Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, July 05, 1901, Sonntags-Blatt, Image 16

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    :
-,,Yach Yaris i«
Roman von heinrich Lee.
(6. Fortsedungd
»Das soll heißen, daß sich Herr von
Monstrejeau umsonst um mich bemüht,
daß ich seinen Antrag zurückweisen
muß. Meine Ansicht über ihn kennst
Du. here von Montrejeau kennt sie
selbst, denn ich habe gestern seinen Be
such nicht angenommen. Das sreilich
bat er Dir wohl verschwiegen. Es
wäre also gut gewesen, wenn Du ihm
gleich den nöthigen Bescheid gegeben
hättest!«
»Deine Ansicht! Deine Laune, sag’!
Deine Caprize!«
»O scheint, Papa,« bemerkte Hor
tense mit der gleichen Ruhe, »daß Du
der einzige bist, der über Herrn von
Montrejeau nicht genügend sorientirt
ist. Herr von Montrejeau gilt sür ei
nen Wüstling, einen Spieler. Selbst
von seiner Politik ist man überzeugt,
daß sie ihm nur als Deckmantel zu
gewissen unlauteren Dingen dient.'«
fWer sagt das?« fuhr der Oberst
au .
»Wer-? ·Alle Welt! Selbst seine ei
genen Parteigensossen wissen es. Nur,
weil er sich der Partei nützlich macht,
nur darum steht man ihm nicht aus
die Finger!«
Was war das? Aber kannte er nicht
diese Lügen, diese schamlosen Ver
leumdungen? Hatten sich diese Ver
leumder nicht an ihn selbst herange
wagt?
»Und wenn ich mich nun selbst bei
Dir für ihn verbürge? Wenn ich Dir
sage, daß das alles die schmuyigste
Verleumdung ist! Wem glaubstu
mehr —diesen Berleumdern oder Dei
nem Vaters«
»Ich glaube meiner inneren Stim
me, Papa, die mir sagt, daß Du Dich
vosn ihm täuschen läßt, die mich vor
ihm warnt!«
Der Oberst wurde heftig.
»Und der Wunsch Deines Vaters
gilt Dir nichts-? Montrejeau ist mei
ne Stütze, er ist Gras, er ist ein Eh
renmann, ein Patroit, wie es leider
nur noch wenige in Frankreich giebt.
Daß er arm ist — daß er vielleicht
Schulden hat? Dafür bist Du die ein
zige Erbin meines ansehnlichen Ver
mögens. Uebrigens habe ich ihm be
reits so gut wie mein sestes Verspre
chen gegeben. Jch habe ihm gesagt,
wir werden morgen in der Oper sein,
er soll in unsere Loge tommen.«
»Dann bedauere ich, Papa,« erwi
derte Hortense, »daß ich Dich in die
Oper nicht begleiten werde.«
»Du wirst mich begleite-al«
Der Oberst schrie. Dabei schlug er
aus den Tisch, und auf seinem zorn
entflammten Gesicht schwoll die blaue
Stirnasder an.
So hatte hortense ihren Vater noch
niemals gesehen. So sehr stand er
in dem Banne dieses Menschen, daß
ihre Vernunstsgründe nichts bei ihm
ausrichten konnten. Auch an die Die
nerschast dachte sie —- der laute Ton
hegte sie vielleicht schon an das-Schlüs
s- »Es --f- z
»Es ist gut, Papa, ich werde Dich
begleiten. Herr von Montrejeau mag
komm-en. Nur soviel verlange ich von
Dir, baß Du ihm Dein Versprechen
Du sagst, daß Du es ihm fast gegeben
hast —- noch nicht ganz giebft, daß Du
mir vorläufig noch Zeit läßt!«
Hortense hatte sich nicht verrechnet.
Der alte Herr beruhigte sich
»Ich lasse Dir Zeit « sprach er.
»Ich will Montrejeau sagen, er soll
Dich nicht drängen, und Du wirst-Dich
inzwischen überzeugen, ich selbst will
Dich davon überzeugen, mein Kind«-—
er küßte sie mit väterlicher Liebe aus
die Stirn —- ,,daß alles, was manDir
Schkechtes über ihn gesag hat, nur
Bosheit und Lüge ist. Jch will nichts
als Dein Glück.«
sSie zog sich aus ihr Zimmer zurück.
Es war ein reizendes Gemach im
saftigen Empirestil, die nur wenigen
Möbel vergoldet und die Wandtäfe
lang und der Plafond alles weiß.
Alles darin war auf ihre eigene An
ordnung gemacht. Aus dem schwar
zen Marmorkamin vor dem großen,
in vie Wand eingelassenen Spiegel
darüber-, stand in einer schlankenVase
von blauemSevre ein prachtvoller Ro
senstrauß. Es waren ishte Lieblings
blumen, unsd vom April bis in den
November hin-ein« wo ssk aus der Um
gegend in ganzen Wagenlsadungen
noch Paris gebracht wurden, durfte an
keinem Tage ein frischer Strauß da
von aus diesem Plätzchen fehlen. Das
hohe, bis aus den Fußboden reichende
Fenster mit dem niedrigen Gitter ba
vor war aus kostbaren Spitzen beste
henden Halbvorhängen verhüllt —
brises-b1ises hießen sse in Paris —
Vorhänge, die von oben bis ungefähr
zur Wie herabreichtem von wo ab
M Theil der Scheiben freibli,eb wäh
rend der untere abermals von Spitzen
M Mdeckt wurde. Der Dust der
m dein balbgeschlossenen Fenster vom
bewegten Atazienwipfel zog
Mund mischte sich mit dem der
Hortense hatte sich neben dem
er aus einen Divan niedergelas
M sie sann über das Gespräch
Mit ihre-n Vater nach.
- ais-wonnef- wen-sich
III- M gäbe sii r diesen Menschen
.M »rde. Was sie winte,
sit-e im, net them Beter in Frieden
-- W einen Msiitau chnb zu er
·«M Fian
noch rechtzeitig enthülltr. Wollte sie·
nicht überhaupt am liebsten unver
mäblt bleiben? Was für andere junge
Mädchen, wenigstens in Frankreich,
das heirathen zum Ziel aller ihrer
Träume machte — daß sie nämlich erst
als verheirathete Frauen ihre Freiheit
und Selbstständigteist gewannen —
das fiel für sie selber ja fort. Oder
sie heiratheten des weißen Brautllei
des und der Diamanten wegen, oder
sie heiratheten, weil sie — liebten.
Auch sie hatte einmal geliebt. Sie
war nicht mehr das Mädchen von da
mals. Sie war reifer und noch ,viel
verständiger und llüger geworden.
Nur um so genauer wußte sie heute
daß es die Liebe damals war, viel
leicht die einzige, die man im Leben
fühlt. War-um hatte von all’ den
glänzenden Cavalieren kein einziger
mehr einen Eindruck auf sie gemacht
wie Altdorfer? War es sein deutsches
Wesen? Seine Ehrlichkeit, sein ein
fach-froher Sinn, seine Tüchtigkeit
und Männlichteit, die Wärme, die
aus seinem Herzen ihr entgegenström
te? Hätte sie immer in Paris gelebt,
immer in ihrem Volle, das nichts an
deres auf der Welt kannte und aner
kannte, als nur sich selbst, und wäre
er ihr so in den Weg getreten — sie
wäre wohl an ihm vorübergegangen.
Aber sie hatte in Deutschland seine
Sprache gelernt, und mit der Sprache
deutsches Denken und ühlen —- und
Tante Julie, die ihr ter nie be
griffen hätte, hatte sie zu einem freien
Menschenkinde gemacht . . . . Sie dach
ie an den Abschied von ihm . . . . Erst
wollte sie ihm nur schreiben, aber sie
fühlte, daß das feig und sein-er nicht
werth war. So bestellte sie ihn in
später Abendstunde, während der Va
ter schon schlies, noch einmal in den
Garten, um ihm alles zu sagen. Voll
Trauer hörte er sie an; sie bat ihn, ihr
die Trennung nicht noch schwerer zu
machen, und er fügte sich in alles, was
sie von ihm verlangte· Sie reichten
sich die Hand. So schieden sie . Nicht
einmal seinGesicht hatte sie mehr deut
lich gesehen, dazu war es zu dunkel
gewesen.
Was« mochte aus ihm geworden
sein? Wo mochte er jetzt weilen? Ob
er noch manchmal zurückdachte an sie,
wie sie an ihn? Ja, sie glaubte es.
Ob er nun eine andere liebte? Ob er
eine andere vielleicht schon geheiratheti
Sie würde es wohl niemals erfahren.
Es war vorbei!
Von dem Alazsienbaum wehte der
Wind eine weiße Blüthe herein. Die
Blüthe fiel auf ihren Schoß. Hor
tense zserzupfte sie, und sie dachte an
ein deutsches Lied, das sie in Deutsch
land gehört, an ein Lied von Liebe
und Scheide-.
Es wurde vorläufig zwischen ihr
und ihrem Vater von Herrn von
Montreieau nicht mehr gesprochen,
auch nicht im Wagen, als man nach
der Oper fuhr
Asuch ani Louvre war lein Wagen
zu bekommen. Jn ein Restaurant, in
ein Cafe mit Hortense zu treten, die
sen Vorschlag wagte Altdorser nicht,
und der Regen fiel immer heftiger. Es
war noch nicht fünf Uhr, die Säle im
Louvre waren also noch geöffnet.
»Kommet Sie hinein,« sagte sie,
»es ist die einzige Rettun«g.«
Die Gemäldesäle waren von Besu
chern überfällt, natürlich alles Frem
de; in der dicken Luft war der Aufent
halt hier nicht gerade angenehm. Bes
ser, man ging in die Abtheilung der
Alterthiimer und thsasbgüsse, dort
war es weniger voll. Jn dem Saale
can Asshrien war es sogar gänzlich
J »
Sie standen vor dem »geflijgelten f
Stier« oder vielmehr hinter dieser Ko
lossalsigur. Selbst wenn Jemand vor
überging, so konnte er sie beide doch
nicht sehen. Hortense hatte ihr Ta
schentuch hervorgezogen, ein kleines,
tokettes Kunstwertchen, mit Hohlfaw
men befest, um sich den Regen aus
dem Gesicht zu mischen.
»Hortense,« sagte er ihr in’s Ohr,
»einen einzigen Kuß!«
Sie lachte.
»Aber was denken Sie denn?«
.Einen einzigen! Zum Lohn!«
»Zum Lohn?·« .
»Nun gut, zu tan Sie wollen!«
Sie besann sich —- und ohne ihn
anzusehen, erwiderte sie:
»Aber nur durch das Taschentuch!«
Er mußte wohl oder übel damit zu
frieden sein«
Die Diener gingen durch die Säle
und forderten zum Fortgehen auf.
Es war fünf Uhr. Der Ziegen hatte
aufgehört.
»Wann sehe ich Sie wieders« frag
te er.
»Ich weiß es noch nicht. Aber gehen
Sie mir Ihre Adresse.«
Er schrieb sie ihr ans seine Visiten
karte. Dann, als sie wieder auf der
Straße waren, rief er einen Wagen
heran. Sie hatte wieder ihren Schleier
heruntergezogen. Er half ihr hinein,
— durch das Fenster streckte see ihm noch
emnpal sdie Hand zu, dann fuhr der
Wagen davon und Altdorfer sah ihm
nach, bis er im Gedräng-e verschwun
den war.
Keines von ihnen Geisen hatte be
malt, daß see von dem Moment an,
wo sie durch den Lonvrehof ging-en,
beohachtet wurden. Wenn hortense
ihr Gesicht auch hinter dem Schleier
verbarg, ihre Gestalt, ihr Gan , ihr
graut, engl· chei Kleid, ihr irr-K
machten
rat I « degr- Fsmsikn m
W usw , et W W.
im He Mindr- setie sich hinter
l
ikren Wagen ein zweiter, und er
folgte ibm bis vor ihr Hauz.
7.
Wieder vergingen einige Tage, und
unsere Reisegesellschasttostete weiter
die Genüsse der Wussiellung und der
schönen Stadt Paris. Nur Altdorfer
kannte fich nicht daran beweiligen
Eine gewisse geschäftliche Angelegen
heit nahm ihn ganz in Anspruch. Am
meisten bedauerte das natürlich Mil
chen, aber soviel wußte sie ja von
ihrem Mann: Das Geschäft ging im
mer vor!
Endlich hatte man auch das »Dritt
sche Haus« auf der Aussiellung in
Augenschein nehmen können, denn
bisher war der Eintritt immer ganz
unmöglich gewesen. Stets war es von
Besuchern vollgepfropft, so daß die
Diener Niemand mehr hineinließen,
oder es hingen Zettel an den Thüren:
»Eintritt verboten« — »Geschlossen«.
Am meisten darin gefiel den Damen
die Aussiellung Friedrich des Großen,
zu der man sich allerdings erst auf eine
ziemlich weitläufige Art vom deut
schen Reichstommissariai besondere
Eintrittskarten hatte verschaffen müs
sen. Ein liebenswürdiger Mir von
der Regierung machte unsere Freunde
darin auf einen mit einer Silberborte
besetzten Tisch aufmerksam, der dem
großen König als Schreibtisch ge
dient batte. Von der Borte hatte sich
ein Stückchen abgelöst. und der König
hatte es selber wieder mit Siegellack
seggeklebh was man auch jetzt noch
A .
—
J
»Was der alte Fritz siir ein guter F
Wirth gewesen sein muß,« sagte Wil
helminr. -
Die Bilder waren alle von franzö
sischen Malern, das seinste Pariser
und ausländische Publikum bewun
derte sie, und wie sehr aus die Herren
Franzosen die mit dieser Ausstellung
ihn-en erwiesene Artigteit d- deut
schen Kaisers gewirkt hatte, das
merkten unsere Freunde am besten,
wenn sie aus den Seinedarnpfern fuh
ren. »Voila le pavillon allemand!«
riefen die Passagiere bewundernd,
wenn man an dem schönen Hause vor
beikam. Selbst Diiumchen wurde
dann stolz, daß er ein Deutscher war.
»Ja,« sagte er zu den Umstehenden
aus deutsch, gleichviel, ob sie ihn ver
standen oder nicht, Jan-as machen wir
zu hause eben!«
Auch das große Rennen in Auteuil
hatte man sich angesehen Bäumchen
wollte erst nicht mit.
»Das kann sich der Mensch doch
von alleine sagen,« meinte er, »daß
ein Pferd ’s erste sein mußt«
Aber Däumchen wurde überstimmt.
So etwas von Toilettenpracht, wie
hier in den Logen, aus den Tridiinen,
hätten die Damen nicht fiir möglich
gehalten. Und dann der Korso im
Bois de Boulogne. Das ließ sich in
Berlin und in Plauen gar nicht er
zählen. Plötzlich vernahm man in
dem unübersehbaren Wagengetiimmel
ein sernes Brausen, das immer näher
karn. Eine Kavaltaoe von Kürassie
ren sprengte durch die vor ihnen sich
Zfsnende Bahn heran, in ihrer Mitte
—- voran ein Spitzenreiter — eine
vierspännige Cauipage mit einein
weißbärtigen Herrn, der ein breites
rothes Band über der Brust trug.
»Wir-e Loubet!« riesen die Leut-e. Es
war der Präsident. Aber manche rie
sen einen anderen Namen dazwischen,
den des Spitzenreiters, der m ganz
Paris bekannt war — sie thaten es,
nur um den Präsidenten zu ärgern.
Wilhelmine wild das gar nicht hübsch,
denn herr Loubet machte einen sehr
anständigen, ruhigen, sympathischen
Eindruck. Noch weniger aber gefiel es
Milchem daß die Leute zu beiden Sei
ten der Allee links und rechts über
die Rasenziiune kletterten und dort
sich hinlegten oder ihre Eßwaaren ver
zehrten. Der Rasen War so schön ge
pflegt, es war wirklich jammerschade,
und kein SchuMann bekümmerte sich
darum. Das ritoiirdige war nur,
daß der Rasen diese schlechte Behand
lung schon gewohnt zu sein schien.
Ueberall richtete er sich wieder aus.
Es war eben eine ganz einziae Stadt.
Wie war sie nicht schon zu Boden e
drückt worden, und doch richtete sie ftch
immer wieder auf —- glanzvoll und
Am interessantesien aber war es·
doch in Versailles. Wenn man bedach
te, daß in diesen pracht-schimmernden
Niesensälen einst vie französischen Kö
nige gethront, umgeben von dem
Pranl Des Hosstaats —- und nun
wandelte, slutshete durch eben diese
Säle das geringste Volk hindurch, die
Männer den Hut aus dem Kopfe, vie
Frauen ihre Kinder an der Hand und
aus dem Aren. Ja, hier spürte man
das gewaltige Schicksal! Und nun erst
der große Spiegelsaal! Wenn man
bedachte, daß diese Spiegel dazu be
stimmt ervesen, die Herrlichkeit des
französischen Königthums mit-erzit
sttashlen —- unsd welche Bilder warfen
sie im Laufe der Zeit zurück! Den ins
Schloß hereingestürrnten Pariser
Plebs, der die Möbel hier zertrümmert
Und nach dem Blute der königlichen
Familie schrie! Dann Napoleon! Und
zulekt —- von allen Fügnngen die
wunderbarste — ans den Trümmer-n
dieser Könige und Kaiser die Aufrich
tu des neuen Reiches.
Ich glaube, es zieht,« sa te Mil
chen, und Brösicke, in seine hi orischen
Gedanken vertiest, wurde wieder an
die Gegenwart erinnert. Ganz un
glaublich allerdings war ed mit der
Hersahrt bestellt gewesen« Man hatte
dazu die von dem Louore abgehende
Tramway benutt Schon von weitem
sah man —- es war Sonntag —- iiber
den ganzen Platz eine ungeheure, wohl
nach Tausenden zählende Menge —
Milchen sbetum bereits Angst —- ge
wiß machten diese Masse Menschen
wieder eine Revolution. Aber nein,
ssc warteten nur aus die nach Bersails
les abgchewden Straßenstoagem Jeder,
der mitfuhren wollte, bekam in einem
neben dem Blase stehenden Kiost eine
Nummer, nach deren Reihenfolge das
Einsteigen vor sich ging.
»Warum sie sotoas nicht in Berlin
aus der Stadtbahn machen,« sagte
Wilhelnrine, während man aus den
ersten Wagen wartete, »wenigstens
iriirde das Gedränge nicht sein.«
Aber als der erste Wagen jetzt an
kam, stürzte sich trotzdem die ganze
Menschenmenge daraus, denn der
Schassner nannte die an die Reihe
kommenden Nummern, und jeder
wollte eben wissen, ob es seine war.
Ver-paßte man sie, so war das Warten
umsonst gewesen, denn nachträglich
wurde man nicht mehr mitgenommen.
Das also war das berühmte Num
mersystem. Und wie spärlich dabei die
Wagen kamen ·- und dabei wuchs die
Menge immer mehr. Eine Stunde
wartete man schon. Jn Deutschland
hieß es: »die Pariser seien ein un e
duldiges Bott,« aber sie ließen ch
»so etwas von Zustand« ganz ruhig
gefallen. Jn Berlin hätte man so ei
ner Straßenbahngesellschast einfach
die Wagen demolirt —- und wenn sie
zehnmal ihre Rechte und Contratte
mit der Stadt hatte. Auch diese in
ihrem Fortschritt stecken gebliebene
Bertehrsorganisation war einer der
Zöpfe, die dieser schönen Stadt Paris
im Nacken hingen.
»Wilhelm,« sagte Wilhelmine nach
der zweiten Stunde seufzend, »ich
sange an, mich nach Berlin zurückzu
sehnen. Paris mag schöner sein, aber
bei uns i es besser. Auch nach einem
richtign tück Brot sehne ich mich, die
lanqn Semmeln mit den Löchern drin
habZ ich.satt. Und dann sehne ich mich
nach einem ordentlichen deutschen Hap
penpappen. Jch glaube, Wilhelm, die
tleinen Portionen und die vielen Ge
ixiirke betommen Dir nicht. Du bist
utagerer gewosdm Wilhelm, ich sehe
es an Deiner Weste.«
Mich e’k"al Hohn mit Reis haben
sie!" siel Bäumchen, gleichfalls durch
die lange Wartezeit ergrimmt, ein,
»und siir zwei Zehntel Bier nehmen sie
einem siinssmdzsvsnzig Psenning ab.
Bärnn die Schrdnte da sind, reisen wir
a .«
,,Fetix,'« rief Milchen, »wir reisen
nicht eher —«
Aber sie besann sich. »Als bis
Altdorser sich ertliirt hat,« wollte sie
sagen. Glätlicherweise hatte Niemand
Zeit aus eine Vollendung ihres Satzes
zu war en, kenn eben langte wieder
einmal ein Wagen an, und nun tam
man endliss glücklich mit, natürlich
atser nicht oben aus dem lustigen Im
perial, sondern unten in den Schrots
tassen hinein. Nur Brösicke war wie
der still geblieben.
Tags Daraus langten sür Plauen die
Schrante an.
»Sie sgud da!« ries Bäumchen, an
den Mittagstisch stürzend.
»Gott sei"s getrommelt und get-fif
sen!· sagte Brösicle.
»Gott sei Dant!« riesen die Damen
wie aus- einem Munde.
Jn den nächsten drei Tagen wurde«
in der Abtheilung Plauen noch hastig
und emsig ena elt, gehobelt, gezim
Vi, grttoth m vierten Tage war :
Plslcll Ickclg. «
»A la donheur!« sagte Jedermann
bewundernd vor dieser Abtheilung
stehen bleibend. Die Schranke waren
einfach imposant, geradezu Kunstwer
te; see bestanden aus braunem Holz
mit Schnitzereien und Vergoldungen
—- beinahe fühlte man sich mit dem
Berliner Tischlermeister versöhnt —
sie waren in eni Viereck zusammenge
stellt und dildeten so einen gro en
Padillorn Und nun erst ihr blan
dend weißer Inhalt. Die feinsten
Spitzen und Gardinen, die man sich
denken konnte —- und nagelneue Mu
ster, die man anderswo überhaupt
noch nicht hatte —- sogar welche in
dem modernen SecessionsstiL Das
Schönste darunter aber war ein gan
zes Spitzenlleid —- alles darin in Re
liesstickerei. es kostete tausend Mark.
Alle Nachdaraussteller strömten her
bei, auch die Schweiz-en die Brüsseler,
und alle sa ten, die Plauener könnten
stolz aus i re Ansstellung sein. Nur
die Engländer sahen gleichgiltig, ja
ungünstia von Weitem zu, dafür wa
ren ihre Bitrinen auch die schädigsten,
ganz kleine und kümmerliche Dinger
von enisachem schwarzen Holz, und
dementsprechen war es auch mit dem
Inhalt bestellt.
»Wir kriegen den Grand Prixl«
schrie Däumchen vor Freude.
Auch Brösrcke und die Damen fan
den srch natürlich zur gebührenden
Bewunderun ern.
Bröslete n ckte mit dem Kopf und
sagte
»Amt«
»Nett!« hatte er gesagt. Däumchen
wurde dunkelrotln
»New Was meinst Du denn wie
der damit? Rettt E’ nettee Schwager
bistel Reidisch diste·, weil Du Dich nu
iir erst, dass Du nicht auch ausgestellt
kast. Wer wir den Grund Prtx nu
riegen und Du mit DemenTelephons
nnd Deinen Telegraphendriibten, Du
kriegst nischt!«
n den dritten folgenden Tagen
date Bäumchen siir andere Dinge
wenig Zeit. Er stand dor- keinen
(
l
(
(
i
l
-—.. l .
Gardtnen und hörte, was die Leute
dazu sagten. Auch Kunden kamen
und fragten ihn nach den reisen.
»Außerdem aber sah man s on die
Mitglieder der Jurn herumgesem
kenntlich an einem goldenen Abzei en
das sie im Knopfloch trugen, und auch
Plauen mußte bald an die Reihe kom
men.
Eben trat wieder ein Herr an
Däumchen’s Gardinen heran. Bei
dem Anblicke nickte er befriedigt, trat
einige Schritte davon uriick, betrach
tete die Vitrine aus dieser Entfernung
mit Kennerblick noch einmal und
ma te sich dann mit den Sachen zu
scha sen, die er unter seinem Arm
trug —- einem schwarzen Ledertasten
und einem photographischen Staiiv.
Däumchen traute kaum seinen Au
gen. Es war Herr Klemm. Jm Nu
aber stand er schon vor ihm.
»Sie! Was machen Sie denn hier?«
Herr Klemm schien ihn bisher gar
nicht bemerkt zu haben.
»Guien Tag, Herr Däumchen,«' sag
te er jetzt mit einer Höflichkeit, die
Bäumchen nur noch mTZtrauischer
machen mußte, und stellte einen Ap
parvt hin —- ,,aber Sie st n gerade
vor dem Apparat Darf ich Sie bitten,
etwas zur Seite zu treten."
»Ich will wissen, was Sie vorbaben,
ich will wissen, was Sie mit meinen
Wllkslllcn Mcchcll."
Herr Klemm steckte, noch einmal sei
nen Blick aus »die Vitrine heftend, sei
nen Kon unter das schwar e Tux
»Was ich vorhabe, das sehen ’ ie,
Herr Diiumchen,« klang es dumpf un
ter dem Tuche hervor. »Jhre Bitrine
will ich photographirem Jch ver
schmäbe es, Ihnen Komplimente zu
machen. denn das wöre bei unserem
grgenseitigen Verhältniß nicht ange
bracht. So viel aber sdars ich J nen
als Künstler sagen, daß ich hre
Vitrine, was den Geschmack betrifft,
siir eine der hervorragendsten in der
ganzen Aussiclluna halte. Jch habe
von meiner Reduktion neuerdings den
Austrag erhalten« nur das Alletbeste
zu bringen, und deshalb werden Sie
mir gestatten- Ihre Bitrine der Firma
Felix Däuinchen in Plauen, dem ge
sammten deutschen Leserpubliium vor
Augen zu führen. Jch dense, daß
Ihnen das nicht tin-angenehm sein
ann.'·
Klemm tauchte jetzt wieder aus Lei
ner schwarzen Versenkung an’s « a
geslicht, er sah durchaus ernst und
würdig aus, faßte die Vitrine von
Neuem in’s Auge und schraubte das
Stativ etwas niedriger.
,,Verhohniepeln wollen Sie michs«
; schrie Däumchen
»Ich weiß nicht, Herr Bäumchen
ävas Sie mit diesem Worte sagen wol
cn.«
»Ersi haben Sie mir die Galle aus
gerührt, erst haben Sie hier das
Frümmerseld pchotographiren wol
en ——«
Klemm lächelte sariastisch.
wDas können Sie sich doch aber
denken, Herr Bäumchen, daß das nur
ein Scherz von mir gewesen ist. Viel
E leicht aber bemerken Sie, daß ich über
haupt zu keinen Scherzen mehr aufge
; legt bin. Jch habe mir gesagt, daß
Sie mir Selma —- entschuldigen Sie,
« Jhr Fräulein Tochter —- doch nicht
geben· Was soll also dieser Ton zwi
schen zwei doch immerhin sonst ehren
werthen Männern? Wir wollen die
Streitaxt begraben. Jch thue meine
Pflicht und photographicre Jhre Vi
trine —- und Sie werden dieGewogen
beit haben und noch ein bischen mehr
zur Seite gehen. So! So ist auch das
k-:L1 k-c.- -.
Heu-e pu» Heu.
Während lemm so sprach, hatte er
die Platte eingesetzt
Diiumchen wußte nicht mehr, was
er von diesem Menschen zu halten
hatte. Nein, so verändert sich der
Mensch nicht! Klemm ftellte ihm eine
Falle, auf ir end einen Leim wollte er
ihn gehen lasen —- und plötzlich hatte
es Däumchen gefunden.
»oll ich Jhnen sagen, was Sie sich
denken? Sie denken sich, »daß Sie
mich fest auf die Art lodern werden. s
Meine Tochter triegen Sie nicht, und !
wenn Sie sich auf ’n Kopf stellen!« l
»Ich möchte Sie nur bitten, Here
Däumchen,« erwiderte lemm in ern
tem Ton, »erinnern Sie mich nicht
mehr an Jhre Tochter. Jch habe mit
dieser Sache meines Lebens abgeschlos
fen. Sie haben von mir gewünscht,
Laß ich mich hier nicht vor ihr sehen
lassen soll. Jch habe Jhren Wunsch
erfüllt. Schon das, glaube ich, dürfte
Ihnen ein Beweis für meine Aufrich
tigkeit fein!«
»Klemm!«
Bäumchen war eriihrt. Dies Ar
gument stimmte. ber Klemm wollte
nichts von seiner Rührung merken. Er
interessirte sich nur pflichtgemäß für
feine Aufnahme
»Klemm!«
Aber Klemm tauchte wieder unter.
Dann vernahm man einen Knipi Er
tauchte wieder empor-. Die Aufnahme
war fertig. lemm packte feine Sachen
zufammen.
»So laß ich Sie nicht fort!« sagte
Bäumchen, »wer-i ftens reoanchiren
muß ich mich doch « hnen. Wissen
Sie was? Jch werd’ - hnen für Jhr
Atelier e’ paar schöne Garnituren
Borhiinge oder Gardinen schenken.
Was Sie wollen« Sie sollen sich sie
ansinchenJI
here Bäumchen«, entge nete
cEtnm eiskalt, »ich danke für Lehre
Erd-irrem Das wäre Bestechuna. Jch
t e lnur meine Pflicht. Jch habe die
re «
X
-
Damit zog er seinen Dut, wandte
sich um und ging.
Daumchen stand vor einem absolu
ten Ratt-set Ob es doch nicht blos eine
Falle von dem Menschen war's Aber
was denn für eine alle? Dazu war
man noch auch Gott ei Dant ein bis
chen zu helle. Und diese immense An
standtateit, daß et die Gardinen nicht
annehmen wolltet Wie man sich in ei
nem Menschen blos so täuschen konnte.
Es war kolossal! Aser —- und das
stand sjir Daumchen nun positiv sest
—- revanchieren mußte er sich gegen
Klemm. Lumpen ließ er sich denn
doch nicht! Und wenn die Geschichte
ein paar Goldstücke kostete.
An einein der nächsten Abewde fand
eine große, von den Ausstellern abge
haltene Versammlung statt. Wab
rend bisher die Säle in der Ansstel
lung des Abends nur bis Sechs offen
geblieben waren, versügte jetzt lös
lich das sranzösische General - am
nxissariat daß dies bis Sieben dauern
sollte. Das paßte vielen Ausstellern
nicht, schon der vermehrten Arbeit we
gen, und eben deshalb wurde eine Ver
sammlung einberufen. Auch Daum
chen wohnte ihr bei, weshalbs er eine
Damen stir diesen Abend B « ickes
hatte anvertrauen müssen. Die Ver
k-—-s..-— —-ec-—- -! —I—..-- .
Iulssullasks aus-la IIIIIUI vluslskllllslc,
einmüthigen Verlauf, erst nach zehn
Uhr löste sie sich aus.
»den Klemm, Herr Klemm!« ri
Däumchen in dem Gedränge, das si
ans die Straße ergoß.
JaToth auch Klemm war bei der
Versammlun gewesen.
Er drehte ich inn, Zog gegen Bäum
chen seinen hat« und wollte weiter.
Aber Diiumchen war schon an seiner
Seite.
»Nami, laufen Sie mir doch nicht
sort," sagte Däumchen, »was haben
Sie »denn hier zu thun gehatbti«
Klemm erwiderte kalt aber höflich,
daß er von der Versammlung eine
Ausnahme gemacht habe, eine My
mentphotographie —- fiir sein Blatt.
»Aber Sie haben doch teinen Appa
rat mit!«
,,Doch!«
Klemm holte einen tleinen Taschen
aisparat hervor.
»Ach, so e’ Ding,« sagte Däumchen,
ei- betrachtend, dann steckte es Klemm
wieder ein.
»Nam! tückschen Sie nicht mehr,
jetzt schlagen Sie was vor, wo wir
zusammen hingeben, irgend e’ gemütlp
liebes Lokal, Sie werden ja in Paris
besser Bescheid wissen als ich, und
dann trinten wir eine Pulte Seit zu
sammen. Dann sind wir miteinander
versöhnt.«
Klemm lehnte mertwiirdigerweise
nicht ab.
»Es ist ut, Herr Diiumchen,« sagte
er, »ich nesme Ihre Freundlichkeit an,
nur damit Sie nicht denten, ich hätte
noch einen Groll gegen Sie.«
»So ist’s recht,'« erwiderte Daum
chen froh und vergnügt, »und wenn
wir auch e’ Stündchen länger bleiben,
ich bin ja heute Strohwittwer! Dafür
sind wir eben in Paris!«
Döumchen lachte, und Klemm lachte
mit. Ein leerer Wagen rollte vorbei,
Klemm ries ihn an, sagte dem Kutscher
eine Adresse, die Bäumchen nicht ver
stand, und der Wagen fuhr mit ihnen
PU- hav
quy «
,.Wo aondeln wir denn nu hin?
fragte Bäumchen
»Das soll für Sie eine Ueberrasch
ung sein,« antwortete Klemm.
Sie fuhren durch das nächtliche,
lichtftrahlende Paris. Däumchrn
dachte an die vielen Geschichten, die
man von dem Pariser Nachtleben.
hörte. Aus den erleuchteten, verhäng
tm Fenstern, aus der vorüberwogens
den, dunklen Menschenmenge, überall
sah es ihn geheimnißvoll an. Ein ge
wisser, aber eigentlich nicht unange
nehmer Grusel überlief ihn. Wer hier
mal so untertauchen tönnte! Blos ein
einziges Mal! Natürlich nur der Wis
senschaft wegen. Ob Klemm schon
mal untergetaucht war? Indessen,
Bäumchen war Familienvater, er war
Stadtverordneteh und wenn alles
gut ging, so betam er sogar im näch
ten Jahr den Stadtrathtitel! Es
verstand sich also von selbst daß ihn
dses nächtliche Paris nichts weiter an
ging.
Der Wagen hielt. Vor einem ei
genthümlichen Gebäude stieg man arti.
Es hatte die Gestalt einer riesigen,
roth angestrichenen Windmühle.
»Was ist denn das für eineMühleV
stagte Bäumchen.
Klemm erklärte ihm, daß man auf
dem Montmartre wäre, wo früher
ganze Haufen von Windmühlen e
standen hatten, und daß dies die e n
zåge fei, die noch übrig geblieben.
Bäumchen fand das ungeheuer merk
würdig. Noch mertswürdiger aber war
es, wie splendid erleuchtet die Mühle
toar — die vielen Wagen, die davor
hielten, die vielen Menschen« die in
einströmten, besonders die vielen a
men. So eine Mühle hatte er in sei
nem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Korn schien nicht gerade darin gewah
len zu werden.
An einem Schulter im Eingang
kaufte Klemm Billets. Bäumchen
wollte nicht dulden. daß Klemm etwas
bezahlte, aber Klemm beruhigte ihn
—- ,.sie würden nachher schon alles
glatt machen.«
Gortsehung folgt.)
Eine SantiagosMedaille soll mit
dem Kopfe des Admirals Sampsos
geprägt werden. Dazu bemerkt ei
W elblatt: »Woh! als Abseichts
für ichisCom-battanteni«