Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, September 06, 1912, Zweiter Theil, Image 11

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    cui-unis.
Von Gustav Schüler-.
Des dich empor. haft nachivekfchüttet
sag
Du liche- Lebem steige in den Tag
Ter Magens lebt tm großen Samen
glaubet-.
Was gräme dich noch im neuen Mor
Senkt?
Schon über olveks alle ebensnotl
Was kann it deine helle Sonne rau
ben?
Sieh, eine Lerche, die sich flatternd
fchwinqb
Glitckfeliq llimmend anell eher singt.
Schon hält das Himmel-blau sie ganz
umschlossen.
So steige du. mein Herz, wie sie em
« vor
Unp singe dick- bis in der Wolke-a Tot-:
Dem Smnenglück hat qold’ne Leiter
sprossenl
444
Tec- Gas un Fauna-ims
Eine Schulerinnermig van Paul Her
rnann Gattung
Lange Jahre hatte ich nicht an Fe
lix Rostow gedacht. Lebenöumstände
rissen mich friih von der bei-nat lob,
und die lieben Klassenkameradem
von dem Kitt gemeinsamer Streiche
lange zusammengehalten, zerstreute
der Wind.
Da las ich irgendwo, daß der
Oberleutnant Felix Rostow durch die
Lebensrettungsmedaille ausgezeichnet
war. Er hatte in Deutschostafrita
mit eigener großer Lebensgefahr eine
Negerfamilie gerettet. Wie ich Felix
Rostow kannte, war ihm die aus
führliche Schilderung seiner Helden
tat sicherlich sehr unangenehm
Aber die Blättermeldung war es
doch, die mir den Kameraden auf
einmal merkwürdig nahe brachte. Ich
sah ihn ganz deutlich vor mir, und
in meiner Erinnerung tauchte mit,
besonderer Klarheit das Erlebnis;
aus« das für den Charakter und den«
Lebensgang Felix Roftows sicherlich
bestiinmend war.
Unser Jahrgang war für die Leh
rer des Gymnafiums eine rechte
Prüfung. Neben den braven. bie
deren eingeborenen Schülern befand
sich eine ganze Anzahl Jungen vom
Lande, die, non Hauslehrern mäßig
vorbereitet, mit reiferern Alter dir
Klasse zierten. Mit diesen war nicht
Leicht zu leben, sie ließen sich nicht
gern »was« gifallen, schätzten die
Wissenschaften gering und terrori
sierten gelegentlich die braveren Ele
mente. Die Lehrer hatten es größ
tenteils satt, gsgen diese Phalanx von
offenem und geheimem Widerstand zu
kämpfen, schlossen Kompromisse und
waren wahrscheinlich froh, wenn sie
die Bande einigermaßen durchbrach
ten. Das Ideal von Disziplin konn
te unrniiglich erreicht werden. Wir
lebten unsern guten Tag, taten das
Notwendigste, das geschehen mußte,
und fühlten uns im übrigen über die
Schulgesehe erhaben. Der ganze Zu
stand erfüllte uns mit tindischem
Stolz, »wir waren wir« da gab’s
nichts·
Zu den Stützen der Opposition
gehörte Felix Roftow, ein großer,
blonder Jüngling« körperlich außer
ordentlich entwickelt, in der Unterse
lunda schon mehr junger Mann als
Schüler. Jm Turnen, Sport, Ver
pslanzen studentischer Sitten ins Pe
nal leistete er Glänzendes-. Ueber
seine geistige Veranlagung war man
im Zweifel. Er war von einer auf
fallenden Gleichgültigteit, überraschte
aber manchmal durch treffende Ant
work und schrie-« wenn er wollte,
tadellose Ertemporalien. Die Lehrer
ignorierte er ans Grundsatz, sie er
schienen ihm höchstens als notwendi
ges Uebel, -inaeseszt, ihm seine per
sönliche Freiheit zu vertiirzen
Da war es siir ihn, wie siir uns
nicht weiter ausregend. als mit dem
Quartalsbeginn um Michaelis ein
neuer Lehrer von auswärts in das
Kollegium eintrat. Er unterrichtete
Deutsch, Geschichte und Griechisch
Jch war wohl der einzige, der eine
ganz unbestimmte bönaliche Bornh
nung hatte, als Dr. William Peters
zum erstenmal die Klasse betrat. Wir
blieben nach unserer unböslichen Ge
wohnheit ruhig sitzen, er sagte nichts,
aber ein scharfer Blick aus blauen
Augen slog Tiber unsere blonden und
schwarzen Köpfe. Er war nicht groß,
aber, wie man es damals nannte,
«patent" und mit unaussälliger Ele
anz gekleidet. Er war im Gegen
fatz zu den meisten unserer ange
stammten Lehrer eine gepflegte Er
scheinung. Schüler haben einen merk
würdig scharsen Blick sür solche
Aeußerlichleiten.
Mein prophetisches Gemüt wurde
verlacht, der »Patentsahle« soll bloß
mal was rigtierenz »wenn schon«,
sagte Rostow ruhig, als er in der
Pause sein gewaltiges Schinkenbrot
verzehrte, »wir soll er man kom
men!« .
Meine Ahnung hatte mich nicht
etiiuscht. Borderhand zeigte sich
freilich der Leu noch nicht, der in
diesem Erlichem eleganten Deren
eckte, a allerhand unvertennbare
nzeichen deuteten aus Sturm. Das
bei spiirten wir den frischen Geist,
der in seinen Stunden lebendig war.
Es war nicht die übliche Schablone,
sondern eine ganz neue Darstellung
art voll Leb-en und prachtvoller An
schaulichleit. Geschichte lernten wir
zum erstenmal durch ihn. Aber wir
waren viel zu verbohrt, um uns
tampslos der Stätte dieser Persön
lichkeit hinzugeben Seine milttiirisch
geschulte Kommandostimme ärgerte
uns vor allen Dingen und dann die
Rücksichtslosi teii, mit der er Ber
Htiinvnislosig eit und Wissensliicken
aufdecktr. Nebenbei waren Jronie
und leiser Spott seine Kampsrnittel
mit unserer breit entwickelten Gleich
giiltigteits Einige begannen insge
heim, unter heftiger Ableugnung ge
gen die Klassenkameraden fiir seine
IStunden regelt-echt zu arbeiten. Fe
Ilix Rostow sagte: »Mir kann er nicht
Iimponierem einer is wie der andere,
es ist bloß ’ne andere Rasse.«
Die Feindseligteiten brachen aus,
»als Dr. Peter-s verlangte, daß wir
bei feinem Eintritt in die Klasse und
bei Beantwortung seiner Fragen aus
stehen sollten. Brummen und taurn
unterdrücktes Hobngelächter war die
Antwort. Röte stieg in seine Stirn
»Ich verlange es, und Sie wer
den sich danach richten.« « l
»Und wenn Sie es zeh al ver-!
langen« es ist Lei uns und itberhauptl
in den Obertlasfen nicht Sitte, keiner
tut es, warum sollten wir es tun.«’
er iderte Roftow, ohne sich von sei-»
ne Platz zu erheben, »führen Sie
man bloß nichts Neues eint«
»Das fehlte noch«, rief ein ande
rer, »wir haben vhnedies schon Plat
terei genug.«
-« »Ich habe gesagt, wie ich es haben
will. Gehorchen Sie nicht, haben
bSie sich die Folgen selbst zuzuschrei
en.«
»Denn man zul«
Der stieg war eröffnet und hielt
uns in Erregung. « Dr. Peters ver
suchte sich mit allen nur denkbaren
Schulstrafen durchzusetzem wir leiste
ten passiven Widerstand oder lachten
gerade heraus. Sein Ehrgeiz gab
anscheinend nicht zu, uns vor das
Forum des Kollegiums zu schleppen.
Jund darum erfochten wir vorläufig
manchen Sieg, der uns in unserem
HVerhalten bestärlte. Es wurden so
;gar Weiten abgeschlossen, ob wir ihn
I»tlein« kriegten. Felix Rostow er
»llärte, auf die Dauer sei die Sache
langweilig, und sie müsse zu irgend
Hvelchem Ende geführt werden. Er
ifiir seinen Teil glaubte natürlich
jniemalg an einen Tag von Da
maslus.
i Jn einer griechischen Stunde, die
Eden Vormittag schloß, iam es zur
Hlang erwarteten Katastrophe. Wir
shatten wieder alles getan, um Dr.
lPeteks das Leben schwer zu machen,
jhatten seinen Erläuterungen Stumpf
sinn entgegengesetzt und ihn und sei
ne Stunde nach Möglichkeit igno
riert. Er war richtig blaß, und
zwischen seinen dunklen Augen
Ibrauen stand eine scharf eingeschnü
tene Falte. Wir stellten«seine Ge
Isichtsveränderung mit lebhafter inne
rer Genugtuung fest.
Als sich Dr. Peters einige Noti
zen machte und eine lleine Pause im
Unterricht eintrat, erhob Nostow
plöslich seine Stimme. Er saß in
nachliifsigfter Haltung. di Beine vor
»gestrectt, auf seinem Plac in der er
Fsten Bank. Sein Ton hatte die ru
hige Jmpertinenz, mit der er andere
Lehrer so oft geörgert hatte.
»Den Doktor, ich wollte Sie bloß
Imal fragen, wie lange wir eigentlich
Inoch bei Jhnen aufstehen sollen, man
triegt die Sache doch mal satt und
überhaupt.«
l Donnerwetter, Rostaw war doch
Eh er Forscheste von uns allen
i Aber viel Zeit, uns dieser »For
Zsche« zu erfreuen, hatten wir nicht.
sMit einem Sprung war Dr. Wil
liam Peters vom Katheder herunter,
«stand vor Felix Rostow und ver
seyte ihin eine Ohrfeige
Ein dramatischer Einschlag von
tolassaler Wirkung, wie ein Rau
schen gings durch unsere Reihen.
Die -Ol)rseige, die Felix Rostcw be
tam, hatten wir alle erhalten
eine allgemeine Beschimpfung Un
ser Atem stockte beinahe Lor grauen
gemischter Spannung Was würde
nun werden, etwas Ungeherires, noch
nicht Dagewesenes mußte geschehen.
Dr. Peterö stand vor Rastatt-, blaß
mit zuckender Lippe, aber den Blick
sest aus den unbotmäszigen Schüler
gerichtet. Die Szene erinnerte ein
Fischen an Löwenläsig Rostow
sprang nach rascher Ueberwindung
des ersten Schrecks ebenfalls aus Er
schien sich aus seinen Gegner stürzen
zu wollen — aber überraschender,
uns ganz unertliirlicher Weise setzte
er sich wieder ganz ruhig aus seinen
TM Er war ebenfalls erblaßt,
nur die rechte Wange brannte rot.
Jn diesem Augenblick läutete die
Glocke aus dem Gang die Beendi
gung der Stunde. Es wurde kein
Wort gesprochen. Dr. Peters ver-»
ließ, als sei nichts vorgesallen, die
Klasse. Wir aber summten wie ein
Bienenschwarm durcheinander. Wies
nur sollte diese ungeheuerliche Tat,
sdie Beleidigung der ganzen Selunda
gerächt werden Die wildesten Vor-;
schlage wurden laut, aber Felix Lin-s
stow hörte aus leinen. Mit zusam-!
mengetnissenen Lippen packte er
schweigend seine Bücher zusammen;
und ging, jede Begleitung ableh-«
nend, nach Hause. Wir oralelten,
daß hinter diesem Schweigen etwas
iirchterliches laute, und sahen ge
gannh wie einer Ritterlomödie, der
ersten Nachmittagssiunde entgegen,
die unt Mschichtsunterricht bei Dr.
Peter-I brachte.
Rost-no erschien wie tmrner. Es
war ihm nichts anzurnerlem Ge-!
spräche iiber den Vorfall wies er zu-.
rück. Er lachte über einen Wis, der
gemacht wurde, und lieh sich von ei-.
nern Jntitneren das Exzerpt der leh
ten Geschichtgsiundr. . -
Als Dr. Peterl die Klasse betrat,
blieben wir wie früher unbekümmert
sihem denn irgendwie mußten wir
doch vernonitrierem Rostow aber
erhob sich, so lang und groß er war
—- also doch, nun würde er es ihm
sagen. Sein ganzes Gesicht brannte.
wie es arn Morgen nicht gebrannt
hatte. Er schluckte und druckste einen
Augenblick, dann gab er sich einen
Ruck. .
»Den Doktor, Sie haben recht ge
habt«
Wir hörten wohl nicht richtig, das
klang ja wie Verrat.
Auch in Dr. Peters’ Gesicht stieg
das Blut.
»Alle Achtung«, sagte er, dann
ging er vom Katheder herab auf
Rostow zu und gab ihm fest die
hand, wie es unter Männern Brauch
ist« Weiter wurde tein Ton ilber
die Sache verloren. Der Unterricht
war sehr lebhaft und angeregt. Mir
schien eg, als stünde im Angesicht
von Dr. Peiers ein aussallenb heller
freundlicher Schein. "
Die Nadaubriider waren mit die
sem Ausgang natürlich sehr unzu
frieden und hielten ihn fiir wenig
ehrenvoll, aber die Vernünftigeren
und Feineren begriffen, Laß hier aus
beiden Seiten Siege gewonnen seien
Felix Rostow war im übrigen
nicht die Natur, sich irgendwie viel
kritisieren zu lassen. Er hatte eine
gute, kräftige Faust, und die ist im
Leben immer noch etwas wert.
Die aussallende Wandlung der
Klasse, die von diesem Zeitpunkt an
gerechnet werden konnte, setzte das
ganze Lehrerkollegium in Erstaunen.
Dr. Peters war eben ein Wunder
mann. Ohne die persönliche An
ständigteit des einen hätte er diese
Wandlung wohl nicht sc rasch er
«zielt. Jdeale von Musterfchiilern
wurden wir natürlich in keiner hin
sicht, dazu war die Grundlage nicht
:da, aber es ließ sich wenigstens mit
Juns auskornmen.
J Felix Rostow machte entschieden
;die merkwürdigste Veränderung
Idurch, er, der die Schule bisher ge
Ihaßt hatte, fand plötzlich an einer
ganzen Reihe ron Fächern Gefallen
und machte nach Jahren ein gutes
Examen Er wollte sogar aus rei
ner Begeistetung siir Dr. Peters
Philologie studieren, aber er folgte
dann dem Rat, den ihm die kluge
Kenntnis seines Lehrers und Freun
des gab. Felix Rostow und Philo
logie, nein, das wäre wohl nicht das
Richtige gewesen. Wer Jätte sonst
wohl auch die Negerfamilie gerettet.
A-—A
Cine eigentttmtiche stete.
Jedem, der das haus der Gemei
nen in London zum ersten Male ve
sucht, fällt es als höchst eigentümlich
aus« daf; die Abgeordneten mit dem
Hut auf dem Kopfe dasitzew Wann
und warum der Hut zuerst getragen
wurde und weshalb diese Gewohn
Iheit sich zu einem Gebrauch ausge
Ibildet hat, ist nicht bekannt. Viel
leicht hat einst ein Mitglied wegen
des Zuges, der manchmal im Hause
'herrscht, den »Sprecher« um die Er
laubnis ersucht, den Hut aufzubebiils
xten, und nach diesem Präzedenzfall
irichtet sich nun das ganze Parlament
Das Tragen des Hutes ist übri
gens genauen Vorschriften unterwor
fen. Ein «ehrenwertes« Mitgli--'D,
das vielleicht die Regeln des Hanf-H
Fnoch nicht kennt oder-As Pergeleisiss
Iren mit oem Vut auf sem Kopie
jHaus durchschreitet, würde sos.-rt
ydurch den Ruf: »Ordek!«, der iklrn
»von allen Seiten entrüstet entrinnst-.
:schallt, an sein unpassendes Bein-b
»men erinnert werden, denn —- Irr
Abgeordnete darf den Hut nur bekm
»Sitzen tragen. Sobald er aufsteht«
muß er den Hut abnehmen, selbst
wenn er vielleicht nur ein paar W.-r«
te zu einem hinter ihm sitzenden Its-l
legen sprechen oder ein Papier vom
Tische nehmen will. Wenn einer
Vorlage oder eines Amendemeiits,
das ein Mitglied eingebracht, durch
den Sprecher Erwähnung geschieht,
so erhebt der Betreffende seinen Hut,
ohne aufzustehen, und dasselbe sie
schieht, wenn ein anderes Mitalied
seinen Namen nennt oder auf eine an
ihn gerichtete Frage antwortet. lltrxht
komisch ist es dann, denn das gewise
..honorable member« den Hut zusii -
lig nicht auf dem Kopfe hat, denn
es muß ihn sofort aussehen, nur um
ihn sogleich höflich zu lüften. Ueber
baupt gibt dieser Brauch oft zu den
lächerlichsten Zwischenfällen Veran
lassung. Kürzlich geschah es g. B»
dan ein Abgeordneten der einen auf
fallend kleinen Kopf hat, den Hut
seines Nachbars erkrisf Und sein aani
zes ehrenwerteg G ficht plötzlich unter
diesem Hut verschwand«
—Die Gelegenheit ist a tin
stig. Frau: »Jeyt kommst Du? Es
ist längst nach Mitternacht! —
Mann: »Sei nicht böse, Frauchen;
hier leg’ ich Dir meinen Statgewinn
in die händr. Kan Dir einen neuen
Hut dafiirl« —- Frau (besänsti·at):
»Das wird aber nicht langen, lieber
Manni« —- Mannx »hm, soll ich
morgen noch mal sehens«
Zeiss ges-J
Slizze von Helen. Lang-Anton
Jn dern internationalen Modebad
»W. erregte eine blasse blonde Frau,
die im Rollstuhl von einem Diener ge
fahren wurde, Aufsehen. Sie war
schneeweiß gekleidet, was sie noch
blasser erscheinen iieß. Die zarte
Hand, durch die man die Adern
schimmern sah, hielt einen Strauß
weißer Lilien, die starken Dust aus
strömten.
Sie schien dies nicht als Störung
zu empfinden, denn oft neigte sie den
Kopf und roch an den Blumen. Den
aufmerksamen Beschauer, der ein Herz
siir fremdes Leid besaß, muteten diese
weißen Blüten, die die Köpfe hängen
liefien, wehmütig an. Sie forderten
unwillkürlich zum Veraleich heraus.
Auch die zarte blasse Frau saß mit
vornübergeneigtem Kopf da. Nichts
regte sich in ihren Mienen, das Inter
esse an der Außenwelt verraten hätt«.
Nur ab und zu huschte ein Schimmer
von einem Lächeln iiber ihr Geschi
wenn das kleine Mädchen, das neben
dem Rollftuhl zierlieh schritt, sie mit
einer Frage oder Liebkosung be
stürmte. Dann kam Leben in das
starre Gesicht. Kummer in die großen
Jgrauen Augen.
; Der Rvllstuhl hielt fast stets neben
sder Musik; nicht vorne, wo die Menge
idrängte —- seitlich, etwas gedeckt von
iden großen Bäumen. Es war lein
Versteck. Denn wer nur etwas die
Hauptprornenade verließ, urn sich in
dem schönen Kurgarten zu ergeben,
mußte, wenn auch in einiger Entfer
nung, an ihr vorüber. s
An sie selbst hereinzutreten wagte;
niemand, da verschiedene Annähesi
rungsversuche von der Kleinen ener-«
gisch mit den Worten: »Maan darf
nicht sprechen«, zurückgewiesen wor
den waren. Die Kranke selbst hatte
freundlich lächelnd es durch ein Kopf
neigen bestätigt, wohl auch ab und zu
um Entschuldigung gebeten, wenn der
Protest des Kindes etwas zu hastig
ausfiel. Das hatte sich herumgespro
eben und das Interesse an der blonden
Heiligen, wie sie genannt wurde, noch
vermehrt. Zu diesem gesellte sich
Mitgesiihl. —
An einem besonders heißen Tage
war es, als Frau Sadora, gefolgt
von ihrer Kleinen, angefahren kam.
Sie war noch blasser als gewöhnlich
und ihre zarte Hand hielt wieder den
Lilienstrauß.
Da trat ihr Arzt, der eben von ei
ner Kranken aus dem Kurhaus kam.
an sie heran. Er wollte ihr die Lilien
fortnehmen. Sie hielt sie fest und
sah ihn ganz erschrocken an. Dies
Erschrecken stand in gar keinern Ver
hältnis zu der Unbedeutenheit des
Vorsalls, wenn nicht der traurige Ge
danke sich dahinter geborgen hätte,
daß schon ein paar Blumen siir die
Kranke, die vielleicht nicht mehr viel
zu verlieren hatte, einen Verlust be
deuten.
Mißbilligend lam es von des Arz
tes Lippen:
»Der Geruch der Lilien ist zu start
fiir Jhre Nerven. gnädige Frau-«
»Ich liebe ihn.« -«
»Ich halte es siir absolut gesund
heitsschädlich, den Geruch täglich,
stündlich einzuatmen.«
»Ich bin daran gewöhnt, das scha
det mir nichts mehr.««
- Ob sie es unbewußt, ob sie es mit
Absicht gesagt, es lag eine Hoffnungs
losigkeit in den Worten ,,nichts mehr«,
die trostlos wirlte.
Der Arzt hatte nicht den Mut, sein
Verbot zu wiederholen. Er gab ihr
noch einige Verhaltiingsmaßregeln.
die sie mit einem müden Kopsnicken
beantwortete, steckte der Kleinen ein
paar Schokoladentiiselchen in die
Hund« die er zu diesem Zweck stets in
seiner Nocktasche trug, und winkte
dein Diener mit einer Kopsbewegung,
ihm zu solgenÅ
— Als sie außer Hörweite, sagte er
I eindringlich:
»We) holen Sie nur immer die
weißen Lilien her?«
»Ich? Jch hole sie gar nirht.'«
»Nicht? Die gnädige Frau kann
see sich doch nicht selbst besorgen.«
»Nein·«
»Nun, wer bringt sie ihr denn?«
»Ich weiß nicht.«
Doktor Wehl wurde ungeduldig·
»Woher hat die anädige Frau diese
Blumen, die ihren Nerven entschieden
schädlich sind.«
»Sie liegen jeden Morgen aus dem
Fenster, das nach der Veranda geht«
Erstaunt sah Doktor Wehl den
Diener an. »Und die gnädige Frau
hat keine Ahnung, wer sie hinlegR
Und Sie auch nicht, wirklich nicht?«
»Wirklich nicht. Jch kann nur an
nehmen, daß jemand von der Vorliebe
der gnädigen rau siir Lilien gehört,
vielleicht auch in ihren Händen welche
gesehen, die ich anfangs besoraen
mußte. Jetzt brauche ich es nicht
mehr; denn jeden Morgen, wenn die
niidige Frau zum Frühstück heraus
ommt, liegen aus dein Fensterbrett
drei Lilien.«
»und die gnädige Frau spricht
nicht nach dein Spender?«
»Nein.«
»Sie fragt nicht einmal, wer sie
hinlegti«
»Nein.«
Dokter Wehl, verstummte Diese
Gleichtgitltigkeitjdie fast ans We en
lose reiste, war nicht dazu ange an,
Kräfte zu heben, entschwundene Ge
sundheit wiederzubringen. Und doch
hätte er viel darum gegeben, dies
junge Leben zu retten.
Er hatte manchen Einblick in ihre
oerschlossene Seele getan, ihren inne
ren Reichtum erkannt und sich fest
vorgenommen, mit dem schwarzen Ge
sellen, der schon die Arme nach ihr
ausgestreckt. zu ringen. Er haßte diese
Blumen fast, die ihre schwachen Ner
ven noch mehr angrifsen und ihre
Kräfte, statt zu heben, oerminderten.
Auch geaen diese Gleichgültialeit
mußte s sie ankäinpfen, das Leben
mußte in ihr erwachen. Und unwill
kürlich lenkte sich sein Blick nach dem
kleinen Mädel, das stets so vorsorglich
um die Mutter bemüht war.
Frau Sadora lauschte mit geschlos
senen Augen dem Brautchor aus
Lohengrin. Die süßen Klänge durch
zogen ihre Seele, weckten neue Lebens
hoffnung.
Plötzlich schlug sie die Augen auf
und begegnete einem andern Augen
paar, das voll auf ihr ruhte. Es ge
hörte einem noch jungen Mann, der
auf einem der bequemen HolzsesseL
die um die Musik herumstanden, saß.
Sie hatte ihn schon öfter bemerkt; an
seinem langsamen Gehen, seiner fah
len Gesichtsfarbe hatte sie erkannt,
daß er gleich ihr ein Kranter war.
Auch ihr Arzt hatte zu ihr von ihm
gesprochen, vielleicht auch zu ihm von
ihr. Denn sie fand ihn oft aus ihren
Wegen, und nie geschah das, ohne
daß seine Augen die ihren suchten.
Heute war« ein ganz besonderer
Ausdruck darin, der sie befangen
machte. Und wie unter einem Bann
ver-selten sich ihre Augen ineinander.
Ein leichtes Rot stieg in ihre blassen
Wangen, fast lebhaft richtete sie sich
auf. Dabei entfielen ihr die Lilien.
Sie konnte sie nicht ausnehmen, und
der Diener stand abseits im Gespräch
mit dem Doktor. Auch die Kleine,
die mit anderen Kindern spielte, war
Ehrem schwachen Ruf nicht erreich
ar.
Als sie sich hilfesuchend nach allen
Seiten umfah, stand er plötzlich vor
ihr, bückte sich und reichte ihr stumm
die Blumen.
Wieder färbten sich ihre Wangen,
als sie leisen Dank flüsterte.
Bei der Ueberreichung der Blumen
berührten sich ihre Hände eine Se
lunde nur; aber sie ließ eine Berle
genheit zurück, die ihrem Gesicht etwas
Rührendes gab.
»Von Kerrnan,« stellte er sich vor. »
Da trat der Arzt heran.
» »Wieder ohne Ueberzieher, Herr
’Baron.«
»Es ist ja fo warm heute.««
» »Die Abende sind schon recht kühl,
und da Sie mir auch darin nicht fol
gen und nicht früh nach Hause
gehen —«
»Soll man sein Leben noch tür
zen2« warf Baron Kermfcn ein. Un
willtiirlich begegneten seine Blicke
denen Frau Sadoras. Ein trauriges
Berftehen lag darin, ein Berstehen,
tdas die Brücke zwischen ihnen baute.
l Der vielbeschäftigte Arzt, den die
Gewohnheit abgestumpft, merkte
Inichts von den Fäden, die sich um die
Ibciden Menschen, die ein verschiede
nes und doch gemeinsames Schicksal
Jtrugen, spanntcn. Er war sichtlich
»verstiinmt, daß feine Vorschriften
nicht eingehalten wurden, nnd sing
sauch wieder an, von der Schädlichkeit
»der Lilien zu sprechen. Zu gleicher
IZeit schickte er den Diener nach einem
jSessel fiir Baron Kerinöm der nicht
lso lange stehen durfte
; »Gestatten Sie gnadige Frau, daß
Tich Jhnen Gesellschaft leiste?«
I »Bitte, das heißt, wenn der Herr
lSanitätsrat —«
» »Ich habe nichts dagegen, voraus
Igesefzn daß Sie nicht zu viel und
snicht zu lange plaudern. Vielleicht
wählen Sie als Gesprächstherna die
Notwendigkeit, ärztlichen Vorschriften
zu folgen»."
, Mit diesen Worten empfayi er sich.
, Frau Sadora fah ihm ivehmiitig
Ilächelnd nach.
F »Ein lieber anter Mensch, er hat
Tnur zu wenig Verstellung für einen
sArzt.«
. »Ja,« stimmte Baron Kermcsn zu.
’«Wenn er einen an die Genesung
glauben machen will, llingt fein Ton
iunsicher, und die Sorge lugt hinter
jedem Trostwort hervor·«
»Haben Sie das auch empfunden?«
Er antwortete nicht. Wozu ein fiir
Kranke so ungeeignetes-«Then1a fort
setzen.
Nach einer Pause sagte er:
»So lang man lebt, hofft man
auch, gnädige Frau. Denn dieses
Hoser ist vielleicht ein fchmaler Pfad
»zur Genesung.«
i Sie nickte nur und roch an den
iLiliem Dann sagte sie lächelnd:
f »Diese Blumen, die ich nicht missen
kann, sind sein Aerger. Er mag ja
lrecht haben daß der scharfe Duft für
fmeine schwachen Nerven nicht
taugt; aber wenn man sich mit dein
Gedanken vertraut machen muß, bald
alles zu missen —
Sie schwieg plötzlich; sie fühlte tief
innerlich, daß sie sich mit dem Gedan
ken noch nicht vertraut gemacht hatt»,
daß die Resignation, in die sie sich
hineingeredet, beim ersten Lebensruf
in nichts zerflatterte. Und in selt
samer Uebertragung ihres Gedankens
sagte er, indem er ihr fest in die
Augen fab:
»Wir wollen den Willen zum Leben
festhalten, nichts tknverfucht lassen, die
Vorschriften des Arztes genau erfül
len, die schädlichen Mumen fiir im
mer entfernen.« Er griff dansch
Sie zuckte zusammen. Dann öff
nete sich ihre Hand — die Lilien fie- ·
len zu Boden. Zu gleicher Zeit kamen
ihr die Tränen. -
»Sie weinen, grädige FrcruiiU -
Schon wollte er die Blumen wieder
aufheben, da wehrte sie a’-« '
,,Lassen Sie nur. Wenn uns etwas
genommen wird, beweinen wir es.«
»Und wenn uns etwas gegebeni
wird, bejubeln wir es,« Vervollstän
digte er, neigte sich und küßte ihr dies
Hand.
Sie senkte die Augenlider. Auch·
fie fühlte etwas von iommendem Ju
bel gemischt mit Angst, ihn nicht er
warten zu können. Jhre Gleichgiäls
tigteit war gewichen, ihre Sehnsucht
nach dem Leben aufs neue qeweckt uns
aus diesem Gefühl heraus sagte sie
lebhaft:
»Es Wird lllhL Und Wlk haben All
genug gesprochen. Wir wollen folg-·
sam sein.«
Er erhob sich. »Dars ich sagen,
gnädige Frau, aus Wiedersehen?«
»Aus Wiedersehen,« kam es leise
von ihren Lippen zurück. Und
lächelnd setzte sie hinzu: »Wir wollen
einer den andern überwachen, zur
Vorsicht mahnen. damit unser guter
Doktor nicht mehr nötig hat, über
Eigensinn zu klagen. Jch oerbanne
die Blumen-—
»Und ich hülle mich in den Ulster
auch bei zwanzig Grad Hitze. «
Sie lachten und reichten sich die
Hände wie alte Freunde.
Da kam die Kleine angelaufen. Er
staunt sah sie bei ihrer Mutter einen
fremden Mann, der ihre Hand hielt,
und diese selbst saß aufrecht mit rosi-.
gen Wangen und leuchtenden Augen]
und sah aus ganz wie früher, als sie«
noch gesund war. Dann reichte auch«l
sie freiwillig dem Fremden ihr Händ
chen. ,
,,Bist Du ein Doktor? Und ist«
Mama jetzt aesund?« .
»Noch nicht, aber sie wird gesun
den«
Am— nächsten Morgen, als Frau
Sadora zum Frühstück ins Zimmer.
trat und ihren Fensterplatz wie ge
wöhnlich einnahni, fehlten die Lilien.
Nun wußte sie auch. wer der Spender.
gewesen. Ein seltsam süßes Gesiihl
durchilutete ihr Herz und Sinne. Sie
sühlte lommende Genesung, kommen- «
des Glück.
— .-.-,
———4.
Originale alte Theater-Feind
Eine Sendung französischer Thea-;
terzettel aus dem Anfang des vorigenl
Jahrhunderts beweist, wie schon da
mals findige Direktoren die Neugier-J
und Schaulust des Publikums anzusj
locken suchten. Namentlich in der
Fassung der zweiten Titel trieb dieses
Netlame ganz besondere Blüten. Ei-»
nige verlieren auch in der Uebersetzungi
nicht völlig Reiz, wie z. B. »Der le-.«
bendige Tode oder die geprellten Er-s
ben,« »Das salomonische Urteil oder-«
das von Justiz wegen in Stücke ge-«’
fchnittene Kind,« »Robert der Teu
fel oder der zwischen Tugend und La-:
ster taumelnde Jüngling«
Nicht übel ist auch die Bemerlting1·
bei der Antiindigung der Tragödie:!
»Robert der Räuberhanptmann oderk
die Höhle des Verbrechens, daß die
Rollen der Diebe von einigen Dilet
tanten aus der Stadt gütigst über
nommen worden seien, und daß man
in Berücksichtigung der Länge des
Stückes 6 Uhr präzise beginnen wer
de, ohne Rücksicht darauf, ob Publi
kum da sein werde oder nicht«
Allem setzte aber folgende im Jahre
1824 in St. Omer gehaltene tltede
eines Direktor-Z die Krone auf: »Mei
ne Herren und Damen! Ehrenpflich
ten zwingen mich, binnen wenigen Ta
gen meine Schritte und meine Truppe
nach anderen Gefilden zu lenken.
Allein vor meiner Abreise werde ich in
einer großen Extra - Gala —- Vorstel
lung dem hochverehrten Publikum
nrch vorführen: Die Einbildungen
der Frau Periielle oder die an dem
Busen einer anständigen Familie ge
wärmte Schlange, Lustspiel in 5 Al
tien Und sehr schönen Versen von wei
land Poquelin Moliere, und zweitens-:
Die galanten Abenteuer eines Leut
nants von der leichten Jnfanterie, to
mische Oper in drei Alten von Eugen
Scribe und dem französischen Kompo
nisten Boieldieu.« Unter diesen Ti
teln sind dann auch ,,Tcirtiiffe« und
»Die weiße Dame« über die Bühne
gegangen.
Ter gewissenhaste Ju.
Ein großer Jre trägt eine Leiter
durch die von einer dichten Menge
erfüllten Straßen von London nnd
hat dabei das Pech, die Spiegelschei
be eines Schaufensters einzustoßen.
Sofort setzt er seine Leiter hin nnd
läuft davon; aber der Ladeninhaber
hat ihn ges,ehen stürzt hinter ihm
her, und da er der bessere Läuser
ist, packt er ihn bald beim Kragen.
»Sehen Sie her«, ruft der Kauf
mann, nachdem er den Atem wieder
gewonnen, »Sie haben meine Fen
stetseheibe zerschlagen!« »Freilich
habe ich«, stimmt ihm der Jre zu,
,,sehen Sie denn nicht, wie ich nach
Hause renne, um. Geld zu holen, da
mit ich den Schaden bezahlen kanni«