Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, March 03, 1898, Image 9

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    Glück und Unglück.
?!oocllkic oon C m i I t; f j d) f a u.
r
Seit Jahren kommen wir ein
aldeS Dutzend Juzkndfreundk an
kdkm Donnerstag in einem odzkschlos
enen Etlibchen der B.'schen Weinharib
ung zusammen. An einem dieser
Abende war (3, daß unS ein seltsamer
Vorfall, da eben daS Stadtgespräch
bildete, in aubergewöhnliche Erregung
versetzte. Zmei junge Ehelcute. die in
guten Verhältnissen lebt? und stch an
scheinend sehr zugethan waren, wurden
eines TageS in ihrer Wohnung todt
aufgefunden. Zweifellos hatte der
Mann zuerst seine grau und dann sich
selbst erschossen ehe er aber den Sievol
der gegen die einige Schläfe abdrückte,
hatte er noch Blumen Über die Leiche
der Frau gestreut. Und die Lage, in
der man ihn neben dem schönen, start
gewordenen Körper fand, deutete darauf
hin. daß er sein todtes Weib noch um
mmte, daß er vielleicht einen letzten
Kuß auf ihre Lippen drückte, während
er mit feiner Rechten die Waffe erhob,
die auch ihm das Ende bringen sollte.
Was war die Ursache dieser größ
lichen That gewesen? Alle Vermuthun
gen, die man äußerte, zerfielen den
Thatsachen gegenüber in Nichts. Tie
' Verhaltnisse der Unglücklichen waren in
bester Ordnung und sie hinterließen ein
nicht unbeträchtliches Vermögen. Sie
hatten aus Liebe geheirathet und die
Nachbarn nannten sie die Unzertrenn
lichen, weil man nie Eines ohne daS
Andere sah. Ueber die Vorgänge in
ihrer Wohnung wußte allerdings Nie
mand etwas zu sagen, da fte kein Dienst
Mädchen hatten. Sie fühlten keinen
eigentlichen Haushalt und nahmen ihre
Mahlzeiten im Restaurant ein. Nur
in den ersten Monaten ihrer Ehe war
das anders gewesen und vielleicht hätten
die Mädchen, die damals im Dienst des
Ehepaares standen, irgend eine der
folgbare Spur angeben können. Aber
die waren in alle Winde zerstreut und
das Gericht schien keine Ursache zu ha
den. den Fall weiter zu verfolgen.
Darüber, daß der Mann wirklich der
Thäter gewesen, konnte ja kein Zweifel
sein, und wenn man auch der Annahme
zuneigt?, daß die Frau im Schlaf er
schoflen worden war der Mörder hatte
sich selbst gerichtet, die Behörde konnte
kn der Sache nichts mehr thun.
Als wir etwa eine halbe Stunde lang
heftig über das Räthsel dieser dunklen
That debattirt hatten, fiel .eS uns auf,
daß Freund R. sich schweigend verhielt.
Und als ich meine Augen verwundert
auf ihn richtete und ihn eben fragen
wollte, ob er sich keine Anficht gebildet
habe, da winkte er. als hätte er mich
verstanden. Seine Züge hatten dabei ei
nen sonderbar verlorenen Ausdruck und
seine Stimme zitterte vor Ergriffenheit,
als er sich ins Gespräch mengte.
.Ich will Euch eine Geschichte erzüh
len." sagte er. .Ich glaube, daß die
daS Räthsel aufklären dürfte. Soll ich
anfangen ?"
AIS seine Frage allgemein bejaht
worden war, schwieg er noch eine Weile
und dann begann er :
ES sind nun ungefähr fünf Jahre
her, daß ich mich mit einem sehr hüb
scheu Mädchen verlobt hatte. Wir wa
ren auf einem Tanzkränzchen deS Ver
eins .Harmonie" mit einander bekannt
geworden und dann war eS so rasch
gegangen. Sie schien mir daS ent
zückendste Geschöpf der Welt zu sein, und
ich ging wie berauscht umher. AlS ich
den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken
durfte, fühlte ich tagelang nichts als
das Fieber dieses KuffeS. und ich hätte
die Sache natürlich eifrigst wiederholt,
wäre nicht eine Tante dagewesen, ohne
die ich seit dieser seligen Stunde meine
Braut nie mehr zu sehen bekam. Diese
Tante war ein ganz harmloses Frau
chen, das, wie ich später eingesehen habe,
eigentlich eine Art Sklavin abgab.
Sie fügte sich in Allem und Jedem den
Wünschen meiner Braut, damals aber
betrachtete ich sie als die Ursache all der
kleinen Grausamkeiten, unter denen ich
litt, und ich entwarf die bösartigsten
Pläne, um sie zu beseitigen.
Wie heute nach ging ich auch damals
jeden Tag um drei Uhr aus dem Bü
reau. Mein Weg führte mich durch die
aiserftraße. und da begegnete ich regel
mäßig einem Mädchen, das wohl ir
gendwo in einem Geschäft angestellt
war. Sie war nicht ärmlich, aber doch
bescheiden gekleidet und ihre ganze Art
deutete auf einen einigermaßen .gebil
beten Beruf. Eine? TageS, als fte
eben einen Handschuh anzog, bemerkte
ich Tinte an ihren Fingern, und nun
sagte ich mir. daß sie wohl in einer
Kanzlei Korrespondenzen oder derglei
chen besorgte.
Ihr werdet nun fragen, wie eS denn
möglich war. daß sich ein Verlobter und
verliebter Mensch um die Finger eine
fremden Mädchen? kümmerte. daS nicht
einmal durch große körperliche Reize die
Augen auf sich zog.
Darauf weiß ich keine Antwort. Ich
weiß nur so viel, daß ich immer eine
angenehme Empfindung hatte, wenn ich
plötzlich im Menschengewimmel dieses
stille, blaffe Gesichtchen mit den freund
lichen, ein wenig melancholischen Augen
auftauchen sah. Und unwillkürlich
flogen meine Blicke über ihre ganze Ge
ftalt. und die schmächtige Erscheinung
in dem schlichten schwarzen Kleide
prägte sich mir so lebhaft ein, daß
ich sie immer noch eine Weile vor mir
sah. wenn sie längst schon verschwunden
war.
So schritten wir Wochen lang an
Der Scnnlag5gast.
Zahrttang U.
Beilage zum Nebraöka Staats Anzeiger.
No. -II,
einander vorüber, und ei sie dann
plötzlich ausblieb, empfand ich t nicht
ohne Schmerz. Am nsl'n Tage ging
es ja noch, aber dann fehlte sie mir von
Tag zu Tag mehr. Ich wanderte end
lich nicht wie sonst geraden Wege? von
meinem Büreau nach dem Gasthaus,
in dem ich zu Mittag aß ich kehrte am
Ende der Kaiserftraße wieder um uns
schritt eine halbe Stunde lang oder noch
länger auf und ab. in der Meinung.
daS Mädchen könnte jetzt etwa? später
in die Arbeit gehen. Dann entfernte
ich mich auch ein paar Mal vor Schluß
der Amt-ftunden au; dem Büreau
vielleicht machte sie sich schon früher auf
den Weg! Ader eö war Alles der
gebenS, meine blaffe Freundin blieb
verschwunden. War sie krank war
fte vielleicht todt ? Sonderbar, daß der
Gedanke mich nicht verlaffen wollte,
während ich mir doch beständig sagte:
sie wird eben umgezogen sein einen
anderen Weg nach ihrem Geschäft
gehen. Aber nicht weniger sonderbar
war eS ja, daß ich mich für dieses Mäd
chen so interessirte, während ich in ein
anderes verliebt war. Daß mich eine
Fremde, die nicht einen Augenblick lang
mein Blut entflammt hatte, so mit Un
ruhe, Mitleid und Sorge erfüllte, wüh
rend der Tag schon nahe war, an dem
daS entzückendste Geschöpf der Welt
als solches erschien mir meine Braut
noch immer für ewig die meine wer
den sollte!
Nachdem ich ungefähr eine Woche
lang vergebens nach meiner blassen,
stillen Freundin gespäht hatte, begann
dann mein Interesse an ihr doch zu er
lahmen. Einmal war mit auch der Ge
danke gekommen, die weitere Umgebung
der Kaiserftraße nach ihr abzusuchen,
aber in demselben Augenblick kam mir
auch meine Thorheit zum Bewußtsein.
WaS ging sie mich an? Wie einfältig
war eZ, dem Mitleid oder der Neu
gierde so weit nachzugeben! Geradezu
lächeilich war dieser Gedanke, sie zu
suchen! Und nun schlug ich mir die
Sache aus dem Kopf und nur einmal
noch tauchte ihr Bild lebhaft vor mir
auf ich sah sie im Traum wieder
durch daS Gewühl der Straßen schreiten
und mir freundlich zunicken. DaS war
mir insofern merkwürdig, als ich sehr
selten träume, und heute erscheint es
mir geradezu bedeutsam. Damals aber
war ich mit den Vorbereitungen für die
Hochzeit so sehr beschäftigt so sehr
erfüllt von dem LiebeSfteder und von
der Freude, die entsetzliche Tante endlich
loszuwerden daß ich mich mit dem
Traumbild nicht weiter beschäftigte.
Ein paar Tage später, als ich auf
dem Weg von meinem Bureau nach
dem Restaurant eben die Kaiserftraße
überschreiten wollte, sah ich plötzlich daS
schwarze schlichte Kleid vor mir und
daS blasse Geftchtchen noch blasser als
sonft. Unwlllküulch fuhr meine Hand
hinauf nach meinem Hut ich grüßte
fte. Sie nickte freundlich, während ein
tiefeS Roth sich über ihr ganzes Geficht
ergoß, und schritt an mir vorbei über
den Straßendamm. Aber sie kam nicht
weit, unwillkürlich, wie ich den Hut ge
zogen hatte, quoll eZ mir jetzt über die
Lippen: .Fräulein!"
Ich kann nicht sagen, daß ich damit
eine bestimmte Absicht verband. ES war
wohl die Freude, sie wieder gefunden
zu haben, und die Furcht, sie aus S
Neue zu verlieren, was mich drängte,
sie anzusprechen. Sie schrak zusammen,
wandte sich um und sah mich blutroth,
mit großen, fragenden Augen an. Jetzt
aber merkte ich erst, WaS ich angerichtet
hatte. Sie stand mitten im Wagen
gewimmel. und als fte plötzlich die
Pferde eines Postwagens herankommen
sah. machte sie schnell ein paar Schritte
zurück. Ich schrie auf und sprang ihr
nach, aber eS war zu spät. Eine
Droschke, die hinter ihr vorbeifuhr,
hatte fte erfaßt, und nun lag sie auf
dem Pflaster und die Räder gingen über
sie hinweg.
WaS in diesem Augenblick in mir
war, vermag ich nicht zu schildern. Ich
glaube, ein Messer in's Herz gestoßen,
schmerzt nicht wie so etwas. Ich zitterte
am ganzen Körper und Alles war
schwarz um mich. Dann aber raffte ich
mich gewaltsam auf. und halbblind
warf ich mich in daS Getümmel. Als
ich wieder sah, bemerkte ich einen
Schutzmann, wie er daS Mädchen auf
hob. Gottlob ihre Bugen waren
nicht geschlossen, sie athmete! Und jetzt
trafen ihre Augen mit den meinen zu
fammcn.
.Daran bin ich schuld, Fräulein!"
stöhnte ich.
Aber lein Unwille war m dem legen
blaffen Gesicht.... sie lächelte.
.ES macht nichts." stammelte fte
leise, so sanst, daß ich eZ noch , höre wie
himmlische Musik.
Inzwischen hatte der Schutzmann sie
ganz aufgerichtet und sie versuchte ein
paar Schritte.
Danken Sie Gott. daS ist gut abge
gangen." sagte der Mann.
Tann rief er eine Droschke an und
fragte nach der Wohnung dcS MälchmZ.
Ich werde Sie nach Hau begleiten.
Fräulein," siel ich ihm in's Wort.
Nun machte sie wieder ein paar
Schritte und dann bat sie zögernd:
.Wenn eZ Ihnen nicht und,quem ist
ich bin so schwach ich fürchte mich so!"
.Ader Sie sühlen keine Wunde?"
fragte der Schutzmann.
.Nein nur wie gebrochen bin ich
ich habe keine Kraft."
Jetzt bemerkte ich Blut an ihrem
Ohr aber c3 schien nur eine leichte
Verletzung zu sein. Ueber ihren Hut.
der neben uns im Straßenkoth lag.
waren die Räder hinweggegangen und
auch über ihre Haare, die ihr jetzt halb
offen, zerzaust über die Schulter hinab
hingen. TaZ Ohr aber war nur leicht
geritzt.
.Steigen Sie jetzt ein," sagte der
Schutzmann, und ich half ihr in den
Wagen, während er ihre Adresse auf
schrieb.
Dann wollte ich ihr folgen, als plötz
lich mein Name gerufen wurde. ES
war die Stimme meiner Braut, und
als ich mich umwandte, sah ich sie auf
dem Fußsteig stehen.
.Ja. was machst Du denn da?"
fragte sie nichts weniger als freundlich.
DaS Fräulein ist überfahren wor
den," rief ich ihr zu. .Ich will sie nach
Haufe begleiten."
Nun sah ich einen Ausdruck in ihrem
Geficht, der mich auf's Tiefste empörte.
.WaS geht denn das Dich an!" er
widerte sie heftig. .Ich wollte Dich
eben abholen. Komm!"
.Aber ich kann doch jetzt nicht !" rief
ich zurück.
Da lachte sie spöttisch auf und dann
wandte sie mir mit einer jähen, trotzi
gen Bewegung den Rücken zu und ging
davon.
Eine Sekunde später saß ich, keine?
Wortes mächtig, im Wagen neben dem
armen Mädchen, daZ ermattet in die
Kissen zurückgesunken war. Ihre Augen
aber waren auf mich gerichtet, und wüh
rend ich mich bemühte, den ungeheuren
Sturm, der in mir wüthete, zu be
kämpfen, sah ich plötzlich ein paar
Thränen über die blejchen Wangen hin
abrollen
Als Freund R. mit seiner Erzählung
so weit gekommen war, mußte er sich
selbst die Augen trocknen. Er athmete
tief auf und schüttelte heftig den Kopf,
als wäre er unmuthig über diese
Schwäche. Dann goß er sich mit zit
ternder Hand ein GlaS Wein ein und
trank langsam davon. Dabei schien er
ruhiger zu werden, und endlich sah er
unS an noch immer sehr ernst, aber
wie verklärt von einem Schimmer
schwer erkämpften GlückeS.
.Ihr habt daS Weitere wohl schon
errathen." fuhr er dann fort. DaS
stille blasse Mädchen ist meine Frau ge
worden und was für eine Fraul In
all' den Jahren hat sie sich nicht geän
dert sie ist der Engel geblieben, der
sie damals war, als sie mir, noch de
täubt von dem entsetzlichen Erledniß.
nur lächelnd antwortete: ES macht
nichts." Meine Braut aber hat später
einen Anderen geheirathet den
Mann, der sie vor einer Woche erschossen
hat, obwohl sie ihn ebenso entflammt
hatte, wie mich. Mir ist der traurige
Fall deshalb kein Räthsel. Konstanz?
hatte alle möglichen Vorzüge, aber sie
hatte kein Herz. Und da kann ich mir'S
wohl vorstellen, deß der arme Mensch,
der den mir bestimmten Platz einnahm,
in einem Augenblicke der höchsten Ueber
reizung seiner Qual ein Ende machte,
indem er daS schöne, herzlose Weib töd
tete und dann sich selber. Möge Jeder
täglich Gott danken, der auf dem fürch
terlichen Scheidewege zwischen Glück und
Unglück, den wohl die meisten von unS
blind betreten, so gut geführt wurde,
wie ich!"
Wir waren von den Schicksalen, die
unS Freund R. aufgerollt hatte, nicht
wenig ergriffen und Einer oder der An
dere von uns wird wohl auch nachge
sonnen haben, ob der Weg, den sein
eigenes Leben genommen, näher dem
Glück oder dem Unglück. Und so auf
richtig, so auS dem Tiefsten der Seele
kommend, wie das Hoch", das wir
nun der Frau des Erzählers darbrach
ten so klingt sicher nur selten ein
Hoch. Ich höre eZ jetzt noch, während
ich diese Zeilen niederschreibe, und ich
mag nicht anders schließen, als mit den
Worten von damals: Lieber Freund
das Glück soll leben! ES lebe Deine
Frau!.. .."
Der Larven.
Bankier (der geadelt wurde, zum
Buchhalter): Herr Müller, schreiben
Sie daS von vor meinem Namen mit
f es fällt mehr auf !"
Karl IXloov.
H,imoiksle, finer wahikn !h6!!acht nachkr
jä!lt, von Ä. d k iltit.
Im Jahre 1812 lebte auf der Uni
verfilüt zu Halle ein Student. Namens
Pippig. der hinsichtlich seiner kleinen
Statur von seinen Eomilitonen den
Spitznamen .Pipin der Kurze' erhal
ten hatte. Pipin war sonst ein ge
schkidter Kopf, auch fleißig, nur von der
unseligen Idee befangen, daß ihm ein
große Talent zur Schauspielkunst inne
wohne, ihm, den die Natur so ftiefmüt
terlich ausgestattet und ein Organ ver
liehen, welches sich gerade so anließ, als
wenn man ein Stückchen PostPapier
zerreißt.
Wenn er feinen Freunden mittheilte,
daß er über kurz oder lang doch einmal
zur Bühne übergehe, so gab'S stets ein
Gelächter, oder Einige, die auf seine
Pläne scheinbar eingingen, riethen ihm
Heldenrollen an, als GStz von Ber
lichingen, Wilhelm Tell. Karl Moor
und dergleichen.
Pippig dachte: eS ist am Besten, du
verschweigst einem Jeden deinen Plan
und thust, wie du eS für gut besindeft.
Auf ! Bald wird man von mir reden,
in mir lebt ein zweiter Davifon, ich
springe auf die Bretter, und wenn ich
nicht in Jahr und Tag ein Mitglied der
Berliner Hofbühne bin, so will ich HanS
Matz heißen.
Institutionen und Pandekten wurden
bei Seite geschoben und dafür Schiller'S
Räuber vorgenommen In einem
Tage war die Rolle herausgeschrieben,
und nun ging er an'S Lernen. Wenn
Pippig im Bette lag, erklang eS:
Menichen! Menschen! falsche, heuch
lerische Krokodillenbrut ! Wenn er
Mittags im .Pflug" speiste und ein
Kälberbraten auf die Tafel kam.
flüsterte er: .Ganz, ganz muß ich ihn
haben, und wenn Du mir ihn ganz
dringst, so sollst Du eine Million. .
Hier wurde er unterbrochen, indem
sein ehemaliger Stubendursche an die
unlängst gepumpte eine Mark erinnerte.
Aber Pippig sah und hörte nicht, er war
ganz Moor vom Scheitel bis zur Sohle
und suchte sich einsame Plätze, wo er
deklamiren konnte, z. B. nach Passen
dorf und sogar nach der .schwarzen
Schürze" wurden Abstecher gemacht.
Vertieft in seine Rolle ging er deS
Weges, und als er einmal mit allem
Pathos die Thurmfzcne vor fich hin
spielte und ausrief: ,O, seht ! seht ! eS
ist mein eigener leiblicher Bater!" stand
ein Ochs vor ihm, der nach Halle zum
Verkauf geführt wurde. Als ihm einst
im Kühlen Brunnen" der Kellner
einen Krug Meiseburger gebracht und
er in kräftigen Zügen getrunken, stöhnte
er: Dein Wasser ist gut, Schweizer!"
Nach Verlauf einiger Wochen war
unser Pippig bühnenreif, d. h., er
konnte seinen Karl Moor zu jeder Zeit
loslassen.
Da fügte es stch, daß in dem zwei
Stunden von Halle entfernten Stüdt
chen Lauchstädt ein Schauspieldirektor
ankam und seinen Thespiskarren in die
Goldene Sonne" schob, welcher Gast
Hof dazu auSersehen war, den Lauch
ftädtern von den Brettern, die die Welt
bedeuten, Kraft und Saflftücke vorzu
führen. Unser Studiosus wanderte eines
TageS nach Lauchstädt, sah sich die Ko
mödie mit an und trug noch am selben
Abend dem Direktor sein Anliegen vor,
indem er bemerkte, daß er im vollstän
digen Besitz der Garderoben sei, die zu
dieser Rolle erforderlich, besonders ein
Paar mächtige Kanonenfticfel habe.
Ein Paar Kanonenstiefel?" rief der
Direktor, indem sich fein Gesicht ver
klärte, .kommen Sie, Freundchen, Sie
sind engagirt !"
Pippig mußte wieder nach Halle.
Schon am nächsten Freitag sollte er
agiren, sollte er die Bretter betreten.
Kein Musensohn erfuhr daS Mindeste
von seinem Vorhaben. Zu feinen
Freunden sagte er. daß er eine Reise zu
seinem Veiter vor habe. Zwei Tage
vor der anberaumten Aufführung wan
derte er nach Lauchstädt, wo der Direk
tor der Wanderbühne ihn den Mitglie
dern derselben vorstellte. Jetzt kam
aber ein kitzlichcr Punkt. Der Hifto
rienvater wollte gedruckte Zettel nach
Halle schicken, indem Schiller'S Räuber
ein akademisches Publikum nach Lauch
ftädt locken sollten.
Mein Name auf dem Zettel? Nichts
da! Ich taufe mich um, ich beiße
Fischer! Jetzt aber noch eins. Kein
Mensch in Halle darf erfahren, daß die
ser Fischer der EtudiosuS Pippig ist.
sonst kommen alle Studenten heraus
und es entsteht im Theater ein Feuer
lärm."
DaS war Waffer auf deS Direktors
Mühle.
Ganz wie Sie wünschen. Herr
Fischer l"
Jetzt hatte er aber nichts Eiligeres zu
thun, als nach Halle zu gehen und auf
irgend einer tudentcn'nelpe ein M0rt
chen fallen zu lassen, daß ein Studio,
Namens Fllchkr. Pippig. bei ihm den
Karl Moor (viele.
Wie ein Walddrand verbreitete sich
die Nachricht uiiter sämmtlichen Akade
mikcrn. Als der Freitag herangenaht,
da zogen sämmtliche Studenten nach
Lauchstädt. Ganze Verbindungen, die
Vandalen. die Braunschweiger, die
Hildcsen. die Thüringer und Pommern,
sie Alle kamen. eS war eine allgemeine
Wallfahrt. Karl Moor.Fischer.Pippig
war außer sich ; er war aber seiner
Sache so gewiß, daß er wähnte, mit
Glanz durchzukommen. Die verhäng
nißbolle Stunde nahte heran ; der alte
Moor setzte ftch auf seinen Stuhl, sein
Sohn Franz mit der rothen Penücke
trat ihm zur Seite, der Vorhang
rauschte auf.
Der Saal war gedrückt voll, Kopf
an Kopf Nichts wie farbige Mützen und
SchnllrröZe, Brillen und Schnurr
bärte, sogar einige Hunde waren in der
Komödie.
Mit der größten Spannung wurde
die szcne erwartet, wo Karl Moor auf
tritt Pippig. angethan mit Kanonen
stiefeln und einem mächtigen SarraS
an der Seite, erschien.
Als er auftrat, herrschte Ruhe, doch
augenblicklich rief eine mächtige Bier
stimme :
..Guten Morgen. Herr Fischer !'
DieS war das Zeichen zum allgemei
nen Applaus. Pippig wurde empfan
gen, wie noch niemals der größte Mime.
Als er feine dünne Zwirnftimme erhob,
da brach das Gelächter im vollsten
Maaße aus. Der Debütant ließ ftch
aber nicht flören, er spielte seine Rolle
weiter und stellte ftch ungemcin bür
deißig.
Jetzt aber kommt die Hauptsache.
Einige Studios, denen unten die Hitze
zu arg, oder die ftch Amalien in der
Nähe beschauen wollten, hatten ftch jen
seitS deS SoufflerkaftenS geschlichen, um
sich daS Ding hinter den Coulissen mit
anzusehen. Als sie hinaufgehen, schien
bett natürlich auch pflichtgetreu die
große Bulldogge eines Landsmannschaf
terS mit hinterdrein.
Karl Moor tobte in voller Leiden
schaft, und wie er eben daS Horn des
Aufruhrs durch die ganze Natur blasen
will, läuft aus den Coulissen rechts eine
Katze über die Bühne.
Eden brüllt Karl Moor-Pippig mit
gespreizten Beinen die Worte:
.Auf I ich fühle Armee' in meiner
Faust I" Da erblickt die Dogge daS
Katzenthier, fährt wie der Blitz heraus,
dem Karl Moor unter die Beine, daß
oieser sein Schwert fallen läßt und so,
rückwärts auf dem Hunde sitzend, zum
Tempel hinausreitet !
Keine Feder schildert daS Gelächter,
welches in ein wahrhaftes Brüllen aus
artete. Die anderen Hunde mußten
mit Gewalt zurückgehalten werden, und
wäre der Souffleur nicht gescheidt ge
wesen, das Zeichen zum Fallen des Vor
Hanges zu geben, so hätte die Hunde
Komödie noch Zuwachs erhalten.
An ein Fortspielen war nun nicht zu
denken, zumal Herr Pippig mit seiner
Debutrolle so unvermuthet auf den
Hund gekommen war. Er sah ein, daß
er nicht zum Schauspieler passe, und
die halbe Universität holte ihn mit
Hurrah aus dem Garderoben-Zimmcr,
wo er der Kunst für immer entsagte.
Im vierspännigen Wagen ging eS in
der Nacht unter dem Gesang: Ein
freies Leben führen wir !" zurück nach
Halle, wo Pippig wieder die Jnstitutio
nen und Pandekten hervorsuchte.
In Freundeskreisen erzählte er noch
bis an fein seliges Ende er starb vor
mehreren Jahren von feinem ersten
Versuch als Karl Moor und feinem
Ritt auf der Dogge.
Sökimos als Tchlittenmachr.
Der Jankee liebt eS feine eigene Er
findungSgabe zu bewundern, und in der
That ist dieselbe ja in gewissen Rich
tungen sehr entwickelt, was schon sein
praktischer Sinn mit sich bringt. Ader
sehr nahe kommt ihm in dem Genie für
mechanische Erfindung jedenfalls der
plumpe Eskimo im hohen Norden, der
sonst einen so gewaltigen Gegensatz zum
Pankee zu bilden scheint. Wäre der
ESkimo nicht in so hohem Grade erfin
derisch. so könnte er auch noch kein ein
zigeS Jahr im Lande des ewigen Win
terS eziftiren, trotz seiner erstaunlichen
Genügsamkeit und körperlichen AuS
dauer. Wohl auf keinem Gebiete zeigt sich die
Erfindungsgabe deS Eskimos mehr, als
auf demjenigen der Herstellung von
Schlitten, welche bei ihnen eine allge
meine Fähigkeit bildet und außerordent
lich viele Formen annehmen kann! Holz
ist dabei nicht im Geringsten nöthig,
und Metalle auch nicht. Beinahe aus
Allem kann sich der Eskimo einen
Schlitten machen, so j. B. u zahl
losen kleinen, sehr geschickt mit Sehne
verbundenen Knochcnftückchen. Da! ist
leicht gesagt, ober thatsächlich kann e
kaum ein anderes Menschenkind auS
führen, als ein S-kimo. ES ist noch
schwieriger, als etwa, auS alten Eisen
Abfällen und Ofendraht ein Zmeirad
zu erbauen. Und solche ESkimo Schlit
ten halten viele Generationen auS und
find ebenso stark, wie biegsam?
Nicht selten aber hat der Eskimo auch
einen solchen Schlitten nicht zur Ver
fügung und muß doch auf der Stell
einen Schotten haben. Auch das bringt
ihn nicht aus dem Concept. Der Frost
selbst, der sein Leben bedroht, muß ihm
j,tzt Beistand leisten. Rasch macht der
Eskimo zwei lange Tuben von See
hundsfell, füllt sie mit Moos und Erd
oder sogar nur mit Schnee, läßt fte
feucht werden und biegt sie an deu
Enden ein wenig. In einigen Minuten
find sie fest gefroren wie Eisen; sie geben
die Läufer" ab. Der Eskimo schneidet
außerdem aus einer dicken Walroß Haut
ein länglichrundes Stück, feuchtet eS
gleichfalls an. und cS gefriert rasch sa
steif wie ein Brett. DaS giebt den Sitz
oder die ganze Bedeckung. Noch ein
paar feste Peitschenftränge. und ein
ganz famoser Schlitten ist fertig, wel
chen die schnellfüßigen Hunde überall
hin Über die gefrorenen Ebenen ziehen
können.
Türkische Justiz.
Ein Reisender, welcher sich im Jahre
1841 in der türkischen Hauptstadt läu
zere Zeit aufhielt, erzählt das folgend
Erledniß. Ich faß vor einem Kaffee
hause, als ich mehrere türkische Beamte
einen nahen Bäckerladen betreten sah.
Einige Türken, welche neben mir phleg
matisch ihre Morgenpfeife rauchten,
fuhren schnell in die Pantoffeln und
liefen haftig dem Bäckerladen zu. Auch
ich machte mich auf, um zu sehen, WaS
vorgehe. Der Beamte wog die Brode,
während der Bäcker, ein Grieche, daneben
stand und ein sehr verdächtiges Gesicht
zog. Mehrere Brode hatten die Probe
bereits glücklich bestanden, als der Be
amte in einen mehr im Hintergrunde
des LadenS aufgestapelten Brodhausen
hineingriff und bald die Wahrnehmung
machte, daß diese Erzeugnisse von dem
Gegengewicht auf die bedenklichst; Art
in die Höhe geschnellt wurden.
AlS der Türke die Brode Stück für
Stück gewogen und stch ein jedes als zu
leicht erwiesen hatte, gab er seinen Leu
ten einen Wink: ein Unterbeamlcr zog
schnell einen Hammer und zwei Nägel
auS dem Gürtel, indessen ein zweiter
den Bäcker bei beiden Ohren zu packen
wußte und ihm den Kopf gegen den
Thürpfosten drückte. Mit erstaunlicher
Gefchicklichkeit und Schnelligkeit wurde
der betrügerische Bäcker ohne weiteres
an den Ohren festgenagelt. Noch eini
gen Notizen zog der Beamte mit feinen
Leuten weiter, um die Revision fortzu
fetzen. Kaum hatten die Beamten den
Laden verlassen, als die Gassenjugend
von Stambul den Angenagelten ohne
Erdarmen mit Spott und Hohn über
schüttete. Dann stellten stch die Hunde,
diese bekanntlich freien Bewohner der
türkischen Straßen, ein, und bald sprang
einer nach dem anderen in den Laden,
über den Brodvorrath herfallend. Der
Bäcker aber blieb angenagelt an der La
denthür stehen, bis der Jmam bei Son
renuntergang die Gläubigen vom Mi
naret herab zum Gebete rief; erst dann
erschien ein türkischer Beamter, der den
Augenagelten aus seiner mißlichen Lage
befreite.
Soviel der Reisende erfahren konnte,
war eS Vorschrift, im WiederholungS
falle den Nagel nie durch das alte Loch,
sondern stets durch eine neue Stelle deS
OhreS zu treiben, damit man solcher
weife sogleich den mehrfachen Betrüger
erkennen konnte. Daraus erklärte eS
sich auch, warum diele Bäcker in Kon
ftantinopel, im Gegensatz zu anderen
Muselmännern, ihren Turban tief über
die Ohren gezogen hatten.
Die ersten Cigarre.
Die erste Erwähnung der Cigarre
findet ftch in der Geschichte von Nica
ragua" deS spanischen Historikers Gon
zalo Fernande-, de Ouiedo v Bälde,.
welche 1555 vollendet wurde. Bei den
festlichen Zusammenkünften der Jndia
ner, so erzählt der Geschichtsschreiber,
berauschen fich dieselben gern in Chicha,
einem auS Mais bereiteten Wein, und
dazu nehmen sie ein Päckchen Krautblüt
ter. etwa sechs Zoll lana und so dick wie
ein Finger. Diese Blätter, welche m
sammengerollt und mit einem Faden
umwickelt sind, werden an einem Ende
abgezupft. daS andere Ende ecken die
Indianer in den Mund, ziehen den
Nauq ein, behalten ihn eine Zeit lang
bei und stoßen ihn dann aus dem
Munde oder aus den Nasenlöchern von
sich.
IZgcrblut.
..Ich würde Ihnen rathen. Herr
leckie. fSbren nhn riifit itRrflpr w.
v- ' --ry 1 V4f W V V ItV
den zu lassen er hat zu wenig AuS
ficht. cS so weit zu bringen !"
a lann ich ihn nicht mehr dqbon
abbringen daS liegt ihm nun
einmal im Blut !" '
Ja von wem soll denn daS der
Junge haben?"
.Von seiner Krnkmutt'. . Wifim
Sie. die ist nämlich Wildpret
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V u II v ! e r i n !
Viele Damen schristftcllern jetzt, alle
nachschriftftcllern.
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