Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, May 31, 1901, Sonntags-Blatt, Image 18

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    iRoman von Deinrich Lee.
l. Fortsetzung
Dein ungeachtet sah man jetzt, so
weit es die Beleuchtung zuließ. einen
rrn in der Ecke ein Cigarrenetui
und demselben eine große dicke
egalia entnehmen.
»hier wird nicht geraucht!" klang
irgendwoher eine scharfe Stimme.
»Ich tauche nicht.« antwortete ru
hig der herr, der äußerst elegant aus
sah, einen bochmodernen Paletot ans
hatte und dessen Cravatte ein großer,
dlitzender Brillant verzierte
Für einen Moment waren die
Schläfer auf ihren Sitzen bei der
scharfen Stimme aufgeschreckt, ietzts
schlo en sie wieder die Augen, nur
Brö tcke nicht· Wilhelmine hatte ihren
Kon auf seine Schulter gelehnt, und
er hatte acht zu geben, daß sie damit
nicht herunterglitt. Nun wurde er der
Zuge eines sonderbaren Schauspiels.
- r elegante Herr nämlich stellte jetzt
die Cigarre, die er seinem Etui ent
nommen hatte, mit derSpitze auf seine
Nase und balanzierte sie nun darauf.
Aber damit nicht genug, denn plötz
lich rückte die Cigarre aus der Nase,
indem der Herr die seltsamsten Gri
ma en dabei zog, immer höher, der
Stirn zu. Es fah wie die reine
Hexerei aus. Dann schnellte sie der
merkwürdige Mensch mit einer einzi
en Bewegung in die Luft, wo sie sich
tiberpurzelte, und sing sie dann wieder
aus, diesmal aber mit dem Munde, so
daß er sie jetzt in normaler Weise zwi
schen den Lippen hielt. Hieraus steckte
er sie, sichtlich Von dem gelungenen
Kunststück sehr befriedigt, wieder in
sein Etui und lehnte sich dann, als
seine Ecke zurück.
wenn nichts vorgefallen, wieder in
Osfenbar hatte sich der sonderbare
herr nicht beobachtet geglaubt. Das
Ganze kam Brösicke jetzt, wo der
Fremde wieder so gänzlich ruhig da
nkt. wie eine Vision vor. Noch immer
Ich-nie Wilhelmine ihren Kon an seine
Schulter, das konnte nun so bis Mag
deburg gehen. Aber auch er versuchte
jetzt ern bischen einzuduseln, und an
genehme Bilder umschwebten ihn, Zu
unfisbilder aus dem lustigen Paris-,
von dem Wesenberg gesagt hatte, daß
man eine Frau nicht dorthin mitnehm.
»Magdeburg!« schrie plötzlich eine
Stimme.
Alles im Kvupee fuhr auf.
»Was ist denn?« fragte Wilhelmine
erschreckt.
»Wir sind in Magdeburg!« -
»Magdeburg!« schrie der Schaffner H
noch einmal, die Koupeethür aufrei
ßend Draußen auf dem von ectrischem
Licht überflutheten Bahnsteig wogte
eine lärmende Menge hastig durchein
ander, die rothe Mii des Stations
verfiel-ers tauchte au , kleine Kellner
jungen mit Bier rannten vorbei, der
selbe Packwagen brach sichBahn, Leute
stiegen ein und aus, und unter den
Aåssieigenden befanden sich aus Brö
s
Wilhelmine stieß einen Angstschrei
aus-.
»Mein Kollier!«
Sie hatte ein Spitzenkollier um den
Hals gehabt, das sie vorhin, um es
nicht u zerdrücken, abgenommen und
Tiber sich in’s Netz gelegt hatte. Es
mußte noch im Wagen liegen. Gott
sei Dank, es lag noch wirklich da —
oben im Netz»
Einer der-— erren drin im Koupee
dersele son " are Mensch von vorhin
— tte e schon hilfreich erfaßt.
« es das?« fragte er.
« a!« rief Wilhelmine und hielt die
Hände auf.
Aber mit einer wunderbaren Ge
schicklichkeit Darf ihr es der Herr nicht
in die ausgestreckten Hände, sondern
gerade um den Hals, woraus er wie
der im Koupee verschwand.
stLZilsöptnhxxhast Du das gesehen?«
i nune no an ver
HRsp ch g z
Brösicke hatte ei- gesehen, aber zu
Verblüffungen war jetzt nicht die ge
ringste Zeit. Hauptsache war jetzt, wie
man einander in dem Gedränge finden
sollte.
»Wilhselkn! Wilhelmine!« erscholl
eine helle Männerstimnie in einer
Mundart, die sofort an das Land der
Sachsen erinnerte, durch das- Gewühl
Ein kleiner Herr in Cylinderhui,
mit einer kleinen Frau. und hinter
ihnen ein junges Mädchen, alle drei
mit einer Unzahl oon Gepäckstücken
beladen und von einem Träger ge
folgt, stürmten, in jede offene Komm
thirr sehend, an dem Zuge entlang.
«Wilhelrn! Wilhelrnine!« schrie der
kleine herr, wobei ihm die Aufregung
und die Angst, den Zug zu verpassen,
ans dem Gesicht stand, immer wieder
von neuem.
.,,hier sind wir ja!" ries Brösicke,
während ldie Leute aus dem Perron
schon zu la n anfingen.
-Wilhelm. Wilhelmine! Onkel!
Taste! Selma!« scholl es durcheinan
der, und die Frauen küßten und um
Itnsien sich, so gut es ging.
»Gott sei Dank, da wir Euch blos
gaffst-den haben,« at mete Däurnchen
alt .
- Im ersten Moment hätte Btösicke
seinen Schwager kaum wieder er
kannt, ein so un wohntez Aussehen
Mühn dieser he hul. Aber es war
. . seit zu verlieren, die« Schassaer
»ersten-u Einst-tots- Dauknchux ge
W M, daß sich die beiden
pl- .
Fayuey statt sich nach dem goapee
cis-n Geschick-ists emhltem
’ sing as zu wer-rein wert sie
M
fest bemerkte, daß ihr in denr Ge
dränge die Kleiderborte abgetreten
worden war — endlich aber war man
glücklich im Schlafwagen. Der Kon
trolleur wies ihnen die Abtheile an,
einen iiir die Frauen einen fiir die
Männer, man sagte sich gute Nacht
und Däumchen und Brösicke waren
mit einander allein. Der Abtbeil :nt
hielt vier Betten, von denen atcr die
beidend nnieren set-on belest traten;
nur die beiden oberen waren noch
äbrii1.
»Da ’nauf tlettere ich nis: « s a e
Bau-mitten erbost, »du kullere ich rauJ
ca :rech’ ich das Genick in de: Nachts«
Brösicte war müde geworden.
»Na mach keinen Spettatel und
lufch Dich!«
»Höre mal,« antwortete Daum
ct:cn roch ers-often »solche Ausdrücke,
die net-bitte ich mir von Dir! Ein für
allenial!«
Er mußte hinauf. Dabei hatte er
das Unalüch indem er sich auf dass
untere Bett als Stützpunit schwang,
dem Schläfer-, der darin lag, aus das
Bein zu treten. -
»Herr, können Sie sich nicht vor
sehen!« schrie es aus dem Bett.1
Däumchen stammelte eine Entschul- i
digung. Endlich war er glücklich
oben.
»Herrjel)se3,« wimmerte er jeyt von
oben herab, ,,nanu hab’ ich meinNacht
bemde nicht Milchen hats in der
schwarzen Handtasche. Es ift auch
reine zum Verriicttwerden!«
Auch der andere Schläfer unten
tihrte sich jetzt. Ein Hagel von Ver
-iviinfchungen klang zu dem lauten
Gast hinaus.
»Dann bleib im Oberhemde,« sagte
Brösicke, der schon unter seine Decke
ichliidfte, mit Ungeduid.
»Das ist so steif gestörtt, darin
kann ich nicht schlafen.«
Bäumchen turnte wieder herab, wo
bei er zum zweiten mal dem unten
liegenden Kollegen aufs Bein trat.
»Herr!« schrie der, njetzt hab’ ich’s
bald mit Jhnen satt!«
Däumchen bestand daruf, er mußte
noch einmal zu Milchen.
Jm Ganae stieß er auf den Kon
trolleur.
»Wobin wollen Sie, mein Herr?«
sragte dieser.
,,Jns Damentoupee,« antwortete
Däumchen. -
»Herr!'« fuhr ihn der Beamte mit
strenger, drohender Stimme an.
»Aber ich werd’ mir doch met Nacht
liemde noch holen können!'«
Der Eintritt ins Damentoupee war
für Heren verboten, unter allen Um
ständen. Däumchen mußte zurück.
Zum drittenmal trat er dem Kollegen
aufs Bein.
»Menschl« brüllte dieser sent, »sind
Sie verrückt? Jch lasse Sie sofort
iyinausbesorgen!«
»Der Mensch ist ja total betrunten!«
schimpste der andere.
»Kuschen sollst Du Dich!« wetterte
auch Brösicke jetzt.
Däumchen verging vor obnrnächti
ger Wuth. Am meisten giftete er sich
über seinen Schwinger- Statt ihm
gegen diese beiden Menschen beizu
stehen, rief er ihm noch solche Worte
Zu. Endlich wurde es ruhig im Kon
ree. Aber Bäumchen konnte nicht
schlafen. Der Einsatz im Oberhemd
la;( wie ein Pappdeckel auf seiner
Brust. Vielleicht war das noch das
wenigste. Aber außerdem war es hier
» oben schauderhast heiß, und schließlich I
fing der Kollege unter ihm auch noch "
iu schnarchen an.
»Warst-w tief Bäumchen —- ekft J
leise, rann immer lauter.
,!"Das giebt’s denn?« fuhr Brösicke «
schtaserunien anf.
»Schliisft Du schon?'«
»Ich noch nicht. Jch kann nicht. Jrn
Oberksemd taan ich nicht. Und eine
Temreratur ist in meinem Bett —
wei im Badestiibchen. Und der Kerl
unten — jeft fängt er noch zu sägen
an Jch sch f überhaupt nicht ein
»Zählen mußt Du,« brummelte
Brösickr. Er war berits wieder glück
lich eingeschlummert.
Oclslsucssc Ulllcll chcllll sctzl cllllll
neuen Ast.
Däumchen stopfte sich die Konstit
sen über die Ohren. Aus Verzweif
lung zählte er wirklich, —- immer wei
ter und weiter. . . .
Es war ein schöne.r, blauer, frischer
Sommermorgen, der über dem Kölner
Domplatz leuchtete. Der Dom hatte
schon seine Thore ausgethan, die Leute,
die um diese frühe Stunde hineinqu
qen, waren meistens alte Frauen, und
drüben aus dem Bahnhossqebäude,
ror dem in langer Reihe die eleganten
Hotelomnibusse hielten, strömten die
eben mit dem Berliner Rachtzug an
getommenen Passagiere. Wer weiter
nach Paris wollte, hatte in Köln zwei
Stunden Aufenthalt, die man nicht
nur zu seiner Toilette, Fondern auch
zu einein umsan reichen rühstilck be
nutzen konnte. uch Brösickes und
Däumchens befanden sich in dieser
Menge. Das Gepäck hatte man aus
dem Bahnhos gelassen.
»Nun, hast Du gezählt?« hatte Brö
sicte vorhin beim Aufstehen Bäumchen
gefragt.
»Und wie!« sagte Bäumchen.
»Wie weit bist Du denn gewu
men?«
»Däumchen behauptete, bis über
straften-send
Jlnd dann bist Da eingeschlafen?«
»Nu, dann um« Mot ent«
· Zu der Yähe des sc ses waren
emäze anstandige, vertrauen-eran
Re. antun-U nnd Esset u sei-en- m
man aber a eintrat, keins standen
noch die S le aus den Tisch-Its III
M
die Ausräumesrauen fuhren mit dem
nassen Schrubber aus dem Boden bin
und der.
»Jn Plauen, im grünen Baum, da
lann man schon sriib um siinse seinen
Kasse-e baden,« sagte Bäumchen.
»Die Sachsen sind eben belie, die
sieben sriilzer aus,· bemerkte Vrösickr.
»Wenn Da blos Deine schnodderi
gen Berliner Redensarten lassen woll
teff," antwortete Diiumchen erregt.
Die Frauen legten sich ins Mittels
und der Friede wurde wieder herge
stellt. Ein Windstoß kam, und
Paumchen hielt seinen Cylinderbut
est.
»Sage mal,'« fragte Brösicle, »wie
lommit Du denn blos darauf, Dir so
eine Angströhre auszuseßen. noch dazu
auf der Reise.«
Bäumchen wars aus Brösicles ein
fachen, grauen, weichen Hut einen
schadenirohen Blick.
»Ich habe mir eben sagen lassen,
was in Paris Mode ist. Du denkst
coeli nicht, daß Du in Paris mit so
eknem Deckel rumlausen lannst?'«
»Warum denn nichi?« fragte Brö
sicke Verwundert
Weil, wie Däumchen mit großer
gzelvstzusriedenbeit erklärte, jeder
Mensch in Paris im Cnlinderhut ging,
wenigstens bis zu einem bestimmten
Tage, dem Tage des großen Pferde
rennens in Longchamps. Von da ab
akna jeder seine Mann im StrohlyiL
Vlos die ganz gemeinen Sirolche gin
cen—— bis zu dem bestimmten Tage
—— nicht im Cnlinderbut.
Dai- batte Bäumchen in seiner Zei
tung gelesen.
,Jch will doch sehen, wer mich
zwmgen kann, mir einen Cylinder
aufzusetzen, bei siinsundzwanzig Grad
Hitze. Jch geh’ in Paris-, wie ich in
Berlin geh’!«
Däumchen wurde immer heiterer.
»Deine Berliner Angewobnheiten,
oie werden sie Dir schon in Paris ver
salzen. Wie denkst Du denn, heißt
bylinder auf französisch?«
»Das weiß meine Frau.«
»Nu, Frau Schwiigerin,« wandte
sich Däutnchen triumphirend an Wil
l,elci:«ne, »wissen Sieks Z«
»Ist-L denn?«
»Was Calindekhui aus teanzomch -
THAT-«
Wilhelmine war wie vor den Kon
geschlagen.
»Nein, das weißxich nicht. Wilhelm,
das- weis-, ich nichi.«
»Ich-also de Soa beißi’s!« erwiderte
Tiiumchen stolz, und loaleich fuhr er
fort: «Wissen Sie, was das heißt:
Beim-gen Sie mit einen Gebäelirfk
cer?"
,Gebiickit«ciget? Was ist das?«
fragte Wilhelmine total ahnungslos.
Sie dachte zunächst an die Berliner
Adam-jungen die frühmorgens die
Frühfiiicksbeuiel an die Entreeihüren
bannen. ·
»Sie werden doch wissen, was ’e
’ chelsackkrager ist?«
»Er meint Gepacktriiget!« fiel Mil
cksen ein, die ja eine gebotene Berline
ein war. -
»Wie hab’ ich? denn andetlch ge
sagt?« bemerkte Däumchen angehal
ten. »Allo, was heißt: Besotgen Sie
mir einen Gebäckiräger?«
Niemand wußte es.
»Bretveneh öng avmmissionäk, heißt
es,« sagte Däumchen strahlend.
»Weil-et haben Sie denn das alles?«
fragte Wilhelmine beklommen.
»Er hat doch das braune Buch,« er
klärte Milchen.
Endlich hatte man ein Resiaurani,
das schon aufgekäutnt war, gefunden.
Ein elegantet Kellner ital auf die
kleine Gesellschaft zu und wies ihr
»einen Plan an. Vor allem wurde
’ Rassen Butter, Seine-ich für jede Pet
" san zwei Eier und aigzerdem zweimal
L"uffchniki bestellt. ach der langen
Eifenbohnfahti und dem herumlau
fen that das Sisen in dem kompr
iablen Lokal ordentlich wohl. Die
; Damen warfen einen Blick in den
E Spiegel, sie hatten im Wagen leider
Haue eine ziemlich flüchtige Toileiie
; machen lijnnen dabei HatteaSelma —·—
Mkle Flululllw Wulcll Ulc Hatt-zu um
seiden-i ver-sorgt »s-— auch ihr Kleid
dies-r in Ordnung gebracht, und erst
jetzt bei der Tagesbeleuchtung saht
man, was sie sür ein nettes Mädchen »
war. Nur etwas still war sie —ein ;
Hauch oon Schwerrnuth lag über ihr. i
Selma zupste ihre Mutter am Arm. «
»Was willst Du, Kind?«
Selma wollte Ansichtsposttarten
schreiben. Sie hatte einen Zettel her
vorgezogen, aus dem die Namen von
ihren zwölf inticnsten Freundinnen
standen. Jeder hatte sie versprechen
i.iiissen, so bald wie möglich eine Karte
si. schicken.
Ansichtslartens Richtig! Auch Brö
sickes hätten das beinahe vergessen.
Wenigstens zwei mußte man doch
schrei n, an die Kinder! Blos Daum
chen war dagegen. Ansichtstarten wa
ren nach seiner Meinun Luxus.
»Zu so’n Unsinn geb’ ich lein Geld!«
sagte er entschieden.
Er hatte schon ohnehin wieder
Grund zum Anger gesunden, denn
aus der Speisekarte hatte er ersehen,
daß in diesem Restaurant ein Ei
sünsundzwanz· Pfennige kostete. Jkn
«griinen Baum in Plauen kostete es
n, und im »grünen Baum« in
H gen logierten die allerseinsten
kU
« hat-? ihnen doch versprochen,«
sa- te lma weinerlich.
Betst nich, dummes Ding!«
»Dann werde ich die Karten bezah
len.« wars Vrssicke ein.«
»Was hat denn Dich das zu küm
- mer-f«
Js- Un Celmcks Onkel.«
Es war nur gut, daß der Kellner
eben bis Frühstück brachte. Bäumchen
mußte so, was m etwa noch aus den
Lippen schwebte etwas von «Berliner
Proßere ") verschlucken. Indessen , ar
der Kassee die Butter,« die stiszen
Brötchen, o ut, daß sich die Stim
mung wieder siinstigte und als man
sich nach einer halben Stunde wieder
erhob —- denn es war allmählich Zeit
geworden, wieder nach dem Bahnhof
zu gehen — da machte das angenehme
Gefühl, welches ein gutes Frühstück
hinterläßt, selbst Daumchen wieder
milder. Dazu das prächtige Wetter,
das urgemiithliche tölnische Straßen
leben, der Dom, an dem man jetzt
wieder vorbeikam, in seiner Majestiit
und Pracht, die bevorste ende Fahrt
-—- das alles gab der Seele einen
neuen Aufschwun . Selbst Selma sah
nicht mehr ganz sto aus, wie ein dul
dendes, zur Schlachtbanl gesiihrtes
Lamm. Wenn man bedachte, daß man
jetzt noch im alten, trauten Köln war,
und Abends —- nein, schon am Spät
nachmittag, war man in Paris-! Von
Allem, was die Menschheit in diesem
dahingegangenen Jahrhundert ge
schaffen hatte, war doch nichts größer
als die Eisenbahn
Der Zug stand in der riesenhaften
Halle schon bereit. »Cologne-Paris«
stand an den Waden Es waren fran
zösische Wagen. rösicke hatte in Bet
lin schon viel Schlimmes don ihnen
aehört, aber das war, wie er nun sah,
übertrieben. Nur, daß die Sitze teine
Sprungfedern hatten, weni, stens nicht
in der zweiten Classe, aber sonst, wenn
sie sich an Comsort auch nicht mit den
deutschen Wagen dergleichen ließen,
saß es sich ganz behaglich darin· Man
suchte ein noch möglichst leeres Cou
pee zu bekommen. Endlich fand man
auch eins. Nur ein einziger Herr saß
darin, ein herr, der äußerst elegant
aussah, mit einer kostbaren Brillant
nadel in seiner Kradatte. Es war der
Herr von gestern Abend. Er zog höf
lich den Hut, man erwiderte den Gruß
und nahm Plan.
»Wer ist der Herr?« fragte Milchen
leu:-- —.--.s.e- --4.«I-(:J- WILL-fonds
USE-s Ivuosk nun-«an w-·-»-.
nicht, aber jedenfalls schien er in ge
bildeter Mensch zu fein.
»Verzeihung, meine Herrschaften,«
ließ sich gleich darauf eine Stimme
vernehmen, eine frische, klangvolle
Männerstimme, »ware wohl noch ein
kleines Plätze-den fiir mich übrig?«
Noch ein Herr war ins Coupee ge
treten. Es war ein junger Mann von
vielleicht dreißig Jahren, von großer-,
kräftiger Gestalt, und mit einem offe
nen, sympathischen und sofort einneh
menden Gesicht. SeinerSprache mertte
man den Süddeutschen an. Abmar
tend hielt er den Hut in der Hand.
Bäumchen erwiderte nichts. Wai
gingen ihn fremde Leute an? Aber
rdsicke sagte gemiithtich:
»Bitte sehr, einen Ptatz haben wir
ja erade noch!"
- s war der lette. Damit war das
Loupee voll.
« »Dann bin ich so frei!« antwortete
der Fremde dantend.
Er suchte oben im Netz einen Pius
fiir seine handtaschr. Das Nen aber
war schon ganz voll. Däumchens al
lein hatten acht Handsegäctstiicke rnit·
»Wir werden uns chon einrichten
miteinander,« sagte der Fremde, als
Brösicie helfend eingreifen wollte, mit
so viel uter Laune, daß er einem
leich no, sympathischer wurde. »Mo
eftiren möcht’ ich die Herrschaften
nicht. Es schadet mir auch nix, wenn
ich das kleine Ding auf die Kniee
nehm". Um himmelswillem here-«
find Sie blos vorsichtig, da ist gewiß
ein Damenhut drin!«
Jn der That, der Karton, den Brö
siCe gerade »mit« ziemlirxiexe Rücksichts
- kA!!I«--...
tUsiglclt uus culcu nun-L see-spu
wollte, enthielt den neuen, extra sitt
Paris geiausten Strohhut fiir Mil
chen. Milchen stieß einen Schreckens
rus aus, aber der nette Fremde beru
hiate sie sogleich.
So ungalant, sagte er, sei er nicht
vor einem Damenhut habe er der
höchsten Respekt. Schlie lich fand sick
für die bescheidene Tas e doch nock
ein Plätzchem und mit einem »So, dc
hätten wir’5,'« nahm der gremde der
Damen gegenüber seinen « itz ein.
Es giebt anggenehme und es gieb«
unangenehme eisegesellschaster. Dei
Fremde —- und das siihlte man nur
—- gehörte zu der ersteren Sorte. Na
mentlich aber sand Brösicke an ihn
Gefallen. Die meisten Menschen hal
ten es sür vornehm, wenn sie sich in
Raupee möglichst schweigsam »un1
Tfeierlich gegen die Mitreisenden be
nehmen, und statt einander die Zei
zu vertreiben,möglichst nvch das ihrig
thun, daß sie einem erst recht lan
wird. So ein öder Mensch war de
Fremde nicht.
»Wenigstens hab’ ich Glück gehabt,·
nahm er dann auch schon wieder da
Wort, »und bin unter deutscheLands
leute gekommen: die Hälfte, was mai
Biseå aus dem Bahnhos hört, ist eng
i .«
Das stimmte! Jawahl! Auch di
Damen hatten das gesunden· Ehe mai
sich’ö versah. war man mit dem seern
den Herrn im Gespräch. »
Es stellte sich heraus: er reist
gleichsalls zur Ausstellung, aber nich
zum Vergnügen, sondern in Geschas
ten.
Hören Sie,« fiel Bäumchen ein
»der steif ich mich hnen als Kolleg
vor. Ich habe au Ges sie-» Ya
haben Sie denn Tür ein schafti »
Der here erzählte, daß er Masehr
nen - Ingenieur war und der Beetre
ter einer großen Aktiengesellschaft
Maschinen - Ingenieurt Die Dame
W
Ebltem daß das etwas sebr respektabs
i war, und was die Männer betraf
— Dies-n n und Brösicke, beide wa
ren sie Ha ritanten, und sie hatten in
ihrem » eigenen Betriebe genug mit
Maschinen tu thun.
»Dann Eies sagte Bäumchen, »du
sind Sie mein Mann. Fabriziren Sie
auch Stictmaschinen?«
»Stickmaschinen? Da fabriziren
wir nicht blos weiche, wir haben sogar
eine ausgeftellt.«
Das war fiir Däumchen enorm in
teressant.
»Hören Sie, da muß ich Ihnen
meine Karte geben!«
Däumchen holte aus seiner Brief
tasche seine Firmentarte hervor.
Der Fremde dankte, und reichte
Däunichen, sowie Brösicie, der nun
ebenfalls feinen Namen nannte, auch
die seinige.
»Franz Altdorfer'« stand darauf,
und in einer Ecke als Wohnort
,,Niirnberg«.
»Dann sind Sie also ein Bayer,"
bemerkte Döumchen scharfsinnig, nach
dem auch die Damen vorgestellt wa
ren.
»Jawohl, das bin ich! Sie sind aus
Sachsen, wo die schönen Mädchen
wachsen. Das mertt man doch gleich
an dem ekriiuiein Tochter.«
Die Damen lachten, die -Miinner
auch. und Selma wurde furchtbar
roth.
»Das ist ja ein reisender Mensch!«
fliifterte Milchen Wilhelminen zu.
»Und die beiden anderen Herrschaf
ten, wenn die Frage erlaubt ift,« sagte
Altdorfer, »sind aus Berlin?«
»Weder wissen Sie denn da3?«
fragte Brösickr.
»Na, erstens hört man’s am Na
men, und wenn man auf Reisen ist —
ein Berliner ist immer dabei!«
Wieder mußten alle lachen; man
fühlte sich mit diesem treuherzi en
Menschen« als wäre man schon eit
vielen Stunden mit ihm bekannt.
»Ja, wag ist denn das aber.'« rief
Altdorfer lebhaft und schlug sich aufs
Knie, »Preußen, Sachsen und Bayern,
da ist ja I ganze deutsche Reiche det
sammen!«
Wahrhaftig, Altdarser hatte recht!
So«hatte sie der Zufall —- oder war es
eine gute Vorsehung —- zusammenge
würselt.
»Werft Kneepchen,'« ries Däurnchen «
ausgeräurnt, »das ist wahr!« s
»Und aus Paris marschieren wir! z
Da miissen wir also gute Landsmann- ;
schast mit ’nander halten!« I
»Das müssen wir!«' schrie Daum- i
chen jetzt ganz hingerissen, ,,Drutsch
land, Deutschland über alles!«
»Und daraus,« siel Brösicke etwas
nüchterner, aber der Berbriiderung
erst die rechte Weihe gebend, ein, »da
raus wollen wir einen genehmigen!"
Er zog die in Köln srischgesiillte
Flasche hervor. Nur war sie diesmal
nicht mit Kognat gefüllt, sondern mit
einem echten »Köinischen Klorn«, den
Brösicke nach Gebühr zu ichiihen ver
stand. .
»Erst aber müssen uns die Damen
Bescheid thun,« sagte Altdorser.
Die Damen treischtem Schnapst
Um teinen Preis würden sie so etwas
trinken. Aber es nützte ihnen nichts.
Wenigstens nippen mußten sie. Dabei
betamMilchen einen fürchterlichen hu
stenansall, wohingegen Wilhelmine
mit ihrem Zugein a erneines Bravo
erntete. Nur das »Mii el« wurde ver
schont. Dann geriethen die Männer
miteinander in ein ernsthaftes, sachli
ches Gespräch, wobei sich Altdorser jetzt
von einer ganz andern, neuen Seite
zigtr. Er war viel ereist, sein Beruf
hatte ihn bis nach züwAmerica und
Astiia gesii rt, wo er in einem be
kannten gro en Hotel eine Dynamo
maschine zusammen-zusetzen hatte sitt J
electrkiche Beleuchtung. Diese Ma- "
schine war in der Türlei die erste ihrer
Art. Weil der Sultan ,,Dhnamo« und
»Dhnatnit« sür dasselbe hielt, so war
die Maschine in die Türkei nicht hin-—
einaelassen worden; jeder Theil von
ihr mußte einzeln als unverdiichtiges
»Eisengeräth" hinübergeschickt werden;
woraus dann alles im hotel unterAlt
dorser’g Aussicht montirt wurde. Sol
cher und ähnlicher Erlebnisse aus sei
nem Berussleben wußteAltdorser noch
viele zu erzählen, und was er er
zählte, obwohl es jeßt ernsthaste Dinae
waren, war so interessant, das; auch
die Damen mit Vergnügen uhörien.
Wenn sonst die Männer Ges östliches
besprachen, dann war es immer lang
weilig. Mit Herrn Altdorser war das
ander-. Ader nicht nur von seinem Be
rus erzählte er —- nein, das Gespräch
tam allmählig aus alle möglichen
Dinge, aus die allgemeinen Industrie
verhältnisse, aus die gegenwärti e
Handelspolitii, und schließlich erzäh te
Altdorser den Damen von einem Be
such im Goldonitheater in Venedig,
von den Toiletten, die dort die Da
men trugen, von italienischer Kunst
und von den Spuren Lord Bvronö,
die er dort in einem Palast am gro
ßen Canal gefunden hatte. ’
»Wie Sie das alles wissen, herr ;
Altdorser,« sagte Wilhelmine bewun- «
derungsvolL »Sie interessiren sich
wohl sür alles?« ;
»Ja, soll ich mich blos siir meine
Maschinen interessiren?« erwiderte
Altdorser einfach. »Das herz und das
Gemüt vom Menschen will doch auch
was s r sich haben. Wo kommt denn
der Mensch hin, wenn er blos in sei
nem Fache bleibt? Dann wird er ein
seitifer Philipey dann wird er ein
Ego st, dann enlt er —- und das sieht
man doch auch in der Politik —- al
les hat sich nur um ihn du drehen. äse
mehr einer sich in der elt umsie t, i
m
um »so gerechter denlen wird er ler
nen.'«
Es war Brösicke, als hörte er Fritz.
»Sind Sie schon verheirathet, herr
Altdorfer»?« fragte Milchen.
»Das nicht!'« «
«Haden Sie keine Luft zum Heira
then?" fuhr Milchen fort.
Altdorser fah nach dem Fenster. Er
schien nicht mehr fo unbe angen wie
bisher.
»Das vielleicht schon —- aber —«
Er stockte. Dann aber sagte er
wieder frisch und heiter:
»Es hat sich halt nicht machen las
fen, gnädige Frau, und davon möcht’
ich nicht ern reden!'
Aufri ti· war er auch! Also ein
Geheimniß cichwebte um thi —- nnd
Milchen hängt fortan ihre Gedanken
daran. Sie stellte sich Altdorfer als
ihren Schwiegerfohn vor. Ein Mensch
wie Altdorfer, würde und mußte
»dem Mädchen« diesen Klemm aus
dem Kopfe bringen. Und was sein Ge
heimniß betraf, das sich natürlich het
ausbringen lassen würde, so würde
sich das für ihre Absicht-en hoffentlich
als tein ernithaftes hinderniß ent
puppcw
Der Zug, der sich während der Un
terhaltung längst in Bewegung gesetzt
hatte, fuer noch immer durch die grüne
niederrbeinische Ebene. Aachen tam in
Sicht —- das man sich als eine alte,
ehrwürdige Stadt vorgestellt hatte —
nun sah es blos wie eine moderne Fa
brilstadt aus, taum. daß man in der
regelmäßig angelegten Hänjermasfe
cllllllp llllll Uclll Dccllqmlcll Vslll Ac
wahren konnte« Dann kam Herbesthal,
die letzte deutsche Station, wo schon
mit ihren blauen Schiffsmiitien die
belaischen Beamten auftauchten, der
Zug fuhr weiter, und nun erblickte
man an einem einfam dicht unten am
Bahndamm auf einer Wiese stehenden
Häuschen das erfte Schild in französi
scher Sprache. Es lautete: Au corset
aracieux«. Das Haus enthielt wahr
scheinlich eine Corsettfabrit· Immer
hübscher wurde die jetzt oon Hügelm
Bächen und freundlichen Gärtchen
durchzogene Gegend, ein Hüttenwert
nach dem anderen trat hervor, hoch
thiirmten fich die schwarzen Schindm
berge. und nun fuhr man durch den
ersten TunneL auf den immer wieder
neue folgten. »Verviers'« klang es
durch den Wagen; das war die Zoll
station, nun mußte man heraus.
Däumchen war wieder in großer Auf
regung, denn heute früh hatte sich Mil
chen unter ihre Kleider hundert Cigar
ren unterbinden müssen, weshalb sie
auch beim Sitzen fortwährend sehr
vorsichtig sein mußte. Er hatte Brö
sicke, der ebenfalls Ciaarren mit sich
führte, gerathen, sich Wilhelminens zu
dem aleichen Zweck zu bedienen. »Sol
che Sachen mach’ ich nicht,« hatte«Brö
sicke erwidert — lieber war er dumm
und großgradschig genug, den unnü
tze- Zoll zu bezahlen. Die Damen hat
te schon Angft um ihre vervackten
Kleider und Hüte gehabt, aber die
ganze Revision verlief glatt, flink und
rücksichtsvolL Von den Cigarren. die
Milchen bei sich trug, hatte der Zoll
beamte richtig nichts bemerkt, das gab
Döumchen seine aute Laune wieder.
Dann fuhr der Zug weiter — durch
das Wallonenland, durch die frucht
barsten Triften der Maas. Lüttich mit
seinen Thürmen, von schwarzen
Damvfwolten umhüllt, tauchte auf —
Namur — und nun tam man nach
Jeuremoni. Nun war man in Frank
reich, und abermals wurde das Ge
väck revidirt. Auf dem Bahnhof stan
den die ersten französischen Sotdaten
—- Kiirasfiere mit großen Stahlhet
men, an denen lange, schwarze Roß
schweife hinten hinunterflatterten.
Ueberall hörte man nur noch französi
fche Laute, blos von den Passagieren
hörte man noch deutsch »Y- unii fast
III cclluulslq lustig IV, IUII UUW
simple Zeitungsfrau französifch sprach.
Die Männer sollten etwas vorn Büffet
zu essen holen, womöglich belegte
Brötchen, aber foiche Brötchen wie in
Deutfchland gab es nicht, nur eine
altbackene Art trockener Semmel, in
der Mitte mit Schinlrn belegt, was
Sandwich hieß. Als der Zug weiter
fuhr, ging man deshalb lieber in den
Speisen-agen. Es war schon Nachmit
tag. Noch ein paar Stunden, und man
war in Paris.
Auch der mitreisende Herr fatz jetzt
im Speifewagen. Auf der ganzen
Fahrt hatte er ftill in seiner Ecke ge
sessen.
Niemand hatte mehr auf ihn geach
iet, nur Selma sah jeht zufällig nach
ihm hin. Aber sie traute ihren Augen
nicht. Der herr griff fest, wo er be
zahlen wollte, mit ausgeftreclten Fin
gern nach der Tifcheae und holte dort
ein Goldstück hervor. Es war wie Zau
berei. Nachdem er bezahlt hatte, verließ
er wieder den Warnen
,,Es wird ein Franzofe fein,« fagte
Bäumchen.
Wilhelmine konnte sich das nicht
denken schon weil der Herr viel zu
blond war. Bröficke meinte, darüber
brauche man sich doch nicht den Kon
zu zerbrechen. Aber auch Milchen war
der Meinung, wenn man den ganzen
Tag mit Jemandem im Couvee zu
iammenfiiße, dann wäre es doch inter
essant, zu wissen, wer und was er ist.
»Bei-or wir in Paris find, « fagte
Däumchen, der eigensinnnig geworden
its-ar, »will ich wissen, wer und was er
i i t.«
i , Morifetzuna folgt.)
EinManuftrivt von Mtltons «Ver
lorenei Paradies« ift mit Mo« der
iauft worden. Wenn Dichter Weihn
lalemt Langlebiaieit beladen, lbnnten
sie vielleicht reichwerden