Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, October 27, 1905, Sweiter Theil., Image 10

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    Yet Ring.
Kriminal . Roman von ID. Elster.
(4. Fortsetvnni
Dersebtitbesisen ein Kommer
rath Fettnet. hatte sich oberhalb
tedrebztbal in romantiscbee Umne
- eine mächtige. schloßäbniiche
silln erbaut, in der er jedoch mit seiner
Mlie nm einige Sommermonate
subtachtr. Im Winter lebte die Fa
milie in Dresden oder Berlin, wenn
se nicht an die Ririera reiste.
Alle diese Verhältnisse hatte der
sandige Heer Neuaebaur schon arm
ersten Abend seines Aufenthaltes von
dem acivtächiaen Wirth des Gasthau
fes zum ,,Kaiser Franz Joseph« her-«
airzaielockt Jetzt saß Herr Neuaebaur.
Emüthlich eine Ziaarre rauchend-, auf
r weinumrantten Braut-a des Gast
dauses und blickte auf die Dorfaasse
hin-an welcke von den aus der Fa
brik heimkehrenden Frauen und Mäd
chen belebt war.
Plaudernd und lachend, stumm und
iqend, ie nachdem es ihn-en zu
war, tehiten die Arbeiterinnen
Linn Man sah unter ihnen manche
obs-arbeitete Gestalt, manches abae
diirmtr. kränkliche Gesicht Fan Stun
den des Taan in der heißen Lust der
Spinnfabrit arbeiten, die von dem
Staub der Baum-wollen Ballen, von
dem Dunst des Oels und der Farben
erfüllt war, unterarub auf die Dauer
selbst die Gesundheit dieser derben
Gebitggbevölteruna, wenn nicht ab
Und zu eine längere Arbeitsdause ein
.tmt, in der sich die Arbeiterinnen in
der frischen Beraluft wieder erholen
nnd störten konnten.
Herrn Neuaebaurs Auaen blieben
sit-s einem alten. in einen leichten Tou
tisienanzuq aekleideten beten haften.
welcher langsam die Dorfaasse entlang
sing. Er wurde von den Arbeiterin
ukn achtunasnoll beariism bei einigen
Irr altn ärmlichsten Gekleidet-en nnd
im tränklichslen Ansielienden blieb er
W und unterhielt sich mit ihnen.
Neben ihm wackelte auf träftiaen
Beinchen ein etwa dreifäbriaesBijrlck
cksen in eian sauberem Kleidcben
Das Kind hielt sicki an dem Rockscksoß
des alten Herrn sesi der sich öfter
freundlich zu ihm niederbewaie.
»Wer iii der alte Herr dort indem
muen Amnae und dem breiten
Sirt-Mii« sraate Neuaebaur den
Wirth der ihm soeben ein srissfes
Glas schämewden Pilfener Bier-es
Mel-te
»Ah det da! Ja. das iii nniet
Gier siebet Asniisoeeicksistaib Wein
esse! Er wohnt Mn fsfson fafi drei
Monate biet Und Mist seht viel Mutes
In der armen Beviilierunat ’s iii ia
ein ein-sag wunderlier alt-et Hei-r.
oder benenswi. Sie werden ikm
INng kennen lernen, denn et speist
Mist-MS kei wie.«
,Wssob-ni er nicbt bei PMB
»Nein. das isi anch io eine Maroiie
Im ihm. Er bat sich in dem kleinen
Gänschen das Sie dort nnien am
M sehen. einqensieibet Sonst war
es nur eine armselige Hütte und
Ums-te ais Armenbauz. Aber wir bo
Ien keine Orignsmen mebe außer dei
slien siebenæiaiiibriaen Wittwe des
Todtenariiberg Knocke Der bat man
m einioen Jahren das bang iibers
Diesen. Seit sie dann eine iunae Frau
nime welche vor drei Ase-been
sitt Zum-vierte ist das Häuschen
Md M Gibt-den in auten Stand ne
Wen Jetzt sieh-i eg osdenilich
fckmmck M, mädem der Amisoes
richtier in iedem Wabe einiae Som
Wate dein mosan Er bai das
Hinschei- cinkiseicksen und ansbeiiesn
fasset-. M ist auch so eine Maroite
sen ihn-U
Hett Ren-gebaut lächelte befriedigt
It hatte feinen Mann entdeckt und
bunte den Nichten und Neffen gleich
sit einer neuen »Damit-AK ihres
lieben Onkels aufsperrten
In diesem Augenblicke jauchaie das
sind neben dem alten Herrn laut auf
Ind lief einer allein die Gasse herauf
Isimnenden Frau entgegen, welche
beim sub-Mk des Kindes niedekknieie
lud das Kind mit den Amen auffing
Und sättiieb küßte. Dann erhob sie
Ist strich dem Knaben die blonden
Locken aus der Stirn, bob ihn auf den
sein« aab dem wen Herrn, der in
wicchen beranaeionsmen war, die freie
hand. und beide ickititien dann Seite
In Seite dem kleinen haufe am Wal
desrande zu.
Eli-it lebhafttm Erstaunen hatte
Kofvar Neuaebcur dieser Ssesse zuse
sckmst Er witterte die senfaticwesk
strn Dummheiten des lieben Onke!s.
Mc Wrcm . melckse da mit ihm qina,
tout veMsfstmMia ftp-b funkt. so
um die Dreißi» bestim. eine ffattlickse
Erfikvimmq mit einem blossem ern
Den GMÆL das Von Novdev Kaufen
einwabwf wande. Dze starken fis-»f
Ien Aswsbmum ans-en dem EWH
einen »Wer-v Ausdruck des sedoch
Ist-«- dos savkb Lisskspfn des fesan Ce
fckmssitms soffs-v Mund-S wiss-NR
M We Kszm. esn einfach-S
bmsssbkmveg Kntismfspid arm-e
CAN-e »s- tms sonnt efn »Im-Weg
»Ja-II opIssfwmsq m» hkm hspssnfek
Hanf-»Vo« ims Ists »Ist-f fis-NUMqu
- »so-»O »Es-» fu«-vorsieht
Esp- kU b-» MU« wandte sich
Its-Mass- » M WML
« » . m M Mist-X ewige-Wie
dieser lachend. Arme Marie Brandt
nennt sie sich- ’s ist 'ne merkwürdige
Sei-dichte mit ihr. Der Amtsaerichtss
rath hat sie hierher gebracht, trant
und elend hat er sie am Wege gesun
den. Niemand wollte sie aufnehmen,
da brachte er sie im Armenhause un
ter und bezahlte für fre. Die alte
Knoche, die Todtenaräbersche, sorgte
für sie. Seitdem steht sie sich aut,
denn der Amtsaerichtsrath kommt
jeden Sommer und lebt mehrere Mw
nate bei den Frauen Das ist nun
wohl drei Jahre ber. Einiae mun
ieln. die Frau Brandt sei die Geliebte
des Amtsaerichtsraths und er der Va
ter des Kindes, das im Armendause
aeboren wurde. Aber ich bitte Sie —
der Amtsqerichtsrath ist sechzig Jahre
alt-und die Frau tam als Bettle
rin hier an Ich alaube, sie stammt
aus Galizien oder Unaarn, sie spricht
treniastens Polnisch Wir hätten sie
biet aqu nicht aeduldet, wenn der
Amtsaerichtsrath nicht sür sie gerahlt
und Alles in Ordnuna aebracht hätte.
Uebrigens ist sie ’ne sleißiae, faudere
Brau, arbeitet in der Fabrik und
nimmt dort schon die Stellunn einer
Ausseherin ein, Umaana bat sie jedoch
mi Niemandem im Dorfe«
Eine merkwürdiae Geschichte, Herr
Wirth!«
»Ja, gewiß Aber da de Frau
niemandem zur Last fällt, to tijmmert
man sich auch nicht um ibre Anaele
arnbeitenr Ich höre vom Gemeinde
vorstebrt. daß der Amtsaerichtsrath
sogar eine Summe Geld für sie und
das Kind deponirt hat, damit sie nicht
’mal der Gemeinde zur Last fallen.«
»Hm, hm, sonderbar-höchst son:
derbar. Wer hätte das von dem alten
Herrn erwartet? Spirlt hier ganz im
Geheimen einen Roma-n! Na, warte,
Alter-den« Dir wollen wir schon auf
die Spur lomnrenck
Dieses Selbstgespräch hielt here
Neuqebaur Nachdem der Wirth ihn
verlassen hatte, erbober sich zündete
eine neue Ziqarre an und schlenderte«
die Dorsaasse herunter
Es war ein herrlicher milder Som- »
merabend. Die Sonne war schon ;
hinter der aewaltiqen Masse der "
Schneetoppe versunken und leichte H
Dämmerung erfüllte das Thal. Von T
den Wiesen stieg ein»seiner Nebelduft T
empor, während WWald sich sckon
in die Schatten der Nacht hülltr. Von i
den Bernbalden klangen die stack-»Der
der Hüte-Januar welche die Kühe
heimwärts trieben und mischten sich
mit dem Geläut der Abendglocken
Neuaebaur schqu einen Wiesen
vsad ein. der nach demHiiuschen am
Waldesrand zu führen schien. Jn der
That führte der Pfad san-m zwanzia
Schritt an dem Hause vorbei, sodaß
Neuaedaur den Garten übersehen nnd
einen Blick in die aeösfnete Hausthür
werfen tonnte.«
Ein Bild des behaglichsten ländli
cben Friedens bot sich ihm dar. Der
kleine Garten war sehr sauber net-al
ten. Die Rabattem welche den Wen
bis zur Haustdür bearenzten mit al
lerhand einsacken Blumen bevslanzt
Nelten, Levtonen, Nittersporn und
deraleicksen mehr. Rechts und links
dieser Rabatten standen Kartoffeln,
Kohl, Erbsen und anderes Gemüsr.
Das Häuschen ein Blockhaus, wie
es hier im Gebirge Sitte, war sauber
weiß getüncht, die kleinen Fenster
frisch aestricken und mit weißen Gar
dinen versehen. das weit überhäu
aende Schindesdach war Zum Theil
neu gedeckt: Wein und wilde Rosen
kletterten an ilnn empor.
Alles machte einen netten freundli
cken sauberen Eindruck, auch »das kleine
Stallgebösde. aus dessen aeiifsneter
Tbür das bedanliche Brummen einer
Kuh bervsrdrana. während eine Ziege
weckernd von dem Gras naschte, das
hier in üvviner Fülle wuchs-. und et
niae Gib-ver sich eben anschickte-L die
Stiege zu ihrem Stall hinaufzuflats
n.
Auch der Zaun, welcher das kleine
Gedölt umschloß, war frisch rnii wei
ßer Farbe aesirichem
Auf der Bank neben der haudthiir
laß der alte Herr und beobachtete mit
freundlichem MMn den Knaben. der
mit einem kleinen zottiaen Hunde
lpilete. Zuweilen rief er dem Kna
ben ein sckernndes Wort zu, das
Eexer mit kindlichem Jauchzen erwi
r e.
Neben dem alten Herrn laß die
iunae Frau. ernst und still. kaum daß
das Sviel ihres Sohnes ihr ein flüch
tioes Läslseln entlwite. Ihre Großen
dunklen Armen schienen sinnend in die
Ferner aerichlet zu lein. Ihr Nuvt
wii den schweren blonden Fleck-ten
let-nie an der Wand des fimrlez ihre
lanaen, schienen harken Hände rab
ten. lrsnvvflmii ineinander gest-lieb
auf den- Sckoßr.
An Innern des Mles flammtel
ein Feuer. Es irre-Este wohl von der
der Inn-Wir neamriberliegenden klei
nen Nil-is- kerriilnem «
Eine Weil- lseodassrlele Reime
tmlsewerkt dielek lieblickw Bild
Friedens. Miitle den-erste llm der
kleine »Wir-e Cis-d nnd indk rnil lan
tem Messell mi- ölm los. Ner alte Herr
lnb qui. esIlHe den Fremden, erhob
fisk- Omd rief des einmi- zurileb
Ren-ebner lllfteie zum M den
bemerkte noch. alter sich einmal um
wandte, dass eine alte. einfach geklei
dete Frau aus dem Hause trat und
mit dem alten Herrn redete. Dann
begaben stch alle. der alte Herr, die
junge Frau und das Kind in das
haus, dessen Thür geschlossen wurde.
Ein Licht flammte in dem einen Fen
ster aus, man schien sich zum Abend
essen niederznseßen
Der Detettiv wartete eine zeitlang,
aber es rührte sich nichts mehr im
Hause oder im Garten. Er ging daher
i den Weg wieder zurück. trat vorsichtig
Ian den Zaun und versuchte in die
:Fenster zu sehen. Aber die Vorhänqe
waren heruntrrqelassem er konnte
Inichts sehen und hören, mißmuthiq
« schan er den Heimweg nach dem
jDorse ein mit dem Vorsatz. moraen
die Bekanntschaft des Amtsgerichts
Jraths machen zu wollen
lockt und schritt langsam weim. Er
i
i
i 8. K a p i te l.
; «Gcsianeu, daß ich mich vorsieae ..
EAsiessor Neugebaur vom Amte-geruht
?2, Berlin . . .«
E Mit dies-« höflichen Worten nahm
lNeugebaur am folgenden Tage neben
ldeni Amtsgerichtgraih an der einfa
chen Mittagstafet des Gasthauses sum
» »staiser Franz Joses« Plan. Der alte
there oerbeugte sich ziemlich steif und
) nannte seinen Namen. Er schien nicht
die geringste Lust zu verspüren, mit
dem jungen Kollegen amutnüpstn,
aber Herr Neugebaur verfügte, wenn
er es für nöthig hielt, über eine ge
schmeidiae Liebenswürdiateit und
zarte Rücksicht nahme. denen so leicht
selbst der unzugangliehste Charakter
nicht widerstand. Und der Amt-sae
richtsrath trar durchaus nicht unzu
aiinglich« wenn man ihn nur von der
richtigen Seite zu nehmen wußte.
Freilich mit aesellscbastlicttem Klassen
Theater und Literatur, die er mit dem
Sammelnamen «S-ckkund" zu bezeich
nen pflegte, durfte man ihm nicht
tommen. Auch die Tagespolitik war
ihm verhaßt und die Parlasrnente der
verschiedenen Staate-n belegte er mit
einem fehr kräftigen Wort, das seiner
Abneigung gegen diese »Bortheile der
öffentlichen Meinung« einen sehr dra
stischen Ausdruck verlieh. Wenn man
; ihn aber auf Soiialvolitib Armen
l vflege und Unterstünuna der Nothlei
L denden brachte, dann biß er aus die
sen Köder rasch an und war bald
Feuer und Flamme. Freilich auch in
feiner ureigensten Weise. welcke unse
ren parlamentariscken und aesellfchaft
lieben Sozialpolititern ein verale
ebes Lächeln abaewonnen und die offi
Etiellen Armenvsleaer und Veranstalter J
von Wohltb«itigieitslonzerten mit
Entrüftung erfüllt haben würden.
Neugebaur batte diese schwacheSeite
des alten Herrn bald herausaefunden
Seine Bemerkung, daß er dieses ein
same Gelsirasdorf ausgesucht babe, urn
die Verhältnisse der armen Geburts
betvobner zu stiftren erregte zuerst
die Aufmerksamkeit des alten Herrn.
Mißtrauisch sah er den jungen Kol
legen von der Seite an. »Sie haben
wohl einen behördlichen Auftraa?«
sraate er in dem Tone eines Unter
suckrunasrickzters.
Neuaebaur lackte. »Nein, verehrter
berr Amtsaerichtsratb ich reise aus
eigene Kosten und will die Studien iu
einem sozialpolitischen Wert verwen
den.« .
»Natürlieb,« knurrte der alte herr,
»So1ialvolitit ifi fa heute TMva
Das Elend der armen Leute wird da
sein situierlich reaistrirt tataloaisirt.
dolumentirt und mit statistischen Rab
len tlivv und llar bewiesen. Aber an
Abhilfe denkt Niemand oder es wer
den die unsinnigsten Vorschläge ge
macht.« .
.Aber erlauben Sie. here Amtsgei
richtöratb. die Sozialpolitik des lehten
Dezenniums . . .«
»Weil-en Sie mir gefälligst mit die
ser ofsiziellen Sozialpolitik vorn Leib.
wenn Sie mir nicht den Appetit an
diesm wirklich vorzüglichen hasenbrw
ten verderben wollen. Diese Sozial
politik ist nur dazu da, um das Elend
der armen Leute amtlich zu registriren
und sie wieder in eine Art Leibeigen
schaft zu bringen. Von oben her läßt
sich das Elend nicht wedetretieenx von
unten aus muß man anfangen. Zur
Natur muß man die Menschen wieder
zurückführen und sie nicht in die Mil
lionenstädte stoßen. Die Natur ist
arosi genug, um alle Armen und Elen
den in ihren mütterlieben Schoß aus
zunehmen und ihnen Nahrung Mei
duna und Obdach zu geben«
UUD nun LMWMUL dtt gute alle
Herr ein System Der Sozialpolitik,
dem Neun-baue mit heimlichem. spöt
tisch-en Lächeln zuhörte Jeder Mensch
sollte seine heimsiätte in Gottes sreier
Natur finden, die ihm und seiner Fa
milie den einfachen Unterbalt gewährte
—das war so der Hauptarundsatz
dieser eigenartickien Sozialpolitih die
sich aus Naturschwörmerei. wart-ther
ziaer Menschenliebe nnd theoretisch
richtian, aber praktisch unaussiihps
baten Grundsätzen zusammensetzte i
»Ich bin erstaunt. Herr Amtggeil
richtöratb.« entaeanete Neuaebaur «
san-eithean über Ihre aanz eigen
artigen Anschauungen und ich glaube.
dasr ich mein sozialpolitisches Werk
nach ihnen mnaessalten muß...«
»Man Sie bas. innerer Mann! Ich
selbst habe keine Lust und seine Reit,
mich rnit solchen Schreibereien abzu
aebem ich sann meine Zeit besser ar»
zwendetk Aber wenn Sie weine Ideen
weiteren Kreisen zuaanalich machen
. wollen so habe ich nichts dagegen-«
; « «Mit awßek Meuye werde ich das
’tbun. Dann oedökt aber. dass Sie
mi« tieset in die Welt M Ideen
MW ein Wiss-U Tisch
Msdkäch dürfte doch kaum genügen«
.Do haben ste recht. So einfach ist
die Sache nicht. Run, besuchen Sie
mich einmal in meinem einsachenSoms
merauartter da draußen am Walde,
dann tin-An wir weiter über diese
Anaeleaendeit sprechen.« ·
So war denn das Eis gebrochen
und Neugebaur ergriff rnit Freuden
die Gelegenheit, die nähere Bekannt
schaft des alten Berrn zu machen, um
in dessen Geheimnisse einzudringen.
An jedem Nachmittag wanderte er
nach dem tleinen Hause hinaus und
saß stundenbana mit deen alten herrn
auf der Bank neben der Hausthiir oder
in der kleinen sauberen Stube, um
dessen sozialpolitische und sazialtrimi
nalistische Erörterungen anzuhören
und sich gelegentlich Notizen zu ma
cken Der Amtöaerichtsratb würde
aber sehr erstaunte Auaen gemacht ha
ben, wenn er diese Notizen gesehen
bötte—-—denn sie handelt-n durchaus
nicht von soeialvolitiickenDinaem son
dern gaben die Beobacktunaen wieder,
welche Neuqebaur während seines
Aufenthalts in dem kleinen Hause
anstellte.
Da waren die aenauen Personal
kieschreihungen der alten Frau Knoche.
der Frau Marie Brandt und deren
Zöhnchen Richard! Da war die Be
schreibung des Oäitschens« der Stu
ben, des Gärtchen-Ist Kurz, es schien,
als ob Herr Neugebaur Notizen fiir
die Schilderungen eines im Gebirge
spielenden Roman-s sammelte.
Aber das Wichtigste fehlte ihm
noch: die Lebensgeschichte der Frau
Brandt.
Diese selbst war von einer fast ver
letzenden Schweigsarnteit gegen Neu
aeksanr. während dessen Anwesenheit
sie sich stets entfernte, irgend eine
häusliche Arbeit vorschiitzend. Die alte
Frau Knoche war ebenso stocktaub,
daf; eine intimere Unterhaltung mit
ihr überhaupt nicht möglich war.
Daß der Amtsgerichtsrath nicht erst
hier in dem tleinen Dorfe die Bekannt
» schaft der Frau Brandt gemacht hatte,
s schien Neuaehaur durchaus sicher.
Effrau Brandt muß aber auch durch
feste Bande mit dem Rath verknüpft
sein, denn sie war ihm gegenüber von
enier Ergebenheit welche fast an Un
terwiirfiakeit erinnerte. Außerdem
sorgte sie für ihn, wie nur eine Tochter
fiir ihren Vater oder eine Gattin fiir
den Gatten soraen konnte. Und an
dem kleinen Niclsard hina der alte Herr
mit närrischer Liebe, die, wie Neuge
haur meinte, nur von einem ver
wandtschaftlichen Verhältniß herrüh
ren tonnte.
Frau Marie Brandt war Polin«;
das wußte Neuaehaur: der Amtåge- I
richtsrath hatte vor seiner Pensioni- l
rung in Vosen aeftanden. sprach voll- l
kommen polnisch und unterhielt sich
öfter mit Frau Marie in dieser
Svrache. Neugehaur hedeuerte sehr,
dieser Sprache nicht mächtig zu sein«
er würde dann schon hinter das Ge
heimnis gekommen sein·
Aber seine Schlauheit half ihm über
diese Schwierigkeit hinweg. Eines
Tages brachte er die Sprache auf die
Wittwerk und Waisen-Fürsorge. Da
gerieth der alte Herr in Feuer.
.Sehen Sie,« rief er, »das ist auch
ein Uebelstand unseres sozialen Le
bens! Für die Wittwen und Waisen
sollte hesser gesorgt werden«
»Ist —- durch Versicheruna...«
»Pol- —ich pfeife aus die Versiche
rung! Eine Heimstatte sollte man ih
nen geben, ein eigenes heim. in dem
fre von ihrer Arbeit redlich und frei
von allen Verpflichtungen leben kön
nen. Ich will Ihnen ein Beispiel aus
meinem Leben erzählen. Wandere ich
da vor ein-isten Jahren durch das Ge
birge und finde am Wege zusammen
ges unten ein elendes, armseliges Weib,
das feiner Niederkunft entgegensteht
Vor Hunaer und Erschöpfung kann
sie das nächste Dorf nicht mehr errei
chen; die Noth hat sie zum Betteln ge
stoungeru da fie ihres Anstandes we
aen nicht arbeiten kann. Von Stadt
iu Stadt, vonDorf zu Dorf hat man
sie —eiaat, da die hochwohlweisen
Städte- und Dorfviiter ihren Ge
meinden die Last der Unterhaltung des
Weibes und des tu erwartenden Kin
des nicht aufhiirden wollen« Eine
Heimath wohin das Weib abgefchoben
werdne könnte. besitzt es nicht. U ere
bochtpohltveise Gesedqehung hat f s
deimathsrecht abgeschafft, auf Unter
ftiihuna hat man nur Anspruch, wenn
man sich drei Jahre an ein und dem
selben Orte ausaehaltenhat Wohin
also mit dem Weibes Auf die Land
straer —in das Elend-— in das tör
Mlisbe und sittliche Berderhent Da
haben Sie ein Bild unserer sozialen
Zuständet·
Und was wurde aus der Frau?«!
fresate Neugebaur gespannt »
»Die Menschenpflicht aehot mir,!
mich ihrer amrunehmen,« knurrte der
Amtsaerichtsrath »Jetzt ist sie eine
fleißiwe Fabrilarheiterin bewohnt ein
kleines haus, ernährt sich und ihren
Knaben, der zu einem ordentlichen
Menschen heranwächit. «
»Verzeihen Sie, Herr Amtsaerichtd
rath, Sie haben da die Geschichte der
Frau Marie Brandt erzählt!« -
»Das hab' ich nicht aetaat.«
»Aber ich hab's errathen.«
»Nun fa, es ist die Geschichte her
Frau Branth
Daher also ihre dankbare Ergeben
heit Ihnen araenil ilr.«be
»Ich verlange keine Dankbarkeit
Ich habe ihr aus Men««henpflicht su
einer anstänhiaen Ertttenz verhelfen
iett ernährt sie sich tell-it und ilt mir
keinen Dank schalt-im Ach hin im Ge
aentheil ihr Dank ickmlhia daß kie rntr
meinen Smmeequfenthali hier lobe
M nicht«
«U.brt Sie haben M dieses
u ...«
»Dosten Sie uns nicht mehr davon
sprechen, derr Kollege Ei ifi nicht
der Mühe werth«
»Vielleieht könnte man die ser
tvandten der Muwemdt zn einer
Beihilfe hesiininten.«
uSie besiit keine Verwandte-R
«Oder die Gemeinde, in der sie mtt
ihrem Manne zulett lebte...« «
»Ich muß Sie bitten, auf diesen
Geqenstand nicht wieder zurückzukom
men,« unterbrach ihn der alte derr
mit ernster Bestimmtheit
Neuaebaur war lan aenua, nicht
weiter in den Amtsgerichtsrat zu
dringen. Aber er war auf eine pur
aesetzt und er war nicht Ver Mann,
sich von dieser wieder abbeinaen zu
lassen
Am fotaenden Moraen beanber sich
aus das Standesamt des Dorfes und
bat um Einsicht der Geburtsregister.
Da fand er denn unter dem Datum
des 12. Dezember 189. folgende Ein
traauna:
»Im der Nacht zum 12. Dexember
189. wurde der Marie Brandt, Fa
brilarbeiterin aus Polen, ein Sohn
geboren, der die Namen Richard Fer
dinand Franz erhielt. Vater unbe:
kannt. Ter Knabe wurde am 15. De
zember aetauftx Taufpathen waren
der Amtsaericbtsrath a. D. Richard
Wernecle aus Berlin, Frau Johanna
Katharine Knocke, geb. Widmanu,
Wittwe des Todtenaräbers der hiesi
gen Gemeinde, Heinrich Knoche, sowie
die Hebeamme Frau Anna Marie
Walters arb. Zimmermann
Bemerkung: Die Mutter Marie
Brandt ist im Herbst dieses Jahres
unbekannt woher zuaexoaem doch hat
sich der Amtsaerichtsrath a.D. Ri
chard Wernecke für sie verbiirat.
Da hatte Herr Kaspar Neuaebaur
ja des Mithlels Lösuna. Der Amts
aerichtsrath war ohne Zweifel der
Vater des Knaben, sonst würde er
nitch in solcher Weise siir die Mutter
arsorat haben, nicht jedes Jahr biet
in dem kleinen, weltberlorenen Winkel
iden Sommer verbrinan und nicht
eine solche närrische Liebe siir den
Junaen hegen.
l Daß die Brandt in die Fabrik zur
jArbeit ging diente nur als Maske
dieses Verhältnisses. Ohne ehrlichen
Erwerb würde die Frau nicht in der
Gemeinde geduldet werden. Man war
in dieser Beziehung hier auf dem
Dorfe nicht so weitherziex wie in Ber
lin. In Berlin aber durfte der Amts
qerichtsrath feine Geliebte nicht unter
bringen, da feine Verwandten dieses
Verhältniß bald entdeckt und ihm das
Leben fehr schwer gemacht haben wür
den. Eine solche »Dummheit« ver
ziehen die Nichten und Neffen dem
ulieben Onkel« gewiß niemals
Herr Kafpar Neuaebanr rieb fich
schmunzelnd die Hände. Er hatte da
eine faniofe Entdeitnna aemacht, die
ihm ein hübsches Stück Geld einbrin
aen würde. Er war nur noch nicht
sicher, von welcher Seite er die Ernte
einheime follte.
Er iiberleatr.
Wenn er den Verwandten desRathss
die Angelegenheit mittheilte, würde er
nichts weiter, als das ausbedungene
Honorar erhalten. Die Verwandten
waren nicht reich und das Honorar
war nicht sehr hoch, hatte er doch die
ses Gefchäft nur gelegentlich übernom
men, um die Kosten seiner Erholung-Z
reife zu denen.
Wenn er dagegen dem Amtsaerichts
rath die Pistole auf die Brust setzte,
dann lönnte er anher dem bonorar,
das er auf alle Fälle erhielt. noch ein
schönes Stiick Geld herauöfchlagem
Einmal das Geheimnis den Verwand
ten vreisaegebem blieb ihm diesen ge
genüber tein Presfionsmittel mehr.
Seine Beobachtung war überflüssig
geworden.
Bei dem Awizaerichtörath lag die
Sache anders. Das Geheimnis bil
dete hier eine stets fließende Geld
anelle, und here Caspar Neugebnur
verstand es, eine solche Quelle ergiebig
zu estalten.
och nicht mit sich einig schritt er
dem Gafthanle zu, vor dem fich meh
rere Leute um einen Wagen versam
melt hatten, dessen Achfe gebrochen
war. Der Kutscher verhandelte mit
dem Sol-nier- dei Dorfes, während
der herr, welcher mit dem Wagen ges
lonnnen war, in nachliifsiqtr Baltung
dabeiftand und den langen Erörterun
gen des Schmiede zuhörte.
.Repariren Sie den Wagen nur,«
schnitt der herr fchließlich diefe Erör
terungen ab. »Ich bezahle Sie. Jch
werde lolanne hier itn Wirthshaus
bleiben.«
»Aber heute wird die Arbeit nicht
fertig, gniidiner herr.«
»So bleibe ich bis morgen . . .«
Mit dielen Worten ging der Herr
auf das Gastbani zu. von dem Wirth
höflich beariißt·
Neugebaur blieb erstaunt stehen« er
hatte in dem fremden Derrn den Be
siser von Wendefsen Ferdinnnd Grol
ler erkannt.
9. Kapitet
; Als Neuaebaut in die Gaftstuke
Utah saß Fetdinand Groller am Fen
Htek und las die Zeitung. Er achtet
Lnicht auf den Eintretendem der somit«
Gelegenheit hatte. ihn aufmerksam zu
beobachten
Aus dem einfachen biederen Guts
besitzer, der sich am Wohlfsen in der
Jaadioppe und den hohen ReiWefeln
gefühlt hatte, war ein eleganxer Welt
mqnn geworden mit nachlässigen. et
was Matten Mvnietens nnd einem
blossen mähen Gesichte und gleiche-ill
tiq blickenden Aussen. Statt bei länd
liGeu Akkemanzuaes trug er einen
eteqantes MM owns
nnd WadenstM M M
roter Jagdhut mit Mdntt I
ariiniichet Wettern-mirs hing Idee
g; skiz- sein«-WIer «
a un
Mira-nd den W
eines Mannes der grossenci Welt der
sich in der Verkleidm eines bers
fexes gefällt.
Der richtige Salan meinte
Reuaebaut heimlich nett spöttischem
Lächeln.
Du Groller ietneriei Rotiz von ihn
nahm räusperte er sich vernehmli
Grollet sah aus blickte ihn eine Wei
an und wandte sich wieder seiner Zei
tuna zu.
»Sie scheinen mich nicht mehr In
kennen, Herr Groller,· sagte Reno
baur, an Ferdinand derentretend
Dieser sah ihn gleichailtia an
»Wenn ich nicht irre, « sagte erdenk
ruhig »Herr Neugebaurk
Ja, das ist mein Name. Alsow
sinnen Sie sich meiner noch?«
»Wie sollte ich nichts Erinner
cie mich doch an die unangenehmstr
Eviiode meines Lebens. "
»Sei-r schmeichelhaft" lachte Reu
aebaur spöttisch. »Ich hoffe jedoch
Sie werden mir diese unangenehm
(5«visode, an der ich völlig unschuldig
bin, nicht nachtraqen.«
»Weshalb sollte ich Ihnen nach
iraaen? Jch linbe mich jedoch demuts.
diese"bäßlicke Episode zu vergessen-—
also auch Sie.«
»Das scheint Ihnen jedoch nicht ge
lnngen!«
Ferdinand erröthete leicht »Ich
denke, ich bin Ihnen darüber keine
Rechenschaft schsuldicU
»An der That — nein. Und ich bitte
um Entschuldigunq, daß ich Sie da
ran erinnert habe. Ich arbe Ihnen
mein Wort, daßes nicht wieder vor
kommen soll.«
»Dann müßten Sie sich schleunigst
entfernen und mir nicht wieder von
die Auqen iommen.« entgegnete Fer
dinand ruhig.
Neitaebaur lachte ein wenig ge
zwunaen auf.
,,.Höflicker sind Sie nicht new-orden,
Herr Groller. Aber ich hoffe. wir wer
den uns, solange wir hier beisammen
sind, dnch aani aut vertraqen. Sie
werden bier wenia Vertebr finden nnd
mit meiner Person zufrieden sein
müssen-«
iFortfetzunq folgt-)
Untier-meet itie vie Lehrer-. «
Aus Mecllenbnrg-Schwerin wird
qelckriebem Alles muß hierrnlnnde
nniiormirt werden! Das Neueite auf
diesem Gebiete ist die llnisorrnirnng
der Lehrer. Man länat dabei von
»oben« an; zunächst kommen die Di
rektoren der qroßberronlirhen Gnmnsi
sien und dann diejenigen Oberlehrek
an die Reihe, denen der Titel Grimas
iial Professor «Allerhöehit« verliehe
iit. Sie belomnren eine wunderbiibs
Galatracht, bestehend ans dunl
blauem Fracl mit larmoisinrolhels
Kroan und ebensolchen AermebAcks
schlagen, die mit Goldsiickerei verziert
sind, sodaß die Landessarben blas
qelbsrotb sich widerspieaeln. Iris
und weiße Weste haben aoldenesknöpII
mit Krone und dem landegiiblickies
Iksriedrichs Ftranz). Zur Unisom
gehört ferner noch eine weiße Hose ins
breitem Goldilreifen, Zweispitz III
Kolarde in den Landesiarben und
großer, goldener Raupe und, nicht z
vemessen, ein Stichdegen mit goldener
Grisll In dieser Tracht brauchen die
Herren Lehrer von der Schul· bei
feierlich-en Geleaenheiten nicht mehr ins
schlichten bürgerlichen Rock neben des
Herren vom Militiir nnd denen von
der Nitterlchast zurückzuiiehem weis
letztere mit einer ähnlichen Tracht be
gnadet sind. nur daß sie einen teuer
rothen Frack und als besonderes Ub
zeicben aroße goldene Evaulettes an
leqen dürfen. Was werden nun aber
die höheren Lehrer der ssädtiiehen
Schulen im Lande lassen. denen der
Landesherr die wunderschöne Tracht
nicht verleihen kann, mit der er dein
ienigen Theile der »Großherzoqlichen
Diener« eine hohe Freude bereitete, die
an Gymnasien die Jugend lehret.
Denn als »Großherzoqlirher Diener«
gelten nach mecklenburaiicbern Staats
recht, sowie nach dem Landesnrundges
letzlichen Erbvergletrh von 1755 nos
heutzutage alle Stastiiunltlonärx
vorn Minister, Professor nnd Geri ts
ptäsidenten bis hinab zum Feuer see
und Schuldtener.
Wie wenig würden wir uns um die
Fehler der anderen kümmern, gäb's
dabei nicht so auie Seiesenheih us
sere eiaenen Vorzüge zu rühmen.
i I .
Hundert Tboten baden dich erbsbc
und ein Wort kann dich stürzen.
I O i
Unter den Deutschen, die an der
Automobilrvettiahrt in New York
theilnehmen wollen. befinden sich
Werden. Camvbell und Mem. Die
Q’Briens, McFaddens und MeCav
tbns werden wahricheialich Frankreich
vertreten.
i i I
Wenn der Haß sich lange frisch ek
dolien foll, muß er in der Lange des
Neides acpilleli lein.
O . I
Genieß das Leben deute, die Freu
den des nestriaen Taaes gehören des
Vergangenheit an und die des mor
ainen Taaes sind noch fein ungewis.
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Willst Du mii einem Freunde du
chen, geh ohne böse Worte von ihm
dies itemveci Dich zum wohlerwo
Menschen