Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, October 11, 1900, Image 10

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    vertauschtes (Quartier.
U G) 0 1 1 S f t von ?i. o i i i J.
In betn .Grünen Adler", der ßnci?
itt Textonen. fiina'l heute ttüd'elig
genug zu. TaZ war aber die Ziezel
seit nun schon einer vollen Woche, mit
anderen Werten, seit der Studiosus
Blau aus den Beseht seineZ einsichtS
losen OheimS die Nachdaruniversttät
hatte beziehen müssen. Er war sozu,
iaatn die Berte der Verbindung gewr
sen, unschätzbar durch seine unverirüst.
liche frohe Laune und seine philosophisch
behagliche Lebensauffassung. Man
mochte durch die Perspektive deZ doch
einmal nii machenden EramenS ge
ünattiat sein, keinen Traht" mehr sein
eigen nennen oder eben eine von gerelz
ten Worten bealeitete Rechnung erhalt
ten haben, sobald man in des biederen
Blau röthlicheS BollmondSge,,air ,ay.
welches saaen 11 wollen schien: Kinder.
aS hilft das Trauern, alles ist eitel
außer dem Trink'N. trinkt und vergeßt
Euren Schmerz." so fühlte man sich
schon aetröstet. Tie Corpsbrüder hat
ten ja dies, sein Universalrezept, gegen
alle Kümmernisse ' deS Lebens auch
gelegentlich der Trennung von
ihm angewendet, und die Folgen
zeigten sich deutlich genug m ihren Zu
gen und ihrer Sprache, aber von jener
olympischen Heiterkeit verrieth ihre
Stimmung nichts, absolut nichts. Tie
Einen brüteten weltschmerzlich vor
sich hin. und die Anderen suchten
Händel, jedoch nicht mit,,ener herz
erfrischenden Kampfesluftigkeit. die den
echten Mann ziert, sondern in einer
nörgelnden Weise, welche etwas un
streitig Verdroffenesn sich hatte. Einer
aus dem trauten Kreise, der Studiosus
phil. Grün, schlief sogar tief und
fest. Wohl ihm. daß er schlafen konnte!
ES war ihm zu gönnen, denn er hatte
am meisten verloren, er, deS abwesen
den Blau Intimus, den man abwech
felnd seinen Pylades. Jonathan oder
Tamon zu nennen liebte. Einschalten
will ich an dieser Stelle noch, daß Blau
und Erün nicht die wirklichen, songern
die Kneipnamen der beiden Freunde
waren: der Erstere hatte den seinen er
halten, weil er. an jedem Tage ohne
Unterschied blau" zu machen pflegte,
und Grün nun, der war eben noch
sehr grün, was sich schon darin zeigte,
daß er zuweilen vom .Ochsen" sprach
und meist schon nach dem zehntel Seidel
in die Todtenkammer gebracht werden
mußte.
Ob der Blau wohl in dieser Stunde
auch so daliegen mag?" fragte der Se
nidr der Verbindung, ein bemoostes
Haupt von zwanzig Semestern, mit
einem Blick auf den friedlich Schnar
chenden.
.TckS versteht sich." entgegnete ein
junger Textone, dessen stark verglaste
Augen davon redeten, daß er bald
. Grüns Beispiel folgen würde. Zwi
fchen den Beiden ist die Sympathie so
stark, daß sie immer im nämlichen Au
genblick dasselbe thun. Ich sehe ihn
ordentlich vor mir, wie , er in, der
Sophaecke lehnt, die Augen geschlossen
und die Lippen, denen die bekannten
melodischen Sägetöne entströmen, leicht
, geöffnet ein Bild erfüllter Pflicht
und eines guten Gewissens.
.So. so!" Des Seniors Augen starr
ten mit einem nachdenklich grübelnden
Ausdruck in sein Bierseidel. .Dann
hob er es an den bärtigen Mund und
trank es funditus. So. so!" machte
er noch einmal.
Tie anderen Ttttonen stießen sich an
.Was nur der Blaubart haben mag?"
flüsterten sie sich zu, den Genannten
scheu von der Seite betrachtend, ohne zu
wagen, fein Nachsinnen zu stören.
Schließlich wurde die Sache ihnen
aber doch zu langweilig. Du, Blau
bart" fragte der Eine, ihn an
stoßend , warum interessirt es Dich
eigentlich so. ob der Blau feinen Jam
mer schon ausschläft?"
Warum?" Der Senior fuhr auf
und sah sich mit glänzenden Augen im
Kreise um. Das will ich Euch sagen
Tieft Verstimmung muß nämlich ein
Ende haben, und dafür taugt am besten
ein kleiner Ulk. Das bringt Leben in
die Bude. Mir ist eben ein genialer
Einfall gekommen wir lassen den Blau
und den Grün sich gegenseitig besuchen
heute noch aber so, daß sie sich
nicht sehen."
Wie? Was? Daß sie sich "
Ja, ja, hört nur." Und nun ent
wickelte der Blaubart den aufmerksam
Zuhorchenden seinen feinen Plan. Sie
zeigten sich allseitig damit einverstanden,
ja mehr noch, sie waren geradezu
enthufiasmirt von der Idee.
. Vorsichtig wurde der schlafende Grün
aufgehoben und in einen Wagen getra
iien, den man durch den Kellner recht
zeitig hatte besorgen lassen.
Blaubart und ein zweiter Textone,
Rebhuhn genannt, setzten sich zu ihm.
Dann ging's im schärfsten Trabe nach
dem Bahnhof, wo man noch rechtzeitig
ankam, um mit dem nächsten Zuge
nach der Nachbaruniversität abzufah
ren. Glücklicherweise fanden die beiden
Textonen ein leeres Coupö, wo sie es
sich mit ihrer Bierleiche bequem machen
könnten. Eine Stunde später langten
sie an ihrem Ziel an, ohne daß Grün
'auch nur die leiseste Absicht, erwachen
zu wollen, kundgegeben hatte.
Etwas schwierig gestaltete sich die
Weiterbeförderung in der kleinen Stadt,
in der es keine Droschken gab: - schließ
lich auf gutes Zureden, unterstützt
durch einen gefühlvollen Händedruck,
erklärte sich der Kutscher eines Hotel
omnibuS bereit, die freunde nach der
Kneipe zu fahren, in der sie Blau
sanft in Morpheus' Armen ruhend, er
warteten. Zu ihrer Enttäuschung er
fuhren sie aber, daß der Gesuchte sich
nicht mehr dort befand. Ter Hau
tnecht hatte ihn vor nun mehr zwei
Stunden bereits nach seinem Logis
traaen und dort zu Bett bringe mü
sen. .Ter Herr StudiosuZ pflegt leicht
n buchen über den Xurtt zu trinken.
meinte daS ehrliche Gasthausfaktotum
daS wahrend BlauS Anwesenheit in sei
ner neuen Residenz schon ein paar Ma
die Ehre genossen, ihm den erwähnten
Liebesdienst zu leisten.
Tie beiden Textonen warfen sich veo
ständnißinnige Blicke zu. Daran er,
kannten sie ihren Blau. ES war nicht
schwer, den Hausknecht zu bestimmen
daß er den schlummernden Grun aus
den Rücken nahm, ihn nach seines In
timus Quartier trug und Letzteren dann
wieder in der nämlichen Weise zu
Bahn brachte. Er war eben zu lang
Bediensteter in der studentenkneipe ge
wesen, um Spielverderber bei so ge
legentlichen kleinen scherzen der wis
sensdurftigen Söhne der Alma matcr
zu sein. Es erledigte sich denn auch
alles nach Wunsch. Weder Oreft noch
sein PyladeS erwachten bei den vev
schiedenen Manipulationen des Aus
resp. Anziehens. Nachdem man Grün
schnarchend und steif wie ein Besen-
stiel" in Blaus Bett liegend, verlaffen
trat man mit Blau die Heimfahrt an
Ta man den Wagen vorsorglich an die
Bahn bestellt hatte, so war es weiter
kein Kunststück, den lieben langentbehr
ten Blau nach seines Busenfreundes
Wohnung zu bringen, wo er entkleide
und folglich gebettet wurde.
Am nächsten Morgen zu vorgerückter
Stunde, als die Zimmerwirthin bereits
zum sechsten Mal an die Thür gepocht
hatte, um zu fragen, ob ,hr Miether
noch immer nicht den Kaffee wünschte.
erwachte Blau aus tiefen Träumen
Es war ihm gewesen, als ob er unter
Assistenz seines theuren Grün einen
Nachtwächter Menuett tanzen gelehrt
und dann schließlich noch bei einigen
ehrsamen Bürgern der Stadt an der
Nachtklingel geriffen Hütte. Ganz ge
ruyrt durch vies GeNcht, das lyn an
mannigfache Abenteuer aus seiner und
GrünS Vergangenheit erinnerte, fuh
Blau auf und sah die Zimmenwirthin
an.
Kaffee! Ganz recht, ich will Kaffee."
Krümmte er und drehte sich wieder nach
der Wand zu. indeß die Frau ,hn ver
ließ, um daS Verlangte zu. holen.
Tonnerwetter!" dachte er. Tie
Frau sah mir heute ganz anders auS
als sonst. Ich meine, sie war früher
lang und hager, und nun ist's eine
leine rundliche Person. Na, der
schlaf mag mir wohl noch auf den
Augen liegen."
Wenige Minuten später kam die
Wirthin mit dem Frühstück. Auch sie
and, daß ihr Miether heute ganz anders
aussah, als sonst, aber daS späte in
der Kneipe Sitzen und Trinken ver
ändert die Gesichter auch sehr." reflek-
tirte sie und zerbrach sich nicht weiter
den Kopf wegen ihrer Wahrnehmung
Toch der gute Blau kam heute nicht
aus seinem Staunen heraus. Wie
fremdartig ihm sein Zimmer nur an
diesem Morgen erschien! Er war ja m
der Woche, die er nun schon an dem Ort
weilte, in wachem Zustande nicht viel
in seinen vier Wänden gewesen, aber
immerhin, morgens und in der Nacht
doch jedesmal ein Viertelftündchen, und
das sollte am Ende genügen, ihn in
seiner Umgebung zu orientiren. Nun,
wissenschaftliche Bücher und Kollegien
nette, diejenigen Tinge, welche ihn in
seiner Bude am meisten in Erstaunen
gesetzt haben würden, waren zum min
besten nicht da, und das däuchte ihn im
merhin beruhigend.
Nachdenklich gestimmt trank er seinen
Kaffee, badete seinen Brummschädel m
der Waschschüssel und zog sich dann an
um zum Frühschoppen zu wandern
Na, Gott sei Tank" sagte er sich
als er auf die Straße trat das alte
Nest wenigstens, ist unverändert ge
blieben, ich fürchtete schon, daß es sich
ebenfalls verwandelt haben möchte. Da
rechts steht das Rathbaus, links die
Kirche und zum Kuckuck noch 'mal!"
unterbrach er sich. Das stimmt freilich
alles, aber ich selbst ich wohne ja nicht
mehr hier. . Ich bin doch schon seit acht
Tagen von hier fort wn haben meinen
Abgang ja noch mit einem großartigen
AbschledskommerS gefeiert, und dann
brachten mich die Kommilitonen, indem
sie das Uebliche nun ade, ade, ade"
fangen und ich zwischen Grün und dem
Blaubart voran schritt, indeß die leere
Droschke mit meinem Gepäck hinten
nach fuhr, zur -Bahn. Sollte ich das
alles am Ende auch geträumt haben?"
Unter diesen Erwägungen langte er
in seiner Kneipe an, wo er die Kommi
litonen bereits vollzählig versammelt
fand. Sie gaben bei seinem Erscheinen
keinerlj Erstaunen zu kennen, was ihn
noch mehr in der Annahme bestärkte,
daß ein Traum ihn genarrt hätte.
Wie man auch so lebhaft träumen
kann!" dachte er.
Wo ist denn der Grün?" fragte er,
da er den Genannten nicht unter den
Anwesenden zu entdecken vermochte.
Der Grün?" fragte daS Rebhuhn
verwundert. Na, der Grün, der ist
doch in" und nun nannte er den Na
men der Nachbaruniversität. Weißt
Tu das denn nicht mehr?"
Aber liatürlich ja natürlich
weiß ich's," entgegnete Blau. Wie
tollte ichs vergenen Hasen f Ich wer
nur momentan ein wenig zerstreut.
.Kein Wunder! War auch 'ne ho
lisch schwere Sitzung gestern," lachte
der Blaubart. Hütte nicht gedacht,
daß Tu Tich so früh schon aus den
Federn machen würdest. Wir mußten
Dich ia gestern nach Hause tragen, da
Redhuhn und ich.".
Blau nickte mit einem grüblerischen
Ausdruck. ES war ihm nicht? weniger
als behaglich zu Muth. Tie Sache lag
ja klar auf der Hand er hatte sich mit
seinem Freunde Grün verwechselt. Ter
hatte die Nachdaruniversität bezogen,
nicht er. so stand eS. Ader daß Einem
dergleichen Irrthümer paifiren lonn
ten, schien immerhin bedenklich. Gott
im Himmel, eS war doch am Ende
seinem Kopf nicht aber nein, da
wollte er nicht denken. eS wäre
ichreailch gewesen. Jnoenen. man
kannte Fülle, zumal bei etwas lockerem
Lebenswandel hm. ja! .TaS wird
doch nicht daS Delirium tremens
fein?" fragte er sich entsetzt. Turch
Biergenuß sollte es allerdings nicht her-
vorgerufen weroen, aver wenn man
zwischen die einzelnen Seidel mehrere
kleine chnäpie legt, so Furcht
bar. unaussprechlich furchtbar! Was
fein Onkel wohl dazu sagen würde
wenn er die Ächreckenstunde hörte? Er
würde ihn natürlich enterben; hatte er
ihm doch schon kürzlich damit gedroht,
als der hoffnungsvolle Neffe sich nicht
dazu verliehen wollte. leine alte Univer
sitüt zu verlaffen, in der nach des alten
Herrn Ansicht die Freunde ihn zum
Bummeln verführten! Aber Tonner
weiter daS war er ja nicht gewesen
dem man die Alternative enterbt wer-
den oder von hier fort gehen," gestellt
hatte, das war ja Grün. Tann war
jener Cnkel am Ende auch gar nicht
fein, sondern GrünS Onkel. Aber er
hatte er denn Überhaupt keinen
Onkel? Wie mochte das nur sein? Ter
Grün erhielt seinen Wechftl von feinen
Eltern, und da er der Grün war, so
nun. so waren dessen Eltern seine El
tern. Merkwürdig nur. daß er sich gar
nicht darauf zu besinnen vermochte wie
sie aussahen! Man kennt doch seinen
leiblichen Vater und feine leiblich
Mutter. Nun, jedenfalls durfte er sich
freuen, daß er keine Waise war, wie er
immer angenommen. ilüenn nur- diese
heillose Verwirrung nicht in seinem
Kopf gewesen wäre, die Unklarheit über
die allereinfachsten. ihn betreffenden
Thatsachen! Nur nichts sich merken las-
sen!" ermähnte er sich. Vielleicht war
diese Verwechselung feines eigenen Ich
mit dem des theuren Intimus nur eine
ffolae des momentanen Hammers und
hörte demnach mit diesem auf. Also
vorsichtig, vorsichtig, damit er sich keine
Blöße gab.
Unterdessen nahm der Frühschoppen
fröhlich seinen Fortgang. Man trank
viel recht viel sogar, und Blau am
meisten. Wer durfte es ihm verdenken,
daß er sich mit Gambnnus Gabe über
den traurigen Zustand seines Geistes
zu trösten suchte! Bald befand er sich
denn auch wieder in der nämlichen Ver-
assunq wie gestern.
Nachdem die Textonen sich überzeugt
hatten, daß er fest schlief, wiederholte
sich der Vorgang vom Abend zuvor,
Blau wurde aufgepackt, auf die Bahn
und von dort per Tampf nach der Nach
baruniverfität spedirt, wo man ihn mit
Grün vertauschte. Ter Letztere, welcher
ganz Aehnliches erlebt wie sein Jntl-
mus, mit dem Unterschiede nur, daß
man ihn in der Kneipe überhaupt nicht
gekannt und zuerst für einen Hochstap
ler und dann für einen Irrsinnigen
gehalten hatte, befand sich noch im
Kreise der beim Frühschoppen sitzenden
Studenten schlafend und schnarchend
natürlich. Man verständigte diese von
dem Vorgefallenen und entführte ihnen
den Besuch, der nunmehr nach seinem
Wohnort, in sein Zimmer transportirt
wurde.
Als die beiden Freunde am nächsten
Morgen erwachten, der Eine hüben, der
Andere drüben und sich in der Um
gebung fanden, in die sie diesmal nun
wirklich gehörten, glaubten sie selbst
verständlich, daß ihre jüngsten Erleb
nisse ein Traum waren. DaS hatten
sie freilich am gestrigen Tage ebenfalls
geglaubt, aber diesmal schien eine TSu
chung denn doch Nicht möglich. Alle
Erinnerungen aus ihrer Vergangen
heit stimmten mit den gegenwärtigen
Verhältnissen, nirgends gab's eine
Lücke. Gott Lob, so hatten sie an ihrer
Vernunft doch nicht Schaden genom
men!
Als Blau und Grün sich jedoch ein
mal besuchten und beim Glase Bier sich
hre Herzen öffneten, da ia, da er
staunten sie doch über die Gleichartig
keit ihrer Träume. Ein Licht sing an,
ihnen aufzudämmern, ein Licht !
Nur nicht zu den Kommilitonen von
jener Geschichte reden!" mahnten sie sich
gegenseitig. Wozu sollen wir einge-
ehen, daß wir uns von ihnen haben
zum Narren halten lassen? TaS Ver
gnügen machen wir ihnen nicht nun
und nimmer."
Und so geschah'S denn auch.- Nie
erfuhren die Textonen, daß die beiden
Freunde die Wahrheit über iene famose
Angelegenheit durchschaut. Der Blau
und der Grün sind doch ein paar rechte
Schafsköpfe," meinte der Blaubart.
Wie geschaffen, um sich einen Ulk mit
ihnen zu machen. Was sagt Ihr dazu,
Kinder, wenn wir bald wieder so was
AehnlicheS mit ihnen unternähmen?
Passendere Objekte für dergleichen giebts
nicht. Was?"
Tie Textonen nickten beiftiminnd.
und dann tranken sie ihre Seidel sän
dituZ. um sich für die Aufgabe ja stür
ken, die ihr verehrter Senior ihnen ge
stellt hatte.
WeU :sen.
Aovtllll! von l Elfte r.
Ta waren die Berge seiner Heimath
wieder! Tie rauschenden Wälder, in
denen er als Jüngling geschwärmt, der
murmelnde Bach, an dessen User er die
ersten Verse gesungen, die windumsaufte
Ruine dort oben auf deS BergeS Gipfel,
von deren halbzerbröckeltem Thurm sein
träumender Blick sehnsüchtig in die
weite nebelblaue Ferne schweifte! Und
da lag zu seinen Füßen, eingebettet in
das Grün der Gürten und Wiesen, hin
aufkletternd mit einigen Güßchen an
den Bergen, sein Heimathstädtchen, die
Welt seiner Kindheit, die Welt seiner
Jugend.
Wie weit, wie weit lag das alles hin
ter ihm! Zwanzig Jahre des LeidS, des
Kampfe?, der Honnung. der Arbeit,
der Resignation. ,
Ter einsame Man nahm auf der
Bank unter der breitüftigen Buche am
Waldessaum Platz und ließ sein Auge
träumerisch nachdenklich über das stille
friedliche Landfchaftsbild schweifen. Ta
entriß ihn daS Knirschen eineS leisen
Schrittes auf dem Waldweg feinem
innen. Er wandte den Bi zur
ictue und sah eine schlanke, zierliche
Mädchengeftalt vor sich stehen. TaS
blonde Haar hing in anmuthigen, na
türlichen Locken über die Schultern nie
der, ein breitrandiger Strohhut schützte
das liebliche Klndergencht vor dem
trahl der Sonne: ein Helles Kleid
schmiegte sich in leichten Falten um die
schlanke schwellende Gestalt; in ihren
Hünden trug sie eine Menge buntfar-
biqer Feld und Waldblumen und
Epheuranken. Mit scheuem, zögernden
Blick sah daS junge Mädchen nach dem
Fremden auf der.Bank.
Es in noch Platz hier, agte er
freundlich,, ich werde Sie in Ihrer Be
fchüstigung nicht stören, bitte nur
darum, einem ermüdeten Wanderer
noch eine Weile der Erholung zu gön
nen."
Sie sah ihn mit offenem Blick an.
Wenn Sie gestatten, dann ordne ich
rasch hier meine Blumen sie sind
für meine Mutter bestimmt, die morgen
ihren Geburtstag hat."
Ter Fremde rückte zur eme und
das junge Müdchen setzte sich neben
hn, mit flinker Hand die Blumen ord
nend.
Sie haben eine weite Wanderung
durch das Gebirge gemacht?" fragte sie
nach einer Weile.
Allerdings, mein Fräulein. Ich
wollte in dem Städtchen dort unten
übernachten."
ie kommen aus Berlin?"
Richtig, mein Fräulein! AuS der
großen Menschen und Steinwüfte, Ber
lin genannt."
Es muß doch prächtig fein, inmitten
der großen Welt zu leben."
Für jemand, dessen Herz nicht nach
anderer Nahrung verlangt als Pracht,
Glanz. Reichthum. Ruhm und Ehre,
allerdings."
Sie sprechen sehr bitter. Haben
ie so böse Erfahrungen im Leben ge
ammelt? Ich sollte denken, man
könnte auch in der großen Welt glücklich
ein." r -
Man sagt, daß es auch glückliche
Menschen dort giebt."
&te nnd nicht v,rhelrathet V fragte
sie rasch. Tann erröthete sie jäh und
fuhr fort: Verzeihen Sie meine
Frage...."
Ihre Frage war sehr berechtigt.
mein zsrüuleln. entgegnete er ern t.
Ich bin allerdings nicht verheiratet
ch stehe ganz allein in der Welt da und
mein Beruf bringt mich nur allzu oft
in Berührung mit der Noth, dem Elend
dieses Lebens.. Ich bin Arzt."
Tas Bouquet war fertig. Nur noch
einige wilde Roen und Mrgißmein
nicht lagen auf dem Schooße de? jungen
Mädchens. Es raffte die nicht verwen-
beten Blumen zusammen und wollte sie
in das Gebüsch werfen.
Wenn eS nicht unbescheiden ist, mein
Fräulein," sagte der Fremde, dann
möchte ich Sie bitten, mir die Blumen
schenken, die Sie nicht zu Ihrem
Strauße verwendet haben."
Ich gebe Ihnen die Blumen
gern "
Ich danke Ihnen und nun will ich
Ihnen dafür eine Geschichte erzählen.
Zwanzig Jahre find 'es her da faß
ch hier auf diesem selben Platze. Alles
war wie heute, die Berge, die Wälder,
unten daS Städtchen, die weite,
weite Welt. Nur ich war ein anderer, j
ein junger yossnungssroyer fetuoern.
Aber neben mir saß auch ein junges
Mädchen, just so alt wie Sie, mein
Fräulein, auch mit blauen lachenden
und doch so sinnigen Augen, auch mit
blonden, im Sonnenwind flatternden
Locken. Und wie Sie. wand jenes
junge Mädchen, Wald und Felddlu
men zum Strauß. Und der Strauß
war für mich bestimmt, mein Fräulein.
Ich kehrte zur Universität zurück, im
Herzen die Liebe, die Hoffnung, die
Treue, deren Sinnbild die Blumen
waren, die ich mit mir nahm. Toch
Rosen und Vergißmeinnicht ver
welkten, und als ich nach einem Jahre
wieder hierherkam, da warf ich den ver
trockneten Strauß in den vorüberschäu
wenden Mühlenbach, das Mädchen, das
hn mir gegeben, war die grau eines
anderen ManneS. Ich aber wanderte
wieder in die Well hinaus und ward
der einsame Mann, als den Sie mich
kennen gelernt haben. Leben Sie
wohl, mein Fräulein
Er bot ihr die Hand, und ohne Zö
gern legte sie' vie ihrige hinein, und
wunderlich bewegt sah sie ihn mit
großem, offenem und ernstem Blick
ihrer tiesen. blauen Augen an. Ter
Fremde drückte ihre Hand sanft zum
Abschied und schritt dann rasch den
schmalen Wiesenpfad hinunter, der zu
dem Städtchen führte.
Ob jene Frau wohl glücklich gewor
den war. die ihm einst Treue und Liede
versprochen und dann einen anderen
heirathete s Ter Mann war vor einigen
Jahren gestorben, die Wittwe lebte in
ihrem Heimathstüdtchkn fort. Sein
Weg fühlte ihn an dem Haufe vorüber.
Auf der Veranda stand eine schlanke
Frauengestalt und blickte aufmerksam
die Straße entlang.
Sie war es die Geliebte feiner Ju
fiend! Aelter geworden und doch noch
schön. .TaS Antlitz nicht mehr von dem
Schmelz der Jugend übergössen, aber
von dem Hauche einer ruhigen Schön
heit beseelt, die nur jahrelange Kämpfe
und stille Resignation verleihen kön
nen.
Erstaunt blickte die Frau auf, als der
fremde Herr in den Garten trat,
Verzeihung, gnädige grau, ich
wollte nicht vorübergehen, ohne den
Gruß eines alten Freundes von Ihnen
ausgerichtet zu haben. Ter alte Freund
heißt Robert Käftner und fein Gruß gilt
grau Mathilde Gehrhard
Eine dunkle Röthe überflammte das
feine Antlitz der Tame. TaS ist mein
Name," sagte sie rasch, -und der alte
Freund find Sie selbst. Jetzt erkenne
ich Sie wieder seien Sie mir herzlich
willkommen.
Sie reichte ihm beide Hände, die er
bewegt an die Lippe führte. Ja.
(W1 irf 'i 1 i - r J. r. m s
'taiyiloe, ich vin es selbst," suyr er
fort. Nach zwanzig Jahren kehre ich
m.die Heimath zurück da konnte ich
an Ihrem Haute nicht vorübergehen
ich wußte, oaß Ihr Gatte gestorben.
Schon fast seit zehn Jahren.
Haben Sie Tank, daß Sie sich meiner
noch erinnerten und daß Sie ver
gessen haben, wag uns einst trennte..
Ich habe es nicht veraessen. Ma-
tyllde, aber ich habe verziehen "
ie senkte erröthend den Blick.
Ich konnte nicht anders bandeln.
stotterte sie.
Ich weiß eS lassen Sie uns nicht
mehr über diesen längst verschollenen
Traum unserer Jugend sprechen doch
was spreche ich? Sie Mathilde, haben
sich diese Jugend zu bewahren ge
wuszt.
ie lächelte trübe. Ich danke Ihnen
für Ihr freundliche? Wort. Aber ich
glaube nicht daran. Toch verzeihen
ie, Sie sind ermüdet von der Wände
rung. dars ich Ihnen eine Erfrischung
anbieten r
Wenn ich Sie um ein Glas Wein
oder dergleichen bitten darf. .
Mit welch jugendlicher Leichtigkeit
und Anmuth eilte Frau Mathilde da
von. um bald darauf mit einer Flasche
Wein und mehreren Gläsern zurückzu-
kehren.
Wenn meine Tochter daheim wäre
sagte sie mit sinnigem Lächeln, sollte
sie Ihnen den Wein credenzen. sie, das
Bild der Jugend. So müssen Sie
mit einer alternden Frau fürlieb neh
men." Ihm ward warm um's Herz, als er
der ichonen grau gegenüber saß, in ihr
still lächelndes Antlitz blickte und an
vergangene Zeiten dachte. Ein Schleier
lag über der fernen, leidenschaftlich be-
wegten Zeit, und wie die Abendsonne
durch die leichten Schleier der sinkenden
Nacht, blickte das Glück noch einmal
sanft lächelnd auf sein Leben nieder
ouie es noch eii sein, giuallch zu
weroen k
Welch' schöne Waldblumen haben
ie vai" sag rau Mathilde, wie in
leichter Befangenheit ein gleichgültiges
v. v. ö v -(j --v.i,vv, IVil 111 I
Thema beginnend.
Ich würde Sie Ihnen zum Will.
kommengruß anbieten. Mathilde, wenn'
ich sie nicht auch zum Geschenk erhalten
hätte dort oben auf der Bank, wo auch
wir früher oft gesessen, von einem lieb
lichen jungen Müdchen."
ie sah bittend zu ihm empor. Er
verstand die stumme Bitte und er schwieg
von jener Zeit, er versuchte von seinem
eigenen Leben zu erzählen, er fragte
nach ibrem Leben. Vlaudernd ni,
zwei gute Freunde saßen sie zusammen.
unv je vertrauter ne zu ammen d au
derten. desto stärker ward das Gefühl in
seinem verzen, vag iöiuck, wenn auch in
anderer Gestalt, wie damals in seiner
Jugend, gefunden zu haben. Das Thurm . Aufzuge blutbefleckt und ftr
Mück, die Ruhe, der Frieden an der bend. War er das Opfer ein, m
Seite der gereiften, schönen Frau wür.
den sie ihm erblühen, und die Leere die
Einsamkeit verscheuchen, die gleich einem
düsteren Traume auf feinem Leben
lasteten
Darf ich Sie öfter wiedersehen. Ma
thilde?" fragte er. ihre Hand ergrei
send und sanft drückend. Ich denke
einige Wochen hier zu bleiben."
Sie werden mir stets willkommen
sein. Robert," entgegnete sie leise, er
röthend wie ein junges Mädchen.
. Kr sah dies Erröthen. er süblte d?n
anften Gegendruck ihrer weichen Hand
. . r...ii. r:x -..c r . . . 7s . '
und es senkte sick ans hin w. ni. xl
nui"' äe. " xvj
aiuuwu.iHtiiuc .uiuitt er caia.
traiimkns, k's.iia?n 1 '
,: i.v. ..-.. . .
uuiiu uic -piuim: uc3 Mariens unö
eine zierliche Mäd-ienopftnlt ein
dm Garten.
Jti kommt meine Tochter!" rief
Frau Mathilde ausathmend. glücklich
lächelnd, wie aus einem Traume e?
wachend. .
Sie ging der Heimkehrenden entge
gen. schlang den Arm um sie und führte
sie ktchelnd dem Gaste zu.
Mein Töchterchen Mathilde." sprach
sie. .Werden Sie nun noch dehaup
ten. Robert, daß ich jung geblieben
bin?"
Ein schmerzhaftes Gefühl krampHe
fein Herz zusammen. Vor ihm stand
da? junge Mädchen, das er am Walde?
säume getrgften. Mit großen, erschreck
ten Kinderaugen sah eS ihn an. und er
las in diesen Augen, daß sie AlleS er
rieth.
Ich habe Fräulein Mathilde scheu
kennen gelernt sie war so freundlich,
mir jene Blumen zu schenken . . . . "
Ueber daS Antlitz Frau Mathilden's
flog ein Schatten. Ach, wie alt sah
das Antlitz jetzt neben dem jugendlich
frischen Gesichtchen der Tochter auS! ES
gab ihm einen Stich durch'S Herz die
Zeit der Rosen war unwiberbringlich
dabin!
TaS Gespräch schleppte sich mühsam
dahin. Mathilde saß schweigend neben
ihrer Mutter, die sich nach dem Leben
und der Thätigkeit Robert's erkundigte.
Ter Traum war verflogen kein Ton
auS ferner Jugendzeit klang in dem
Gespräche wieder, und als sie schieden,
da küßte er ihr ehrerbietig die Hand,
die müde und regungslos in der seinen
lag.
Ter Abend war hereingebrochen.
Rasch schritt er die Straße entlang
dem Bahnhöfe zu.
"Äufathmend kehrte Frau Mathilde
auf die Veranda zurück. Neben dem
Tische, auf dem seine Blumen verwelkt
und vergessen lagen, blieb sie in tiefem
innen stehen. Ta schlangen sich zwei
weiche weiße Arme um ihren Nacken und
Zwei jugendfrische Lippen küßten ihre
Wangen.
Mama, meine liebe Mama "
flüsterte ihr Töchterchen, leise auf
schluchzend. Zärtlich strich die alternde Frau den
blonden Scheitel ibrer Tochter.
Nimm die Blumen fort." sprach
sie mit leicht bebender Stimme. Tie
Zeit der Rosen ist für mich vorüber. . "
Hundert Jahr Gasbtleuchtung.
Unter diesem Titel schreibt die ..Wie-
ner Abendpoft": In der letzten Juli
woche deS Jahres 1800 wurden die
Pariser durch Plakate eingeladen, in das
vvirt ne eigneiay, mue ominiaue
Samt-Germain. zu kommen, in dessen
Gärten eine neue Beleuchtungsart, die
Thermolampe, allabendlich zu sehen sei.
Man fünd wirtlich Alleen. BoSquete
und Wasserkünste von Tausenden vm,
Lichtern erstrahlen in Form von Gar
ben. Blumen, Sternen unddergl.,
gespeist von einem Gase, das sich bei
Verbrennung deS Holzes entwickelte.
Ter Ersinder war der Ingenieur Nki.
lipp Lebon (geboren am 29. Mai 1769)
der mit Benützung der früheren Ver
suche des Telsemius (1686), Elayton
(1739) und Triller (1787) in seiner
Vaterstadt Bruchay die ersten Experi
mente gemacht hatte, aus Gasen Wrtr-m-
Licht und motorische Kraft zu gewin
nen. Im Jahre 1798 theilte er seine
Erfindung der französischen Akademie
mit, am 21. September 1799 trtAAUr
das Patent und opferte sein kleines
Vermögen, um die neue Lichtquelle be
kannt zu machen. ' Tie Pariser ström
ten massenhaft in die von ibm nc;,,
theten Gärten: bald entwickelte sich da.
selbst eine eleaante Vrom?nd ks
Marine.Ministerium belobte die Lam
pen. Tas war aber auch Lebn in.
ziger Lohn. Geldmangel zwana ibn
die Gürten zu schließen. Mit Mühe
gewann er eine englische Geldkraft zur
Erbauung einer Fabrik bei ffxthn.
die Erfindung zu verbessern, denn sein
Gas. aus Kohlenoxyd bestehend, war
nicht gereinigt, leuchtete sckwack m
t. 11 . " ' V"" ,
unangenehmen Geruch. Tie
runichcn Prinzen Gallitzin und Tol-
Blu" JWtn edon zu bestimmen.
ma) Ödland auszuwandern, und
garantirten ihm die Unterstützung der
eglerung. doch er erwiderte: Meine
gehört meinem Paterlandc.
s soll allein davon den Vortheil ha-
ocn-
Tas Vaterland aber hatte ihn ver-
gessen, erst 1804 erhielt er einen Auf-
trag zur Dekorirung der Straßen und
öffentlichen raT.J...-i J...
Kaiserkrönung Napoleons. Am Abend
oes 4. Tezember trat er h,n wbam.
um die Kathedrale NotreDame im
neuen Richte erstrahlen zu lassen di
fand man ibn wrni, e,i ,
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Geheimniß geblieben. Seine Witt.r
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