Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1901-1918, May 03, 1901, Sonntags-Blatt, Image 12

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    »Die « eleletrifairnmA Schnetttsnlsaen
der »Zukunft.
.- .-. « .-..
Die extopäischen Eifenbabnsachleute
haben aus der alten Dampslototnotive
M die Vottheile gezogen, die dieses
Mit altes Eisen überhaupt von sich
Iden kann. In erster Linie die Lu
xnzziige und in zweiter die D - Züge
bilden den Gipfelpuntt des aus ento
päischemfiontinente Erreichbaren Auch
das reifende Publitutn findet sich mit
allen Unannebmlichleiten einer langen
Eisenbahnfahrt schließlich dadurch ab,
daß esJ sit-rückblickt auf die Zeit des
Postioagenå, wo noch der »Schwager«
seine Peitsche schwang, nnd das mehr
oder minder melodische Horn blies, so
bald er durch Regen, Koth nnd Kälte
mit seinen niiiden Gäulen endlich ein
Dörfchen erreichte. Andere Zeiten, an- ’
here Lieder-! Die Vertehrgbediirfnisse
der Nenzeit sind ins Enorrne gestiegen.
Wir würden es als sexbstverftändlich
finden, wenn ein pseilgefchwinder Zug »
uns in schnurgerader Linie von Berlin
nach Hamburg im Verlauf einer einzi- ;
gen Stunde brächte. Hamburg läge
gewissermaßen vor den Thoren Ber
lins, ebenso dann Leipzig. Dresden,
Halle, Breslau u. s. w. Die nächsten
dieser schönen Städte wären die Ziel: ·
punlte eine- Rachniittagsaussluges. ,
Jede von ihnen läge vor den Thoren T
der andern, wäre nicht mehr als eine
Vorstadt der andern und das ganze«
Reich würde verlehråtechnisch auf einen «
Raum von wenigen Stunden zufam- I
nrenschmelzen Dabei würden Handel
nnd Gewerbe gesellschaftliche und
Treundschaftliche Beziehungen wissen- «
chaftliche und künstlerische Verbindun- «
aen in arofiem Maßstabe aewinnen; (
insbesondere das persönliche Eingrei
fen in alle wichtigen Angelegenheiten;
des Lebens wird ermöglicht —- was ja
dem individualistischen Zuge unserer
Zeit herrlich entgegen kömmt. Der
l
ungeheure Aufschwung den die Jn-I
duftrie Deutschlands im letzten halben F
Jahrhundert genommen, wiirde eines
erneute lraftvolle Ausdehnung ersah-—- F
ren, und zwar sowohl dirett als indi- ««
rett. Denn die Verbesserung der Ver- :
tehrsmittel gehört zu den produktivsten I
wirthschaftlichen Schöpfungen. Di
rekt, indem beim Bau eleltrischer
Schnellbahnen die einschlägigen Jn
dxistriern Maschinenbau Elektrotechnit,
Itahlenbergloerte u. s. w. ein Feld siir ;
erhöhte Anstrengungen und fruchtbrin
gende Thätigleit finden, indirekt, insj
dein allen Industrien und Gewerben
überhaupt große A»hsatzgebiete räumlich
näher riicktem Käufer nnd Fabrikant
sich öfters nnd leichter finden, die Be
dürfnisse ini Verkehrs- und Meinungs
austausch rapider wachsen. Noch alle
neuer- Vertehrsrnittei. seien es Stra
ßenbahnem seien es Verbindungen zwi
schen nahen Stödten, sei es blos die
Bewilligung der Vorortgvreise um
Großstädte herum. haben über Er
warten plötzlich anwachsendes Publi
kum gefunden. Es steckt also in all die- s
TM Schaesderbindungen eine unzwei
felhafte Erhöhung der wirthschaftlichen
Vortheile
Nicht eine Verbesserung der alten
tsnvrrbesserlichen Bahn, sondern eine IT
Neuschöpfung wird angestrebt. «Der "
alte Schnellzug hat mit Mühe 90 oder
qar die phänomenale Zahl von 100 Ki
lometer in der Stunde erreicht. Der
Schnellzug der Zukunft läßt nicht mit
sich spotten. 200 Kilometer ist das
mindeste, das er leisten muß. Man
könnte ja weiter gehen, aber das Ma
terial —— Eisen und Stahl ——- ist wahr
scheinlich der Aufgabe nicht gewachsen.
-Reit iiber eine stündliche Zuggeschwin
, digieit von 300 Kilometer hinaus, tä
z men die Räder in Gefahr-, durch die
error-ne Centrifugallrast auseinander
Zu reißen. geradezu zu erplodiren. Jch
habe schon im Jahre 1892 über das
großartige Projekt deH bekannten Jn
Znienrs Carl Zipernowsth berichtet.
r mit der Pester Firma Ganz öd Co.
, den ersten elektrischen Schnellvertehr
« " Fischen Pest unt-Wien einrichten woll
. Das Projekt war genial und er
regte Aus-sehen in allen Fachtreisen
Leider scheiterte es an der Ausbringung
Ort Mittel. da irgend welche Garantie
·"-Oentebilität der neuen Linie
«- —:1-s tL-4— f:-k. Q- CI---Ak-s-I--L
Jus-I ule »Hu-u III-D- I)n Ukuishqsunu ,
« arbeiten die Bauräthe A. Philippi nnd l
CI. Geiebel seit dem Jahre 1894 ans
einem ähnlichen Projekt, das zuersti
Krupp in Essen nnd zwei Jahre später E
der Allgemeinen Elektriziiätsgeselli j
schaff, sowie der Elettrizitätesgesellsi
schast Sinnen-H und Halgke nntekbrei- I
tet wurde Am 10. Oktober 1899 ist ;
eine Studiengesellschast siik elettrischex
Schnellbahnen unter Mitwirkung ho-!
her Behörden, großerBontinstitnte und T
Industrieller ins Leben gerufen wor- :
den. Die Behörden haben außer den «
national-ökonomischen Interessen auch
die Vortheile siit Postbetrieb und Mo
. bist-meistens Hm Auge.« Die Studien
gesellschqft M von dem als hervorra
» Mo bekannten Professor Stabn gelei
ksj M. Fäe die Wahrscheinlichkeit eines
jJL praktischen Erfolges spricht das Jn
sk fee-esse des Geheimen Baurathes Ra
ssen-un der- heute die erste Persönlich
seåt Ins diesem Gebiete ist« Wir wol
IM biet nicht daraus zueiietkommen,
VII schon in den Tagesblätteen dat
M Musen bot, so z, B. über die
Wdigkeii, alle Zwischenslationen
Ists-wie jede-estimaan Ins
Miit »W- its-I ebne knoc
"Mohenben W auf moglichst
s tin- Linse Don einer Geoßstave zur
.-... -.-..,. . .
andern binzublihern Die neue elektri
sche Schnellbabn wird zwei bis dreiGe
leise erhalten, je eines für je ein ahrti
» ritt-jung während das dritte leist
f zur Reserve dient in jenen Fällen, da
" die andern beiden inspizirt oder repa
kirt werden müssen. Denn die Pro
» jettanten denken sich einen Fünfminm
I tenvertehr. der rastlos iiber die Strecke
jagt und bei feiner ungeheuren Ge
schwindigkeit den Aufsicht führenden
Beamten ein Betreten der Linien aus
Griinden der Lebenssicherheit verbietet
Als erste Anlage haben die Herren Ber
lin-Hamburg ins Auge gefaßt, da hier
die Reichsbauptftadt, als die größte
deutsche Industrie- und Binnenbam
delsstadt, bei ihren innigen Beziehun
gen zur größten deutschen Seehandels
und Hafenstadt einen großartigen Auf
schwung des Verkehrs verspricht. Die
bisherige Fahrtzeit Von drei bis vier
Stunden wird auf ein und eine Vier
telstunde herabgesetzt Auch die Fahr
preise fiir l. und ll. Klasse sollen nied
riger fein als gegenwärtig für die drit
te und Vierte. Es sind nämlich in Ans
sicht genommen Preise von 7.50 Mart
und 5 Mart fiix die einfache Fahrt.
Ein sehr großer und breiter Bahn
törper wird unzweifelhaft nöthig fein,
da die drei Geleife einen Abstand von
mindestens zwei Meter von einander
haben müssen. damit kein allzugroßer
Luftwiderstand entstehe. wenn sich zwei
Züge in entgegengesetzter Fahrtrich
tung begegnen. Zipernowsty hatte so
gar Diftanzen zwischen je zwei Schie
nen-Strängen von mindestens 10 Me
ter vorgesehen, um keine üblen Rück
wirtungen der gegeneinander ftiirmen
den Luftftrörne eintreten zu lassen.
Freilich hatte er auch 300 Kilometer
Geschwindigkeit in Vorschlag gebracht.
Nmi um Gans-Um soll im- pimelne ak
L.
nügende Stärke beschen, Um der Last
der Betriebsmittel und den Stößen des
Zuges den nöthigen Widerstand zu lei
sten. Auch hier hat Zipernowsly siir
die Räder Doppelspurtränze vorgese
hen, damit jedes Rad die Schiene von
beiden Seiten umfasse und schon für
sich allein ein Entgleisen nach rechts
oder links erschwere oder gänzlich ver
hindere. Selbstverständlich trachten
Philipoi und Griebel die Schienensiöße
zu vermeiden und dadurch einen stoß
freien Oberbau und ein stoß- und er
schütterungssreies Fuhren zu ermögli
chen, während ja sonst unsere Nerven
durch dieses Uebel der Schienenstösze
leider sehre energiscb in Anspruch ge
nommen werden. Ob sie die Schienen
aus einen besonders gemauerten Unter
bau verlegen wollen, wie seiner Zeit
Zipernowsty, ob sie sie mit einander
derschweißen wollen, ist der späteren
Ausarbeitung des Projetteå überlassen.
Besondere Sicherheitsmaszregeln wer-·
den getroffen, um einen Zusammenstosz
der in so kurzen Abständen aus einan
der folgenden Züge zu vermeiden. So
soll jeder Zug eine Strecke weit hinter
sich die Bahn siromlos machen, sodaß
der nächstfolgende Zug. wenn er zu
nahe heranbraust, teine Betriebskraft
mehr zugeleitet erhält. Ferner erhal
ten durch besondere Borrichtungen die
Stationsbeamten inhamburg undBer
lin aus elettrischem Wege Nachricht von
der Stelle. an der sich augenblicklich der
Zug befindet, sodaß sie von ihrem Bu
reau aus die Fahrt jedes einzelnen Zu
ges beobachten tönnen. Aehnliche Si
cherheitsavdarate hat ja der Breslauer
Erfinder Biermann bereit-Z entworfen
Das Zugoersonal, das nur aus zwei
oder drei Personen bestehen soll, wird
mit den Sicherheitsoorrichtungen mög
lichst wenig zu thun haben. So soll
schon vor, dem Einlaufen in die Sta
tion die dem Elektromotor zugeführte
Stromstärte selbstthätig derart der-«
tnindert werden, daß der Zug langsam
einsahren muß, selbst wenn der Füh
rer zerstreut, eingeschlafen oder alkoho
lisch begeistert sein sollte.
Ueber die Krastzufiihrung ist vor
läufig nicht viel zu sagen, obwohl sie zu
dem schwierigsten Theil des Problems
gehören dürfte. Jn mehreren Central
stationen wird elektrischer Strom er
zeugt, und dieser durch besondere Leit
schienen dem in Fahrt begriffenen Zuge
zugeführt Die Elektromotoren des
Zuges streifen mit einer Rolle über die
Zuleitungsschiene und entnehmen ihr
den für den Betrieb nöthigen Arbeits
strom. Zur Anwendung kommt hoch
gespannter Drehstrom, der mittelst
Transformatoren zur erforderlichen
Betriebispannwg heruntertrangsop
mixt wird. «
-. « . -·.- -.- -
AUT) Ock Kollcllclcll III Uccellö clUYcch
stellt. Er beläuft sich Alles in Allem
auf rund 140 Millionen Mart. Um
diese mit 5 Prozent zu verzinsen und
außerdem alle nothwendigen Betriebs
und Verwaltung«-kosten Abschreibun
gen u. s. to. zu decken, wäre eine Roh
einnahme von 28 Millionen Mart im
Jahre nothwendig. Dazu gehören
rund 4Js; Millionen Fabrgäste pro
Jahr, oder täglich 12,767, von denen
40 Prozent aus die l. und 60 auf die
ll. Klasse gerechnet iverden. Da nun
Berlin und hambuzg sammt- ihren
näheren und ferneren Vororten auf
rund 8 Millionen Einwohner ange
nommen werden können, so müßten auf
jeden Einwohner jährlich 0,78 Fahrten
hin und ebenso viel zuriiel entfallen.
Nun sollen die Züge aus drei Wagen
bestehen, und irn Fünsrninutenverlehr
16 Stunden t« lich den Betrieb aus
reche erhalten, an würde damit nach
beiden Richtungen zusammen täglich
EM Personen befördern können.
Der Verlehr hamburtkserlin wird
sich jedoch nicht dies auf die genannten
Städte und deren Bororte liess-ran
E;len auch von nahe gelegenen Stadten,
wie z. V Leipzig, werden Passagiere
hinzufitörnem um die lurze und rasche
.Verb"indung zu benii en. Außerdem
wiirden beispielser durchreisende
Fremde die Schnellreise nach haniburg
« als einen lohnenden Nachmittag-aus
flug betrachten können. Wahrschein
« lich werden nach dem ersten Erfolg in
Kürze auch die Schnelllinien Berlin
«Dresden, Berlin-Leipzig Berlin
Ftanlfurt a. M. u. s. w. entstehen.
Budapest-Wien hat zwar vorläufig
die Führung verloren; die beiden
Städte werden aber vermuthlich das
; Versäumte nachholen. Ebenso wird
»für die Strecken PiirissCalais und
I Daher-London ein Schnellverlebr loh
« nend sein« da sich dann die Verbindung
zwischen der französischen und engli
schen Hauptstadt aus ein Mindestmaß
reduzirt. Die Unternehmer sehen so
« gar noch weiter in die Zukunft. Die
Kontinente zwischen dem Atlantischen
und dem Stellen Ozean. Amerika, wie
Europa und Asien, werden wir einst
; in ebenso viel Tagen durchfliegen, als
T wir heute Wochen benötbigen. Ein
I Ziel aufs Jnnigste zu wünschen.
L. Silberstein.
—- - «-o.-—
Ein Verlobten
-Humoreste von E u ge n J s ola n i.
-—-- « o
i
,,Wissen Sie. meine Herren, was ein
; »Versaßter« ist? Nein? Nun, ich will
; Jhnen erzählen, wie mein Freund Al- ;
F sred Starr —- wir nannten ihn immer
; nur »den kleinen Pippin«, weil er ei- ;
E neu Kon kleiner war, als wir Studien
genofsen alle —- zu seiner Frau gekom
z men ist. und dann. meine Herren, wer
den Sie begreifen, was es heißt, ein
Verfaßter zu sein, denn der kleine Pio
pin ist ein Versaßter und fühlt sich sehr
: wohl dabei, im Gegensatz zu dem Aug-— -
--.-«
sprach irgend eines bedeutenden Mau
nes « ich weiß nicht gleich, wer es war
—- der einmal die Behauptung nieder- «
schrieb: »Ueber die Pein der Empfin
dung, ein von einem Andern versaßter
Mensch zu sein, geht nicht«
Glauben Sie mir, meine Herren,
diese Sentenz iit unwahr, wie alle Sen
tenzen, die soeben von mir ausgespro- :
chene selbstverständlich ausgenommen
Doch ich wollte Ihnen ja von Pippin
dem Kleinen, meinem lieben Freunde,
erzählen!
Also ich sage Ihnen, meine Herren,
mein Freund Pippin der Kleine — er
ist feines Zeichens wohlbeftallter Ober
lehrer ——-— war ein Büchern-arm wie er
im Buche steht. Von der Existenz des
onmuthigen, weiblichen Geschlecht
hatte er sicher nur durch die Bücher eine
Ahnung
Ra, ich erinnere mich noch, wie er
einmal während unserer gemeinsamen
Studienzeit aufbrauste und geradezu
grob gegen mich wurde. Wir hatten
nämlich, ein kleiner Kreis bon Studien
genossen, die Verabredung getroffen.
allwöchentlich in einem Kneipzimmer
zusammenzukommen wo wir iiber Le
bensanschauungen und Weltweisheit
debattirten und uns oftmals bis in den
; frühen Morgen hinein erhitzten Da
hatte ich mir nun einmal den Vorschlag
zu machen erlaubt, ein Tanzkriinzchen
zu arrangiren. zu dem jeder der Stu
diengenossen die ihm besteundeten Fa
milien einführen sollte.
Na, ich sage Ihnen, meine herren,
wie mich da der kleine Pippin anfuhr
und abkanzeltel Jch kam mir dor, wie
der ärgste Don Juon und Bruder
Leichtsinn.
Nun können Sie sich wohl meine
Ueberraschung vorstellen. als ich von
diesem Freunde plöhlich die Ver
lobungsanzei erhielt.
Natürlich ragte ich sofort bei Vip
pin den Kleinen an, wie das so mit sei
ner Verlobung gekommen sei, als ich
ihm meinen Gliickwunsch sandte. Und
er antwortete mir lurz und bündig
«Jch habe mich verloht, weil ich verfaßt
worden bin! Nächsteno erzähle ich Dir
das ansiiihrlichl«
Und das Ausführliche erzählte er
rnir dann auch wirklich und iwar in der
folgenden Weise:
i
Ungefähr drei Wochen vor ieineri
Verlobung war er an einem Sonntag i
Nachmittag in einen der reizend gelege- Z
nen Vorotte von B. ich sagte anen j
wohl schon, daß mein Freund in B. als F
Oberlebrer am Gymnasium wirtt ;
hinausspaziett ganz allein, nur in der i
guten Gesellschaft seiner Gedanten 1
Und da der kleine Pippin niemals ein i
flotter Spaziergänger war so war er »
in dem Vorort sehr ermüdet angelangt f
setzte sich dort ein Stündchen beim;
Glas Bier fest und benutzte sodann
beim hereinbrechenden Abend die Pfer
debahn zur Fahrt in die Stadt. wo am
Kneiptiich mit Kollegen der Sonntaa
fröhlich beschlossen werden sollte.
Kaum aber war er ein Viertelstünd
g,efabren als eine junge Dame auf
die Pferdebahn sprang. Er hatte auch
beobachtet, wie das junge Mädchen auf
der tro des Sonntags ziemlich einsa
men C ussee von zwei Studenten be
lästigt wurde und, um diesen zu ent
Eber-, auf die gerade betantommende
te ßenbabn wartete und in ichnellstec
Fahrt betrittst-karge Mein Freund hatte
das zufälliger ile schon von Weitem
bemerkt er Me lieb finde , er der
Dame beim Inst-ringen M lich me
und alz die Studenten ihre eechbeit
so weit treiben wollten, um aus die
s
Bahn zu springen da ftellte er sich vor
die Dame und warf den jungen Leuten
so energisch abweisende Blicke zu, daß
ße von ihrem Vorhaben abließen und
ehD seitwärts in die Busche fchlu en
Die Dante — mein Freund ippin
E der Kleine bemerkte ersi viele Tage sp i
E ter daß sie noch sehr jung und hübsch
war —- verneigte sich ein wenig zum
s Zeichen des Dankes und ieizte sich in
« den inneren Raum des völlig leeren
Wagens s— die Zeit des Züriiclte.1
, rens der Spaziergänger aus den Vor
I orten war noch nicht hereingebrochen —
wäbrend Pivvin der Kleine. als sib
nichts vor-gefallen wäre. unerfchiitter
lich wieder seinen Gedanken, auf dem
Außenverron stehend. nachhing Er ar
beitete just in den Tagen an einem
Werk iiber »Disserential: und Inte
gral s- Rechnung«. und, mein Gott, das
war dem lieben Pipvin weit interessan
ter und wichtiger, als eine junge, schöne .
Dame.
Da aber forderte der Konduiteur
ron der Dante das Fahrgeld ein« und
nun erst bemerkte das junge Mädchen,
taß sie iein Geld in der Tasche hatte,
Pipvin der Kleine aber sieht das, und ;
kühn, wie et es vordem nie gewesen, ;
springt er herzu und bietet der Dame
an, das Geld auslegen zu dürfen. Die
Dame nickte zustimmend, Pipvin über-— «
reichte ihr seine Karte. die sie schwei
gend annahm. nnd dann nahm der gute
i
Junge wieder wie vorher seinen Plan s
cui dem Außenperron ein und dachte an
seine Jntregal- und DifferentialsRech
nung.
Als Die Dame sann ausstieg, VALle ?
schiedete sie sich noch einmal durch eine
stumme Verbeugung· die Pipvin mit ei- ;
ner gleichen beantwortete. Mein Freund ;
aber seßte seinen Weg sort in die
Stammlneipe, wo bereits die Kollegen
seiner warteten. Beim Abends-rot nun
erzählte er denselben sein Erlebniß auf
der Pserdebahn.
Und da denken sie sich nun, meine Her
-ren, da kommt einer der Rneipgenossen
meines Freundes, ein Literaturlehrer
an einer Mädchenschule, der auch zuwei
len schriststellert, aus den Einfall, das
Gehörte zum Gegenstand einer lleinen
Geschichte zu machen, die er an das ge
lesenite Blatt von B. sandte.
Das heißt, davon hatte Pippin der
Kleine keine Ahnung, sonst hätte er
dem indiskreten Freunde nicht am an
dern Tage noch mitgetheilt, daß er vom ?
Geheimen Kommerzienrath F. einen;
Brief erhalten habe, in dem dieser —- E
der Vater der Pserdebalxndame —
ilxm unter vielem Dank sitt den ritter
lichen Beistand, den er der Tochter ge
leistet. das verauslagle Geld zurück
sandte. »Ich hoffe«, so ungefähr
schloß der Brief« »daß Sie mir sehr
bald einmal das Vergnügen machen,
Ihnen versöhnlich meinen Dant abstar
ten zu können."
« Nun hören Sie, meine herren, be
reits wenige Tage daraus -— der Mäd
chenschullehrer muß sehr eilig Geld ge
braucht haben —- liest Pippin der
Kleine in der Zeitung beim Morgen
lassee eine Geschichte, in der sein ganzes
Erlebniß geschildert wird, genau mit
dem Brief, den er vom Kommerzien
rath erhalten hatte, nur daß er den
helden der Geschichte sehr verliebt sein
läßt in die Dame« und daß er einen
Schluß hinzudichtete. Die Geschichte
schloß damit, daß. nachdem Bippin tag
täglich mehrere Male vor dem Hause
seiner Schönen Fenstervromenade ge
macht, er dem Mädchen seine Hand an
trägt und Erhörung findet. Natürlich
waren die Namen der betheiligten Per
sonen geändert.
Nun lönnen Sie sich den guten klei
nen Pippin denken, als er das in der
Zeitung liest!
Er war entseßt. er wagte sich taum
noch aus die Straße. Jm ersten Augen
blicl wollte er schleunigst hinlausen zum
Kommerzienratd F» ihm seineUnschuld
oder auch Schuld an der Veriissent
lichung jener Geschichte darlegen, und
sich zu allem, was er nur irgend der
langen sollte, bereit erklären.
Dann aber war er zunächst u dem
Verfasser der Geschichte. dem rheber
seines ganzenAergerS. hingeeilt, zu dem
Mädchenschullehrer und Geschichten
schreiber. Ra, der suchte den jungen
Pippin natürlich zu beruhigen, von ei
nein Duell. das der zornige Pidpin in
feiner Erreatbeit in Vorschlag brachte. «
wollte jener durchaus nichts wissens
Und es gelang ihm in der That, den s
«Verfas«,ten« so weit zu beruhigen, daß I
er ihm versprach, vorläufig in derSache
nichts zu thun. Ginge Piopin, so mein
te der Mädchenschullehht mit Recht,
zum Rommerzienrath, so könnte das
vielleicht aufgefaßt werden, als wolle er
toirtllch dieWege seines verfaßten »alt»
ego« wandeln. Durch die Geschichte, so
erlliirte il1r Autor, sei ja keine der be
theiligten Personen iompromittirt, :
denn diejenigen, welche urn den Vorfall ,
wußten, der zu derselben Anlaß gegeben g
hatte, und den Zusammenhang des Ge- d
schehenen und der Er ählung lannten, j
lcnnten ia doch nur Freunde oder An- z
gehörige der betlzeiligten Personen sein« ;
Nun, wie gesagt, Pivvin der Kleine
gab sich in der That vorläufig zufrieden
und wollte die Angelegenheit an sich
herankommen lassen. Jede Stunde, so
dachte er bei sech, lonnte ja auch der
Kommerzienratlt zu ihm lautener um
ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
Er begab lich also zunächst in seine
Wohnung und wartete der Din , die
da tonmsen sollten. Zur Arbeit fand
et keine Muße. Sein Wert til-er »Mi
ferential- und Jnte tal - Rechnung«
machte leine Zeile wei Fortschritte Er
L =
fette sich ans Fenster. und sobald er ei
nen refpeltabel aussehenden Herrn dle
Straße herauskommen sah, fühlte er
tas Bedürfniß ihm entgegenzustehen
nnd ihn als Kommerzienrath F. zu be
grüßen.
Es lamen «edoch sehr viele
respeltabel ausse nde herren oie
Straße heraus, aber tein Kommerzien
rath ließ sich blicken. Pippin der Kleine
verharrte in seiner Unruhe· er— ging
Abends nicht in die Stammlneipe und
schlief Nachts taum eine Stunde
Der andere Tag tam heran. Er war
tete wieder big zur zehnten Stunde in
derselben Aufregung, dann mußte er
aber in die Schule, hinterließ jedoch
daß er, gegen feine Gewohnheit, um
zwölf Uhr wieder zu Hause sein würde
Er war’s auch pünktlich. Es hatte je
doch zu seiner Ueberraschung Keiner
Mich ihm gefragt, und seine Aufreaunc
steigerte sich zu einer lranthaften Rei
vosität.
Nun machte er sich doch aus den Wra
zum Kommerzienrath Aber drei Mal
faßte er den Entschluß, dem Rath einen
Besuch zu machen, ohne dieses Vorha
ben auszuführen Alle drei Male gina
er bis vor das Haus« in welchem der
selbe wohnte, um dann sogleich wieder
umzukehren; und alle drei Male traf
er in der betreffenden Straße Kollegen
und Bekannte, aus deren ihm seltsam
erscheinenden Mienen er annehmen zu
können glaubte, daß sie ihn bei seiner
Fensterprornenade gestört zu haben
toähnten. Und nach jedem der drei
Gänge wurde er wüthender auf alle
Schriftsteller und Zeitunasschreiber.
Alle Literaten wünschte er in die Hölle
hinein, aber dort, wo sie am heißesteu
ist. «
«za, aqo vie Uenireroromenaor aus
der Zeitungsgeschichte hatte mein
Freund nun auch ganz nach Wunsch
seines Verfassers ausgeführt
Aber kurz und gut, der liebe Pippin
der Kleine hielt sich auch in den anderen
Theilen ganz streng an seine ihm von
seinem Verfasser vorgeschriebene Rolle,
wenn’s auch nicht ganz so schnell ging,
wie der Mädchenschullehrer es in seiner I
Geschichte haben wollte. Der Kerl hat- «
te es eben in allem etwas eilig. ;
Den Besuch machte Pippin allerdings
programmmiißig am andern Sonntag.
Der Kommerzienrath war sehr lustig
über die ganze Geschichte, auch die Da
men, das heißt die Geheimröthin und j
das Pferdebahn-Fräulein, fabten die H
Sache von einem humoristischenStandi
puntt auf. Sie hatten natürlich auch
die Zeitungsgeschichte gelesen und hat- J
ten, einen ähnlichen Zusammenhang J
dermuthend, wie er wirklich vorhanden ;
war, bereits recht herzlich darüber ge
lacht.
Na, aber Pippin war nun wenigstens
nach langer Zeit wieder einmal in ruhi
gerLStimmung Der Kommerzienratb
dankte ihm noch vielmals für den Bei
stand, den er seiner Tochter geleistet und
erzählte ihm. durch welche Folge don
Zuföllen sie an jenem Abend den Weg
hatte allein machen müssen, und bat den
kleinen Pipdin, als er sich empfahl, sehr
freundlich, er solle ein baldige-·- Wieder
tommen nicht vergessen.
Na, das ilebrige brauche ich nicht
weiter ausführlich zu berichten; Vip- l
bin kam öfter-Z in das Haus seiner J
PferdebahnsBetanntschaft, ert geladen
und dann ohne Einladung, und bald s
daraus hielt er um die Hand des Kom- ,
merzienrath-Töchterleins an. die ihm l
auch vom Vater deg lieben Mädchens j
wie von diesem selbst aern gewährt
wurde.
Und er lebt sebr glücklich mit seiner
jungen, hübschen Frau.
Jch bin auch überzeugt, daß mein »
Freund, der das Zeug zu einem guten l
Ehemanne, zu einem zärtlichen Gatten l
und treusorgenden Vater hat, bis an l
das Ende seiner Tage in glücklichster s
Ehe leben wird. Jch sehe ihn auch in ·
l
l
l
l
meiner Phantasie als glüasvendender
Mittelpuntt einer das Atoma der So
liditüt ausströmenden HäuslichteiL Jch
könnte Ihnen. meine herren, diese echte, .
deutsche Gelehrtennatur schildern, s
tönnte Ihnen genau sein häusliches»
Glück im Kreise der Seinen ovrfiiheen. J
Aber ich wage nicht, meinen Vorstellun
en Ausdruck zu geben, denn ich habe
hnen ja gezeigt, wie gewissenhaft
mein reund sich an solche Vorschriften
zu hal en pflegt, mögen sie auch noch so
phantasieboll sein. Ich will ihm teine
Vorschriften machen, mde er seine Zu
kunft selbst verfassen.
—- i—«-s—--—-—I—s-—- s- ·
I
Der Latini-record
Von A.Wahlenberg.
Kurt hallet hatte sich vor vier Jah
ren in der kleinen Stadt als Musitleh
rer niedergelassen Hatte Notwendig
teii hatte ihn von der Heimath und den
Eltern bintveggekriebem In der ersten
Zeit drohte auch das Deimiveh ihn zu
überwiiliigem aber dieser Zustand
dauerte nicht lange, denn er besaß ei
nen unverwüstlichen Humor, mit dem
er alles Bittere und jede Unannehnilich
teii abichiitieltr.
ån den lehten Monaten schien es je
do , als ob etwas ihn quälte und be
drückte.
Und so war es. Den Tod icherzt
man nicht hinweg! Er hatte sein Urtheil
in den Augen des Arztes gelesen, als
dieser sich zu ihm hinabbeugte. und er
laut-te deutl« das Wort »Sei-wind
u t« zu vern- en
n seinem kahlen. unfreundlichen
« Zimmer paaten ihn immer die Todes
Lf v- —
gedanten mit ergreifender Macht. Eine
: quälende Unruhe bemächtigte sich seiner,
; und oft tonnte er nicht verhindern, dasz
E seinen Lippen ein hilserus entfloh.
Ader wer sollte ihm wohl helfen?
f Seine Freunde? Ach! diese verstanden
; ihn nur« wenn er scherzte und lachte.
. Seine Eltern? Wie weit fort wohnten
sie! SeineMittel erlaubten es ihm nicht,
die weite Reise zu unternehmen. Und
I si-. sollten ihn auch nicht sterben sehen!
Wie gut erinnerte er sich der weichen
: Hände seiner Mutter. die so oft liebto
send über sein haar ge litten waren!
« Wenn er sich nur einen ugendlick an
eine theilnehmende Brust schmiegen und
noch einmal so geliebt-ist werden könnte.
Als ei eines Tages seine Thiir aus
schließen wollte. iali er,dasz wie gewöhn
lich die gegenübcrlicgende Thür geöffnet
wurde.
Ein kleiner blonder Junge tom her
aus und folgte hüpfen-i Kurt Holler in
dessen Zimmer. Wie sonst tollte ei mit
dein kleinen Kerl umher, und kurz be
tsor sein Gast sich entfernen wollte.
fragte et ihn:
»Pflegst Du Deine Mutter manch
mal zu küssen?«
»Nein, sie tiiszt mich.'«
.Aber Du mußt es auch können. Ver
such«es, mir einen Kuß zu gehen!«
Zögernd niiherte sich der kleine Mund
und schließlich beriihrten die weichen
Lippen Kurts die bättige Wange.
Dieser aber schlang heftig seinen
Arm um den Kleinen, drückte ihn seit
an sich und tiißte ihn wieder und im
mer wieder.
«Dann wars er sich aufs Sopha, um
die aussteigenden Thränen zu verder
flssl
Am selben Abend war er eingeladen,
und er folgte der Einladung, «nur um
nicht allein zu sein.
Er hatte sich jedoch zu viel zuge
traut, und als der Tanz begann, ge
lang es ihm schließlich, sich in einen der
Nebenriiume zu schleichen, wo ein an
genehmes halbdunlel herrschte. Er
stellte sich ans Fenster und schaute hin
aus in die schweigende Winternacht.
Nach einer Weile hörte er seinen Namen
rufen. Hastig drehte er sich um. Aus
dem Sopha sasz eine junge Frau, die
aus den Knieen ihren schlafenden klei
nen Jungen hielt, --- Kurt hallet-s
Spielkamerad vom Vormittag. Die
Mutter war ihm auch bekannt, und so
liesz er sich am Tisch nieder und begann
sriihlich zu plaudern wie immer·
»Sie sind immer bei guter Laune,
Herr ller·', sagte die junge Frau.
»Es it wirklich ersrischend, Jhr Nach
bar zu sein. Sie denken hossentlich
nicht daran. aus unserem Hause fort
zuziehen? Jch glaube, mein kleiner
Junge würde sterben«
Mit einem abweisenden Lacheln er
widerte er:
»Oh. es tann schon sein« daß ich aus
ziehen werde!«
,,Wirtlich? Nein, thun Sie es nicht,
herrhallerl Sie sollten sehen, wie mein
Junge jeden Tag am Fenster sieht und
guckt, um Sie ja.nicht zu verfehlen,
wenn Sie Mittags nach Hause kom
men. Wir beide würden Sie so vermis
sen.«
Sie mußte schließlich schweigen, da
er nicht antwortete. Um keinen Preis
hatte er jetzt ein Wort hervorbringen
lönnen. Sein sehnlichster Wunsch war
ersiillt. Man würde ihn vermissen. Je
mand würde noch manchmal an ihn den
ten.
Starr blickte er aus die lleine Hand,
welche aus dem Sophakifsen ruhte. und
unwillkürlich ergriff.er sie. Aber ehe er
siir seine Kühnheit gestraft werden
kennte, ließ er die Hand wieder sallen
und siihrte das Taschentuch an die Lip
pen, iiber die sich eine Blutwelle ergoß
Die junge Frau schrie auf und wollte
hilse herbeiholen, er aber bat sie ruhig
zu bleiben. Der Ansall war noch ein
Mal vorübergegangen und er lehnte sich
matt in die Kissen.
qMeine Stirn ist so heiß«, sliisterte
er schwach.
Sie verstand ihn. Die kühle, weiße
band lam freiwillig und drückte sich
gegen seine Schläsen Und nach einer
Weile sing diese fand an sich zu bewe
gen. Siest strich se n Haar und liebkoste
als wiire er ein Kind. Er schloß
die Augen und träumte von seiner Hei
math. Mutter. liebe Mutterc sliisterte
er sast unhörbar.
Der Tanz war zu Ende und laute
Stimmen ertönten aus dem Neben
raum.
Kurt beugte sich vor.
»Wenn Sie wollen« werde ich Ihnen
zum leyten Mal etwas vorspielen. Es
soll mein Dank sein.'« »
Bald saß er am Klavier. So hatte
man ihn noch nie spielen hören, und
nach dem Schlußailord wollten die Bei
sallsöußerungen garnicht verstummen.
Ahek plöglich war es erschreckend still
in dem roßen Saal.
Der Künstler hatte sich nicht von sei
mm Plas erhoben. Den Kopf hielt et
ebeugt« und über seine Lippen sloß ein
lutsirvm.
Man stüyte ihn, man holte Wasser,
denn er bewegte unruhig seine Hand,
als ob er etwas suchte. Aber als das
Glas lam, schüttelte et den Kons.
Da kam anstatt dessen eine weiche
nd, die er trampshast mit seinen
zitternden Fin rn umklammern Da
nach hatte er ch gesehnt. Die andere
fand legte sich aus seine Stirn, und
ein Kopf konnte sich an eine weiche
Brust lehnen. Er blickte aus. Ein mil
des auengesidw e sich über ihn,
und in brechender s is sah noch zwei
- Augen voller Theil-ten — Thtiinen, die
l um feinetwillen vergessen wurden.