Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, July 13, 1906, Sweiter Theil., Image 12

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    M
Ver neue Lehren
Eine Schulgeschichte von H o n H
F l o r i a n. Frankfurt a. M.
Es war in der Oberselunida Zum
ersten Male sollten uns sammtlrche
Lehrer mit dem höflichen »Sie« an
redem Ein Gedanke, der uns»alle
mit Stolz und Genugthuung erfnllte.
Aber noch ein anderes Ereigniß
spannte unsere Erwartung aufs
höchste nnd ließ uns vielleicht zum
erstenmale den Anfang der Unter
richtsstunde herbeiwünschen. »Ein
neuer Lehrer war für den deutschen
Unterricht an etündigt und sollte
heute Morgen einen Antritt bei uns
erleben. Alle stimmten darin überein,
daß der Neue »gezogen« werden
müsse, und zwar wollte man gleich
heute damit be innen. f
,,Gleich im nfang, das ift das
Beste,« sagte Karl Wetter-, »wenn wir
ihn von heute an dran gewohnen,
daß wir uns wenig oder gar nicht-s
gefallen la en. dann wird er schon
mürbe werden!« »Ganz recht,« rief
Willh Mahler. der bereits im zweiten
Jahre in der Klasse saß und deshalb
das größte Ansehen genoß und den
ehrenvollen Namen »Beteran« führte,
»heute müssen wir ihn eingewöhnen,
und zwar schwer! Wenn er jetzt he
reintommt, wird gesungen!« »Sin
en?« fragte der etwas schüchtern
åeinz Hohlbein »Laut singen? —
as ist doch etwas zu kühn!«
Auch die anderen Schüler schauten
alle auf Mahler und schüttelten zwei
felnd die Köpfe. »Man könnte allen
falls mit den Bänken llappern,«
meinte ein anderer, »das macht net
oös und ahm.« —,,Odrr jeder läßt
ein Buch sallenf meinte wieder ein
anderer, »das ist ungefährlicher und
wirksamer, so was tann auch ganz
zufällig geschehen sein.«
»Nein, nein,« rief jetzt wieder Karl
Wetter, »das ist alles nichts. Mahler
hat recht: Wir singen, und zwar ab
wechselnd. Einer fängt an, die an
dern fallen ein. So ein ,,Neuer« wagt
s gar nicht, gleich in der ersten Stunde
mit Strafen anzufangen. Was lann
er uns überhaupt thun, wenn wir alle
singen? Arrest geben! Und das ist
doch sehr amüsant.« »Ja, ja er hat
recht,« riefen jeßt alle, »das wird ge
macht!« —,,Jch fange an zu singen,«
rief Win Mahler stolz, »Ihr müßt
aber sofort einfallen!«
Wir blickten bewundernd auf den
kühnen Mahler. -"Wie ein Heros lam
er uns vor, als er jetzt stolz und
selbstbewußt seinen Rock zulnöpfte,
und jeder gestand sich im Stillen, daß
er eigentlich doch der Muthigste und
Unerschrockenste von der ganzen Klasse
sei. Jn diesem Augenblick lautete es,
und jeder huschte eiligst auf seinen
«lah.» Draußen hörte man Schritte.
eßt offnete sich die Thür und der
»New« trat herein, Allen, die vorher
noch zaghaft und unschlüssigs gewesen,
wuchs der Muth beim Anblick dieses
jungen, schmächtigen, fast schüchter
nen Mannes, der langsam auf das
Katheder stieg. Das war das Zeichen.
»Was kommt dort von der Höh"·,
begann Mahler mit kräftiger Stimme
zu singen, und wir alle fielen ein.
»Was kommt dort von der Höh’, «
was kommt dort von der ledernen
Hoh’!« ca,ca, ledernen Höh —- was
lomtm dort von der Höh’!« — Halb
erstaunt, halb erschreckt stand der
·unge Mann da und schaute uns mit
urchdringendem Blick an. —»Es ist
der Postillon,« röhlte Mahlen Und
—»es ist der Hostillon,« sang der
Chor —.»es ist der lederne Postillon«,
——der Lehrer machte eine Bewegung,
als ob er sprechen wollte —- »ra, ca
Po illon« sangen wir-— »es ist der
Po illon.«
Eine mertwurdige Aenoerung ging
jetzt mit dem jungen Magister vor.
Langsam ftieg er auf dig Katheder
setzte sich dort nieder und lreuzte die
Arme vor der Brust, während ein
ruhiges, fast vergnügtes Läckein sich
auf sein Gesicht legte. So iaßer still
da und fchaute uns an. Wir fangen
weiter, aker nicht mehr so einstimmig;
bei jeder Strophe fielen Stimmen ad,
und als Mahlen der nichts davon
toahrnahm, mit voller Stimme die
iinfte Strophe begann: »Guten
bend, meine Herren, guten Abend
meine Herren« — da sang niemand
mehr mit. Eine unheimliche Stille
war eingetreten, und alle blickten auf
den noch immer lächelnd dasitzenden
Doktor Beck. -
Mahler, der im Zuge war, fang
noch: »Guten Abend, meine ledernen
Henn, ca, ca —« dann schwieg er
plöylich heftig erschrocken iibet die fait
heihge Stille, in der sein Gesang
sdoppelt lästernd klang. »Sind Sie
schon fertig-Z« sagte Dr.Beck höhnisch
It ihm-. »Ich warte solange mit dem
nterricht!« Merkwürdig. Alle
saßen stumm, keiner lachte, eine Art
Ewige Scham hatte uns alle erfaßt.
it kamen uns höchst einfältig und
dumm vor. Warum wurde der junge
Doktor ar nicht zornig? Wir hät
ten ihn o gern- in Wirth gebracht,
nnd nun lächelte er, so freundlich und
mild, als hätten wir ihm ein Ständ
chen gebracht
Bevor ich mit dem Unterrichte be
sinne.« spie-C er jeit mit tlangvoller
a S Juki-, GTla M Sie
III-at eine ene er
. der MMM Gott-schalt
Dasei- « n ,det Binde-besten
ge ie. Er lernte nie aus«-c
usw«-spendete zu hause leis
« — gräme-duns
»«ee U- ssttiwin mus
W
men ihn feine Eltern- heraus, und e:
kam in eine Realschule. Aber da
ging's abwärts mit mir, ——denn daß
lass nur gleich sage, der Knabe war
vix-Ich lebte weiter vergniigk und
zumutele kaum kam ich aus der
chule, gings ans Spielen. Fragten
mich meine Eltern nach mein-In Auf
aben, so hatte ich keine oder hatte
Fie schon gemacht. Hier und da wußte
ich auch wohl eine fchriftxiche Arbeit
zu machen, von der ich wußte, daß sie
am nächsten Tage in der Schule nach
gesehen wurde. -— Aber gelernt habe
ich nie, ich wußte gar nicht, daß man
lernen mußte. Das«Quartal ging zu
Ende, die Zeugnisse kamen. -—— Jch
war einer der letzten. Aber das war
mir keine Warnung. Ich lebte weiter
in meinem Leichtsinn. Als das Schul
iahr um war, wurde ich nicht versetzt,
mußte zweiJatire in der Seyta blei
ben, kam darauf in Quinta, roo ich
knapp versetzt wurde. Jn Quarta
undTertia war ich wieder zwei Jahre.
Da nahm mich endlich meine Mutter
—mein Vater war inzwischen gestor
ben —aus der Schule, und ich kan-.
in ein Geschäft als Kaufmannslelir
ling. Das gefiel mir anfangs Ich
war mit Liebe und ernsten Vorsiitzen
in den Kaufmannsftand eingetreten.
Jch hatte mir vor enommen, ftettzia
zu arbeiten, keine ühe zu scheuen,
um meinen Chef zufrieden zu stellen.
Ich hatte mir ausgemalt, wie tüchtig
ich werden würde. Jch sah mich im
Geiste vom Chef täglich gelobt. Jch
wurde ihm unentbehrlich; immer
mehr gewann ich sein Vertrauen: man
iibertrug mir das ganze Geschäft, ich
wurde Theilhaber, wurde reich, reich,
unendlich reich. —- —— Ja —- das wa
ren Träume —- Triiume. so naiv und
ideal, wie sie nur mein ahnungslofes,
unerfahrenes Gemüth erträumen
konnte. Sie waren der Wirklichkeit
so fremd wie die Nacht dem Tage.
Wohl itrengte ich mich an und war
fleißig und strebsam in jeder Hinsicht.
Aber der Chef war ein Mensch wie —
—-—— wie—er war überhaupt tein
Mensch, eine Maschine war er, eine
lalte, rechnende Maschine, ohne Herz
und Gemüt-at Dieser Mensch bot mich
ausgesogen., so viel er tonnir. Jch
mußte arbeiten wie ein Lastpferd.
Ohne Lob, ohne Anerkennung, ohne
Liebe. Glaubte ich in seinem Gesicht
ein freundliches Lächeln zu bemerken,
so war es bei genauem Zusehen ein
befriedigtes Grinsen wegen einer gu
ten Einnahme. Erwartete ich ein an
erkennendes Wort über meine gelei
stete Arbeit, so sah ich statt dessen ein
triumphirendes Leuchten seiner Au
gen. Es war die Freud-e über die
billige Arbeitskraft! ——— Kurz, wo
hin mein Blick fiel, überall sah ich
Berechnung, Geldgier, Geiz und-Hart
herzigteit.—Da —-- an dieser Stätte,
wurden mir zum ersten Male Viel-Un
gen geöffnet. Da lernte ich zum
ersten Male die Menschen von ihrer
ubscheutichen, thierischen Seite kennen,
kenn nicht mein Chef allein, auch die
meisten anderen. mit denen ich zu
sammentraf, waren gleich geartet.
Kinder! Möge keiner von Euch je mit
solchen Menschen zusammentommen!!
Sie reißen Euch alles- Jdeale. alles
Poetische und Schöne-, das Jhr von
der Kindheit mitbringt, sammt der
Wurzel aus dem Herzen. Das Herz
nehmen sie Euch und bemühen sich,
eine Rechenmaschine oder ein Kurs
blatt oder einen Geldsack dafür hin
einzusetzem Wohl sind nicht alle so.
O nein, Gott sei Dant, ek- gibt noch
Menschen unter ihnen, fühlende, em
pfindende Menschen, und möge jed:r
von Euch, der diesen Beruf ergreift,
zu diesen kommen und helfen, das
wenige Gute und Schöne weiterzu
pflanzen und zu vermehren...
Doch ich komme von der eigentlichen
Sacke ab. —Vier Jahre war ter- an
diesem Orte; tvie oft hatte ich ge
weint, wie viele Male trat isii naljse
daran, fortzulaufen Aber immer
sagte ich mir: Tu hast Deine Eltern
lseiriibt und getränkt, hast in der
Schule nicht-.- aelernt, jetzt ietzt Teine
Mutter alle Hoffnung aus Dich, Tu
Darfst ihre Hoffnung nicht zerstören.
Es ist Deine Pflichi, alles zu ertra
aen, es ist die Strafe für Deinen
Leichtsinn Tu mußt auglnlten
Um diese Zeit kam zu meiner
Mutter ein Student als Miether, mit
dein ich oft zusammen war. Er lernte
fleißig nnd eisria fiir sein kommende-«
Exatnen Da erfaßte mich ein solch
heißes Verlangen nach Bildung und
Wissen, ein so mächtiger Drang zum
Lernen und Erfahren, daß ich den
Studenten um die Erlaubniß bat, zu
gegen sein zu dürfen, wenn er lernte.
Gern bewilligte er es. Er gab mir
Bücher, und in meiner freien Zeit saß
ich nun auf seinem Zimmer, hartezu,
wenn er lernte, lernte selbst eifrig und
angestrengt, und der Student half
mir dabei aufs treuefte und beste. ch
hatte schon vorher einige schriftfte e
rische Aufsätze verfaßt, die ich jetzt auf
Anrathen des Studenten an verschie
dene Zeitungen sandte. Und als die
selben dort angenommen und hvnorirt
wurden, da verließ ich das Geschäft.
Jch ftudirie weiter. Den Ertrag fiir
die fcheiftstellerischen Arbeiten, der
ung ähr die höhe meines Salärs
als au mai-in aus-nachte, gab ich an
meine tier, die mit meiner neuen
« Beschäftigung zufrieden war. Nach
drei- aheen konnte ich auf die Uni
versi t gehen. Ich Hatte erfassen,
was Lenden heißt. stät-in ich glück
lich am iel meiner «nsche anse
langt, suchtet bei den Zoll n,
Fliebt von meiner Mutter und -
ich in W see-fe- Der Student,
six I pd -
Ec- ken-M- ennu
L « . - its Ist-! W
I
M
ter Herr Direktor. —-- So, Sie ken
nen mich jetzt, Ihren Lehrer und
Freund. Es ist nur noch nöthig, daß
ich Sie tennen lerne, und das wir
wohl bald geschehen ein.« —
Eine tiefe, heilige tille war wäh
rend der Erzählung des jungen Dot
tors einge eten. Alle saßen stumm
und andä ig da, wie in der Kirche«
Dei meisten hatten Thränen in den
Angen. Wir begrissen, warum uns
der neue Lehrer seine Geschichte er
zählt hatte. Wir wußten, welche- Let
tion er uns gegeben hatte, und wir
liscdten und verehrten ihn schon jetzt
wie einen alten, treuen Freund.Plötz
lich llappte eine Bank. Willn Mhaler
stand aus und trat mit gesenktem
Kopf vor Doktor Beck. »Ich habe vor
hin den häßlichen Anschlag gemacht,
Sie mit Johlen und Schreien zu em
pfangen,« sagte er mit leiser Stimme,
»und hol-e die andern ausgedetzt. Es
thut mit setzt sehr leid. Vers-then Sie
nir, Herr Dotiorc«
Doktor Brei reichte ihm fteundlich
die Hand. »Ich bang gleich am An
sang verziehen, das habe ich Jhnen ja
soeben bewiesen. Wenn Sie einge
sehen haben, daß das »sieben« bei
mir nicht nöthig ist« dc.nn bin ich
schon zufrieden. Sehen Sie sich jetzt,
wir beginnen mi-: dem Unterricht. ——
Da ertönte die KlingeL Der »Unter
richt« war zu Ende.
Der Sau Philipp August-.
Von Paul Desclaux. Autori
sirte Uebersetzung aus dein
Franzosischen.
Als ich meine unschiitzbaren Dienste
noch dem Staat widmete und die
Stunden von sbiss Uhr damit ver
brachte, sehnsüchtig aus den Birkena
a,luß zu warten, speist-e ich ineinem
estaurant in der Rue GaviLussac.
Eines Tages trat ein älterer, würdi
ger Herr, den ich schon etlicksemal im
otal gesehen hatte, an meinen Tisch
und dielt mir folgende tleine Rede:
»Mein Herr, Sie sind mir vom
ersten Augenblick ungemein sympa
thisch gewesen. Würden Sie wohl
gestatten, daß ich in Jhrer Gesell
schaft speise?"
»Aber mit Vergnügen, mein Herri«
erwiderte ich. »sehr angenebml«
Der alte Herr legte eine dictbäu
chi e Attenmappe aus braunem Leder
auf den Tisch und stellte mit dem
Nellner sein Diner zusammen. Dann
wandte er sich wieder zu mir und
sagte:
»Erlauben Sie zunächst, daß ich
mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist
Mai-Unten Jch bin Privatdozent
der Archiiologie an der Sarbonne.«
ch verbeugte mich und nannte
gleichfalls meinen Namen.
«Seben Sie, mein Herr," suhr der
Greis fert, »meine Frau und meine
Tochter sind in Trouville. mich aber
hält eine doppelte Ausgabe in Paris
zurück. Erstens vollendete ich gerade
eine Arbeit über die Kabltöpfigteit in
den verschiedenen Zeitaltern und Tzwei
tens befinde ich mich auf der uche
nach einem Sou aus der Zeit Philipp
Augusts. einem Sou, der uns aus
den Chroniten jener Epoche wohlbe
kannt, jedoch nur in einem einzigen
Exemplar aus unsere Zeit gekommen
ist. Das, mein Herr, ist der Grund,
warum ich momentan im Nestaurant
speise, und diesem Umstand verdanke
ich das Vergnügen Ihrer Ermunt
scheit«
Jch drüctte seine Hand, die er mir
über den Tisch reichte, und der Greis
subr fort:
»Sie werden es vielleicht nicht
glauben, mein junger Freund, daß es
drei Arten von Kabltiivsigteit gibt.«
Und nun verbreitete er sich zwei
aeichlagene Stunden über dieses
Ikma
Von da an speisten wir ieden Tag
zusammen. Abgesehen von seinen kei
den Schrullen, der Kabllöpsigteit und
dem Sou Philipp Augusts, war here
Martiniet ein äußerst angenehmer
Mensch, in dessen Gesellschast ich mich
vortrefflich unterhielt.
Eines Sonnabends schlug er mir
vor:
»Wollen wir murren einen kleinen
Anzslug nach Trouville machen? Sie
sind dort mein Gast, ich stelle Sie
meinen Damen vor, und Montag sriih
kehren wir wieder zu unserer Arbeit
zurück. Sagen Sie nicht «nein«,
bitte!«
Und ich sagte in der That nicht
»nein«· Jch war neugierig, die Fa
milie dieses Originals kennen zu ler
nen.
Am nächsten Morgen suhren wir
nach Trouville. Die Gattin des alten
Archäologen war eine prächtige Ma
ironex seine Tochter Amalie war ein
fach entzückend, undich verliebte mich
aus der Stelle in sie. «
Am nächsten Tage beaann unser
Resiaurantleben wieder· Aber da sich
mein ganzes Sein und Denken um
räulein Anialie drehte, war ich ein
chlechier Gesellschafter sür meinen
Tischgenossen, dein meine Einsilbig
leit nnd Zerstreutheit bald auffiel.
»Was haben Sie, åun et Freundi«
erkundigte er sich. « in Sie lranii
Berieagen Sie die Meeelusi nichii..
Wollen Sie ei mir glauben, mein
Lieber,« sii te er hingen wieder zu
seinem Lie link-It nia iibergehend,
»daß das Meerwa er ein ausgezeich
neies Vorbengu Iniiitel gegen vie
Kahlköpsigkeit isi «
Eine Stunde sprach er von der
Zeilteasi bet««Yieert-zassers bei hex
abliöpsieeit,» und alt er dieses
Thema en lich verlies. begann er vom
Spi- UW August- zu voziremder
sich absolut nicht finden taffen wollte.
Ein zweiterAuifluq nach Trouoilte
brachte mir die Gewißheit, daß ich
Fräulein Amalie nicht gleichgiltigfei,
und auf der Rückschri, während der
alte Archiiologe von Philipp August
sprach, überlegte ich dieAuddriicte. in
denen ich ihn urn vie Hand meiner
Ausertorenen bitten wollte.
Er hette mir feine Sympathie des
öfteren fo unverhoblen ausgedrückt,
daß ich ohne fonderiiche Angst am
nächsten Tag-: zwischen Käse und Odft
zur That schritt.
»Was denten Sie von mir, Herr
J"liartinier?" fragte ich.
»Nun, mein lieber Freund, sich
denke, daß Sie ein prächtieer junger
Mann sind.«
»Warst-en Zie, das-, ich heirathm
darf?«
»Aber n.1tiirlich! Jch alonbeiogar,
daß Sie einen ausgezeichneten Ehe
monn abgeben wert-ens«
»Besten Tonk! Also: ich will mich
in der That verheirathen und zwar
möglichst bald. Ich habe eine reizend-e
junge Dame tennen gelernt. Jch bete
sie an, ich habe Grund zu glauben,
daß ich ihr nicht qleichailtig bin, und
ich ftehe im Begriff, ihren Vater unt
ihre Hand zu bitten-«
»Braoo, junger Mann! Meinen
herzlichsten Glückwunschi — Kellner,
eine Flasche Champagnet!«
Als der Pfropfen gegen die Deäe
geinallt war, fiillte Herr Martinier
die beiden Gtäfet und trank auf mein
. Wohl«
»Und jeht —- wer ist es?« fragte er,
seinen Kelch auf den Tisch zurückstel
lend. »Kenne ich die Dame?«
»Seht genau sogar!« antwortete ich
lächelnd. »Die Dame heißt Fräulein
Amalie Martinier!«
, »Wie sagen Sie?«
Mit einem Schlage war das Gesicht
des alten Gelehrten tief ernst gewor
den.
»Jatvohl, Fräulein Amalie!« wie
derholte ich.
»Oh! junger Mann, das thut mir
sehr leid, um Jhrettoilien lehr leid!
Ich schätze Sie überaus boch, das ist
richtig, aber meine Tochter wird nur
einen Archäologen heirathen! Daran
ist nichts zu ändern, und ich bedanke
unendlich, daß Sie sich... Welch
sonderbarer Einfall von Ihnen! Jch
Wissen Sie was! Ich werde Sie
meinem Freund Duranfart vorstellen,
dem Abtheilungsetei im Kultusmini:
iterium. Sie werden seine Tochter
heirathen. Die Dame bat war ein
liinftliches Bein, aber abge ehen da
von ist sie entzückend Sie sind reich,
sie hat 300,000 Frant Mitgist, Sie
werden sehr glücklich werden... Das
gefällt Ihnen nicht? Na, wir werden
schon etwas anderes finden, aber,
bitte sprechen tvir nicht mehr von mei
ner Tochter . .. Wissen Sie schon, daß
man iiinait in Athen ein Manustript
des Anaxagoras über die Kahlköpsig:
leit entdeckt hat«-«
Und während ich traurig an mein
verlorenes Glück dachte, verbreitete er
sich ausführlich üker dieses Manu
stript.
Am Tage nach dieser nrertwiirdigen
Szene ichiitzte ich eine Familienan e
legenheit vor und fuhr nach Trouvi e.
Jch besuchte die Damen Martinier,
die gerade ihre Koffer packten, um
nach Paris zurückzufahren, und er
zählte ihnen mein Mißgeschick. Die
Damen suchten mich na « Kräften zu
trösten.
»Werden Sie Archäologe!« riesdie
Mutter.
»Finden Sie den Sou Philipp Au
gsist5!« schqu die Tochter vor.
Den Sou Philipp Augustg sindenl
wiederholte ich mir im Wagaon aus
der HeimsahrL Das ist leicht aesaxiL
aber ich sehe nicht recht, wie ich das
beginnen soll? »
Jn Paris angelangt, kletterte ni
aus das Verdeck des anibus St.
Lazare s-— St. Michel, um nach Haule
zu fahren. Der Schafsner tam mit
dem Fahr-schein. Ich ariss in die
Tasche und reichte ihm drei Sou.
»Na, hören Sie mal, mein Herr-,
der hier ailt ja nicht mehr!«
»Damit gaber mir —-—- wie mochie
er nur in meine Tasche aelsmmen
sein? einen noch Ziemlich gut erhal:
tenen Sou aus der Zeit des Bürger
iiinigse Louis Philippe zurück. Jch
gab dem Schassner einen anderen
Sou. steckte den uneiltigen in die
Tasche nnd dachte seuizend:
Wenn Du noch weni stens aus der
Zeit Philipp Augusts tarnrntesii
Plötzlich blitzte ein Gedanke in mei
nem hirn aus. Jch holte den Sau
Louis Philippe wieder aus derTasche,
betachtete ihn von neuem und hätte
beinahe wie Archirnedes gerufen:
«heureia!'«
Gerade langte der Omnibus an der
Place St. Mittel an. Ich stürzte Hals
iiber Raps die steile Treppe vom Ver
deet herunter und eilte zum nächst
kesten Dtogisten.
Eine Viertelstunde später in mei
nem Zimmer lag der alte Son, den
ich an bestimmten Stellen mit einer
Wachsschichi überzegen hatte, in einem
bede· von tanzen rirter Salpetersiiure.
Azs ich ihn heraus-nahten sah er ganz
nimm tlein und wie angenagt aus.
Der tzaps Louis Philipps war sast
Hatt Er Bin-eilst achtetest-m und wir:
n et n nur m
Mhe die Buchstaben Philip . « Frau
. » . entziffern
Mein Seit gliin te, als sei er aus
purem Golde. « mußte ihn ietzt
alte-erst B demåsst te ich·
nääiwn III-Inw« UEYUIF
, ne s- . .
iweissen act-eine te- wiederka
Ili Melis. Ue die
se Mein tara-seit und sacht-Wen
Riiäsichwvolb
, sI ,«.—« —
,,Griiß Gott, Hen- Toltor. wie gehtes Ihrer verehEten Frau Schwie
getmama?«
s »Nicht bessndeksn sie wird einige Monate im Süden zubringen müs
en." ·
»Und welchen Aufenthaltsort haben Sie ihr da empfohlen?«
»Kametun!« -
—
Eindruck einer etliche Jahrhunderte
alten Münze.
Es handelt sich jetzt nur noch da
rum. ihn dem alten Archiiologen zu
präsentirem Seit der Rückkehr seiner
CFamilie speiste er nicht mehr im Re
itauranh und ich traf ihn nur selten.
Er war immer noch freundlich und
liebenswürdig zu mir, aber er sprach
nie von feinenDamen und glitt eilig
darüber hinweg, wenn ich mich nach
ihrem Be inden ertundigen wollte.
Eines Abends gewahrte ich ihn auf
dem Boulevard des Italiens, im Be
grisse nach hause zu gehen. Ich folgte
ihm und erreichte ihn, ais er gerade
feine Wohnung betreten wollte.
»Ich hoffe, Sie wollen nicht wieder
von meiner Tochter spreck-Jn"«« fragte
der gute Mann, sichtlich verlegen.
Jch verneinte und erklärte, da, icii
gekommen fei, um ihm eine Münze
zu zeigen. die mein Vater-, ebenfalls
ein leidenschaftlicher Numiismatiter,
unliingst bei einem Freunde entdeckt
hätte. '
Wieder beruhigt, führte Herr Mar
tinier mich in sein Arbeitkzimmcr. Er
nah-m sich nicht einmal die Zeit, den
Ueberzieher abzulegen.
»Nun lassen Sie einmal schenk«
driin te er.
J reichte ihm die Münze. Ersetzte
seine Brille auf und betrachtete sorg
fältig jeden einzelnen Puntt. Dann
rief er, feuerroth vor Freude:
«Mein Philipp August! Er ift’d!«
,Nicht möglich?«
»Er ist«-J, sag ich Ihnen, junger
Minn! Betrachten Sie dieses taum
erkennbare Bild! Es sind die Züge
Philipp Augusts. Betrachten Sie dies-:
halb permischten Schriftziige Phi
lip . . . und Fran . . . ! Das bedeutet
Philipqu und Frantvrun1.« Es iit
der lmgeiuchte Sau Philipp Au
gustsI . . . Wieviel wollen Sie da
für?« «
»Verzeiht-lag Herr Muhmen er
gehört nicht mir, und ich.·.«
Hunger Mann, ich zahle dafür,
was Sie wollen! Denten Sie nur:
ein sinzigeg (Lrernvlar!«
»Es thut mir leid, aber mein Vas
ter . . .«
»Ich werde ihm schreiben!« unter
brach mich der Greis, ganz anstrengt
ch steckte den Sau-wieder in die
Ta che und machte Miene, mich zu
entfernen. An der Thiir drehte id,
mich noch einmal um.
»Herr Martinier, ich wüßte wohl
ein Mittel, die Sache zu arranairen
Bewilligen Sie mir die Hand von
Fräulein Amalie. und ich mache mich
anheischig, Ihnen dieses seltene Stück
zu verschaffen«
»Aber junger Mann . . ."
»Sagen Sie selbst: indem ich diese
Lücke, diese überaus erosze Liicte in
Jhrer Sammlung ausfülle, leiste ich
damit nicht mehr als mancher er-·
graute Numismaiiter je geleistet hat?
erdiene ich damit nicht auch diesen
Titel?«
here Martinier dachte einige Mi
nuten nach.
»Kommen Sie morgen Abend wie
ders« sagte er schließlich. »Wir spre
chen dann weiter iiber diese Sache.
Aber bitte, verlieren Sie das un
schä bake Kleinod nicht!«
: m nächsten Abend bewilligte Herr
Martinier mir die Hand seiner Toch
ter. Der heißbegehrte Sou ging de
sinitiv in seinen Besitz über und wur
de der Gegenstand einer gelehrten Ab
handlung: «Ueber die Scheidemiinze
unter Philipp August vor und nach
der Schlacht bei Bouvines«, eine Ab
ndlung, welche ihm sechs Monate
piiter die atademischen Palmen ein
tru
schon lan e vorher hatte ich Arna
lie geheirat t und qutttirte den
Staa sdienst, um der Setretär mei
nes Schwiegervaters zu werden.
»Der gute» Mann t nie an der
Geht-est seines P il pp August ge
kwei elt, at me er ahren. welch« raf
inietems chwindel ich mein Lebens
glück verdaut-. —
,
-
Mancher wird erst du eine ve l
uns Schlacht ein Stute-IT r «
Dee Ursprung des Instruments
Die beiden Sonnenwenden ldie
Sommer- und Wintersvnnenwende
im Juni und Dezember und die ent
sprechenden Sternbilder des Thier
lreises) wurden von den Alten als
zwei Säulen dargestellt, zwischen de
nen der Sonnengott bin und her
wandert. Der Patron der Wanderer
und Schiffer war daber Herlules, ein
alter Sonnengott, dessen berühka
zwölf Arbeiten die zwölf Sternbilder
des Thierlreifes bedeuten. Jn Sy
rien, aus Malta, auch in Gades (jetz:
Cadir) an der Pforte des Mittelma
res war sein Säulenpaar in den ihm
ron den Phöni iern geweihten Temss
peln errichtet. ie Säulen in Gabe-;
waren die ost genannten ,,Siiulei:
des Herkules« lStrafze Von Gibral
tar), bis wohin die tiihneren Schiffer
des Alterthnms sich waqten Der vo:
einigen Jahren verstorbene Berliner
Gelehrte Franz Rouleaux, der sich
darüber in einer Abberndlung über
Sinnbilder des Näheren rerbreitete,
bringt damit auch die bibliicte Sim
fonfrage in Beziehung. Sinison war,
wie auch schon andere Forscher er
tannt haben, ein semitischer Sonnen
gott, wie sein Name zeigt lvon Sche
mesch—-—Sonne). Er verliert feine
titast durch das Abschneiden seiner
Haare, die winterlichen Sonnenstrah
len, und die Säulen, die er als Ge
iangener der Philister mit einer.letz:
ten Kraftanstrengung erfaßt und um
reißt, bedeuten eben die Sonnenwend
iäulen. Zum Dank silr die gliicklicke
Fahrt o erten die handeltreibenden
Seefahrer in Gades von ihren Schät
zen. So sammelten sich im Tempel
daselbst auch edle Metalle, nnd die
schlug man zu Münzen. Diesen
wurde nun das Heratleszeielsen aufge
setzt, die beiden Säulen, verbunden
durch eine hängende Kette. Das zog
sich bis ins Mittelalter. Man nann
te die so geitempelten Münzen Colvu
naten twohl lorumpirt statt Colum
naten von Columna »Siiule«) oder
Saulenthaler und bildete sie bein-.
Schreiben durch ein Zeichen ab, das
fich bald weit verbreitete: Zwei auf
rechte Striche mit einem schrägen Zug
alter hindurch, das noch heute fiir den
Tollar s gebraucht wird. Dasselbe
Zenhen soll nach Ernst Krause lCa
rzle Sterne) in dan iilteren Zeichen
fur Pfd. Sterl. L stecken und ebean
in unserem Zeichen fiir Pfund id, im
Zusammenhana mit dem Wägen der
Edelmetalle behufs Bestimmung ih
res »Munzwerthes. Spanische Sil
hermunzen tra en noch jetzt das Säu
lenzeichen, so uZweisPesetIs-Stiicke.
worauf das Staatswapden von zwei
Saale-I, um die sich einBand schlingt,
flantirt ift. —
Ieau Rasta.
Zu welchem Zweck ward uns Musi
gegeben:
Ists nicht des Menschen Seele zu er
frischen
Nach ernsten Stunden und der Arbeit
. Müh’!
W. Shalespeare.
II I II
Musik ist höhere Offenbarung, als
alle Weisheit und Philosophie
L. v. Beethoven.
II J O
Was die Finger schaffen ist Mach
wert; was a r innnen erklungen, das
spricht zu allen wieder und überlebt
den gebrechlichen Leib.
Robert Schumann.
WO
Charakteristik
Mann: »Sieh doch einmal die Frau
Kanzieidireitor an die geht immer
nach der neuesten Mode gekleidet und
versteht doch dabei zu sparen, indem
sie ihre abgeleaten Kleider siir die
Töchter mitarbeiten läßt«
Frau: Äu, die sih’n aber auch aus
wie eine odegeschiehte des leiten
Jahrzehnts.«
. Es t di .
entwich-Jan aktan nie-basele- tie
vFinstin it auch andere Jena«