe jeder Stö
rung sind wir stehen« -
»Ich will zu meinem Kind! Um
des Himmels willen, lassen Sie mich
losl« jammerte ich.
Er machte eine abwehrende hand
bewegung. «Denlen Sie jetzt nicht
an Jhr Kind,« sogte er. »Das Le
ben eines so kleinen Kindes ist von
ganz nebensächlicher Bedeutung ge
genüber dem, was Sie jetzt im Dien
ste der Wissenschaft leisten sollen.
Wissen Sie, wieviel Menschen jähr
lich am gelben Fieber sterbens«
Jch schrie, weinte und flehte den
Mann an, mich zu meinem Kind zu
lassen. Ich sah Mai-guts siebetnde
Augen« ihr heißes Köpfchen, die trocke
nen, vom Fieber zerrissenen Lippen,
das schwere Atmen der tleirien teu
chenden Brust. Was wollte dieser
ils-hold von mir? Wie lonnte er eine
Mutter, die um das Leben ihres Kin
des hangte, seht mit Gewalt hier fest
halten wollen?
Er blieb unerschiitterlich. Er er
zählte mir, daß jährlich mehrere hun
derttausend Menschen in den Treuen
dem gelben Fieber zum Opfer sie
len. daß er den Erreger dieser Krani
heit gefunden und ein Serum entdeckt
hätte, diesen Erreger unschädlich zu
machen. Er zeigte mir Drahttösige
mit Meerschweinchen, die er als Ver
suchstiere heniihtr. Jn alten Gra
den der Krankheit befanden sich.diese
unglücklich-n Geschöpfe Alles, was
er sprach, drang an mein Ohr wie
aus weiter Ferne; alles, was er mir
zeigte, sah ich wie durch dichten Nebel.
Meine Gedanken waren hei meinem
Kinde. Von seiner Mutter verlassen,
toiirde es in seinem Bettchen sterben.
ohne daß ihm hilse wurde. Mein
Schreien steigerte sich bis zu einem
Wutansnll.«
Frau d. X. machte wieder eine
Pause in ihrer Erzählung Sie zit
terte am ganzen Körer. Der Geheim
rat legte ihr heruhigend die Hand
aus die Schulter. «Ruhe, Ruhe,
gnädige Frau,'« hörte ich ihn leise,
aber doch eindringlich zu Frau v. X.
sagen·
Nach einigen Augenblicken der
Sammlung tonnte Frau v. X. in
ihrer Erzählung sortsahrem »Meine
Versuche an diesen Tieren sind been
det.« sagte der Arzt zu mir. «Jch
muß seht mit einem lebenden Men
schen arbeiten. Jch werde Ihnen eine
Einspritzung in Ihren rechten Ober
arm machen. Jch spritze Jhnen den
Bruchteil eines Tropfen-Z dieser Flüs
sigteit ein.« Er hielt eine tleine
Glasröhre gegen dai Licht. »Der
zehnte Teil eines Grammes enthält
ungefähr zwei Milliarden des gelben
Fieberbazilluö. Schon in einer Stun
de werden Sie so schwer am gelbenJ
Os
Ulckcl clllillllb Iull, Uuu sculcc lllcls
ner Herren Kollegen Sie zu reiten
imstande sein würde. Aber ich, mein
Serum wird Sie retten. Jch hoffe
das zur-ersichtlich Sollte ich mich
aber wirklich in der Dotierung noch
geirrt haben, sollten Sie doch ster
ben, io dürfen Sie die Gewißheit mit
sich nehmen, daß ich schon beim näch
sten Versuch die richtige Dosts tref
fen werde. Dann hat Jhr Tod einen
ungeheuren Nutzen gebracht; Sie ha
ben gehofen, einen der schlimmsten
Feinde der Menschheit zu besiegen.
Heute bin ich in meinen Versuchen
so weit gelangt, daß ich mit Vertrau
en auf Erfolg mein Serunt bei ei
nem Menschen anwenden tann, der
im höchsten Grade am gelben Fieber
erkrankt ist. Jch zermartere gerade
mein Gehirn, wo ich einen Menschen
herbekame, der siir meine Zwecke ge
eignet fei, da führte die Vorsehung
Sie zu mir, gnädige Frau. Da, wie
Sie sagen, Jhre Köchin ausgegangen
i und sich nur Jhr tleines tranke
ind in der Wohnung befindet, wird
Sie während der Nacht niemand ver
missen. Wie werden also ganz unge
stört fein. Wir werden sum heile der
Menschheit eine große Tat vollbrin
en, und das Bewußtsein, daß Sie
gessen, dteien hunderttausend Men
schen das Leben su retten, wird Sie
alle Opfer-, die Sie bringen, leicht
iibertpiuden lassen.«
Nach dein Raiden wildester
Verzweiflung hatte in, eine km
vögise Hoffnungslosigkeit renzende
Ermattung befallen. Ich ah leine
Mdglichletn dem furchtbaren Men
schen zu entkommen. Sein Herz Inr
asen Bitten, allen Tränen gegenüber
vollkommen unzugsnM und meine
Kräfte reichte-n nicht ais-, die Landen.
die mich an den Stuhl segelten, zu
ieesdeengen Ich stöhnte den Namen
meines Kindes leise An mich hin, ich
wiminerte unausgeseht Nicht das,
was mir bevorstand, beschäftigte mei
ne Gedanken, meinem Kind, meinem
armen Kind war all mein Denken
zugewandt. Jch liimmerte mich gar
nicht darunt, als er eine Schere
nahm und einen Teil meines rechten
Aermelö am Oderarm aufschnitt,
um die Stelle dldözulegem an der
er die Einspritzuns vornehmen
wollte.
Er redete dabei fortwährend mit
mir. Seine gleichmäßige leiden
schaftslose Stimme mochte dei ande
ren Gelegenheiten etwas Beruhigens
des have-n, die Sachlichleit. mit der
er iiber seine wissenschaftliche Ent
deckung sprach. mochte til-erzeugend
klingen — in meinen Ohren ward
jedes seiner Worte zum bittersten
hohn. Was gingen mich die oies
ten hunderttausend Menschen an, die
in den Tropen am gelben Fieber
sterben, mein Kind. meine Margot
sollte, durfte ihnen nicht geopfert
werden.
Ein Gedanke durchbiihte mein Ge
hirn. Vielleicht war doch eine Mög
lichleit da, die mein Kind retten
konnte. Er stand vor mir, ein Jn
strument in der hand, das einer
Morphiumsprihe glich
»Noch einen Augenblick.« slehte ich,
»ich habe noch eine Vitte.«
»Sprechen Sie. Was in meinen
Kräften steht, sie zu ersiillen, werde
ich tun,« antwortete er.
»Bci"cll Occ Mic) zll Mcillclll Ums
nur für eine Stunde!« bat ich. »Bos
sen Sie mich noch einmal meine lleine
Mai-got sehen! Kommen Sie mit
mir! Leihen Sie der kleinen Kranken
Jhre Hilfe! Reiten Sie meine Mar
got, und ich schwöre Jhnen, daß ich
ganz freiwillig wieder mit Jhnen
hierher zurückkam-im daß ich ganz«
freiwillig mich dem Versuch unter-;
werfek l
Er zauderte. Er schien zu iiberlesi
gen.
»Ich fchwöre Ihnen, dasz ich in ei
ner Stunde wieder hier in diese-nä
Sessel sitze, bereit, alles mit mir mass
chen zu lassen, was Sie siir JhreH
wissenschaftlichen Versuche an einer
Menschen vornehmen miissenL Jchl
fchwijre es bei allern, was mir heilig
ist!« rief ich.
»Es geht nicht, gnädige Frau. Es
geht nicht,« antwortete er. »Ich der
stehe Ihren Wunsch sehr gut, und
ich würde ihn gern erfüllen, aber es
könnte sein« daß ein Dritter Sie ani
der Erfüllung Jhres Versprecher
hindert. Jch nehme an, daß Sie!
ietzt wirklich die ehrliche Absicht has
ben, wieder hierher zurückzukehren!
Aber der Anblick Jhres Kindes wird?
Sie Jhren Schwur vergessen lassen,l
nnd ich habe tein Recht, auf feiner
Erfüllung zu bestehen. Jch habe Sie
mit List in meine Gewalt gebracht,
ich weiß, das Gesetz ist gegen mich
Jch mache mich, indem ich Sie hier
festhalte. der Freiheitsberaubung
schuldig. Und doch darf ich im Ra
rren der Wissenfchaft und im Namen
der Menschheit auf Ihre Bitte nicht
eingehen. Das mag Jhnen jetzt grau
sam erscheinen. Ich selbst bemitleide
Sie, genau fo, tote ich die Tiere be
mitleide, die ich opfern mußte, um
die Krankheit im einzelnen Stadium
beobachten zu können. Halten Sie
mich nicht für grausam! Jch habe
die furchtbaren Verheerungen beob
achtet, die das gelhe Fieber anzurichs
ten vermag. Gerade der Jammer,
das Mitleid mit den armen Opfern
diefer Kranlheit hat mich veranlaßt,
nach einem Mittel zu suchen, das
diesem Würgengel Einhalt zu gebie
ten oermag.«
Jn diesem Augenblick fühlte ich
einen ftechenden Schmerz in mei
nem rechten Ober-arm. Jch war von
dem Mann mit zwei Milliarden
sazillen des gelben Fiel-ers ange
steckt worden. Unwillkiirlich stieß
ichs einen lauten. gesenden Schreiv
an ·
Er eilte nach der Tür und horch
te. »Ich hörte deutlich ein heftiges
Klopfen an der Vortiir. Noch ein
mal nahm ich alle Kräfte zusam
men und rief: »Hilfe! Jch werde er
worden«
Was weiter geschah, dessen entsinne
ich mich nicht, aber man hat es mir
snpäter erzählt. Jch wurde- oljniniichs
US
Auch in dem oberen Stockwerk des
houseö, in dem ich gefangen gehal
ten wurde, war ein Kind an Diphs
thetie erkrankt. Der Arzt, der es
behandelte, war — unier Geheimni.
Er hatte feinen kleinen Kranlen noch
su später Stunde besucht und ging
gerade an der Tiit meines Peini ers
vorüber-, nls ich den gellenden ilfei
ichrei ausstieß. Er ließ sich urch
teine Redensarten jenes fremden Arz
tes beschwichtigen Mit Hitze des
Raiden-alten erswang er ch den
tritt zu der Wohnung nnd rettete
mich aus den« hönden nes —- Gei
Jiteitrnnien Man fand in meinem
Wichchen meine Adresse und brachte
tnich nach meiner Wohnung. Eine
sehr schwere Nerventrankheii hatte
mich befallen, nnd alt i mich zunr
Male wieder i gel fah,
tagte ich mich fel innen wie
idee: mein eher-ais schwarzes Haar
sit-at weiß geworden Wie der Herr
EWnrrni and alle, die bei meiner
EUebersiihrung nach meiner Wohnung
zugegen waren, mir erzählten, war
das nar noch schwarz, als meine
inzwichen nach Hause gelonnnene
Köchin mich in Empfang nahm, es
’l)leichte aber während der Nacht in
der mich die wildesten Fiederphantai
fieu leinen Augenblick sur Ruhe
kommen ließen, vollständig. Das
ist die Geschichte meiner weißen
hanre.«
»Und Jhr Töchterchen, Mut-goti«
fragte fchiichtern die Sängerin.
Durch den Körper It Frau v.
X. ging ein leises Beden; doch ihr
Wille mar schon wieder stark ge
nug, daß sie verhältnismäßig ruhig
antworten konnte: »Als ichstvieder
genesen war, führte mich mein erster
Weg zum Grad meines Kindes-"
Und was geschah mit dein Arz:."«
fragte der Professor.
»Der hnt noch fiins Jahre in einer
Jrrenanstalt gelebt. Vor drei Jah
ren erhielt ich die Nachricht seines
Todes-K
»Erlrnnlien Sie nun wirllich am
gelben—Fieber?« ertundigte sich der
Hofrni.
»Das Zeug, dns der Jrrsinnige der
Frau v. X. in den Arm spritzte, tnar
eine ziemlich unschuldige Mifchung
und enthielt wohl keinerlei gefährliche
Basillen", antwortete der Geheimrak
»Viel schlimmer »als diese Einspru
zung war die volllomntene Zerrüts
tung des Netoenfhiteme der gnädigen
Fran. Gott fei Dant. jetzt isr sie
wieder gesund.« —
Ani Abend des nächsten Tages
muri-Dich durch folgende Zeitunge
ineloung aus pas heiligste erschiitterlf
»Jn ver vergangene-i Nacht ist vie
ani Kursiirstenoainnt wohnenpe Frau
o. X. einem Ungliietssall zum Opfer
gefallen. Man nimmt an, oasz vie
in besten Verhältnissen leoenoe Junge
Witwe aus Versetzen den Gaohahn
ihrer Schlaszitnmerlampe nicht rich
tig geschlossen hat. Jedenfalls war
heule. als oie Zose pas Frühstück
bringen wollte, pas Zimmer mit Gas
angefüllt, nnd Frau o. X. lag tot
aus ihrem Bette. Sie war am Abend
vorher eingeladen gewesen und trug
noch var Kleid. das sie zu jener Ge
sellschaft angezogen hatte. Alle Wie
derbelebungooersuche blieben ersoksgi
los.·«
W
Zur Geschichte des Sinkt
Der älteste Wenzel dotiert unge
fähr aus das Jahr 1400 zumittz er
war ein sehr gewalliiitiger Herr und
stach schon damals- alles ak, was ihm
in den Weg iam; das tornmt dein
Skatspirler heutzutage nicht mehr
bohniisch vor, ovioolzl es abgesehen
vrm Slat in Böhmen, noch vor
kommt. Da man zuviel Kreuz mit
ihm kalte, und er sich auch vom Her
zog von Mailand hatte schmieren
lassen, wurde er als Kaiser abgeschl,
drückte sich aber als König des grü
nen Tische-i von Böhmen noch zwei
Zehn-r lang herum. Aus dem Jahre
1525 ist der Bauerntrieg zu verzeich
nen, wo es sehr gemischt hergegangen
sein soll. Der zweite Krieg zwischen
Karl V. und Franz l. sano 1529 im
Damen-Frieden von« Camärai seine
Abrechnttng. wol-ei Franz — talien
ntinus ging. (1541 der scheitische Re
formator John Knox silhri die Un
sitte ein, mit dein Knochel aus oen
Tisch zu schlagen.) IM siihrt der
Frechdachi Ludwig XVI vermittelst
seiner Reunion das Guctispiel ein,
um zu sehen, was drin liegt. 1704.
Dkarlborough schlägt Trumps gegen
die Bayern aus oem Schellenberge
und gewinnt zusammen mit Prinz
Fugen sein JoietjeLBlindlseinn —
um two- ,,-«oa) ist Polen man ver
loren.« —- 1798799: ,,·:Uiut zeiget
auch der Mameiuct«, doch Jtnpoteon
nimmt «Cniro, wo die Türken woh
nen«. —- Bistnarct erwirbt sich Vor
tenntnisse im Stat durch ’66, was er
sehr gut spielt: Dem Königg’rät’—3.
weil er rechtzeitig seinen Eittxsten Bu
ben ins Treffen sührt..««;n der be
tiihmten Partie mit französischen
Karten reizt Napoleon (ttl. oder
Hinterbriny Preußen, das die Vor
verband ergreift, und trotzdem Frank
reich Schneider eingesngt h.1tte, ge
winnen die Gegner ihr Spiel mit 70.
—- Napoleon »e1b nach Kaisers —
Bitmarck spielt seine jtarte band
weiter und ist ein großes Haus«
Schtießlich eht er aber new-, weil er
den König für einen Jungen angese
hen hat; das Spiel ist überretzn er
versucht Schneider zu machen. bringt
es aber nur bis '90, seit weichem
Jahr et nicht mejr mitspieit, bekommt
aber zum Trost eben Gebt-ritt vie
ganze Hand voll Kiebiszeieh Beine
Nachsojger passen meist, sind also ge
schichtlich Onicht so interessant.
—- Verleidet. »Mir-then Sie
noch immer spieittstischc Vesrsanuns
lungen7«
»Nein- jetzt nicht mean Das letzte
Mal haben sie mich in der Dunkel
heit braun nnd biqu gesichtet-sen- used
dann sagten sie, tms wären die
Klopsgeister gewesen« d