Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, April 28, 1905, Sweiter Theil., Image 13

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    Ver kleine Piatow.
Eine Militiirxschichte don Frh. d.
chlich t.
—
Der kleine Platow hatte Welt
Kmrz Zwischen Fisch und Braten
otte sein Nachbar diese Thatsache
plohlich konstatirt und von Mund zu
Mund ging es: »Der kleine Platorv
hat Weltschinerz«. Und Alle sagten:
»Der kleine Platow«; nicht ein Ein
ziger ließ die Worte »der kleine« fort,
in denen eine gewisse Zärtlichkeit la .
Der kleine Platow war der Lie -
ling des Regimente5. Alle verzogen
und verhätschelten ihn. der Oberst an
der Spitze. Sein frisches, fröhliches
Wesen, sein ossenes, freies Gesicht,
eine tadellosen Manieren nahmen
lle fiir ihn ein. Und heute hatte der
kleine Platow Weltschmerz. «
Aber dein kleinen Platow nützte es
nichts.
Und je aufmerksamer die Kamera
den wurden, je mehr sie versuchten,
ihn zu trösten, da sie ihm anmerlten,
daß eine schwere Last ihn bedrückte,
um so stiller und ernster wurde der
kleine Platowz sein tleines Gesicht
wurde immer blasser und blasser, --—
und plötzlich stand er auf, um sich zu
verabschieden. Niemand machte den
Versuch, ihn zurückzuhalten, aber un
ausgesprochen ging es von Mund zu
Mund: »Wir dürer ihn nicht allein
lassen! Einer muß bei ihm bleiben«.
Alle standen im Begriff, ihm zu foll
gem aber als sich die Thiir hinter ihm
geschlossen hatte, entschied die Stimme
des Tischältestem »Lobe, gehen Sie
mit ihm. Sie sind ja sein bester
Freund, trösten Sie ihn, und wenn
Sie allein teinen Rath wissen, dann
kommen Sie zu mir oder wenden Sie
giech an einen anderen älteren Kamera
n.'«
Lohe traf den Kameraden noch in»
der Garderobe: »Ich wußte, daß mir
Jemand nachgeschickt würde; es ist
mir lieb, dasz gerade Du es bist.
Komm mit mir in meine Stube! Hel
Ien kannst Du mir auch nicht« aber ich
din dann wenigstens nicht ganz
allein.«
Platow wohnte in dem stizier
sliigel der.fiaserne. lfk öffnete die
Thür zu seinem Zimmer; es war tglt
nnd ungemiithlich trotzdem die Lampe
bannte
»Nun, alter Freund, schütte Dein
Herz auö«, begann Lohe. »Etwa5
Schweres muß Dich bedrücken. Ver
trane Dich mir an. Was istH?«
Platow ging in seinem Zimmer aus
und ab. Jetzt blieb er vor dem
Freunde stehen: »Es ist ja eigentlich
Unsinn, daß ich Dir Alles erzähle,
aber vielleicht ist es doch gut, wenn
wenigstens Einer im Megunent Be
scheid weiß. um später falschen Ge
ritchten entgegenzutreten zu können.
Das Nähere erzähle ich Dir nachher.
Für setzt nur dir Mittlyeilung, daß
wir heute zum leßten Mal zusammen
sind. heute noch muß ich zur Wasse
greifen und von dieser Welt Abschied
nehmen-« .
Lohe sprang in die höhe und starrte
den Kameraden an: dWas willst
Du?«
Er hörte aus den Worten des
Freundes nur zu gut beraus, daß es
ihm bitterer Ernst sei mit dem, was
er sagte, aber er wollte und konnte das
Entsegliche nicht glauben; der junge,
ewig eitere Kamerad, der ihm da in
seiner Jugend, laum vierundzwanzig
Jahre alt, gegenüberstand-, wollte sei
nem Leben ein Ende machen, wollte
sitt immer sottgehen aus dem Kreise
der Kameraden und aus dem Regi
ment?
»Lieber Freund«, sagte Platow,
»ich weiß Alles, was Du mir sagen
willst; es ist dasselbe, was man
immer in Fällen dieser Art zu sagen
pflegt: daß man einen solchen Ent
schluß, besonders in meiner Jugend,
stets in der Uebereiluna sassr, daß es
zudiesem äußersten Schritt immer
noch Zeit sei, daß es sicher noch einen
anderen Ausweg gebe-und derglei
chen Redensarten mehr, die zwar gut
gemeint sind, aber wirtlich nichts
niiMLn Höre mich an:
in ganzes Leben, von derStunde
meiner Geburt bis zu diesem Augen
blick, ist eigentlich weiter nichts als ein
Trauerspiel in zahllosen Alten gewe
sen. Mein Vater war, wie Du weißt,
Ossizier, der im letzten Feldng Jn
valide wurde und von seiner tümmer
lichen Pension lebte. Sechs Kinder
waren schon da. Du tannst Dir also
denken, daß mein Erscheinen ni tmit
reude begrüßt wurde. Meine utter
arb und wenig später auch der Vater.
toch als Säugling tam ich, zu Ver
wandten, die großen Reicht um, aber
lein Herz besaßen. Man steckte mich
in das Kadettenrorps Du tennst das
Leben dort und ich brauche es Dir
nicht zu schildern. Obendrein em
pfand ich für den Soldatenberus nicht
nur nicht We leiseste Neigung, sondern
fing ihn mit ver den« zu nassen an·
Ich war ein uter Schüler, im Em
zieren der Be te; ich wurde den Ande
ren als Muster hin eftellt und das
Lob regnete auf mi herab. Das Ta
lent zumSoldaten war mir angeboren,
eber vie Liebe zum Beruf fehlte mit,
das ewige Einerlei des Dienstes wi
derie mich an.
»Mein ganzes niilitiirischeg Leb-en
war weiter nichts als eine große
Liige,«i fuhr Platoto nach einer lukzen
Pause fort· »Ich log, weites ja doch
einen Ekweck gehabt hätte, dieWalzrs
heit zu agen. Hätte ich meinen Vers
wandten geschrieben: nehmt mich aus
tem Corpö beraus, laßt mich ftudiren
oder ein Handwerk lernen, so Mitte
nkan mich für wahnsinnig gehaiten.
So wuchs ich heran und der große i
Tag kam, wo ich als Föhnrich in die
Armee gesteckt wurde. MeineVerivand
ten bewilligten mir großmüthig eine
Zula , unter der Bedingung, daßi
nsie schinden mache; aber als i
Leutnant wurde, mußte ich meinem
Onkel doch eine Schuld von zweihun
dert Blatt beichteii. Jn meiner Gut
müthigkeit hatte ich mich verleiten las
sen, sur einen Kameraden, der später
tun die Ecke ging, zu bürgen. Umge
hend schickten meine Verwandten das
Geld, aber zu leich auch die Mitthei
Hung, dag ich fortan zii ehen solle, wie
ich ohne ulage durch die Welt komme,
denn ich hätte das in mich gesetzte
Vertrauen schändlich mißbraucht. Für
einen Augenblick dachte ich daran, ih
nen den wahren Sachver lt zu erklä
ren, dann aber bäumte ich der Stolz
in mir auf: Lieber hungern als Al
"niosen annehmen! « «
Und ich, habe gehungert, lieber
Freund, in des Wortes wahrster Be
deutung. Wie t habe ich nicht eine
Einladung vorge chiitzt, um das Mit
tagessen im Kasino zu sparen. Daß
mein Onkel den monatlichen Zuschuß
zurückgenommen hatte, wußte nur ich
und ich war zu stolz, iini zu demLTberst
hinzugehen und es ihm zu sagen. Drei
lange Jahre habe ich so gelebt. Das
Einzige, was mir das Dasein erträg
lich machte, war die Freundschaft und
Zuneigung, die mir alle Kameraden
eiitgegenbrachten. Wie oft war ich
nicht in Versuchung, mein Herz irgend
Einem auszuschiitten! Doch immer
wieder sagte ich mir: Mach ein frohes
Gesicht! Helsen kann Dir doch Nie
inand.
, So spielte ich Komijdie und
kämpfte —- bis die Stunde tam, in
ter ich unterlag.
Ein Jahr ist es heute her. Die Ve
sichtigung durch Excellenz stand Vor
her Thiir und wir hatten vom frühe
sten Morgen bis zum Mittag Dienst
abgehalten; zuerst Instruktion, dann
Ckxerzierem Gewehr über, Gewehr ab,
Rechtsuni, Linlsum, Front und Kehrt.
Mehr als vier Stunden lang. Wäre
ich Soldat mit Leib und Seele, so
liötte mir die Sache sicher Freude ge
macht; so aber ekelte es mich an, und
als der Dienst endlich ferti war, war
auch ich mit meinen Krästen fertig.
Man muß mir meine vollständige Er
schlaffung angemertt Haben, denn der
Oberst rief mich zu sich heran: »Ma
toiv, so geht es nicht weiter, Sie rei
ben sich im Dienst aus. Sie miissen
unbedingt einmal Etwas für sich
ibunt Wenn die Besichtigiina zu Ende
ist, müssen Sie aus Urlaub gehen.
Wir sprechen später darüber.«
Wie ini Traum iam ich in meiner
Stube an: Urlaubs Von deni Tage
an, wo mein Onkel mir die Ziilage
eiuzog, hatte ich die Hoffnung, jemals
auf Urlaub zu fahren, fiir immer be
graben· Jch hatte nie daran gedacht,
Jemale eine Reise zu machen; denn wo
her sollte ich die Mitttel nehmen? Mit
den dreißig Mart, die ich im besten
Fall von meinem Gehalt zu sehen be
tnni, lonnte ich doch nichts unterneh- «
men. Nun erinnerte mich der Kom
mandeur daran, daß es auch für mich
Urlaub auf der Welt gebe. Und mit
einem Male packtees mich wie eine
wilde Leidenschaft: reifen,«-- nur ein
einziges Mal auf Reisen gehen können,
nur einmal vier Wochen fort von dein
itasernenhofi Ach, wag erhoffte ich
nicht Alles von dieserReises Und plötz
lich stand mein Entschluß fest: Du
wirst fahren. Jch war außer mir vor
Freude..· Aber die Freude fchtvand
schnell wieder. Woher sollte ich die
Mittel nehmen? Mit einem tleinen
Vorschuß beim Zahlmeifter war mir
nicht edient; was nützten mir fünfzig
cder echzig Mart? Jch brauchte mehr
Geld, ich mußte mich ganz neu aus
riisten, besaß fein Civil, und wenn ich
nun einmal reiste, wollte ich wenig
stens die vier Wochen frei von allen
Sorgen fein.
Aber woher die Mittel nehmen?
Schon hatte ich meinen Entschluß wie
der auf egeben: da fiel mein Blick auf
einen V rief, der auf dem Tisch lag.
Wer hatte mir Etwas zu schreiben?
Monate vergingen, ohne daß die Post
zu mir kam. So öffnete ich neugie
rig das Couvert und las mit Erstau
nen dies ferte, in der ein Gelddar
leihet O fizieren jede Summe zu
mäßigen .» insen anbot. Jch warf das
Blatt in den Papiertorb, aber ich holte
es gleich darauf wieder heraus und
lanes immer und immer wieder. War
es nicht mehr als ein Zufall, rast ich
das Schreiben gerade in diesem Au
genblick erhielt? Später habe ich ja
erfahren, daß der Mann nicht nur
mir, sondern allen Kameraden seine
Offerte geschickt hat.«
Mit ganz entsehten Augen sah Lohe
den Kameraden an: »Jehi ent inne ich
mich. . . Hoffentlich hast Du ich mit
dem Halsabschneider nicht eingelassen!
Der Oberit warnte uns noch vor ihm
und drohte Jedem mit ehrengericht:
licher Untersuchung, der sich an ihn
wenden würde." H
Um Piatows Mund spielte fiir
einen Augenblick ein leises. milbes
Lächeln: »Wie fast jede Ermahnung,
to tam auch diese zu spät, wenigstens
siir mich- ich·haite das Gelb, zweitau-v
iucd Mart, bereits in der Tasche.
lind ich glaube, i hätte in der Stim
;ung un Verfa ung, in der ich mich
amals efanb, die Seligkeit, auf
Reisen gehen zu können, wenn es hätte
iein müssen, noch weit theurer bezahlt
als mit den taulenb Mart Zinsen, die
der Mann sich m Voraus dafür bes
rechnete, baß er mir half. Zweiun
iend Mart erhielt ich, für dreitausend
schrieb ich quer.«
»Aber Piatom wie konntest Du
mit-» Das war alles, was Lohe vor
Mast und Entsetzen zu sagen ber
mochte.
»Ja, wie konnte ich nur?« wieder
holte Platow. »Das habe ich mich auch
tausend und aber tausend Male ge
fragt, seit ich das Geld verausgabt
hatte, der Urlaub zu Ende war und
ich nur zu schnell einsehen mußte, daß
das Wort wahr ist: Ketten drücken
Den am wenigsten, der sie immer
trägt. Vier Wochen hatte ich mich in
ter Welt herugnietrieben, als freier
Mann. Ja, diese «vier Wochen sind
die einzigen meines kurzen Lebens,
in denen ich mich glücklich fühlte, weil
ich zum ersten Mal seit fünfzehn lan
gen Jahren keine Uniforin trug, keine
Soldaten sah, keine Griffe Und Wen
dungen zn tomniandiren brauchte.
Auch seitdem brachte ich das Kunst
stüct fertig, als diensteifriger Offizier
Fu erscheinen, und immer war ich der
rohe, lustige Kamerad, trotz allen
Sorgen, die mich drückten. Auf Ur
laub hatte ichs nicht daran gedacht;
jetzt aber ließ die Sorge mich keine
Nacht schlafen. Von dem Augenblick
anJvo ich hier wieder meine Raser
nennuve verrat, quane mich viel
Frage: Wie willst Du die dreitausend
Mark Schulden zuriictzahlen?«
»Aber so was überlegt man sich doch
vorher,« warf Lohe ein: »Du mußtest
doch wissen, daf; Dir’s nie möglich
sein würde!"
Platow lachte bitter aus: »Du hast
ja so Recht, lieber Freund; und ge
wiß hätte ich mirs damals selbst ges s
sagt, wenn meine Nerven nicht meh »
als überreizt gewesen wären. J s
hatte damals nur den einen WunfchJ
nnr den einen Gedanken: Du mußt»
fort, wenn Du hier nicht in der Tret
mühle wahnsinnig werden sollst . . .
Jn schlaflosen Nächten habe ich mich
unzählige Male gefragt: War es
nicht ein bodenloser Leichtsinn, daß
Du damals auf Urlaub ainaest?
Aber ebenso oft habe ich mit einem
lauten »Nein« geantwortet Und ich
bereue es auch heute noch nicht, trotz
dem das kurze Glück, das ich genoß,
meinem Leben ein Ende macht. Denn
sterben muß ich. Mein Ehrenwort ist
seit St den verfallen. Als ein Ehr
loser ste ich vor Dir. Jch bin un
wiirdig des Stockes-, den ich trage.«
»Aber um Gottesmillm warum«
haft Du Dich denn nicht bei Zeiten
nach Hilfe umgesehen? Jch selbst,
so weit ich’s vermag, ein Jeder hätte
Dir nach Maßgabe seiner Mittel mit
Freude Geld zur Verfügung gestellt.«
Wieder spielte ein leises, mildes
Lächeln um Platotvs Mund: ,,Glaubst
Du wirklich, ich hätte nicht daran ge
dacht? Aber Jeder von Euch hätte
mich gefragt: ,,Wozu brauchenSie das
Geld?« Und selbst wenn Ihr mich
nicht gefragt hättet, zugesliistert hät
tet Jhr’s Euch doch: Platow muß
Schulden haben. Ueber kurz oder
lang wäre die Wahrheit an das Ta
geslicht gekommen, - und was
dann? Das Ebrenaericht hätte mich
erwartet, das Osfiziersrorps hätte es
vielleicht für seine Pflicht gehalten,
die Schuld zu bezahlen, aber mich
selbst hätte man ehrenaerichtlich we
gen Schulden verabschiedet
Ich habe nichts unversucht gelassen.
Jch habe allen Stolz gezähmt und so
gar an meine Verwandten geschrie
ben. Jch habe die absolute Gewiß-«
heit: wenn ich nicht mehr lebe, wird
der Onkel die Schuld tilgen. Das
erfordert seine Ehre als Großlauf
mann. Aber so lange ich noch hier
auf der Erde weile, giebt er nicht ei
nen Pfennig. Und schließlich . . .
Jch weiß überhaupt nicht, ob mich Je
mand verstehen, mein Thun und Han
deln begreifen wird. Die Meisttn
werden sagen: Was brauchte er auf
Urlaub zu fahren? Wer lein Geld
hat, muß hiibsch zu Hause bleiben.
Er war ja noch so jung und hätte
ruhig warten können; vielleicht hätte
er noch einmal in der Lotterie gewon
nenloder es wäre ihm sonst irgendwie
Geld in den Schoß gesallen.«
Der kleine Platow fuhr sich mit
der Hand durch die Haare: »Ich höre
im Geist all die Redensarten. an ei
ner Hinsicht aber haben die Leute
Recht; ich hätte warten iönnen, bis
ich Hauptmann- zweiter Klasse war
Das dauert ja . . . nur noch zwölf
Jahre.«
Das klang so traurig, so verzagt,
daß Lohe in die Höhe sprang und den
Freund an der Schulter packte:
»Mensch, Platow, Alles, was Du
sagst ist ja Unsinn. . Du sollst nicht
sterben! Jch ncll zu meinen Bekann
ten gehen, will sur Dich, nein: siir
mich selbst bitten. Morgen schon
kannst Du das Geld in Händen ha
,,Und selbst wenn ich es jetzt hätte,
wäre es zu spät. Seit Stunden ist
mein Wort verfallen, das Schreiben
an den Kommanchr ist unterwegs,
retten lann mich Niemand und meine
Ehre tann ich mir nur selbst wieder
geben. Und deshalb bitte ich Dich
noch einmal: Leg Du wenigstens ein
gutes Wor silr mich ein. Willst Du?«
Aber L hatte die letzten Worte
kaum gehört. Er saß in tiefem Sin
nen und Grübeln. Es war ja ein
Wahnsinn, was Platow sagte; noch
mußte sich ein Ausweg finden lassen.
Er schlug die hände vors Gesicht und
zermarterte sich sein« Gehirn
Sonsah und hörte er nicht« wie
Plato mit leisen Schritten in das
Nebenzimmer ging. Mit einemSchrei
fuhr er erst in die Höhe, als aus dem
Zimmer nebenan ein Schuß ertönte.
WPlatowsp
Lohe stürzte in das Schlaszimmer.
Da lag der Kamerad aus seinem Bett.
Aus der Wunde in der Schläfe sickerte
das Blut . . . . Der kleine Platow
hatte eine lurze Spanne Glück mit
seinem Leben bezahlt. I
Die lange Reise.
Skizze von E. Hildebrand.
»Schicke sie zu mir,« sagte der alte
Herr Bornemann zu seiner Seh-wäge
xrin, »ich werde sie schon zur Vernunft
bringen«
»Gott ebe es,« seufzte seine Schwä
gcrin. ,," enn ihr Eigensmn und der
ewige Zank daheim ärgern mich noch
zu Tode.«
Eine Woche später stand der Besitzer
von Birkenseld, Herbert Bornemann,
auf der Freitreppe, um seine wider
spenstige Nichte Else zu empfangen.
Er zog die Stirn in Falten, als er die
Unheimlich vielen Koffer und Schach
teln ·ah, die sie mitbrachte.
Ecke Bornemann sal) diese Falten
und sagte etwas malitiög:
,,Lieber Ontel, Papa nnd Mama
meinten, ich müßte bei Dir bleiben, bis
ieb anderen Sinn-es geworden. Wenn
es Dir aber nicht paßt, kann ich gleich
wieder geben!«
»Nein, mein Kind,« versetzte der
alte Herr, den die Keclheit der Nichte
Lmiisirte, »Hu bleibst hier. Deine
Dante uno Beine Kommen erwarten
Dich. Komm mit.«
Else Bornemann sah den alten
Herrn mißtrauifch von der Seite an,
dann schritt sie mit ihm die breiten
Stufen empor.
Das herzliche Willkommen welches
die Tante nnd die Kousinen ihr boten,
verfcheuchte bald die schlechteLaunse der
jungen Dame.
Nach dem Essen sagte der Onkel,
er erwarte Else um acht Uhr in seinem
Arbeitgzimmer. Else wußte, was das
bedeutete. Aber sie nahm sich zusam
men. Punkt acht llhr klopfte sie an
die Thiir zu des Onkels Arbeits-zwi
ner nnd trat ziemlich selbstbewußt und
mit einer Würde ein, alg ob sie sich
Vor nichts in der Welt fürchte. Aber
sie konnte es nicht verhindern, daß
ihre Kniee zitterten.
Und es war aut, daß sie sich so ge
Mppnet, denn Onkel Herbert eröff
nete die Ulttacle in einer sehr merkwür
;digen Weise.
Heinz Alberg war nämlich in seinem
« Arbeitgziminer.
Einen Augenblick drohte dieser un
Herwartete Anblick Else alle Kraft und
»Selbstbeherrschung zu rauben, dann
aber beherrschte sie sich. Sie nahm
»den Kampf aus.
i »Nun, tleineg Fräulein," begann
der Onkel, .- währen er Else einen
Stuhl isinschob, »inöchteft Du mir
wohl sagen, wag Du an diesem Herrn
hier augzuietzen hast?«
Else war sehr blas; geworden.
»Gar nichts habe ich an ihm auezu
setzen« erwiderte sie. »Aber heirathen
will ich ihn nicht!«
»Na, ja. das habe ich schon gehört,«
sagte der Onkel. »Aber ich wollte es
nicht glauben«
Elfe’5 Wangen iiberzoa Purpur-—
gzuth, als der Onkel laut auslachte.
»Ich will nicht einen Mann heira
then,« fuhr sie heftig auf, »blof; weil
ihn die Familie Jahre lang kennt —
und weil er reich ist —— nnd weil er
lgerade so gut fiir mich Paßt - -- nnd
»weil er hübsch ist nnd weil feine
’Besitzungrn gerade an die unseren
grenzen und weil Jeder eg so gern
sehen würde, daß wir uns heirathen
I — und weil das schon ausgemacht
war, als wir noch Kinder waren —
und so weiter und so weiter!«
Fräulein Bornemann,« fiel hier
Heinz Albers mit scharfer Stimme
ein, während seine duntlen Augen
Feuer sprühten, ,,heirathen Sie, wen
Sie wollen. Jch wollte Sie erringen,
weil ich Sie liebte - s alles andere
kommt siir mich nicht in Betracht! Sie
waren meine ersteLiebe - —-eg aibt aber
noch mehr Mädchen in der Welt, die
man heirathen kann! Nun, wir beide
haben nichts mehr mit einander zu
schaffen. Das Mädchen, daS ich ’uial
heirathe, sei es arm oder reich, vor
nehm oder gering, mus; mir die Arme
entnegenbreiten und sagen: ,,.L«»einz, ich
liebe Dich!«
»Und eine ganze Menge junger schö
ner Mädchen gibt eg, die das sagen
wiirden, lieber Heinz,« siiate der alte
Herr hinzu.
»Ich weiß ganz genau,« suhr der
junge Mann leidenschaftlich fort, »daß
nur Dein Eigensinn und Deine Wi
derspenstigteit Dich so handeln lassen,
Else, denn im Jnnersten Deine-J Her
zens liebst Du mich doch! Aber Du
wirst eg erst einsehen, wenn ich fiir
Dich verloren bin!«
Bei den letzten Worten trat er aus
Else zu und zog sie fest an sich. Sein
Werden war bisher so steif, respekt
voll und nüchtern gewesen, das-, dieser
Gefühlsausbruch, diese stiirniische
Umarmuna sie völlig verwirrte. Sein
Herz schlug dicht an dem ihren, sein
Mund preßte sich in so gliihendein
Fluß auf den ihrigen, als wolle er ihr
die Seele verbrennen.
Dann ließ er sie los und schritt der
Tliiir zu.
Und als sich diese hinter ihm ge
i schlossen, rief der Onkel:
»Da geht der beste Mensch von der
:Welt hin —dirett seinem Ruin ent
I gegen«
Dann drückte der alte Herr aus die
Jelettrische Klingel und lies; seine Gat
tin zu sich bitten.
Als diese erschien, sagte er: »Bitte,
liebe Doris, lasz Else’s Sachen so
schnell wie möglich packen. Sie beglei
tet mich noch heute nach meinem neuen
-Jagdschloß. Dort kann die Förstersss
siau siir tie sorgen und später tann ihr
Vater sie abh-olen. Jch will nichts mehr
mit ihr zu thun haben.«
»Aber, lieber Herbert, sie sollte doch
««hier bleiben, bis sie ihren Sinn geän
dert hat,«' entgegnete seine Gattin.
«Sie kann ihren Sinn ändern, ehe
die ahrt beendet ist! Andernfalls bin
ich ertig mit ihr!«
»Aber in dieser entsetzlichen Nacht
und die weite Reise!«
»Sie kann eineDecke mitnehmen und
einen Fußsact!«
»Diese lange Fahrt, ich kann es
wirklich nicht zugeben. Watte wenig
stens bis morgen-«
»Liebe Doris, ich bitte Dich allen
Ernstes, zu thun wag ich wünsche.
Jch will dieses Mädchen nicht unter
meinem Dache haben Sie steckt mit
ihren verrückten Jdeen und mit ihrer
Widerspenstigleit höchstens noch unsere
Mädels ant«
»Ich bitte Dich, Tante, sage nichts
mehr. Jsch bleibe nicht mehr hier!«
Damit lief Else aus dem Zimmer.
Eine halbe Stunde später saß sie neben
dem Onkel im Wagen. Sie lehnte sich
in die Kissen zurück und dachte nach·
Der alte Herr sprach keine Silbe.
Nachdem sie ungefähr iimei Stunden
gefahren, begann Else endlich:
»Was meinst Du eigentlich damit,
Onkel« daß Heinz Alls-ers seinem Ruin
entgegen ginge?«
Der Onkel lächelte im Dunkeln.
»Wenn ein hübscher, junger und rei
cher Mann in »dem« Zustande nach
Berlin fährt, wie Heinz Albers—und
er fährt natürlich nach Berlin-dann
geht er eben seinem Ruin entgegen.
Er stürzt sich in deu Strudel des Ver
gnügens, trinkt, spielt und heirathet
schließlich das erste beste Weib, das
ihm sagt: »Dein-L ich liebe Dich!«
Else erschauerte Sie fragte sich im
Stillen, ob er andere wohl eben so
küssen würde, wie er vor einigenStun
den sie geküßt. Ein unendlich wehes
Gefühl durchzuckte sie, und es kam ihr
trie eine Beleidigung und wie schnöder
Verrath an ihr vor. das-, Heinz je eine
andere so kiissen könnte.
»Du weißt eben nicht, was Liebe
is«,« fuhr Onkel Hertert fort. »Und
Du weißt nicht, trag aus cinemManne
werden kann, der sich aus Verzweif
lung in den Strudel des Großstadt
lebens stürzt, wenn seiner Liebe der
Todesstoß versetzt loordenf«
Eise begann leise zu weinen: aber
der Onkel that, als höre er es nicht.
All die Brocken der Unterhaltung die
ab und zu fielen, drehten sich einzig
und all-ein um Heini, und es schien
Eise als könne ihr ferneres Leben nur
noch im Schmerz und bitterer Reue
erfüllt sein.
»Es ist bald ein Uhr,« warf der
sOlntel ein, »und wir müssen bald da
ein.«
Plötzlich hielt der Wagen. Ter
Kutscher öffnete den Wagenschlag und
meldete, die Straße sei zu schlecht zum
Weiterfahren Ob die Herrschaften
wohl den Waldweg zuFusz gehen wür
den, wenn er ihnen mit der Laterne
leuchte-.
Der Onkel war damit einverstan
den, und sie stiegen aug.
lflse schmiegte sich fest an ihn, wäh
rend sie vorwärts schritten. Sie hatte
noch nie im Leben so neiroren und sich
so elend, so müde und unglücklich ge
fühlt.
»Es iit eine traurige Reise, Onkelsf
seufzte sie.
»Und so wird auch Dein ganzes Le
ben sein,« versetzte er. »Das Leben
eines herzloseu Weibes ist zuletzt nichts
als eitel Traurigkeit«
Jetzt brach Else in bitterliches
Schluchzen aus. Sie achtete weder auf
ihre Umgebung, noch auf den Weg,
den sie gingen, bis sie in ein Zimmer
traten.
»Ich lasse Dich jetzt allein, lflse«——
Da geschah etwas Unerwsartetes
Das junge Mädchen umtlannnerte den
Hals des Onkels und schluchzte:
»Ich werde nichts essen und nichts
trinken und nicht schlafen, bis ich ihn
wieder gesehen habe. Ich bitte Dich,
bringe ihn zu mir. Er wird doch nicht
gleich heute Abend nach Berlin gefah
ren sein! Bitte, bitte. Onkel!«
»Warum? Damit Du ihn in Deiner
Herzlosigteit von Neuem quälst?«
»Nein, Onkel, deshalb nicht -— -«
«Weshalb sonst?«
Der blonde Kopf sentte sich tief.
»Es ist, weil ich anderen Sinnes ge
worden bin!«
»Ah, das ist-etwas anderes!« rief
der alte Herr und schliipste ans dem
Zimmer·
Und im nächsten Moment stand
Heinz vor ihr!
Sie fragte nicht, wieso und warum
er hier sei. Sie breitete ihm mnr die
Arme entgegen und rief: ,,.Heinz, ich
liebe Dich!«
lind der junge Mann schloß sie in
die Arme und kiißte sie. Dann Plötz
lich öffnete sich eine Thür, heller Lich
terschein fluthete ins Zimmer nnd Else
hörte die Stimme des Onkels, der
Tante und der stousinen in einem all
gemeinen Lachen und aneln
Und als Else sich nmblielte, sah sie
durch die offene Thiir in das Arbeits
zimmer des Onkels.
,,« a, ia, liebes Kind, Du bist ans
Bittenfeld. Ich habe im letzten Jahre
einen Flügel angebaut, dessen Zimmer
Du noch nicht kennst. Ich hatte ein
Komblott geschmie«det, um Dich zur
Vernunft zu bringen, und meine List
ist gegliickt Jch dachte mir, daß ein
Paar Stunden reiflicherlleberlegnna in
der Einsamkeit Die die Ding-e im rich
tigen Licht zeigen würden. Wir Vers
ließen Virtenfeld nur, um nach ein
Paar Stunden hieher zuriietznkehren-«
durch den neuen, Dir unbekanntenlsin
gang. Und nun wollen wir noch ein
bischen essen. Denn wir haben gewiß
alle Hunger; das heißt, Kleine-, wenn
Du mir meine List vergiebst-’«
Eise lachte unter Thränen nnd
küßte ihn auf beide Wangen.
,,Also das war unsere lange Reise?«
sagte sie.
» , liebes Kind, ich brachte Dich
aus m Lande der Un rnunft in W
Land der Vernunft, un das ist gewiss
sermsaßen eine ziemlich lange Reise!«
Besser ist besser.
Junge Gattin: »Nun, Paul, was
meinst Du zu dem Essen, das ich Dir
koche?«
Gatte: »Es geht schon, aber vor
sichtshalber werde ich mir doch eine
Hausapothete ansdiaffen!«
Erkenmumcszcicheih
»Ich glaube nicht, daß der König
heute noch hier vordeikommt.«
,,Woraus schließt Du das?«
»Man steht ja weit und breit tei
nen Schutzmnnn.«
Der Erfolg.
Dame: »Meine Tochter war wäh
rend des Sommers in einem Bade, in
dem sich nur Damen aufhielten.«
Herr (lächelnd): »Gewiß hatte da
die Kur keinen sondierlichen Erfolg?«
Dame: ,,Docb, doch, sie hat sich mit
dem Badearzt verlobt!«
Seine Familie.
Tourist (zum Bauer-m »Na nu,
Sie als Besitzer des Gehöftes nehmen
Jhr Essen im Stalle ein?«
Bauer: »Ja, mir is vor drei Wo
chen mei’ Alte gestorben. Kinder hab’
i a keine, und wann i beim Essen so
allein sit3’, nacha schmeckt’s halt gar
net.«
Der Grund »
Gast (zu einem Kellnerpiccolo):
»Wie bist Du denn· dazu gekommen,
Aellner zu lernen?«
Piccolo: »Der Herr Lehrer hat im
mer gesagt, ich soll nur Kellner wer
den«
Gast: »Ja, warum hat er denn das
gesagt?«
Piccolo: »Weil ich beim Rechnen
immer mehr ’rangrechnete, als wie es
gemacht hat!«
Die Handtiachr.
A.: »Wie kommt das nur, alter
Freund, daß ich es zu nichts gebracht
habe, trotzdem Du viel dürnmer in
der Schule warst als ich und auch jetzt
noch Dativ und Attusativ verwech
selst?«
B.: »Ganz einfach, mein Lieber,
im Leben koriimt’s nicht darauf an,
ob bei einer Sache für mir oder vor
mich ’waLJ ransspringt, sondern dar-v
auf, daß es das auf jeden Fall thut.·«
Die Dilettanten -— Kapelle.
Der Dirigeni hat soeben den Takt
stock niedergelegt nnd verneigt sich ge
gen das Publikum. Posaunist wer-»
iutzt zu seinem Nachbarn«): »Js Es
denn schon aug, Jch hat« ja noch drei
Seitcn!«
Wohlmeinender Nath.
Hang rr lzu einem jungen Mann«
der ihn m alte Kleider bittet): »Hier
haben Sie auch meinen abgelegten
Trauroctl . . . Falls Sie aber noch
ledig sind, lassen Sie sich nicht etwa
durch ihn zu einer Dummheit hin
1·cißcn!«
Mater Rath.
Herr leinen Arzt aus der Straße
ansprechend·: »Ach, bester Herr Dok
tor, mir ist ganz erbärmlich zuMuthe..
Jch kann mich kaum noch fortbewegen
oor Mattigkeit Sagen Sie mir um«
llsiottegwillein was ich nehmen soll.«
Arzt: »Eure Droschke!«
Ausweg.
Wäsche Fabrikant: «J-hren Sohn
kann ich absolut nicht gebrauchen. der
Mensch ist ja fürchterlich schläfrig,
wag soll ieh blos mit dem Jungen an
fangen?«
Vater des Lehrlings: »Na, beschäf
tiaen Sie ihn doch in der Abtheilung
für Nachthemden!«
Der Arzt als Tröster-.
»Ich begreife ja sehr gut, daß Jhr
Schmerz ein herber ist, gnädige Frau
aber eins Muß Jhnen ein Trosz
sein: der Dienst, den Jhr seliger Her
Gemahl der Wissenschaft geleistet hat.
Sein Fall war der inteiessanteste und
lehrreichste, der mir in meiner dreijäh
rigen Praxis vorgekommen ist.«
Von der Setimierr.
Direttorz »Die Bauern wollen
durchau-:» daß bei der heutigen Bor
stellnna von »Wilhelm Tell« in Wirt
lichkeit nach dem Apfel geschossen wird.
Was thun mir nur, damit nichts pas
sirt?«
Regisseur: »Da nehmen wir halt ei
nen Kiirbis!«
Schwierig. »
Photograph: »Mein Herr, wenn Sie
etwa-J weniger drein schauen würden,
als ob Sie eine Titeehnung zu bezahlen
hätten nnd etwas mehr, als ob Sie
eine grosse Erbschaft gemacht hätten,
würden Sie ein sehr gutes Bild abge
den«
Man-, einfach.
Richter: »Was-E ist dar-, daß man
Sie fast jede vier Wochen beim Holz
stehlen erwischtk« -
Angeklagterz »Pech.«
Lonitctn
Chef tznm Bnchhcttter: »Wer hat
hier mehr zu befehlen, Sie oder ich?«
Buchhalterz Jedenfalls ich, denn
wenn Sie etwa-J desehlen, geschieht es
gleich, aber ich ninsi öfter befehlen, bis
»- »eichieht.«