Grand Island Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1893-1901, March 08, 1901, Sonntags-Blatt, Image 10

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    —
UMIWMINWUI
Yngenieur Csorstmanw
.·.Romau von.» ;
IS
Yikhekm Hegeketx
IMUWMNWM
Is. somit-u
suf der Treppe begegnete Lotte
ils-en. Ulire agte ihr, was geschehen
war, und te sie zurückhalten, oder
sie eilte hinauf. Njemand bemerkte,
dc fie in’3 Zimmer trat. Wie ge
lä tblieb sie im ersten « reck an
der Mr stehen« dann wa sie fich
auf ihren Vater. Er lrümmte sich
hilflos am Boden, röchelte und schlug
die blutigen Au en auf. die er in To
desangst und utb rollte —- da fal:
er ils-der frch gebeugt feine Tochter. Sie
wollte ihm das Tuch aus dem Munde
nehmen. aber Dei-wiss riß sie mit Ge
walt zurück-und drängte sie cui dem
Zimmer.
»Das fehlte noch. Der wahnsinnige
Handl« nmrrnelte er.
Der Herr war gegangen Delpvitz
end der Fleischeraefelle blieben jetzt
allein mit der-r Gebiet-ellen. Grauen
voll, wie sie beide ver ilnn standen in
dem ver-wüstem Zimmer und ihn
anstierten. selbst zerfcbunden. mit ro
then Köpfen, zerzausten Haaren, zer
rissenen Kragen, während in ihren ro
hen Gesichtern ein wilder Triumph
lag. daß fie den Rasenden endlich
übermältigt hatten!
Ein anderer Arzt kam dem Gebein-s
ratl) zuvor und untersuchte Anna. Wie
es schien, hatte sie innere B letzungen
davongetragen Als der imrath
kam. hörte er fchveigend an, was ge
schehen war.
Aber noch an demselben Abend fuhr
er wit dem Kranken. den er betäubt
hatte, nach der Anstalt von Grafen
berg. Deheoitz und Meer-es begleiteten
thin. Was der Gebeimratb mit dem
Direktor der Anstalt anstand-te er
fuhr der Hauptmann nicht. Ader als
er auf dem Rückweg fragte, ob der
Jugenieur nocb einmal eine Gefahr
für ferne Umgebung werden könne, er
widerte der Arzt:
U
»Der nicht! Der hat unt dem Leben "
abgeschlossen, und das Leben mit
thm.«
- XlL
Nachdem Frau Horftmann den
Fausten ihres Mannes entrissen war,
hatte-sie Blut erst-rochen Der Arzt
hatte deswegen befürchtet, sie habe noch
innere Berlehungen davongetragen
Doch war das nicht der Fall. Aber sie
war mehr von Kräften ekommen, als
man nach den verhältnismäßig leich
ten Verletzt-n en hätte annehmen fol
len. Drei ochen mußte sie zu Bett l
liegen nnd konnte sich nicht rühren.
In dieser Zeit waren ihre Verwandten
mit rührender Sorge um sie bemüht. I
Die aufopferndfte von allen war Lotte. l
Sie brachte Nächte hindurch am Kran- !
kenbett zu und las Anna jeden Wunsch j
an den Augen ab, als wenn fie die
Mißhandiungen, die ihr Vater der
Mutter zugefügt hatte, wieder gut ma
chen wollte. Während Anna unter ib
ren Compressen dalag, und jede noch
so leise Bewe ung ihr Schmerzen l
machte, hatte das Gefühl, daß ihr «
Gesicht fiir immer entstellt sei. Eine
dumpfe Hoffnungslosigkeit erfüllte sie.
Sie glaubte nicht den Worten des
Arztes, der ihr versicherte, daß uns-n
einiger Zeit von den Verwundungen
nicht einmalNarben zurückbleiben wür
den. Eines Morgens- füblte sie sich
kräftiger und wollte Gewißheit haben
"Mit furchtbarer Angst, als wenn es
sieh um Freifpruch oder Todesurtbeil
handelte, ließ ce siii von ihrer Muts-:
den Spiegel n. Jn dem Dämmer
licht, das durch die geschlossenensStores
schien, konnte sie sich nur undeutlich er
kennen. »Macht Licht!« bat fie mit ge
preßter Stimme Als dann die blen
denden Sonnenstrahlen ins Zimmer
fielen, betrachtete sie sich. Ein mat
ten Lächeln mnfpielte ihren Mund. Sie
rrar blaß. wie die Mtttücher, auf de
rm fie lag, hohlwangiz auf den blut
lnfen schlafer Lippen hatten sich die
einen der Zähne ein ezeichnet. Aber
s war under ehrt. Von den
. htlrn ufneä S «llsu enser nibchtä
Ue in n. iee orenn,a
» W m den roh-n Fausts-stö
« M Mauer-c stritsensreri fein
-
würde wie der Kopf einer Puppe, die
ein Kind zerbrochen hat, hatte sie um
sonst gepeinigt.
»Bist Du nun zufrieden, Kinde!?«
Anna nickte schwach und ließ tsen
Spiegel aus der Hand sinken. Die
Mutter ließ die Stoees wieder herun
ter und feste sich an’s Bett.
»Da Du nun so weit bisi,Anna,n-.uß
ich was mit Die sprechen. Die Sache
drängt Dein Mann . . .
»Sei still! Sei stim«
»Abe: Anna, die Sache muß dsch
mal . . .
Auf der Stirn der Kranken guckte es
wie von innerlich-en Qualen. « tau Ne
nietungseath seufzte und ver chob die
Hesprechunq der Angelegenheit auf
» , späten bli Anna von Ihm Nervositöt
cui-let fein würde.
« » Idee diese Netvosität schien die ein
« . Edle Folge ver etlittenen Miß
lnngen u sein, die dauernd zu
s Mich ach in den nächsten Wo
« — , . M Anna von einer krankhaften
: s « liebtest Das leiseste Geräusch
. « « Inn nenne-nichten In ihrem
Æ Im- e 1sie Mir abgestest Fet
. « teil per Milch-ca sie. Irrt-—
M
Sie war launisch und übelnehmerifch
wie ein nerpöses Kind. Ganz grau-d
los, wegen irgend eines Wortes, das
ihr nichi gefiel, bekam sie Weinkritms
pfe. «Alice, die sich nichts gefallen ließ,
und ihr manchmal f rfe Antworten
gab, durfte sich achi age lang über
haupt nicht sehen lassen.
Anfang Mai lain Frau harstmann
zkun ersien Mal wieder in den Garten
hinaus. Die Luft war weich wie die
akafgeihaute Erde. durchduftei von
leiien Wahlgeriichem durchschwirri
vorn Isaria-ers der Stare, die in den
Ohsthaurnen ie Blüthen hernnierwes
hen ließen.
Anna lag lang aus reckt in ei
nein fxprdstuhh den opf mit den
herabhanzelnden Flechten auf ein grau
ieideries sssen gelehnt, über den Fü
ßen eine iurlifche Decke. Die leichten
Schatten um ihre Augen, die überzu
ten Farben ihrer Wangen, die darb
sichiige Blässe ihrer Hände, an deren
Fingern die Ringe sah lafe verschoben,
deuteten noch die überstandene Krank- «
hert an. Aber ihr Gesicht hatte wieder «
den heitern,leichtsinnigenF-!lusdruck von
früher. Sie grub die Hände in die
seitentveichen Spitzen des Schlafrocks
Und ließ in angenehmer Selbsibewum
derung ihre Blicke an sich herunter-glei
ten. Ihre Gedanken beschäftigten sich
mit der Zukunft. — Jn spielender Un
regelmäßigkeit reihien sich allerhand
anaenehne Vorstellungen aneinander.
Bald dachie sie an das erste Fefi. das
sie in ihren wiedergeöifneten Gesell
schastsräumen geben würde,bald an ilp
re Teilettem an ihre erste Ausfahrt,
an das GeichLdaS Frau Oswald beim
Wiedersehen machen würde. Alles-, trsaå
sie bisher gequält hatte, war —- in die
sem Augenblick wenigstens —- van dem
lichivollen Glanz des Frühlingshiw
mels aufgeso en und verlöscht.
Neben ihr gfaß Frau Diisbach. die
mürrisch nach der Nemiie fab. wo Der
neue Kutscher die don Dehwitz ausge- l
suchten holsteiner Rappen ftriegelte.
Aus dernHose klopften zweiDienstmäd
chen Te iche aus und schäterten mit
den An reichern, die in den hohen Ge
rüsten an der Rückde des Hauses »
hingen. Nachdem die Alte sich süßer- ;
zeugt hatte. daß die Leute ihre Worte
unmögiich verstehen konnte, drehte sie
sich nach ihrer Tochter um und sagte
ohne Ums ise:
»Dein ann muß entrniindigt wer
den, Anna, es iii hohe Zeit.«
l »Willst Du mich schon wieder quä
ent«
»Ach, Unsinn! Endlich rnnß das
mal erörtert werden. Du mußt vor
Gericht beantragen, daß Dein Mann
wegen unheilbarer Geistestrantheit
einen Vormund bekommt. Er hat das
Haus verkauft, und der Agent besteht
aus seinem Schein. Wir können den
» Menschen nur loswerden, wenn nach
- gewiesen wird, daß Dein Mann zu der
E Zeit, wo er diesen unsrnnigen Vertrag
» abschlosz, geistesttant war. Dann
; werden wir den Proceß zweifellos ge
; minnen. Sonst aber hat Dich der
I Agent einfach in der hand!«
I »Gut, ioh wili das beantragen!
« Aber wer soll Vormund werden«-«
»Am besten Dehwitz. Mit dem ver
stehst Du Dich. Außerdem ist ein stü
herer Osfizier immer gern gesehen."
Anna willigte ein. Sie hoffte, die
Angelegenheit sei damit erledigt. Aber
ihre Mutter sing nach einer Weile
wieder an: «
»Wenn Horitmann unter Kuratel
gestellt ist, werden alle Eure schönen
Papiere in Mündelpapiere verwandelt,
die drei, dreieinhalb Procente geben.
Von den Zinsen mußt Du auch noch
Deinen Mann erhalten, sammt Wär
ter, Aerzten und Allem, was drum und
dran hängt. Was Dir dirnn bleibt,
reicht ja siir ein ganz nettes Leben aus,
. aber so, wie Drkä vor-hast . . .«
r »Was sollen wir thun,«Mama? Ge
qen das Obervormundfchaftsgericht
find wir doch machilos.«
»Du mußt ein bischen vernünftig
sein« Kindchen, vor Allem Vertrauen
zu Deiner Mutter haben. Denn Du
giein doch zu, wenn ich nicht gekommen
wäre, so wäre Dein Mann noch irri
mer den«
»Fang’ doch nicht wieder von ihm
ant« unterbrach sie Anna gewiss
»Ich wollte das nur erwähnen. Da
mals habe ich das Richtige vorausge
sehen, jetzt zeige ich Dir auch den ern
zig richti en Weg. Jch habe schon mit
Karl ge procherr. Er ist zur Ueber
nabrne der Bormundschaft bereit. Er
hat sich bei mir nach Eurem Vermögen
erkundigt Jsch habe mich in der Zwi
schenzeit ein bischen in den Büchern
umgesehen Jbr habt die Hauptsache
in den bergisch-märtischen Bank liegen
Ein Theil liegt auf der budapester
Bank. Von der Summe weißt Du
wohl nichts?« »
»O doch! Davon weiß ich ganz
genau!«
»Wa, urn jo besser! Aber Debwis
brauchst nichts davon n wissenk
- »Warum nichM fragte Anna et
staunt
»sehr-it bat Dein Mann sie is nie
ww- "’"" — ’"-’·M
w i nnr eine MeinigteiLI
nna sah ihre Mutter erstaunt an
s « »Bitte nette Kleinigkeit is- zwei
malhunderttausend Gnlden.«
»Siehsi Du, Kind, diese Summe
siehst Du vor Gericht nicht an. Du
weißt nichts davon. Sie ist ein ach
nicht da. Dann seht sie zu «
Privatversii ang, nnd Du hast immer
einen Nothp ennig für den Fall, daß
die Zinsen nicht reichen.«
»Aber das ist doch Betrag!«
Jsetrng2 Was heißt denn dass Du
kannst doch wohl mit Deinem Gelde
machen, was Du willst!«
»Und wenn die Leute nun in den
Geschäftsbüchern nachseheni«
»Man wird wohl nicht do einenr
Verrückten erwarten, das e Buch
führt! Ich trage die Bücher einfach ans
den Boden, da können sie sietlange
suchen?«
»Und wenn Gustav wiederkommt?«
»Wie sollte der wiederkommeni Der
sitzt im Jrrenhanse, weil er verrückt ist,
nnd konmit nicht rantk
Ein fehlinimes " In hatte sieh nni
Annas Lippen gegraben, und während
sie starr in die Lust sah, erwiderte sie:
! «Erstens isi er nicht verrückt, nnd
zweitens tomrnt er sicher eines Tages
wieder-« s
«Was- hast Du? Du willst Yes-hei
ter sein als wir alle, als die erzie,
JL Mewes. der ihn durch und durch
tenni? Hast Dir vergessen, was er für
Sachen angestellt bat? Das solltest Du
doch arn reiten nsissen!«
Anna hatte jedes Wort mit eigen
sinnigem Kopf chiitteln begleitet.
»Das sind tausen, Mir-um« sagte
Anna. »Mach’ das anderen weiß, aber
nicht mirs Jch weiß ganz genau, wiss
mit ihm sieht. Er ift bruiaL er könnte
im Jähzorn einen Menschen ermor
den. Er hat mich roh behandelt, aber
. . . aber . . . . ich habe ihn gereizt bis
aufs Blut. Ich habe ihm in meiner
Wirth ein Wort an den Kopf-geworfen
bei dem mnbl sah-s- Mnnes non Nor
ewähnt, nnd dann« . es is ja anchxs
l
stand verlieren möchte. Wenn Du nun
sagst daß er derriiclt ist. daß er nicht
mehr richtig denken dann, se sae ich.
das ist nicht wahr. Er weiß ebenso ge
nau· was los ist« wie ich und Du. Und
schließlich werden das die Aerzte auch
merken und ihn zurücklchickem Eines
Tages ilt er wieder da. Und was
dann? Was dann?«’
Sie war ausgefahren und starrte
ihre Mutter mit hlassem Gesicht und
vor Angst aufgerissenen Augen an
und fragte noch einmal: »Was dann?«
Jn diesem Augenblick hatte sie das
ausgesprochen was der Grund ihrer
ganzen Nervositiit, ihrer Eint-kindlich
ieit, ihrer unerträglichen Laune wart
Die Angst vor ihrem Mann. . . . Sie
war don ihm erlöst. Er war fort. Aber
das Gespenst feiner selbst, das Bild
ihrer Vorstellung war zurückgeblieben
Es hatte die ersten Tage hindurch auf
ihr gehoett, daß sie in dumpier Qual
darnieder gelegen hatte. Und jetzt, wo
andere Eindrücke dazwis n getreten
waren, tauchte es noch mmer ruf-.
Nachts aus der Dunlelheit der leeren
Kammer, iags löste es sich von irqend
einem Geäensianrk irgend einen-Wort,
das zufci ig siel. Sie sah ein Ding.
das ihmgehört hatte, sie dachte an
ihn: und iin selben Augenblick hatte
sie die Vorstellung dieses Menschen«
desien Finger ihren Hals umtrallten,
dessen idpen vor Wuth getriicnint
waren, dessen Augen blutunterlausen
glühten. Und so idrperlich und fühlbar
war diese Vorstellung manchmal, daß
es alle ihre Kraft ans ihren hnen
zog, und sie im Magen eine Ue ellett
fühlte als wenn sie sich erhreehen
müßte.
Der Gedanke. daß er wedertonnnen
würde, verdarb ihr ede Freude an der
Zukunft. Gewiß, jetzt konnte sie herr- ;
lich leben, länzender austreten als in «
den ersten ahren ihrer Ehe, mit vol- -
len Händen das Geld ausgehen Aker
wie ange dauerte das? Und was kam
dann? Würde er sich nicht rächstsi
Würde nicht ein noch viel lehliknnierek
Leben beginnen, als sie es die les-en
zwei Jahre hindurch geführt hatte?
« Frau Regierungsrath war ganz er
schrocken iiber das. was in ihrer Toch
ter verging· Sie luehre ihr die Angst
auszureden. Ader Anna wurde da
J durchgzur gis-eh nirfkieregternA Sie zit
Icllc IUJUTIJUUI ulli gllllzcll scclsy Iql
Gesicht war mit kaltem Schweiß be
deckt, und sie schrie ihre Mutter an, sie
solle endlich still sein. Frau Regie
rang-Starb sügie sich mit schwerem
Herzen Aber am nächsten Tage kam
re aus die Angelegenheit zurück
horstmann mußte entmiindigi werden,
nicht nur des Processee mit dem
A enien wegen, Ssondern auch zu ihrer
er größeren Sicherheit Denn wenn
einmal die Enimiindigikn aus espto
chen war, wurde sie nicht To lei wie
rückgängig emachi n der Be
ziebung kannte e die Ge chit.
Anna dab endlich nach, um nicht
immer von neuem gequält zu werden
Aber trog allen Zuredens wollte sie
nichts davon wissen, das der im Aus
land binterlegte Bermoåenstheil ge
heim egbalien würde obald Frau
Düsbach davon anfing, schnitt sie ikr
das Wart ab. Sie erwiderte, daß te
sich lieber einschränken, als einen sol
chen Beten be eben wollte. Doch auf
dem Grun e i res Her end hatte der
Gedanke über Mdiesen eichthum srei
urssigengu sinnen. schon eine ver
achtvkewonnem Nur besaß
sie nicht den reib sum Verbrechen
Arn liebsten bellte sie nach der Logik
der Kinder Melvgehandelh M wohl ·g-«esiob
ern nii tesihn die aber
Bis-Uf. Mai-WITH
Hsee kam-u che- aueachtnp ten · des
Timäus-r ic« III-W MAY
. re e er re "
sefun zu den fchiemgdqßsemtt IF
nem Fuß schon tm Grab stehend, vor
Keinem Verbrechen zurücklchreelte, als
wenn sie wüßte« daß ihr das Leben
nichts mehr anhastSenTETäntr. M
Anna’sGespen r ur machte
ihr VerMntß zu Bett aualvoll file
beide. « Zeit, wo Halle-der Frau
Horstmann’i heiße Aufwallungen wie
die etwas plumpen Zärtlichkeiten einer
liebedurftigen Matrane empfunden,
wo er die Nendezuouö bei 10 Grad
minus verflucht und sr dafür durch
eine Tasse Thee bei rau Oiwald
entschödiat hatte, mit der er iiber
Anna bokhafte Wihe machte, war
längst vorbei. Nachdem Harstmann
das Haus geräumt hatte und bessere
Tage in Aussicht standen. begann er
die Geschichte mit ganz anderen Au
gen zu betrachten. Und als er Anna
nach der Krankheit zum ersten Mal
wieder esehen hatte, war er ganz ver
bliifft uber ihre durch das Leiden ver-«
feinerte und.wie neu gebarene Schlin
heit. Sie sah blaß aus« ihre Stimme
war fast nur ein hauch. Aber all das
Plumpe und Grabe, das iie aus der
eleganten Frau zu einer verdrießlichen
Bürgerfrau gemacht, das uberfliisiige
Fett, das ihr die leichte Gra te ge
nommen hatte, dieser ganze im
mel, der in dem dumpfen Hintre etiren
die zwei Jahre hindurch ent anden
war und ihren Gesichtszüaen, ihren
Warten und selbst ihren Empfindun
gen alles Zarte und Besondere genom
men hatte, —- all das war mit einem
Mal verschwunden Sie kam ihm
nach mrfiihrerilcher als in den letzten
Jahren ihrer Ehe vor. Ihr fehlte jetzt
die übermäthige Ausqelassenheit, diese
stolze Sicherheit einer Frau, die an
einem Ballabend mehr Complirttente
zu hören bekommt, als eine Durch
schnittöfrau in ihrer Braut eit. Da
für aber glich sie in diesen « agen der
Retorrvalescenz, während sie in Seide
und Spitzen aehiillt unter den blühen
den Sträuchern des Gartens laa. ei
nem derwiihnten Kinde, das mit all "
seinen Latinen von unbeschreiblicher
Süßigkeit ist.
Bett kam jeden Taq und leisiete sei
ner Freundin Gesellschaft Dieser
Gefühtsiongieur war reht ganz ehrlich
davon überzeugt, immer in Anna ver
liebt gervefsen zu sein. und beglück
wünschte ich in seinem herzen, dasz
seine Treue und Ansdsauer aus so
schöne Weise belohnt wurden.
Aber mit der Zeit ergriff ihn eine
qeroisse Verwunderung und Ungeduld.
In ihren Worten, ihren Blicken war
Änna von der örtlichften Hingabe siir
ihn, die Sehnsucht nach seiner Nähe
strömte aus ihrem ganzen Wesen.
Aber vor jeder Berührung schien sie
gärcht zu haben. Sie entzog ilng ihre
nd. wenn er sie zu innig iii te, sie
behie. wenn sein Mrnd ihre Lippen
berührte. Sie behauptete, ihre Liebe
müsse rein bleiben, und neinigte ihn
mit moralischen Vorhaltun« en. Er
hielt das siir eine von der rantheit
utiick ebliebene Schwäche nnd trö
itete ih, daß. wenn sie sich von dem
Aderlaß ein wenig erholt und neues
Blut angesammelt hätte, daß iie dann
von den Höhen ihrer reinen Mode-n
nenhastigteit heruntersteigen und auch
den irdisch-en Genüssen einigen Ge
schmack ahnen-innen würde.
Aber die Zeit verging. Anna hatte
sich vollständig erholt. Eines Sonn
tags machte sie die erste Ausfahrt nnd
zeigte sich den Düsseldorsern bei
Schulte, nachdem sie dem Pastor
Eierland einen Kirchenhesuch abge
stattet hätte. Sie erntete hei alten,
"die ·sie wiedersahen. einen großen
Triumph Man— war entzückt von
ihrer Schönheit, und nachdem man sie
in ihrem Unglück veraessen hatte, war
man bestrebt, sie in ihrem Glück nun
um so glänzender zu feiern. Trotz der
H Sommerhitze aah sie in den nii sie-:
Wochen einige Gesellschaften n
? nicht alle Einaeladencn kamen, so tain
doch ein guter Theil. und man war
in dem kleinen Kreise der Jntimen
lehr lusti . Mk diese Gelegenheiten
henu te rt, um Annck mit seinen
Wiin then immer heißer zu hestiirmen.
Aber sie erlaubte ihm niihi einmal
das. was sie tinn iriiher erlaubt hatte.
Wt Bitterkeit mußte er sich gestehen,
daß er vor zehn Jahren weiter gewe
sen war als jetzt·
Er gerieth darüber schließlich in
Verzweiflung und sagte sich. ie herbe
die anze Zeit ikter nur mit i m ge
spie t, ihre Liebe. vrn der sie le viel
sprach und die sie nie bewies. sei nichts
cls Koletterir. Aber er war est zu
ihr von einer to brennenden « den
schritt erfüllt, daß er jeden Tag wie
Wn Wie erbsichdgugp Abends gö
ren e, i r u n me r
u heiterer-. Es ging ihmuiinanciea
sehe schlecht. feine Gelder waren so zu
ammengeschnwlzen, daß der Zeil
punlt, wo er den letzten Thaler wer
nbelte. nicht meine fern war. Er te
ch, dass es von waegen ·
Zeit wäre, sich zu verløbem do statt
daran zu denten, brach er alle -
hangen u den häulerrn in denen
Anna ni versehrte. ab und spielte
sich in den Gesellschaften als ihren
erklärten Verehrer ani.
Aber, wenn er Tuch fühlte, daß An
na’ö en von hinaebenderSelfniucht
zu ihm «i m Zerreißen Stpcnnt
war, wurde doch im entscheidenden
Moment immer von irgend etwas ge
lähnt Und immer wieder kam sie
mit ihren nwraliicksen Reden. e
neaeiie Marotte war, E
ere wegen feines Itbuns
nie-thie. Sie » sit-leie. seine Unruhe
und Vier-wittert eien nur die Fol- ds
VII-»w- —· MA-- svs
Un. Er niiiikse arbeiten. Warum er
nicht Bilder arti-stellte- Er konnte
chenfwiet wie seine Freunde. Wenn
er Wn nichts wissen tvpllie. sollte
er doch seine Architektennlcine wieder
ausnehmen. Es wurde jetzt so viel in
Düsseldori gebaut, Häuser in einein
ans veraltet-in geschinaellvsen Ku
zernenstih ein einigermaßen geschickter
rchitett müßte Geschäfte machen.
»Und woher das »Gen- nehmen?"
akti- Bert niit spöttischer llederlegem
»Wenn Dir Jemand die nsthige
Summe berate, würdest Du Dich
dann dahinter mochenk
»Mi, aber riesig!'·
Er reckte stolz nnd zuversichtlich die
hände ans, ganz sicher, daß er sie iin
nächsten Augenblick wieder in den
Schoß legen tönntr. denn in Misset
dors würde nicht leicht einer so dumm
sein, ihm ein Kapital anzunertrauen
Wenn Bert, von diesem Benehmen
Annckö erniichtert, schiießlich iiihi
made und auch eine gleichgiliige Un
terhaltung führte. rann war sie eg,
dieJni gefährliche Spiel von Neuem
begann. Gleichfan gegen ihren Willen
senkte sich ihre Stimme zu einem lei
seren Flüstern und Mani einen wei
chen Ton, ihre Augen sahen feucht und
tief in die seinen, sie fuhr mit ihren
ingern ütier seine Hand, daß heiße
- trtime von ihr zu ihm rann-m Sie
rückte näher, ließ wie verloren ihrer-.
Kon auf seine Brust sinken und trank
seine Küsse mit dürftige-n Mund
Aber in der nächsten Seinnde fuhr sie
zusnininem
»L.-iß mich! Ach, bitte laß mich! D
machst mich nett-disk «x»
Dann konnte er wüthend nussprin
gen und schelten
,,Yu bist eine kalte Irr-fette, weiter
nichts-! Du hältst mich zum Narren!
eh mache das nicht länger mit. Man ;
fgt wer dem Teufel den kleinen »in
ger giebt, dem nimmt er gleich die
aanze Hand, oder das sind die wahren
s ufel, die einem immer wieder den
tleinen Finger geber-, und nichts mehr
als den kleinen Finger.«
Aber dann bat sie mit Tbränen in «
ten Augen er möge dcch gut sein und
ihr verzeihen sie lonne nicht anders.
So quälten sie einander unaufhör
lich und ionnten doch nicht von ein
ander loslomrnen Die Tone wurden
immer heißer. nnd immer inbrünstiger1
lrurde ihre Sehnsucht So saßen sie !
oft lan e Minuten nebeneinander -
arrten nd an init bleichen erregten
tienen nnd sprechen tein Wort. Wie
cn dem dunstigen Himmel das Ge
srrsittesr hing mit schwarzen Weiten,
das sich jeden Mitten beranivzilzte,nnd
sich jeden Abend nach Sonnenunter
gan wieder verzog, bis es doch einmal
los rechen würde — to hing über
ihren matten, duritinen Häuptern die
Liede. die auch immer wieder in nichts
erkann. und doch fiiblte er und ahnte
te. daß ter Argendliek lommen wür
wo sie gleich einem Mik, der vie
trockene Gluth entzündet, niederfahren
würde· i
Eines Abends saßen n- ia dek l
Dämmeritunde in Anna’s Zimmer.
Sie wollte fchcn Licht anziindem oder
er, wie beraubert von dem bleichen,
unbestimmten Schimmer ilzrek Ge
sichts, bat sie leise, sich nicht zu rüh
ren
Er schlana den Arm um ibre Taille
nnd wollte sie küssen. Da ichrai sie
zusammen und biickte änastiich nach i
der Tbiir. l
.Es tomrnt Jeniand!«
Er horchte. Nichts rührte sich. Er
lachte sie aus und nannte iie einen Ha
tenfnß. Jedes sinacken irgendwo im l
lz, jeder Stimmenichalt von der l
straße lies- sie ruiarninenfaqren
Aber sie. benommen von der dum- T
pfen Zimmerlnfh ängstlich in diesem ?
Halbdnnlel das allen Bienenstände-r
---k--ks- —.-l- « L--.l-.k-: ------
litt-III llllsillls, sc ÅW Us Isl- sit-k«l
n21b,beitnnd darauf dasxl sie bin-Hi
ningen five dem Ade-Messen immer
;—.e nrch eine Weite vienienire::.
Die Zenne war schon unkemrncm
.;«.n. Ein ornnqefarisener OmmicL um
am oneiiont ais-ne Weitenicizieier ab
schiossen, emi- noch ein iettiemes Heil
tunieL in das- gkinz man vereinzelte
Sterne flimmerten Aus den Beeten
und Gebüsche-n sirdmie frische Mühle
Lohnus weiße Lilien standen in steifer
; unde auf dem griinen Rasen Ein
Geraniunebeet leuchtete aus der Däm
merunn wie leuchtend-: Gluth. Aug
einein sich drehenden Rohr wehte den
beiden ein feinetSpeiiinegen entgegen
Anna und Beet gingen Arm in
Arm, iraamverioren, ganz benommen
von vieler Luft, die tauxend Wohlge
riiche aussehmetr. Au einer Bank,
die hinter einein Bosteti von Hollan
deri und Weichselbiiichen stand, nah
men sie Platze Vor ihnen lag dies-tak
ienmnuer. - u! der anderen Seite des
Gäßchens saß in Fenster des oberen
Sie-eigenes eines lleinen ufes ein
vier- oder fünftiihrigei K nd im blo
ßen Minnen Es mochte unbemerkt
ans feinem Beiichen gekrochen fein,
da an der Feniietbani und ließ
orglos die ine beut-nein, indem es
teis des Abendstiedens noch ein
biet n auf seiner Meint-harmonisc
lies.
Otdie-e hast Du doch keine Ingitik
e holleder scherzen-. »Hier
Läg-s knacken!«
»Aber wenn der Junge uns fiel-M
»An-ta. bi Du niebige gescheit —doi
Mndi sc u schon vor ieinen Mu
detn sing S«
Sie seufzte leise. Er I ob unmerk
ieitelif nen Arm hinter i Rücken
un e näher ein fis Dann iiiii
Keeiem et he etwas ins he.
«Rein!« hauchie sie angstvoll
Hoch dates ihoe brennenden
Lippen mii Rissen bedeckend
—
Sie sagte immer wieder nein. Aber
es war ein Abschlagen nur mit Wor
ten. Sie fuhr nicht auf. sie lag rn
seinen Armen, ohne sich zn riiyrein Ein
Gefilkl unendlichen Wohlieins über
tarn re in dieser reinen, stillen Abend
tiarheit, unter dieiern dnrchsichtiijen
Himmel, der wie ein Edelsiein über b
ren Häuptern erglänztr.
.Gieb rnir den Schlti eit« bat er.
»Mit-wand sieht mich! ein Menschl«
»Nein, nein, nein!« hauchte sie.
Aber in ihrem Innern iliisierte et:
ja, ja, ja . . .
Sie preßte ihren Mund auf den iet
nen. Wie ver iickt ruhten ihre Augen
ineinander. åo vergaßen sie alles.
Es war still geworden. Das Kind
hatte die harmonita in den Sein-klin
len lassen und starrte mit andachtrgen
Blicken einen fernen Stern an. »
Da hörten sie anz in der Nahe ei
nen schweren Sei-s er.gleich dem angst
vollen, Bei-regten » on eines Sterben
den· ie fuhren zufammen, ohne
gleich von einander zu lasien. in dein
leiben eisigen Schreck, der ihre Kräfte
lähmtr.
»Mit Dass- gehört?" sagte sie be
bend. , · «
«Unsinnl«
«Er stand auf und ging den Weg
hinunter. Aber das erz s ug ihm
dich. Arn Birnbanm al) er otte sie
ben, sie hatte sich dort angetehnt, als
wenn sie halt suchte. Trog der Dun
kelheit erkannte er, daß sie todtenblaß
war. «Er zog den Hut.
«7Frciulein Lotte!«
Einen Augenblick starrte sie ihn an.
mit aualvollern Blick. Sie versuchte
zu sprechen, aber sie brachte lein Wort
t,-erans. Endlich stammelte sie:
»Sie und Mama möchten zu
Tifch kommen-«
Darauf drehie sie sich um« ein daar
kurze Schritte versuchte sie zu laufen.
dann ging sie langsam wie gebrochen
weiter.
Bett kehrte zur Bank zurück.
»Das,-Mädchen war da und bat,
wir mischten zu Tisch tommen."
»Das Mädchen?« stieß Anna heiser
hervor-. »Lotte war-ji Lüg« doch nicht!«
Sie preßte die hönde vor die Augen
und stöhnte wild-aus« Er wollte sie
aufrichtem aber sie stieß ihn zurück
»Sie hat uns aeseheni O Gott, sie
hat mich aeseizen!'
. »Was thut» das schließlich?« sagte
er ungeduldig.
»Hast Du denn gar tein Gefühl?«
»Dies dumme Ding wird grad’ wa
nierieni«
»Ich sage Dir, die hat hellen Augen«
ales Irgend einer ini ganzen haus.
Warum hat sie so genötan wenn sie
nicht alles begriffen hätte?· Lieber.
Gott« wie soll ich nun dastehen vor dem
sinds«
Sie war nicht wieder zu bernhigm
Erst als vom Hofe ifer die Stimme des
gnuwnanns ries, olgte sie Bett in's
aus.
Als die beiden in’s Zimmer kamen.
wo man schon auf sie wartete, fragte
Bett nack- Lottec Frau von Dehwitz
erwiderte:
»Sie ist verschwunden. Sie hat so
·c,cn«iassen, es wäre ihr schlecht gewor
den.«
«Schiine Manieren!« brummte ber
hxkupimanw »Mir scheint, die schnappt
nächstens auch nach überi«
Anna tonnte taum einen Bis en
hinunterwiir en. Nach dem Een
wallten von htvih nnd Bett noch
ein Cvneert besuchen· Anna sagte, sie
hätte Kopfschmetzen nnd würde sich
schlafen legen. Als die anderen sort
waren, schtich sie leise die Treppe hin
aus und tauschte an Lotte’s Thür.
Sie hätte undeuiliches Schluchzew
Sie tmmnkste die »Hört-de Pisa-mengte
—L ———t- k-—
LUU lUWtU Int- qu gut-nun Quark In
nicht hineintreten wartete wenn nichts
geschehen, und ihre Tochter feinem
nein-m sie nicht zum Essen geiommen
war? War es nicht rai- heste, wenn
sse selbst eine Aussprache herbeiführte
um ruhig die Sache Its etwas Unbe
traktiert-, erl- einen harmlosen Scherz
erklärte? Ader sie hatte teinen Muth.
Ceie fühlte sieh schuldig, tiesueeit in der
Seele dieses Kindes. Sie war zu sei
e, den Blick dieser Augen Zu ertragen.
Und während sie zusammenzuctte bei
jedem leisen Ton, der ans dem Zimmer
»arm« wurde ihr llar, daß es jest
nicht mehr ein nichtiger Schaten war,
den sie fürchtete, nicht mehr blos die
Ahnung von komme-idem Unheil —
jetzt hatte der Verschwunden-e einen
Stellvertreter gesunden. Immer wür
de die Nähe dieses Kindes sie stören
rnd ihr den Muth zur Sünde nehmen.
Aber fee konnte es ja sortschietent Sie
konnte Lotte bestimmen, wieder nach
Eisenach zurückzutehren Dann wäre
sie sie leis. Aber gestand sie damit nicht
alles eint Sogte sie damit nicht« daß
in dieseni Hause Dame vorgingen, die
ein nnstandiges· Mädchen nicht sehen
durfte? Sie fühlte, daß sie diese
Schamlosifteit me begehen wiirdr.
Aber was hun? Wie würde sie morgen
dein Kind unter die Augen treten?
Sie biß fix aus die Lippen und tonnte
sit keinem ntsehlusz kommen. Schließ
ith, als sie Schritte aus der Treppe
hörte. eilte sie in ihr Zimmer. Ohne
an Schtas zu drucken, sah sie noch
Stunden wach. Endlich schrieb sie an .
Bert einen Brief. All ihre verzweisette
Liebe« die ganze Gluth ihrer dursti en
Sinneströinte sie in die e len. il r
auch ihre Sehnen, ihre , ihre Ver
wetstung. Sie gestand ihm. daß sie
ett niesen war« ihm alles u ge
hen. sie bat ihn Gglei nte
wieder bannen- Uin I Friedens
s ihrer te willen sollte er das Deus
meiden
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