Grand Island Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska) 1893-1901, August 19, 1898, Sonntags-Blatt., Image 15

Below is the OCR text representation for this newspapers page. It is also available as plain text as well as XML.

    —- ——.—.-.—
1848
Ein weltgeschichtlicheS Drama
Von Johannes fördern
Grafschqu
Denn die Essenz des Struve’schen
Antraßis ist teine andere als die, die
halbe eoolution zu einer ganzen zu
machen, die Monarchie abzuthun nnd
Deutschland in eine Föderativrepublit
um uschassen.
Herbei mit Löschgerjithschasteni Se.
Escellenz von Gagern sijhrte nicht un.
ge chickt sein Minister - Wendrohr. um
daraus das talte Anastwasser des Li
beratismus aus den Struve’schen An
trag zu spriyen Er docmnentirte sich
recht als einen Mann nach dem rzen
der Bourgeoisie, indem er mitNa druct
betonte, daß die Vertündi ung von
Grundsäyem wie Herr von Steuve sie
entwickelt habe, unmöglich zur »Wie
derhebung des Credits« beitraen
könnte. Daneben verschlug es ihm a er
auch nichts, ein bischen volksthuinsars
big zu chillern. Mit jenem Bieder
maier- athos, in welchem er start
war, beschwor er schließlich die Ver
sammlung: »Sprechen Sie es aus, daß
wir an der Monarchie fest-galten Sa
Hlen Sie, daß es sich beim Struve’sche:i
ntrag nur um Vorschläge seitens ei
net Minderheit handelt, die nach rob
lemen hascht und unerreichbare singe
anstrebt. Sprechen Sie es aus, daß wir
zwar eine Versammlung bilden, welche
die Freiheit will und um des Volkes
und der Voltssouveränität willen be
steht, aber dem Prinrip der Monarchie
tm Staate treu bleibt und ugleich der
Notbwendigteit der Durch Lilerng ei
tler Einheit huldigt.'«
»uoerangrnug locuruo et." " war
schlägt der gesunde Mensch-endet tano
oh dieser Staatsmiinnisch eit diehände
über dem Kopfe usammen und fragt
voll Staunen: ie tann ein Mensch
don fiinf riZtifzeenP Sinnen in einein
Athern von lssouoeriinitiit und von
Monat ereden. Dieser dar-ums
ssche inister schwaHt ja ge
nau wie jener darmhessische Bauer:
»Republil« wollen wir und unseren
Großherzog wollen wir auch« Aber
was thut das-? Wer hat sich bei sol
chen Bersallenheiten uin so ein Ding,
wie der arme, gesunde llllenschenoer
stand ist, zu liinunern?
Die lithleren Köpfe unter den Ra
dicalen suchten einer sofortigen Ent
scheidung der Hauptfrage vorzubeu
gen. Vogt hatte bereits beantragt,
das-, liir schleunige Berufung des wirt
lichen Parlamenth gesorgt und dem-.
nach von dem Borparlament vor
Allein der Wahlmodus berathen und
festgestellt werden sollte. Wesendonct
siihrte das näher aus: »Es ist ganz ;
verwerslich, dieser Versammlung dies
Republil oder die Monarchie aufzwin
gen zu wollen. Wir haben gar lein !
Mandat, die eine oder die andere zu z
decretiren. Die wirtliche, vom gan- I
zen Bolle gewählte Nationalder s
sanirnlung wird diese Frage entschei (
den« Stellen Sie daher den ersten »
Paragraph des Siebener- Programms (
einstweilen bei Seite. Man kann doch s
nicht den Bau mit dem Dache begin- ;
nen, nicht die Fürstenrechte vor den
Voltsrechten berathen· Also vor "
Allem die Nationalversammlung Will
diese dann die Litepublit, so nehmen
wir sie an; will sie die Monarchie, so
nehmen wir sie ebenfalls an. Denn
darüber wenigstens werden wir wohl
einig sein, daß wir unsere persönlichen
Ansichten dem durch die Nationalver
samrnlung repräsentirten Willen des
deutschen Boltes unterwerfen müssen."
Diese Anschauung drang durch, in
lo fern beschlossen wurde, daß die Ge
staltung der eonstituirenden National
dersarnrnlung der erste Berathungsk
gegenstand sein sollte. Schließlich«
lain rnan dann zu dern Beschlusse, dasz j
se 50,000 Deutsche einen Vertreter»
zum Nationalparlarnent abordnen, so- .
wie daß die Bewohner von Schleswig,
Ost- und West- -,Preußen welche Län- «
der bislang nicht irn deutschen Bun- :
degoerbande ewesen waren, dreschen s
fcllg thun so ten. j
Der Gesammteindruck der ersten l
Sitzung auf Urtheilsfähige war un-’
zweifelhaft dieser, daß die Republil
verspielt und die Monarchie gewonnen
hätte.
Ohne Niarluild Kraft.
Resolution --—-— aber nur
aus geseylicheanodern
Die folgenden Sitzungen brachten
den Robicolen neue Niedertagen Die »
Liberalen wollten so rasch als mög-»
lich mit dem »milden« Parlament ein »
Ende machen. Daher sollte aus Der j
Mitte desselben ein Ausschuß von 15 i
oder 50 Mitgliedern bestellt und die
ser Ausschuß mtt dem Bundestag in
Beziehung gesetzt werden, um gemein- ;
schastlich rnit demselben die oberstes
Leitung der nationalen Angelegenheit
bl- zur Eröffnung der Notnonalvers
sonnnlung zu handhaben. Der Bun
destag, orgumentlrten die Royaltsten,
sei ganz manterlich, auch gar nleht
mehr ,sefeihrllch«, do die »Es-irration«
" desselben bereits begonnen hätte und
ihm auch von Seiten der Regierun
gen gefandte »Vertrauensmänner« —
Ludwig Uhland war ein solcher —
als Ueberwacher zur Seite ständen.
Die Absicht der Liberalen hierbei war
llar: Sie wollten ihren Kretinismus,
»Revolution auf gesetzlichem Boden«,
rracticiren, indem sie sich der Bundes
tagsnraschine bedienten. Und zwar
zu zweierlei Zwecken: Denn erstens
sollte diese Maschine dem Parlament
eine »legale« Basis bereiten; zweitens
sollte die Verwendung dieser Maschine
den Fürsten und ihrem gefammten
Anhang die Garantie geben, daß der
Liberalismus voll unterthönigen Re
spects vor allem Bestehenden fei.
Die Liberalen, hinsichtlich der An
zahl und Stimmung ihrer Gegner
noch immer nicht gehörig aufgeklärt,
verworfen die Absicht, den Bundestag
wieder zu Ehren zu bringen, mit der
gebührenden Verachtung und —— wur
den niedergestimmt. Und dann mach
ten die Liberalen den dummen
Streich, bei der nunmehr erfolgenden
Wahl des Fünfziger-Ausschusses die
Heißfporne des Radicalismus zu
übergehen, statt dieselben mit in die
sen Ausschusz einzuwickeln und da
durch ebenso »unfchiidlich« zu machen,
wie sie, den früher gefa ten Vorfaß,
die Minderheit bei der ahlhandlung
gar nicht zu berücksichtigen, pfiffiger
Weise aufgebend, die eigentlichen
Strategen und Taltiler der Demo
lratie, die Blum, Jtzstein, Raveaur
und Jalobi, durch Einwiclelung in
den Ausschuß ,,unschiidlich« machten.
Hecker tam mit tnarsben 171 Stimmen
als der einundfiinfzigste, Struve mit
nur 100 Stimmen als der zweiund
fcchzigfte aus der Wahlurne hervor.
Den leicht erreabaren Heller mqu es
wie der bitterfte Spott getroffen has
ben, gerade als der einundfiinfzigfte
der funfzig gewählt worden zu sein.
Es ift, wie die Menschen im Allgemei
nen nun einmal sind und wie der Fritz
Decier im Besonderen war, sehr frag
lich, ob ohne diesen Spott der Fritz
jemals-»- Veranlasfung gehabt hätte, dafz
Von ihm gesungen würde:
»Mein blus im hellen sinnt
In fein großes Wittweerqu
Wunderlich iontrastirte mit der
seindseligen At-sschließlichieit, welche
die liberale Mehrheit bei der Aus
schußwahlhandlung qeaen die »Urchi
qen« Demokraten tundaab, der schein
itar scharf - demokratische Windstoß,
welcher plötzlich in die Verhandlungen
dieser 4. und letzten Sitzunq des Vor
parlamenis vom It. April herein
drauste, noch da u log, elassen von Ei
nem, welcher siåz eben alls gleich ver-«
schiedenen anderen seiner badischen
Landsleute in diesen Trian aus dem
rerpönten Radiialisrnus in den pa
ieniirten und brevetirien Liberalis
mug hinübermausertr. Herr von Sai
ron aug Mannheim nämlich, welchem
es in seinem leimenden neuen Gefieder
noch nicht recht veyagltch war uno
dem auch die Erinnerung im Kopfe
spnten mochte, baß er erst vor 14 Ta
gen noch, am lit. März, zu Ossenbnrg
feurige Toaste aus die Republil ans-ge
bracht hatte, - — Herr von Soircn bes
antragte nämlich: »Die Versammlung
wolle erklären, daß die Beratbnng und
Beichlußnabme über die liinitige Ver
M ung einzig und allein der vom
oite zu erwählerden Nationalver
sammlung zu überlassen iei.« Ein ebr
licher Haisbandträaer aus Hannover,
rr Siemens, entseßte sich, wie billig,
über diesen revolutionären Vorschla ,
Von welchem er sagte, derselbe Maske
nicht für Norddeutschland Für uns
paßt nur« wag aus Vereinbarung zwi
schen Fürst und Bolt beruht." Herr
ilssmann aus Braunschweia stellte den
Gegenantrag: »Die constituirende Na
tionalversaminlung bat die Grundzüge
der deutschen Verfassung tu entkveisen
und über deren Annahme mit den
Fürsten Deutschlands zu unterhan
deln«. Und ein heftiger Streit ent
brannte bierüber. Herr von Soiron
erschract, vergaß in seinem Schrecken
seine Offenburger Toaite vorn 19.
März gänzlich und beeilte sich, den
Beweis zu liefern, daß sein erschreck
licher Antrag« genau angesehen, wei
ter nichts set als eine zweideutige
brase von der patentliberal - kaut
chutigen Sorte. »Ich bitte Sie — —
erläuterte er ——- übersehen Sie nicht,
daß es in meinem Antrage heißt, der
Uiationalversammlung sei die Bera
thung und Beschlußfassung einzig nnd
allein zu überlassen, und denlen Sie
sich das Wort überlassen mit ganz
großer Schrift gedruckt. Sie wer
den dann finden, daß dieser Antrag
keinen Zwang gegen die Nationalver
saminlun üben will,sondern ibr durch
aus über aßt. nachdem sie mit ibrem
Geschäfte fertig geworden ist, darüber
Verträ e mit den Fürsten abzuschließen
oder n .«
Der ganze Lärm war demnach ein
Streit um des Kaisers Bart, eine
liberale Schnurre, eine constitutionelle
Spiegelsechterei. Mit dieser Motivi
run konnte selbst der auöbündigste
Rü wärtser dem Antrage ustimmen
und die Zustimmung Der Versammlung
erfolgte denn auch unter aroßem hal
lohen und jubiliren. Die Menschen
sind ja ungeheuer froh, wenn sie mit
etlichem Anstand sich als erbärmlich er
weisen können.
Um 4 Uhr Abends that Herr Mit
termaier seine Abschiedsrede und
schloß die Sitzungen des »milden«
Parlaments.
LosschlagenT
Bei den «Heckerlingen« und
»Struvepetern«.
Während der Strudeltage des Vor
parlamentg hatte sich das um Hecker
und Struoe geschaarte Fahnlein, des
sen ganze Politik in dem Zauberivokte
,,lcfsschlagen« sich zusammen faßte,
durch fortwährende Reibung unter
einander und mit der liberalenStaatS
n.ännis leit mehr und mehr erhitzt.
Nach ge chehener Wahl des Fünf iger
Ausschusses war vollends im ,,BFols3
erl«, dem Haupt uartier der Losschläss
gerei, gar tein Liveixsel mehr, daß es
Ietzt »losgehen« mit e. Wer in den
vertrauten, vertrauteren und vertrau
testen Berathungen der »Hecketlinge«
und »St!1.vcpeter«, wie die Best- und
Viederniaier die Anhänger der Repus.
blit verunnamsten, einiges Bedenlcn
gegen den Wahn, bei derAnspslanzung
der republitanischen , ahne im Felde
trsitrde sich in Süd eutsrhland das
»Volk« massenhast für dieselbe erheben,
lautiverden ließ, mußte schon als ein
in der Wolle gefärbter Republitaner
bekannt sein, um nicht scheel angesehen
zu werden. Als in einer diefser Bera
tl,ungen die Frage ausgewor en ward,
we man zuerst losschlagen sollte,
wurde Wiirttemberg genannt.
Lin anwesender Schwabe glaubte
seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.
Er setzte, um sein imathland wenig
stens vor die em wabenftreiche zu
biwahren, auseinander, daß und wa
rum es in Württemberg unmöglich
,,losgehen« könnte. Seine liebenLands:
leute seien gerade vollauf damit be
schäftigt, an dem bergoldeten und ber
lzucterten Firlefanz der «Märzerrun
genschasten« sich zu erlustigen wie die
Kinder am Christbaumströdet Sie
befänden sich im höchsten Stadium, im
Delirium sozusagen des Vertrauens
u ihren neugebaclcnen »Mär mini
"ern«. Eine republitanische S. ilder
hebung in Wiirttemberg würde und
müsse unfehlbar schmählich verreden;
denn schloß der Mann aus Schwa
ben »meine lieben Landsleute mer
ken es gewöhnlich etwas spät, wenn sie
angeführt und angeschmiert werden,
und es wird des-halb noch etzlicheg
Wasser den Neckar hinabfließen, bevor
sie dahin tommen, wag es mit März-:
errungenschafteu und Märzministern
eigentlich fiir eine Bewandtnifz .abe.«
Daraufhin lautete dieffrageste ung:
»Soll die revublitanifche Fahne im «
Odenwalde oder aber im badischen ;
Seetreig erhoben tverden?« i
Die Entscheidung fiel fijr den See
treig und allerdings war diese Land
schast die geeignetste Stätte, falls es
nämlich fur einen von Anfang an
hoffnungslosen Versuch überhaupt eine
geeignete Stätte gab. Denn dort, in
dem an der Schweizergrenze langge
streckt sich hinziehenden badischen See
treise war schon seit längerer Zeit im
rcpublitanischen Sinne der Mann tha
tig gewesen, welcher die Volksbearbeis
tunggtunst in ganz Deutschland am
besten verstand und diese Kunst mit
telst des Wortes und der Schrift mit
ganzer Hin ebung und höchster Aus
dauer aus-ji te. Joseph Fidler, ein e
borener ,,Wiihler«, der, falls seine ttPns
schlage gelungen wären, jetzt ein großer
Mann heißen und von denselben ver
stcsndesdiirreu und herzmgtroclenen
Propheten der richtigen Mittelmäßigs
teit, welche jetzo von ihm nur wegwer
send als von einem »Wirthsha1:5agita
tor« reden, als ein großer Mann ge
priesen würde, " oseph Fickler besaß
einen scharfen Ver tand und ein war
mes Herz. Es hat im ganzen Bereiche l
, der deutschen Beweanng reinen zweiten
Mann aeqeben, welcher im Fiihlen nnd
s Tentem im Reden und Thun so ganz ,
s ind gar voltgmännisch war wie er. ·
, Aus der Anschauuna und Sinnes-weise
. des Volkes heraus wirkte er auf daz
! selbe von seinem Wohnort Konstanz
! ans durch seine »Seeblätter«, sowie
s dirch seine häufigen Missiongreisen
i Seine Popularität ini ganzen See
; kreise, im Schwarzwalde, bis hinab
in’s Wiesenthal und hinüber in oen
Breigaau, war eine außerordentlich-.
Der gescheit-te Streber Mathh wußte
daher recht wohl, wag er tgaL als er
»seiner: Freund und Wohlt äter vFiel
ler an die «ros;herzogliche Itolizei ver
rieth und ii rlieserte, ur »ti!nde, als
der Verratgene von arlsruhe nach
Konstanz eiinlehren wollte, um -—»
was ihm freilich nochmals, nach drei
zehnmonatlicher Hast und Prozednr
vor Gericht nicht bewiesen werden
konnte -—-— die mit seinen Parteigenos
J sen verabredet-n Rüstungen zum Auf
’ tcnd ernstlich in die Hand zu nehmen.
Ziehen wir, nochmals nach Frant
» furt ziiriickblictenb, die Summe der
lVerhandlungen des VorizsarlamentT
so ergiebt sich: —- Konsu kon. Diese
Versammlung hatte nicht ewollt,
was getonnt, und sie konnte ni t, was
sie wollte.
PsItLchJIEst
«Heldenthat« eines Mini
stercandidaten.
Am Abend vom 7. April hatten die
Leute von der badischen Landtag-op
position in ihrem gewohnten Kneip
lotale zu Karlsruhe zum letzten Male
gesellig beisammen gesessen. Die heute
no in süddeutsch-leichtlebiger, studen
tis -gera·uschvoller Weise mitsammen
etrunten, getaucht und geplaudert
Tastern sollten sich morgen schon als
— odseiude ge enüberstehen.
Die Gesellschat im »Pariser os«
brach aus. Die ehrza l ihrer tit
glieder war schon zur « hiir hinaus,
als ein Mann von gedrungenem, un
teise tein Gliederbaik auf dessen brei
tem actcn ein rundet Kopf mit dun
keln Augen und energischem Gesi tgs
arsdruck saß, etliche der noch Anwe en
den in eine Fenstervertiesung zog. »Ich
muß heute noch fort,« sagte er ra ch.
-- »Warum denn?« »Ei, habt Jhr
denn nicht beniertt, wie mich der Ma
thy von der Thürschwelle des Neben
zimmerg aug ansah, bevor er wegging?
Sag’ Euch, das war ein Judagblick!
Der Mathh wird mich verrathen.« «
»Bah, bah! Nicht auch vollends! Was
denkst du doch? Der Mathh ein Ju
das-? ChimärenL Geh zu Bett und
schlaf deinen närrischen Argwohn aug·
Fickler lie sich bereden; allein schon
im Begrif in’"H Bett zu steigen, sagte
er noch einmal zu den Freunden, die
tlin aus sein Zimmer begleitet hatten:
» lnd ich sag’ euch, es wäre, beim
Stralk gescheidter, wenn ich heute noch
cbreiste.«
Als er am folgenden Morgen auf·
den Bahnbof kam, um mit dem 8 Ug:
ncch dem Oberlande henden Zug a
ureisen, war Herr Kathy schon dort.
Fickler saß bereits im Waggon, als der
verrätherifche Freund mit Polizisten
und Bahnhofbediensteten an den
Schlag herantrat, und feine Begleiter
aufforderte, den »Landesoerriither« zu
verhaften Die Leute weigerten sich,
311 gehorchen. ,,Wo ist der erirhtliche
Verhaftsbefehl?« fragten fie. Herr
Mathn hatte auch auf diesen Zloif
fall sich vorgesehen Militär war in
der Nähe. Er holte eg herbei. »Auf
meine Verantwortung als Mitglied
der Abgeordnetentammer, verhaftet
diesen Mann. Er ist ein Landesber
rötheri« Dies Wort that seine Wir-—
tuna. Fickler wurde aus dem Wagen
geholt und als Gefangener in den
Rathhaugthurm alsgefiihrt.
Daß Herr Mathh mit diesem
Stücklein viel für das Mißlingen der
rkpublitanischen Scknlderhebung ge
than hat, unterliegt keinem Zweifel.
Solch Gefetzlichteitseifer konnte natür
lich seinem Lohn nicht entgehen. We
nige Tage darauf hatten die Demokra
ten Vercnlassnng zu sagen: Der Herr
Minister Mathn kann fich bei dem
Mrnarchcn Mathy bebauten Gegen
iiber dieser Verdammung erhoben die
Liberalen ihrerseits Mathn’5 Sbirren:
tliat bis zu den Wollen. Der liberale
Philister in ganz Süddeutscbland ju
belte darüber hoch auf. Er votirte
nnd PrieS ihn als einen ,,antiten Cha
iatter«, welcher, um das Vaterland
vor Anarchie und Bürgertrieg zu be
nahren, seinen ,,thenerften Gefühlen
Ztrang angethan habe«.
Nachdem Fickler hinter s- Schlon und
Riegel, eilte der neugebaclene ,,antile
Charakter« und hoffnungsvolle Mini
ftercandidat in seine Heimathftadt
Mannheim hinüber, um die Bürger
trrne in Empfang zu nehmen. - er
Rulf seiner Großthat war ihm voraus
gesogen allein das pfälzifch- iebhafte
Volk in Mannheim verstand dieselbe
leider fo, dafz e-; ernstlich Miene mach
te, den Thäter in Stücke zu zerreißen.
Tie ganze Bürgerwehr mußte aufge
boten werden« ihn und seine Wohnung
zu schütsenz auch wurden zu diesem
Zwecke Truppen aus Karlsruhe requi
rirt. Unter dem Schu e der bewaff
neten Bourgeoisie versu te HerrMaihy
vom Rathhausbalton herab sich zu
rechtfertigen. Auch der Verrath hat
seine Lo it, und wer A gesagt hat,
muß B agen. Herr Mathh that alfo
feinen theuersten Gefühlen noch einmal
Zwang an und redete best und bie
dermiinnifch auf den Mannbeimer
Marttplatz hinab: »Fidler war ein
Landesvecrätheri Er hat mit den
Fremden, mit den Franzosen, conspi
iirt, um sie zu einem bewaffnet-In
Einfall in Baden zu veranlassen. Ich
habe die Attenftliete, welche dieg un
zweifelhaft darthun, bei Ultitiermaier,
dem Präsidenten der Abgeordneten
le miner, eingefehen.« Natürlich wurde
jetzo dem muthigen Vaterlandsretter
die Bürgertrone feierlich Infgesetzt
Blinder Lärm.
»Die Franzosen kommen
über den Rhein·«
Zu seiner Vaterlandsrettungsrede
war Mathy wahrscheinlich begeistert
worden durch die frische Erinnerung
an die vortrefflich rückioiirtsige Wir
tisng, welche der ogenannte ,,blinde
Franzosenlärw — — in der Nacht vom
25. au den 26. März auggevorsten
im südwestlichen Deutschland ge
than hatte. Männer mit sehenden Au
gen und hdrenden Ohren waren schon
damals überzeugt und haben es laut
ausgesprochen, daß dieser dumme
Lärm, demzufolge die Franzosen mas
senhast über den Rhein gegangen sein
cllten tun Deutschland mit Brand
und Raub und Mord heimzusuchen,
ten Feinden der deutschen Bewegung
in Scene gesetzt worden sei Bett der
badische Hauptminister dazumal, hat
die Wahrheit gesprochen, wenn er in
seiner Sehrift iiber »die Bewegun
Baden« sagte der »l)linde Franzo en
lärm« sei amtlich aus Württemberg
ncch Baden hinübergetrogen worden;
in der That, er war im erstgenannten
Lande sabrizirt.
Die erste Jdee dazu mag der Um
stand gegeben haben, daß nach der
Februarrevolution die Deutschen in
i
—
Paris, vorweg die deutschen Arbeiter-,
unter dem Vorsitze von George Her
wegh zu einem deniokratisch-republita
nischen Vereine sich zusammengethan
itnd dann neilitärisch sich organisirt
hatten, zu einer zwei Bataillone star
ken Legion, welche den »Briiderr. in
Deutschland« zu Hilfe ziehen sollte und
wollte. Wunderlicher Weise waren die
Hauptmacher dieser Freischiirler mit
Ausnahme Herwegh’s lauter Herren
,,von«: —« Herr Adalbert von Born
tedt, Herr Reinhart von Schimmel
pfennig, Herr Otto Julius Bernhart
vcn Korvm Während der Fütter
wrschen der Februar-Republik ist in
Paris riel Völkersolidaritätspolitit
chwindel geschwindelt worden und so
unterstützte denn auch die Provisorische
Regierung das Projekt der Deutschen
in Paris, wobei ihr Neben-— oder viel
mehr Hauptzweck gewesen ist, eine
lii.bsche Anzahl beschäftigun sloser
Arbeiter aus Paris und aus krank
reich abzuschieben. Die Regierung ließ
durch den Mund ihres Mitgliedes-H
Flolon den Hauptleuten das nöthige
Geld zur Ausriistung der deutschen
Legion anbieten und Herwegh beging
die märchenhaste Bescheidenheit, nicht
nehr als 2000 Franks zu fordern,
troriiber sein praktischerer Begleiter
Korvin als über eine tolossale Dumm
heit sich entsetzte. Denn meinte er
mit Recht —- »Herwegh’g Abneigung,
überhaupt Geld von der französischen
Regierung u nehmen, hatte zwar in
einer ehren aftenRegung ihrenGrund;
allein da er sich einmal entschloß,
überhaupt Etwas zu nehmen, so mußte
es doch dem Zweck entsprechen.« Mit
2000 Francg eine Legion von mehr als
1000 Mann ausriisten zu wollen, war
allerdings sehr dichterisch. Indessen,
die Leute hatten guten Willen und
thaten fiir ihre Ausriistung das Meiste
selber, so daß in den letzten März
tagen die Legion in zwei Schacren
von Paris nach Straßburg abriicken
lrnnte. Schon aus dem Marsche machte
sich jedoch die gänzliche Unfähigteit
der meisten Führer, wie nicht minder
die disciplinlose Handwerksburschen
Bumnielei der Mannschaft so unange
nehm be.nertbar, daß der klägliche
Ausgang des ganzen Unternehmens
nxit Bestimmtheit vorherzusehen und
verauszusagen war. Jn Straßburg
angelangt, erfuhr die Legion sofort,
daß die sranzösische Regierung sich gar
nicht mehr um sie bettimmerte »Hät
ten die Straßburger sich unser nicht
freundlich angenommen« -—-— klagt der
Homer dieser traurigen Odhssee, Herr
von Korvin --— »wir hätten in dieser
Stadt verhungern n.iissen.«
Hecker greift ein.
Die Fahne der Republik
wirdaufgepslanzt.
Hecker war derweil am 8. April von
Karlsruhe heim nach Mannheim ge
gangen, an demselben Samstag also,
rro Herr Mathy vom Rathhausbalkon
herab den guten Mannheimern eine
Bürgerlrone abgelickert hatte. Die
Stadt schwamm in triumphirender
Angstmaierei. Der Plan der badischen
Nepublilaner war gewesen, daß Fick
ler im Seetreig und Schwarzwald,
Struve im Breisgau, Hecker in der
Rhein- und Nectarlandfchaft den Auf
ftand entfachen und commandiren soll
ten. Nun fayssz aber Tickler hinter
Schloß und iegel un die Stadt
Mannheim sammt Umgegend war zur
Stunde ein Boden, auf welchem ein
Mann in einer republitanischen
Bloufe, mit Flößerftieseln an den Bei
nen und mit einer rothen Feder auf
dein »Heckerhut« nicht ungefährdet
stehen konnte.
Daher — erzählt uns Hafer-— »ver
alfchiedete ich mich Sonntag am J.
April mit Tagesanbruch von meinem
Weibe, welches in Freund und Leid
treu und innig bei mir gestanden, bei
der ich in ungetrübtem häuslichein
Glücke so oft Ru und Ersatz nach den
stampfen des öf entlichen Lebens ge
s1·nden, drückte einen Kuß aus die
Stirnen meiner drei fchlasenden Klei
nen und verließ mit der Zuversicht,
welche der Glaube an eine gerechte
Sarhe gewährt, ein glänzendes Loos,
getragen und gehoben von der Jdee,
zu kämpfen, zu siegen oder unterzu
gehen siir die Befreiung unseres herr
lichen Volkes und mitzuwirken bei fec
ner Erlösung aus tausendjähriger
Feder begab sich nach Konstanz und
tta dort im »Badisct)en Hof« seine
Freunde und IJtitnnternehiner Struve,
Willich, Iltögling, Sigel, Bruhn nnd
Doll schon seiner harrend nnd man
qing noch am Abend des 11. April
srisch in's Zeitg, ,,obgleich ich«---er
ählte er -- »die Stimmung in Kon
sinnz nach den öffentlichen Blättern,
nach mündlichen und schriftlichen Aus
sorderunaen, na. dem Seetreise zu
tommen nnd die zahne der Republit
auszupslanzen, feuriger nnd begeister
ter erwartet hatte«. Natürlich! Jetzt,
wo man, was man so häufig phraseo
lr«isch gethan hatte, thatscichlich thun
sthh haperte und hintte es sofort
jämmerlich-. Hier in Konstanz, wie
allenthalben, gab es eine neue Varia
tion des berühmten Thema’s vorn
»Krapiilensti und Waschlapsti«.
Amijller wollte niitthun, wenn Bewill
let mitthäte, Cemiiller wollte mitgehen,
wenn Demiiller mitginge, und —
.Und weil keiner wollte leiden,
Daß der andre ohn’ thn ginge,
Ging dann tcinek von den beiden.
Am folgenden Morgen reiste Struve
nach Ueberlinaen ab, um dort und
weiterhin zu Engen und Donaueschin
gen Volksversammlun en zu veran
stalten und die Bevöl erun zu mah
ne-n, dem republitanis n anner be
waffnet zuzuziehen. ach Struve’s
W
» Abtei e hatten Hecker und Genossen
zunä ft eine Zufanunenkunft mit den
Matadorrn der Konstanzer Demokra
tie und diese, die Herren Hutlim -
Würth, Kuenzer, Peter, Zogelmann
und Vanotti, bemühten fich, die Un
1::ö lichteit des Gelingens einer repa
bli anischen Schilderhebun tlarzu
legen. Hecken welcher lau te, in den
Genannten nur feige btrijnnige vor
sch zu haben, sagte: »Das Volk ist
besser und tapferer als ihr. Auf Wie
dersehen in der Volksversammlung
heute Nachmittag«. Diese Volksver
sammlung fand wirklich um 4 Uhr
Nachmittags statt. Die dabei von
Hiietlin und Kuenzser gegen die Zweck
mäßigkeit des beabsichtigten Unterneh
mens vorgebrachten Einwürfe konnten
gegen das von Hecker mit dem ganzen
Feuer seiner Beredtsamkeit ange
stimmte republitanische Kredo nicht
aufkommen Die Fahne der deutsfchen
Republik ward demnach arthepf.anzt
nnd die bewaffnete Volkserhe ung da
fijr unter dem Jubel der Menge be
schlossen. Selbstverständlich jubelte sie
auch der Ankijndigung des Redners
zu, am folgendenTage mit den Waffen
In der Hand von Konstanz auszu
zichem überall das Volk zum Zuzug
aufzufordern, vorwärts zu dringen
und so, von Tag zu Tag verstärkt,
»mjt ungeheurer Masse und vielleicht
olxne Schwertstreichs in der Hauptstadt
aiszukomnsen«.
Es geht los.
Heckerundseinesehrtleine
Armer.
Wie vieleHoch und Heil der also auf
dem Marltplatze von Konstanz zur
Welt sZeborenen Homunlula von deut
scher epublik am Abend jenes Tages
in der Stadt ausgebracht, wie viele
Schoppen aus ihr Gedeihen ausgebla
sen worden sind, ist nicht einmal an
nähernd festzustellen Das aber ist
aktenmäßig festgestellt, daß am folgen
den Morgen, Donnerstag, den 18.
April, der Bannerherr besagter Ho
nsunlnla, Bürger Friedrich Hecker, an
der Spitze von 57 Mann, General und
Osfiziere eingerechnet, — sage an der
Spitze von ganzen 57 Mann aus dem
.Thore von Konstanz zog, iiber die
’ Rheinbrücke aus Wollmadingen zu.
l »An einem trüben regnerischen Mor
gen — berichtet Mögling, der ehrliche
»Hannes« —- zogen wir, 57 Mann
stark, unter Trommelschlag von Kon
stcsnz weg, begleitet von einer Menge
Volkes, welches mit Staunen das
kleine Häuflein betrachtete Jch muß
gestehen, ich betrachte mich selbst mit
Bewundeiung«. Er hatte Grund dazu
Hecker selbst meldet: »Donnerstag,
den 13., ivurde in der 7j rühe General
rnarsch geschlagen. Die Bewaffneten
stellten sich aus dem Marktplatz auf;
aber viele derselben, die noch Tags zu
vor gewaltig entschlossen sich geberdet
hatten, schlichen davon, andere ver
sprachen nachzukommen, wieder andere
fchiitzten vor, man müsse erst die Aus
schußmitglieder des Vaterlandsvereing
zusammenkomnien und über die Sache
abstimmen lassen, auf manche übte
auch das Regenwetter einen lähmenden
z Einfluß. Die Frauen und Mädchen
I zeigten sich muthiger und begeisterter
als die Männer«. Summa: es stemm
ten nur 57 Mann ihre tapfere Brust
dem Mergenwind und den «Tyran
nenlnechten« entgegen. Auf den nat-g
sten Dörfern empfing eine bider e
Bauersame das republikanifche Frei
schärlein mit der Frage: »Ja, wo sind
denn die Konstanzer mit ihren Bür er
rrehrlanonenZ Die Konstanzer müssen
vcrangehen«. Als dies immer wieder
lehrte, hat ein munterer Bursche, der
mitzog, lachend die urllafsifche Stelle
- aus deni fchwäbischen Stammepog an
» gestimmt:
»Hannsele, gang du vora,
Du hast die längste Wassersticscl a,
Tas; di der Das nit beisia fa.
i
; Derioeil hatten Wind und Regen
s nachgelassen und guten Muthes mar
schirten die Siebenundfünfzig an-. rech-·
ten Ufer des Untersee’5 hinab, dem
Höhgau entgegen. Dem Romantiler
Hecter ioiside erzromantisch zu Sinne:
—- »Der blaue Himmel lachte aus den
zerrissenen Ziegenmolken zur Seite
der klare herrliche See, vor uns Ho
» henstofseln, Hol)enhöwen, Hohenkrähen
l und HohcntwieL eine Welt voll alter
Lieder und Sagen lagvor uns und mir
- ogen ans mit dem Banner der deut
i schen Republit, wir wollten vertilgen
die despotifchen Reste des Mittelalters
und gründen den freien Volksstaat.«
Also lsob das Aprilsinyll des-Heiter
putscheg an. Grün. sehr grün!
Verschiedene Colonnen.
Bei schlechtem Wetter ma
chcnsienichtmit.
Der Frühlinqssöhm welcher in ten
Alpen Lalvinen zusammenballt nnd
in’5 Rollen bringt, daß sie, alles vor
s.ch niederwerfend, mit Donnerge
l-1ause zu Thale gehen, streicht zwar
über den Rhein und den Bodan auch
nach Schnsaben hinüber-, aber nur, um
daselbst auf dem letzten Loche zu pfei
sen.
hbsas Dann-sung)
».-. - «
annge Frau: »Wenn Sie dem inneren
Menschen die Kiste tmqu helfen, könnenSie
sich ein Mittagessen verdienen
Vettlm »Am lmm Ze denn jetoei,t, Ma
va1;Irlen?«
Feldwebel un einem Einjährt en, Sohn
eines Braun-M »Ste, dicker räumetster,
ziehen Sie gesälliqst Jtyten Bauch eins Ja
Neih und Glied wird tetne Neelame site Ihr
Bier gemacht!« «·