Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, October 13, 1905, Sweiter Theil., Image 10

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    Yerw Ring.
KriminaLKoman von B Elster
(2. FortsetungJ
4. K an i te l.
Ja der That, Ferdinand hatte
Wendetsen verlassen! Nicht aus immer,
wie er anfangs im Sinn gehabt. son
dern nur zu einem bestimmten Zroech
nach dessen Erfüllung er in daher
rnath zurückkehren wollte. Jn einem
Briefe an den Pfarrer theilte er diesem
seine Absicht mit. Der Brief lautete: »
Mein theurer väterlicher Freund! I
Ehe ich Wendessen, Sie und die lie
ben Jhrigen für eine Zeit, derenj
Dauer ich nicht bestimmen kann, vers I
lasse, drängt es mich. Jhnen nochmals
fiir alle die freundliche und trostreiche
Theilnahme zu danken, welche Ste»
mir in den letzten schweren Wochen
erwiesen haben. Jch danke Ihnen und
den Ihrigen von ganzem Herzen fur
den Glauben an mich; wenn mich ein
Gedanke in dieser furchtbaren Zeit
aufrecht erhalten konnte, so war es
der· daß die Besten, die Edelsten, die
Frömmften der Menschen an meiner
Unschuld nicht zweifelten. Dieser Ge
danke legt mir aber auch eine Pflicht
auf, die ich erfüllen muß, ehe ich wie
der vor Sie und die Ihrigen treten
sann, die Pflicht, meine Schalk-losm
teii den Augen der ganzen Welt zu
beweisen, damit nicht der Verdacht,
der ietzt noch auf mir ruht, auch die
tengen schädigt, welche treu und fest
In mir gehalten haben.
So verlasse ich Sie denn mit dem
esten Entschluß, den Thäter zu sin
n oder nie wieder zu Ihnen zurückzu
kehren. Es ist eine schwere Aufgabe,
welche nicht einmal die staatliche Po
lizei, das Gericht mit all den Macht
mitteln, welche ihnen zu Gebote stehen,
lösen konnte. Ich hoffe sie dennoch zu
lösen —- wie, das weiß ich nicht, aber
ein unbestimmtes Gefühl leitet mich
und diesem Gefühl werde ich folgen.
—Leben Sie wohl. Jch gebe Ihnen
keine Adresse an, da ich selbst nicht
weist. wo ich bleibe. Oser gestanden,
möchte ich auch durch Ihre gütigen
Worte, die Sie mir unzweifelhaft
senden würden, in meinem Vorhaben
nicht wankend gemacht werden. Jch
muß auch im Verborgenen bleiben,
um so unbeobachteter und sicherer kann
ich mein Ziel verfolgen.
Also nochmals leben Sie wohl!
Seien Sie und die Ihrigen herzlichst
geariifii. Wann wir uns wieder sehen,
steht in Gottes Hand, aber stets bleibe
ich Jhnen bon ganzem Herzen dankbar
und treu eraeben.
Fetdinand Groller.
Der Pfarrer schüttelte das araue
haupt, als er diesen Brief im Kreise
seiner Familie voraelesen, und auch
die Frau Psarrin konnte nicht umhin.
eine tleine mißbilliaende Miene aus
zusehen.
»Den Zweck ,den Ferdinand ver
folgt,« sagte der Pfarrer nachdenklich,
Jst ein löblich-er ——gerviß! Aber ich
.qlaube, er hat einen ganz ungeeigne
tenWea eingeschlagen. Er wird dem
Gespräch der Leute durch seine geheim
nisvolle-Abwesenheit nur neuen Stoff
eben, hörte ich doch heute schon die
Tchöndtiche Muthrnaßung aussprechen-,
aß er mit Berthas Wülldrandt ins
qeheim ein Verhältnis unterhalten
habe. Ich bin diesem Klatsch mit
aller Energie und Entrüstung entge
qenaetretem indem ich betonte, daß
Fräulein Wüllbrandt heute Wendessen
verlassen habe. FerdinanW Abreise
an demselben Tage — das Geheim
nis, mit dem er seine Reise umhüllt,
eben natürlich diesem Gerede neue
aber-am Er hat sehr unvorsichtig
gehandelt«
Mit blossen Wangen, zagendem
Zerzen und angstvoll aus den Vater
qerichtetenAuaen saß Käthe da. Diese
sluchtabnliche Abreise Ferdinand’g
hatte ihr den Muth genommen, von
der Benennung am Grabe Franz
Grollers zu sprechen.
Die Worte Bertba Wüllbrandts
sagten an ihrer Seele: »nur Deinet
willen mußte er sterben — weil er
Dich liebte —« lag der Schluß da
uLch nahe, daß derjenige die Hand
seyen ihn erhoben, der sie ebenfalls
Lichte? Und war dieser eine nicht Fer
Iinand, der Bruder des Erschlage
nen? Hatte nicht schon ost die Liebe
In einem Mädchen in Brüdern tödt
lichen Haß erzeugt?
Und nun seine plötzliche Flucht —
sein geheimnißvolles Verschwinden?
Ihr fchwindelte —- sie wußte nicht
mehr, was sie denken sollte, und
brachte das Geständniß der Begeg
nungf am Grabe nicht iiber die Lippen.
Konnte dieses Geständnis ihm. der sie
noch immer liebte, nicht zum Verder
ben gereichen? Wenn er dennoch schul
dig war, so mußten andere seine
Schuld ans Tageslicht bringen, sie
solt- weniasteni nicht freiwillig die
· » nddazu bieten. Wenn er aber un
kviq war, dann wiirde seine Un
! das-Toben ihr Zutbun klar ge
M
Mir Gedankengang war vielleicht
Ittch ganz Wich. Aber sie war so
stiften-d in Unschuld und barm
eit ernstem sie aiaubte so
In den gerechten, akigittiaen, all
W Gott das He einerseits jeder
" It ans-Schuld und Blinde, jede
« » mit den Rachtseiten des
M und ver-irrte- und
daß sie andererseits der festen Ueber
zeuguna war, Gott werde-helfen und
Alles zum Besten wenden.
Dennoch erzählte sie, daß sie Bertha
Wüllbrandt am Grabe Franz Grol
lers getroffen und daß diese wirre und
unverständliche Worte gesprochen.
Der Pfarrer runzelte die Stirn.
»Mir schien bereits öfter,«« sagte er
ernst, »daß das Mädchen unglücklich
oder nicht recht bei Sinnen war. Jch
habe rnit ihr zuweilen gesprochen, ich
habe versucht, ihr Vertrauen zu -
minnen, sie hat mich schroff, fast hoh
Uisch zurückgewiesen Sie will iein
Vertrauen geben und nehmen, lassen
wir die Unglückliche ihren Weg gehen
und Gott möge ihr helfen«
Er schnitt jede weitere Erörterung
ab. indem er sich erhob und in sein
Arbeitszimmer gina. Käthe aber be
saß nicht den Muth, ihm zu folgen,
wie Raben umslatterteni die schwarzen
Gedanken ihre Seele. von der die freu
dige Gewißheit, die hoffnungssrohe
Thatlrast, welche sie heute Morgen
bewegt, gewichen waren.
Der Zweifel schloß ihr die Lippen
und machte sie muthlos. —anwischen
führte der eilende Schnellzug Indi
nand Groller durch Nacht und Nebel
nach Berlin. Während der Fahrt er
wog er, welche Maßregeln er ergrei
fen wollte. Mit einem bestimmten
» Ziel vor Augen war die alte Thatkrast
; seines Charakters wieder erwacht, die
sihm geholfen hatte, in harter Arbeit
! das start heruntergelonnnene elterliche
IGut wieder in blühenden Zustand zu
i vresetren
? Sein Vater war kein Landwirth
Tgewesem als pensionirter Rittmeister
Jhatte er das Gut übernommen. Er
liebte ein behagliches, bequemes Leben,
feine Gattin, uus vornehmer Familie
jstarnmend, herzensgut, aber allzu le
JbensfreudiHL war ebenfalls nicht ge
jeigneh sparsam zu wirthfchaften, und
: so war es gekommen, daß Ferdinand
Idas elterliche Gut start verschuldet
Hübernoinmem während Franz, sein
)jiingerer Bruder, ein abenteuerliches
»Leben in Amerika führt«-nachdem er
’ im alten Vaterlande als junger Offi
zier Schiffbruch gelitten.
Durch eisernen Fleiß und Thattraft
arbeitete sich Ferdinand empor, und
als Franz eines Tages aus der Ferne
heimkehrte, saß Ferdinand fest und
gesichert auf dem väterlichen ErbtheiL
während Franz durch kaufmännische
Geschäfte ein Vermögen erworben zu
haben schien.
Schien —- denn klare Auskunft gab
Franz nicht. Er handelte mit Juwe
len und Brillanten. Er machte weite
Reisen nach London, Antwerpen, Pa
ris und führte im Uebrigen ein freies
Junggesellenleben in Berlin, wo er
seinen ständigen Wohnsitz aufgeschla
gen hatte. Er schien über große Mit
tel zu verfügen. er bot Ferdinand
seine Hülfe an, die dieser in einfachem
Stolz auf seine Arbeitskraft zurück
wies.
Jedes Jahr tam Franz einige Wo
chen nach Wendesfen, um dort der
Jagd obzuliegen So war er auch die
ses Jahr gekommen und während die
ses Besuches war das Schreckliche ge
schehen. Eines Abends war er auf
den Anstand in den Wald gegangen
und nicht wieder zurückgekehrt —-—am
anderen Tage fand man ihn erschossen
im Walde. Die Kugel eines Revolvers
—- eines «Armee-Revolvers« hatte
ihm das Herz durchbohrt. Ein Selbst
mord war ausaeschlofsen. man fand
den Revolver nicht vor: feine Doppel
flinte, mit Rebpoften geladen, der eine
Lauf abgeschosfen. lag neben ihm.
Auch eine Unvorsichtiateit, ein Zufall
lag nicht vor: ein anderer mußte ihn
erschaffen haben.
Das waren die äußeren Umstände
der Ihat, welche sich Ferdinand wäh
rend der einsamen Nachtfahrt wieder
in das Gedächtnis-, ruriirlrief. Die
äußeren Umstände welche keine Erklä
runa der That aeben lonnten.
Was wollte er in Berlin? —- Der
Gerichtshof, welcher die That abgene
theilt und das freisprechende Erkennt
niß gefällt, hatte in der Provinzial
baudtstadt stattgefunden. Aber ein
Berliner Anwalt hatte Ferdinands
Vertheidiauna aefiihrnt. Der Berliner
Anwalt war auch zum Verwalter des
Naslklasses seines Bruders ernannt
worden und vor einiaen Taan hatte
Ferdinand ein Schreiben des Anwalts
erhalten« er möae nach Berlin kom
men, um als Erbe seines Bruders
Nachlaß in Empfang zu nehmen.
Da war der Gedanle durch seine
Seele aeblitzt: sollten sich in diesem
Nachlaß nicht Spuren finden, welche
die blutige That erklärten?
Freilich hatte das Gericht diesen
Nachlaß schon durchforfcht, aber der
Untersuchunaörichter kannte das in
nere Leben des Todten nicht, er lachte
nur nach äußeren Spuren. Ferdinand
aber wußte mehr von dem Leben lei
nes Bruders, der then in froher Wein
laune oft von den Abenteuern seiner
Reisen erzählt hatte.
Dieser Gedanke verfolgte ihn unab
läfsiax n ließ ihm keine Ruhe, erzog
ihn mit unwiderstehlicher Macht fort,
er bot ihm wieder einen Lebenszwech
« ein Ziel. durch das er Ruhe Inderiede
nieder seist-neu konnte.
In Wendesien fand er keine Rude.
Seie friibere Beschäftigung widerte
ibn an; den Verdacht, den ers in den
Blicken, in den Worten, in den Bewe
gungen aller Menschen zu liefen glaub
te, machten ibtn das Leben in Wend
effen unerträglich — et wollte das
Gut verkaufen, die Worte des Pfar
rers zeigten ian daß er dadurch nur
den Verdachtbestärten würde, er gab
diefen Plan auf, um sich dafür an den
anderen Plan zu klammern. den Mör
der seines Bruders zu entdecken
Das follte fortan das Ziel seines
Lebens fein!
So teifte er ab—plötzlicb, flucht
äbnlich. Er wo,te frei fein, er wollte
nur feinem Ziele leben, er wollte un
beeinflußt bleiben. deshalb verbarg er
sich selbst vor feinem tbeuerfien
Freunde.
Die Wirtbfchaft war in guten Hän
den. Sein Verwalter war ein rauher,
argwöbnifcher, aber ehrlicher, einfacher
Mann, der mit kurzen Worten den
Plan feines Herrn, auf einige Zeit zu
verteilen, gutdieß. Man lab es dem
Mann an. daß er aufatbmete, als sein
Herr, der in einem solchen furchtbaren
Verdacht stand, abreifte.
»Wenn Sie uns etwas mitzutheilen
haben, schicken Sie Jbre Briefe an den
Justizrath Berner in Berlin,« sagte
Ferdinand beim Abschied zum Ber
waltet. »Dorthin gehen auch alle Ab
rechnungen und geschäftlichen Mitthei
lungen. Adieu ...«
Der Verwalter sand es kaum der
Mühe werth, den Abschiedsgruß zu
eriwdern. Ferdinand achtete nicht
daraus. er sprang in den bereitsiehew
den Wagen und fuhr Casch davon
In der Nacht kam er in Berlin an.
Am anderen Morgen ließ er sich von
dem Bureauvorsteher des Justizraths
den Schlüssel zur Wohnung des ver
storbenen Bruders geben und eilte
dorthin.
Tief ausathmend trat er in das
Zimmer, welches feinem Bruder zum
Wohngemach gedient hatte, während
Fiebänan das Schlaszimmer sich he
an .
Die Wohnung war noch in demsel
ben Zustand. wie sie sein Inhaber ver
lasen. Alles, was sich in ihr besond,
gehörte ihm und war ietzt das Eigen
thum Ferdinands geworden. Die Ein
richtung war reich und geschmackvollz
man sah es ihr an. das; ihr Besitzer
den Luxus, das Wohlleben liebte.
Aber die schweren Portieren, Vor
hänge, Teppiche und Volstermiibel
waren verstaubt, an den Fischen.
Schränien, Kommt-den und Bildern
lag eine dicke Staubschicht. unordent
lich stand und lag alles durch- und
übereinander; nach der gerichtlichen
Haussuchung und Durchsorschung der
Sachen hatte seine ordnende Hand
mehr gewaltet. Die Werthsachen hatte
der Justizraib in sichere Verwahrung
genommen, die Thüren der Wohnung
und der Schränle waren dann ver
siegelt, bis sie sich jetzt dem berechtig
ten Erben öffneten.
Der hauswirth war sroh,das Fer
dinand Groller endlich kam, um die
Wohnung srei zu geben. Nach einigen
kurzen sachlichen Worten empfahl sich
der Wirth, Ferdinand war allein.
Er blickte sich unsicher um«
Wo sollte er beginnen zu suchen?
Wo sollte er die Spur finden, die ihn
Dur Enthüllung des Geheimnisses
führen sollte?
Dort lagen die Kleidungsstiicte des
Verstorbenen aus einem Hausen. Dort
der Tisch und Bücherschrant waren
mit Büchern und Schriften bedeckt
Aus dein großen Schreibtisch lagen
Pariere, Rechnungen, Geschäftsbücher,
Briefe —alles bedeckt von einer grauen
, Staubschicht.
In der mittleren Schublade des
Diolomatenschreidtisches stat der
Schlüssel. Ein Sonnenstrahl, der
durch die nur leicht geschlossenen Fen
stervorhänge fiel, blintte auf den
Schlüssel. Ferdinands Auge blieb
unwillkürlich aus diesem kleinen, blin
ienden Stück Metall haften.
Hir wollte er beginnen zu suchen!
Wenn ein Mensch Geheimnisse hat, so
verbirgt er sie aeineinigiich in den ge
heimften Schubfiichern seines Schreib
tisches. Ferdinand wußte es aus eige
ner Ersahruna, weliten doch auch die
Blumen, welche Käthe ihm dann und
wann aeschentt. in dein Geheimech
seines Schreibtisches. das zugleich das
Bild des geiiebten Mädchens barg.
Er trat an den Schreidtisch und zog
das Fach heraus. Eine Menge alter
Papiere, Briefe, Rechnungen, Bilder
und dergleichen mehr, auhllen ihm
entgegen. Dazwischen lagen kleine
Kästchen, in denen Juwelen und an
dere Schmucksachen aufbewahrt zu
werden pflegen. Aber sie waren leer.
Vielleicht sollten sie gelegentlich deniikt
werden« vielleicht hatte der Justizrah
ihnen den kostbaren Inhalt entnom
men, um ihn an einem sicheren Ort
aufzuhewahren
Dennoch wühlte Ferdinand in dein
Inhalt des Schubfaches, anfangs
planlos. aufgeregt, willkürlich, dann
ruhiger und systematisch, indem er
jedes Papier rasch durchstog und jedes
Kästchen öffnete.
Es ist ein trauriges Geschäft in den
Papieren eines Verstorbenen zu lesen,
der so ist«-Mich und auf so schreckliche
Weise aus dein Leben geschieden. Eine
sichtende, vorsichtigehand hat da die
Geheimniise, die jedes Menschen Leben
birgt. nicht vernichtet oder verhüllt.
Mit brutaler Offenheit tritt einem
dieses verstoisene Leben gegenüber —
alle die kleinen Schwächen, alle die
Hofsnunaeiy alle die Enttiiuschungen,
alle Gefühle, alle Empfindungen, die
mit raschem Pulsschlaa das nun er
ialtete Leben durchströniiem
Wie oft lernt man erst aus solchem
nwordneten Rachtahdas 1.sehen eines
f l
;Menschen recht kennen! Wie oft erfiibrt
Hman aus solchem Nachlaß. daß man
Jsich in einem Menschen —sei es nach
: der guten oder der schlechten Seite hin
J — getäuscht hat.
» Auch Ferdinand ergina es fo. Ent
Irnuthtqt, bestürzt. beschämt hielt erin
seiner Arbeit inne. hatte er den Bru
der bislana nur ftir einen etwas leicht
sitmtnem lebensfrobem aber durchaus
frechtlichen Charakter gehalten, fo
mußte er jetzt erkennen, daß der Vet
. storbene ein vornebmes Leben gfiilirt,
daß lichtfertige Weiber, Spiel und
—Wucheraeschäfte sein Leben ausge
j füllt hatten.
’ Ein tiefer Schmerz erfaßte ihn. Er·
reute es, diesen ganzen Nachlaß nicht
ungesehen dem Feuer übergeben zu
haben. Er wollte nicht weiter eindrin- ·
san in diese Gebeirnnifse des Todtenu
! Er wollte das Schubfach wieder schlie
l
ßen. itaend ein Gegenstand hatte sich
zwischen das Fach und die Tischplatte
)aetlemmt, er suchte dieer Hindernis
Hu entfernen und zog ein kleines ro
j tbes Etuis hervor, in dem Ringe auf
j bewahrt werden. Auf dem Etuis wa
lten in Golddruck zwei engverschlun
zgene Hände anaebracht.
j Mechanifch öffnete er das Kästchen
Hund seine Auaen blieben auf einem
»Nim( aus Silber haften, der ebenfalls
:3wei verschlungene Hände darstellte.
Iveriiert durch einen blutroth funkeln
J den Rubinen.
f Ferdinands Augen wurden starr —
Desine Geisterblösfe bedeckte feine Wan
qun——er zitterte —- plötzlich ließ er
I den Rina fallen und sprang emvor —
Hein Aechzen entrang sich seiner Brust.
—
i 5. K a p i t e l. -
I Juftizratb Berner faß in seinem
iBnreau und ftudirte umfangreiche
Atten. Der Juftizrath war ein viel
laesuchter Anwalt, feine Reden vor
Gericht waren berühmt feine Schnei-v
diateit als Vertheidiaer brachte ihn
lfoaar öfter in Konflikt mit dem
jStaatsanwalt oder dem Borsißenden
des Gerichts, und an feiner fcharf
isinniaen und glänzenden Beredtfam
Iteit bildeten sich die junaen Juristen.
ISeit Jahren beschäftigte er sich nicht
Emehr mit Kleinigkeiten, die er groß
IMüthia einem jüngeren befreundeten
Kollegen überließ Senfationelle
iBant odr Familien-Prozesse waren
i das Feld, auf dem er feine Lorbeeren
l und reiche Einnahmen erntete.
! Seine Erscheinung glich der eines
IGelebrten oder eines höheren Geist
lichn; stets in tadelloses Schwarz ge
;tleidet, mit der stereotypen weißen
Krabatte, dem korrekten, ruhigen We
sen, hätte man ihn für einen Hoffm
diaer halten können, wenn nicht das
sartasiifche Lächeln des Mundes und
der tluae und scharf beobachtende Blick
seiner arauen Auaen aewefen wäre«
welchen eine scharfe Brille noch ver
s stärtte. «
Eine Zeit lana las der Justizrath
in den Atten. ohne fonderliches Jn
teresse zu zeiaen Schließlich lehnte er
sich aelanaweilt iuriieL aiihnie ein we
nia und nahm feine Brille ab, die er
;mit läfsiaer Bewegung mit seinem
J Tafchentuch putzte
I Ein leises Klopfen an der Thiir ließ
Iihn aufschauen. Auf feinen Ruf trat
I der erfte Bureauvarfteber herein.
? »Entfchuldiaen here Justizrath die
-Stiiruna,« sagte dieser. »Ich weiß
dass der here Juftirratb betchiiftiat
jsind, aber here Groller ließ sich nicht
!abweifen.«
j Was will denn der Herr nochi Ich
dente Sie haben Alles mit erlediati
IDer Werthnachlafk seines Bruders be
jfindet sich im Debat der Deutschen
Bank und Sie haben ihm doch den De
potschein und den Gerichtöbeschluß ge
;aeben?«
I «Allerdinaö, here Justizratb Aber(
There Groller möchte Sie persönlichi
sprechen." »
«Lassen Sie den Herrn eintreten. .
Diese Alten können warten, es ift ein
junintereisanter Fall nnd ich bin noch!
nigrt schlüftia ob ich die Sache über-z
ne me." ;
Der Bureauvorsteber entfernte sich
und nach weniaen Auaenblicken trat
Ferdinand in das Allerheiliaste des
; berühmten Anwalts.
Ferdinandö blasses, übernächtiaes
Gesicht zeigte eine finstere Entschlos
Iienbeit Mit beimlichem Erstaunen
beobachtete ihn der Justizratb, dessen
Menschentenntniß ihm verrietb, daß
Ferdinand ibm eine wichtige Mittbeb
luna zu machen dabe.
Aber rubia lächelnd streckte er ihm
die feine weiße Hand entgegen. »Gu
ten Tag, mein lieber Herr Grollen
was führt Sie zu miri Jst etwas
bei der Nachlaßiisberaabe nicht in Ord
nunai«
»Ja, hetr Justiztatb« —- itieß Fet
binand der rov——— .es ist etwas nicht
in Ordnuna!«
«Ab... icb tann mich doch lonft
fut. meinen Bureaudorfteber verlas
en.«
«Es handelt sich nicbt um den Nach
laßielbii —er befindet sich in bester
Ordnuna. Aber, Herr Justizratb ich
babe eine Entdeckung gemacht —eine
Spur —- einen Verdacht . . .«
Der Anwalt wurde aufmerksam
,,Sie sind erregt. lieber Herr Grol
ler,« laate er· Nehmen Sie Platz-—
erzählen Sie in aller Rubr. CineSvur
baben Sie entdeckt. taaen Sie! Eine
Spur des Mörderö Jbreö armen
Bruders? Ei, das wäre seltsam, nach
dem die Kriminaldolizei. das Unter
tuchunasgericht. wir selbst. lieber
Freund. nichts entdecken lonnten·«
»den Justizratb —- Sie saaten mir
einmal im Laute des Prozesse-: «cher
che- la femme« . . .«
Der Anwalt sachte leicht anf. Mich
tiai Bei lata-en arbeimnißdallen Bot
w-, i. . ’"I
sfsllen ist stets eine Frau betheiligtz
silber, bester herr Groller, breFram
;a.ii Gattnnasbearifß bat im Leben
IIbres Bruders eine solch bedeutende
Roll gespielt« baß es unmdglrch ist«
die richtige berauszzifinben Sie wri
itzu Mbe- baß nach dieser Richtung
bin bie einsebenbsten Nachsorichuvgm
Musik-It wurden —obne Neinltat.«
« »Ich weiß es — nnd doch bin ich
ietzt überzeuat, daß eine Frau beibri
liat ist.«
» »Ich theile Jbre Ueberzeugung, aber
es banbelt sich darum, diese Frau zu
finden.«
»Ich habe sie aesunden!«
»Alle Wetter! Das wäre ja sehr in
teressant! Wollen Sie mir das Nähere
mittheilen7«
»Ja —deöbalb tarn ich ber. —Se
den Sie biet! ——Was ist das?«
Er reichte dem Anwalt das tleine
Etuis rnit dem seltsam geformten
Rina.
Der Justizratb besah das Kästchen
von allen Seiten. Dann saate er
lächelnd:
»Ein sehr schönes Etuis mit einem
seltsam aeformten Ring . . .'«
»Ja. aber bemerken Sie nicht noch
etwas?«
»Einen prächtiaen Rubin und einen
Einfchnitt in dem Polster des Käst
chen-Z, in dem noch ein zweiter Ring
gesteckt haben muß.«
»Gut. Und böchst wahrscheinlich"
» ist dieser zweite Ring ebenso geformt
gewesen« wie der noch vorhandene.
; Denn in diesem Ring befindet sich eine
;Jnschrift: »Verbunden aus ewig in
; Leben und Treue« .«« Das läßt da
’ raus schließen, daß die beiden Ringe
angefertigt wurden zur Besiegelung
eines Liebesbiindnisses und jeder der
zbeiden Liebenden einen Ring rbielt.«
»Ich kann mich der Richtigkeit Ihrer
i Schlüsse nicht entziehen. Aber ich sehe
» nicht ein« inwiefern das mit dem Tode
ijkes Bruders in Verbindung steht.
Ihr Bruder bat verschiedene Liebes
. verhältnisse gehabt. Es käme vor Al
lem darauf an, die Besitzerin des
szeiten Ringes zu finden. Aber auch
Jdas wäre tein Beweis. Jbr Bruder
’hat viele Ringe verschentt.«
» »Die Besitzerin des zweiten Ringes
: ist gesunden!«
»Ah-die Sache wird immer in
teressanten eWr ist die Dame?«
nFräulein Bertba Wiillbrandt...«
»Wie TJdre Wirtbschasterin, weiche
so sehr zu Jbren Gunsten aussagte?«
» a—dieselbe. Sie bat einigeTage
nach meiner Rücktritt nach Wendessen
um ibren Abschied, den ich ihr sofort
ertbeikte. Als sie mir die Hand zum
Abschied reichte. wobei sie seltsam be
wegt war, bemerkte ich an ibrer Hand
einen Rings-den gleichen Ring, wie
Sie solchen ietzt vor sich sehen.«
»Hm, können Sie sich nicht getäuscht
babens«
»Nein-die Form des Ringes, der
blutrotbe Rubin fielen mir sofort auf.
Ich batte den Ring noch nie an ihr
bemertt -—als rnir beim Ordnen des
Nachiasseö dann dieser Ring in die
Hände fiel, erkannte ich ibn sofort wie
er.«
i
»Das ist allerdinas seltsam. Aber·
Jhr Bruder hatte die nicht iehr löb
liche Gewohnheit, ieine Liebesbriefe
auftubelvahrem haben Sie in den
Brieer feinen von Fräulein Wäll
brandt gefunden? Ich entsinne mich
nicht, daß das Gericht einen Brief des
Fräuleins gefunden hat« . ."
»Das ist das Merkwürdigftri Jch
habe alle Briefe durchgesehen, ich fand
teinen Brief des Mädchens.«
«Seltiam, in der That! Aber wo
rauf gründen Sie Ihren Verdacht, daß
«enes Mädchen mit der That in Ver
indung fteht?«
»Auf diese beiden Ringe und auf
die Mittheilung des Pfarrers Voll
mar, daß er meinen Bruder und Ber
tha Wüllbrandt einige Male auf ein
samen Wegen aesehen, so daher an
nimmt, mein Bruder habe zu dem
Mädchen in Beziehunaen gefianden.«
»Der Herr Pfarrer hat während der
Untersuchuna schon diesen Verdacht
aeäußert. Wie Sie wissen, ist eFräu
lein Witllbrandt danach gefragt wor
den, fie bestritt durchaus nähere Be
ziehungen zu Ihrem Bruder ghabt zu
haben. Da keinerlei weitere Beweise
vorlagen, im Gegentheil Fräulein
»Willlbrandt als durchaus moralischer
Charakter gelten konnte, ließ man
idtese Sache fallen. Aber ich bin miß
Htrauisch -—ich alaube an nichts und
»ein Alles — und weiie deshalb auch
Ihren Verdacht nicht von der hand.
Lafsen Sie uns jedoch, ehe wir weiter
gehen. die Thatiachen in das Gedächt
niß rurilckruferu Mir stehen Sie noch
deutlich in der Erinnerung — Also
—Jhr Bruder tam in diefem Som
mer, wie jedes Jahr, am ersten Juni
zu Ihnen zum Besuch. Er war lustig
und auter Dinge, wie immer. Sie
beide verkehrten sehr anaenehm mit
einander, Grund zu Streitigteiten lag
nicht vor.«
»Gewiß nicht. Mein Bruder bot
mir sogar ein unverzinsliches Dar
lehen an.«
t «Welcheö Anerbieten Sie ablehn
en.«
»Ja —- ich glaubte ohne dasselbe
austommen zu tsnnen.«
»Gut. Das Alles wissen wir. Wir
witsen auch, daß Jhr Bruder oft auf
die Jagd ging. Er streifte viel allein
im Walde umher. Am 15. Juli wollte
er Abends auf den Anstand gehen:
Sie begleiteten ihn durch den Pakt
bis zum Saum des Waldes, daraus
tehrten Sie in das Baue zurück· Sie
sahen Ihren Bruder lebend nicht wie
der. Als Sie am anderen Morgen auf
anden, wurde Ihnen gemeldet, das
hr Bruder noch nicht zurttagetehr
ei, Sie warteten bis Mittag, da Sie
tneelet set-entriß hegten. Dann
suchten Sie nach ihm, schickten einige
Leute aut, welche die Leiche M
Bruders im Walde fanden.«
»Ja, so war et.«
»Ihr Bruder war erschaffen. —Zu
erit alaubte man an einen Ser ord
oder an einen Unfall. Die n deren
Umstände ergaben. das diese Anna
nttch aufrecht zu erhalten war
Plati. auf dem Ihr Bruder auf dem
Anftande gesessen, zei te Spuren von
einem leichten Kamd . Der Fa d
ftock, auf dem Ihr Bruder ge e en,
ftat noch in der Erde, er selbst laa
neben diefem Jaadstoch das Gewehr-,
mit einem abgeschosfenen Lauf, der
mti Rebvoften aetaden gewesen war
neben ihm. Er war mit einem Ar
mee-Revolver erschossen.
Einen solchen Revolver befaßen auch
Sie. da Sie KavallerieMeferveoffizier
sind. Dann fand man Eindrücke am
Boden, als habe Jemand neben dem
Erschossenen aetniet, vielleicht sich über
ihn gebeugt, um zu sehen, ob er todt
fei. Fußspuren leiteten in den Wald
hinein, doch der feuchte Moosboden
ließ keine deutliche Spur ertennen. ———
Habe ich die Umstände der That rich
tig daraeftellt?"
»Ja — volllommen."
»Lassen Sie weiter sehen Man ver
muthete, daß Wilddiebe ibn erschaf
fen. Aber es war tein Wilddieb in der
aanzen Umaeaend zu entdecken, auä
war es febr unwahrfcheinlich. daßsi
ein Wilddieb so nab bei Ihrem Hause
berumtreiben sollte. Kurz, der Ver
dacht mußte fallen gelassen werden.
Es wurde nach anderen Verdachtiaen
aeforicht, —- der Mord ionnte aus
Rache, im Streit. oder um den Tod
ten zu berauben. da er stets Wettb
fcchen bei sich führte, vollbracht sein.
Es wurde nichts gefunden. Jbr Bru
der war bei Jhren Leuten und den
Torfbewobnern sehr beliebt, er that
manches Gute und schenkte reichlich.
Ein Liebesverbältniß unterhielt er in
Wendessen —- so weit wir wenigstens
wissen —auch nicht. Ein Naubmord
laa nicht vor, denn die mit einer aris
ßeren Summe gefüllte Börse fand sich
bei dem Todten, ebenso feineUbr und
seine Rinae. Ein eufiillia entstandener
Streit wäre möglich: aber man ermit
telte Niemanden. der an jenem Abend
im Walde aewefen war. Da fiel der
Verdacht auf Sie, da Sie der einzige
Mensch waren, welcher Vortbeil von
dem Tode Jbres Bruders hatte· . . Sie
waren sein Erbe. und man wußte, daß
Ihre Verhältnisse nicht allzu glänzend
waren«
sFortsetiuna folgt.)
-,-s’ —
Das verlemeedete sterdetlelteth
Es steht noch immer und überall
so, daß fast jeder, dem man zumutden
würde, Pferdesleisch zu essen, nicht
weniger empört darüber sein würde.
als wenn man ihm ein faules Ei
oder dergleichen vorgesetzt hätte. Jn
Berlin sind zwar während der letten
Jahre Versuche gemacht worden. dies
Vorurtheil zu bekämpfen und die
Cszbarleit oder vielmehr sogar die
Schmackhastiateit des Pferdefleischeb
durch Veranstaltung öffentlicher
Madlzeiten praktisch zu beweisen, aber
man kann vorläufia nicht sagen, das
die alte Abneigung aeaen das Pferde
fleisch dadurch in weiteren Kreisen er
schüttert wäre.
Jetzt bricht Dr. Luerssen aus Kö
niasbera in den Blättern für Voll -
aesundheitspfleae eine neue Lanze f r
das aeächtete Nahrungsmittel und
weist zunächst historisch nach, wie das
Pferdefleisch zu einem schlechten Ruf
aetommen ist. Die alten Deutschen
schätzten das Ronfleisch als Nahrung
sebr hoch, verbanden jedoch mit dem
Schlachten der Pferde auch Opfer an
ihre Götter. Deshalb tarn später in
christlicher Zeit das Pferdeopfer in
den Geruch einer beidnischen Sitte.
Seitdem hat das Pferdefleisch bei den
christlichen Völlern als »urrein' und
damit auch als unaenieszbar gegolten.
Die Roßschlächterei ist dann erst im
19. Jahrhundert allmählich zu einem
Gewerbe aeworden. namentlich nach
dem 1825 eine französische Kommis
sion und später der berlibmte Natur
forscher Geoffrov St. Hilaire den Ge
nuß von Pferdefleisch als einem
durchaus einwandsreien Nahrungs
mittel, empfohlen hatten. Bei asiati
schen und amerikanische-i Nornadew
vältern binaeaen ist es nie außer
Gunst aetommen.
Die Zuträglichieit des Pserdeskeis
sches fitr den Menschen ist von wis
ienichastlicher Seite nie bezweifelt
worden. Ein grosser Vortheil liegt
darin. daß es teine Zinnen Trichinen
oder ähnliche gefährliche Schmaroher
enthält. Der Preis ist verhältnismä
ßig sehr niedrig. Thatsiichiich wird
es ja bereits in großen Mengen ge
gessen. wurden doch im Jahre 1903 in
Preußen allein 77,282 Pferde e
schlachtet. Leider geschieht der -
nuß vielfach, vielleicht sogar in den
meisten Fällen, unbewußt aus dem
Wege des Betruges. Der Nahrungs
mittelchemiter kann Pserdeileisch al
lerdings immer leicht von anderem
Fleisch unterscheiden, nicht lo aber der
Laie, besonders wenn es durch kleine .
Kunstarisse hindurch gegangen ist.
Ein anderer Theil wird bewußt von
armen Leuten aeaeiien. und da stellt
sich wohl ost mit der Noth auch der
Geschmack ein, wenn auch meistStill
ichweiaen daritber beachtet wird, um
dem Spott oder der Verachtung zu
entaehen
Die Liebe zum Gelde der Anderen
ist die Wurzel alles Uebels. .
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Wenn ein Autor durchsiillh ist das
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