Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, March 03, 1898, Image 10

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In der Thiergartettstrcte zu Berlin
fiebt ein vornehmes HauS mit glänzen
dki, Spiegelscheiben; der Vorgarten mit
skimn sauberen bunten KleZmezen und
seinen nach der Schnur aufgestellten
Hortensien und Fuchsien zeugt von einer
ptinlichm OrdnungZiieve. jeden i'for,
gen lieft der Cäctner im Herdft die ob
oefallenen veraildten Blatter us. in,
Winter fegt er den Schnee hübsch vor
sichtig zusammen, und zur wärmeren
Jahreszeit giebt er den leichtsinnigen
Käfern, die da entlang luftwandeln
wollen, numerirte Pasftrscheine. Ja
e ist sag stilvoll in der Villa! Tie
Butzenscheiben im alten Gemach, d
Zlmdel ouS venmani chem G!a im
Vorraum, die vergoldeten Knöpfe auf
dem kunstreich geschmiedeten bitter, ,m
Hintergrund eine klassische weiße Figur,
die aus dem Lorbeergebüsch lugt und
dam die Eauigage mit den Gummi'
rüdern. der Kutscher mit dem rosigen
Beeffteakantlid und der i'alai mit dem
steinernen Trinkgeldzeficht AlleS paßt
harmonisch zu einander, und AlleS
athmet kühle Ruhe, einfache Gediegen
heit und selbstbewußten Modegeschmack,
An aroßen ffefttaaen muß auch der
Springbrunnen seine Künste zeigen.
Ah! Der murmelt so hamlich und
so interessant! Wenn ich ihn rieseln
und plätschern höre, kehrt ost daS An
denken an die Jugendzeit wieder. Ich
war noch ein ganz kleiner Bursche, da
ging ich zuweilen an einem Hause vor
über. daS zwei Löwen hatte, die den
Rachen aufrissen; zwischen ihnen rauscht
der Brunnen, daS Wasser gurgelte und
klatschte auf den Randstein, und ich
steckte den Kopf durch die GltterftSd
und lauschte. Tann überkam eZ mich
wohl wie ein Traum und die große Ew
samkeit deS Strandes stieg vor mir auf,
wo die Wellchen klingend gegen die
Uferfteine schlugen und die Mürchenge
danken zu Gestalten wurden, die durch
die kleine Wildniß der Haselgebüsch,
huschten. Ja,' so einen Springbrun,
nen kann ganz außergewöhnliche Ting,
erzählen! Mir hat er auS der Geschichte
dieses vornehmen HaufeS m der Thier,
oartenftraße eine kleine Episode berichtet
der Herr Geheimrath wird eS mir nicht
verzeihen, daß ich sie auZplaudere. und
die gnädige Frau wird noch um eine
Idee spitzer und gelber werden; aber
was geht mich im Grunde genommen
daS Mißbehagen dieser Leute an? Die
poetische Gerechtigkeit sagt, daß eS ihnen
gut thut, wenn sie niedriger gehangt
werden.
ES ist sehr schlimm, ein Musterknabe
zu sem; und die Herren" Eltern soll
ten sich wohl bedenken, waS sie thun.
wenn sie die Rinder dazu zwingen, m
der Klaffe obenan zu sitzen, die besten
Zeugnisse nach Haufe zu bringen und
lobenSwerthe Beispiele abzugeben. Da
bei wird nicht selten ein geistiger Miß
muth großgepäppelt, die Seele, schon
deS Kindes, wird kühl und berechnend.
eine wohlanständige Heuchelei über,
wuchert alle anderen Pflänzlem, und
endlich kommt eS so weit, daß der Staub
deS gemeinen Lebens sich auf die Em
pfindungen legt, und daß dort, wo sonst
die rothen und blauen Blumen lieblich
duften, nichts als Schutt liegt. Der
Herr Gkhkimrath waren schon als Kind
von einer unnatürlichen Ruhe und kann
ten dumme Streiche nur vom Hören
sagen, als warnende Exempel. So
ging es durch die Klaffen; als die Mut,
ter starb, war er in seiner Selbftbe,
zagmunz laion o weit gediegen, oa er
thrünenloS an der Bahre stand. Die
Gewächse in Wald und Heide konnte er
klasfifiziren, ein Gedicht hatte für ihn
nur BerZfüße und Reime, der Sonnen
aufgang war eine Naturerscheinung,
und die Zähren bestanden aus Drüsen
absonderungen. Ganz anders war fein
um ein Jahr jüngerer Bruder, der sich
von vornherein zum entant ternble
entwickelte, ein offener und ehrlicher
Charakter, der sich nie dazu bequemen
mochte, den gnädigen Tanten die Hand
zu küsien. der die Verstellung haßte und
aus seinem Herzen keine Mördergrube
machte.
Die beiden Brüder waren einander
gleichgültig; mit den Jahren verschärf,
ten sich die Gegensätze in ihren Charak,
teren. Während der ältere bei nicht
besonders hei vorragender Begabung
alles WünfchenSwerthe durch regel
mäßige und andauernde Thätigkeit er
reichte, arbeitete der jüngere rückweise
und in Sprüngen. Die eine Woche
vernachlässigte er AlleS, um in der
nächiien durch verdoppelten Eifer da?
Versäumte nachzuholen; dabei steckte
etwa? Geniales in ihm, ein Drang,
schöpferisch thätig zu sein, der noch nicht
tn daS richtige Bett gelenkt worden war.
ein unentwirrteS dunkles Sehnen, besten
Ziel ihm selbst noch unklar erschien
Jedenfalls hct.e er ein Herz voll Luft
uns L ede, voll schwärmender Begeiste
rung, die der Aeltere nicht kannte, weil
sie sich nun einmal nicht wie eine He
ringZwaare auf lange Zeit einpökeln
läßt. Der Eine suchte und hatte Alles,
was sich als Conserde in der Blechdose
findet, der Andere liebte eZ. srifch vom
Spalier zu pflücken. Und mit sechzehn
Jahren schon warmer angehende Muster
mensch Herr im Hause, er tyrannisirte
den schwachen Vater, der sich ganz sei.
nem Einflüsse beugte, und terrorisirte
die Diener.
Hätte der Mustermensch sich damit
ur begnügt, und hätte er den Bruder
wenigster; mit wohlwollendem Auge
angesehen! Allein er hatte selbst keine
Jugend, er besaß wohl ein dunkle? Em
psinden. daß sie ihm längst Lebewohl
zugewinkt habe, doch kein Sehnen nach
ihr. n.ir einen gewiss- Haß gegen die,
welche sie genossen und tn dem süßen
Rausche schwelgten. Er begann, nicht
offen und ehrlich, sondern in langsamer,
kluger Minirardeit den Vater Wider
seinen jüngeren Sohn ausputzen, beide
,u entnemöen. tnnch. der tüngere
ftudirte Medicin, doch fast Wider seinen
Willen; er war von dem schlau derech
nenden Bruder in eine Laufbahn hin,
eingedrängt worden, die ihm nicht de,
hogte. AIS er nach ein paar Jahren
genug vom Baum der Erkenntniß ge
nascht hatte, um einzusehen, daß er zum
Arzt nicht tauge, trat die Katastrophe
ein. Der Vater, über daS lockere Leben
seines Sohne? Heinrich, das Rudolf in
arellg.'r Weife ge childert hatte, tu
empört, verstieß den UebclthSter; er sah
nicht in daS Her, femeS Kinde?, daS
nicht kannte. Zu stolz, um zu Kreuz
zu kriechen und sich vor dem höhnisch au
,hn hcrabdlickenden Akustcrdruoer zu
demüthigen, zer chnitt Heinrich den dün
nen Faden, der ihn noch mit den Seinen
verband; sein kleines mütterliches Erbe
wurde ihm ausgezahlt, dann verschwand
er, um als Verschollener in der Fremde
zu leben. Als der Vater bald darnach
starb, geschah das Unerhörte: im Tcfla
mente wurde der jüngere Sohn enterbt.
ES gab zwar Leute, die den Kops schüt
telten und meinten, da? sei nicht mit
rechten Tinaen zugegangen, und der
alte Familiendiencr wußte noch etwas
Anderes, er hätte von einer Aenderung
deS letzten Willens erzählen können, die
auf dem Sterbebette erfolgte. Aber
Heinrich kam nicht wieder, um fein
Recht zu behaupten oder zu verfechten.
und der alte Diener, der gleich darauf
Knall und Fall entlasten wurde, fand
vielleicht keine Gelegenheit, mit dem
Enterbten in Verbindung zu treten.
Dem Juftizrath, der als Testaments,
Exekutor handelte, theilte der alte Mann
mit. was er wußte, doch der Mann des
Gesetzes that, als ob er nichts gehört
habe. So zogen die Jahre dahin, und
die Sache galt für erledigt. Rudolf
trat daS reiche Erbe an und wurde nach
Ablegung der Prüfungen als Staats
diener angestellt.
B:S dahin war ihm Alles geglückt.
AlleS war glatt gegangen; der vermö
gende RegierungSrath nahm eine von
Vielen beneidete soziale Stellung ein,
die Augen der Töchter au? der höheren
Beamtenwelt und dem Adel richteten sich
auf ihn. und eine bedeutende Laufbahn
schien ihm zu winken. ES ist indeß auch
dafür gesorgt, daß die Bäume nicht m
den Himmel wachsen. Ein höherer Be,
amter machte eine? TageS die Ent
deckung, daß der Herr RegierungSrath
wohl ein gewiffenhafter schematl!er.
aber durchaus nicht sonderlich begabt
sei; ihm fehlten Wärme und Kraft, er
war unfruchtbar und dazu noch etwa?
bequem. Und als dieses herbe Urtheil
an maßgebender Stelle bekannt gegeben
war, blieb der Herr Rath trotz aller
Connerionen und trotz feines Vermögen!
sitzen, bis ihm ein Hintermann borge-
zogen wurde, woraus er oann pntcm
chuldigft quittnte und, zum Geheimen
begnadigt, kalt gestellt wurde. Somit
war, es mit feinem Streberthum vorbei;
und auch in feinem LiebeSwcrben hatte
er kein rechtes Glück und keinen Stern.
Ein schönes, junges Fräulein besaß
Charakter genug, seine Hand auZzu
chlagen, es hieß, sie hätte erklärt, keine
ledendige mit weißer Cravatte behaftete
Mumie heirathen zu wollen. Jahre
vergingen, bis er diesen Korb, dessen
Stachel lange schmerzte, völlig verwun
den hatte. Liebel Du lieber Gott!
Davon lag nur ein bescheidene? Theil
chen in seiner Natur. Er wünschte
eine Frau, mit der er prunken konnte.
oder die zu repräsentnen verstand; und
da er das Erste nicht erreicht hatte,
suchte er, bereits im vorgerückteren Alter
stehend, dcs Zweite zu erringen. Dies
mal ward eS ihm nicht schwer; er fand
die vermögende Wittwe eineS Ritter
gutSbesitzerS geneigt, fein Hauswesen
,l verwalten und ihn der Ein amkeit
seines JunggesellenthumS zu entreißen.
Aber die Fesseln, die golden zu sein ver-
sprochen hatten, erwiesen sich bald als
drückend; denn die gnädige Frau war
ehr eigen, sehr scharf und spitzzüngig
und machte hohe Ansprüche an daS
Leben; und die beiden Töchter, die sie
auS erster Ehe mitgebracht hatte, eifer
ten dem Vorbilde ihrer Mutter bald
nax.
Die drei Grazien, die sein HauS zier,
ten. lebten einträchtiglich für Mode,
Gesellschaft, Theater, Concert und hoch
verfeinerte Respektabilität in einer Welt
deS Scheins ; und fo sehr sich der Herr
Geheimrath an dieselbe gewöhnt hatte,
so siel ihm doch oft, wenn er im AtlaZ
fauteuil am Marmorkamm saß. daS
Bild einer andern Häuslichkeit ein, in
der eS mehr Ruhe und Behaglichkeit und
weniger Klatsch und Kabale und Spitz'
findigkeit gab. Auch waren die An
prüche, die an seine Börse gestellt
wurden, maßlose ; die Rechnungen für
Roben waren hart, und die SouperZ.
wie Theater und Concert kosteten nicht
wenig. Die Emkünft. aus den Gütern
reichten bei weitem nicht für daS
Taschengeld der extravaganten jungen
Damen auS. an denen nur die Coftüme
reizend waren. Auf feine Thiergarten
Villa hatte er schon eine Hypothek auf
nehmen müssen, und mit mathemati
cher Sicherheit sah er den Zeitpunkt
voraus, da er zur zweiten schreiten
mußte. Diese unliebsame Thatsache
trug nicht dazu bei. die Atmosphäre in
dem Hause zu einer gewülhlicheren zu
machen; eS fehlte nicht an bitteren
Worten, an scharfen Vorwürfen und
hämischen spitzen. Der Herr Geheim
rath bemerkte eineS Tage!, die Bkiüze
auS den E::!crn seien ihm fl uhcr weit
bedeutender geschildert worden, als sie
in Wirklichkeit seien: und die Frau
Rath erwiderte in bissiger Manier, sie
sei deswegen nicht in die Stadt gezogen
und habe sich darum nicht zum zweiten
Male vermählt, um den Herrn Rath zu
ernähren.
Einunddreißig Jahre waren der
gangen, seit die feindlichen Bniü sich
getrennt hatten.
EZ war an einem Spätnachmittag
im Herdft. Ein feiner prickelnder
Regen siel herab und j'.illte die Residenz
in einen großen, naffen. grauen
Schleier. Ornnz elegisch sacht sank da
Wasser vom Himmel und drang in die
Form eines starken Thaus m die fe.n,
sten Poren und Ritzen, bi.'gen diese
AlleS durchfluthende Sündfluth hzl
nicht einmal der Schirm. Die großen
Pferde vor den Omnibussen keuchten
und schwitzten, Männer wie Frauen
hatten die Hüte tief in die &t;rn gczo
gen, die Tücher um die Häupter geschla
gen oder die Rockkragen aufgestülpt und
tappten mürrisch in die nasse Dunkel
heit hinein, ohne sich viel nach rechts
oder links umzublicken. Widerwillig
flackerten im Thiergarten die Laternen
und kämpften gegen vereinzelte Wind
ftöße an. Weithin glänzte das A-phalt
Pflaster, auf dem sich Menschen, Wagen
und Pterde fast gespenstisch abspiegelten
Um fünf Uhr war eS bereits völlig
dunkel.
Eine Droschke kam durch daS Branden,
burger Thor und wandte sich der Thier
gartenftraße zu. Ein paar Häuser vor
der Villa deS Herrn GeheimrathS hielt
daS Gefährt an, und ein ältttcher, ein
wenig nachlässig gekleideter Mann stieg
aus, sah nach der Uhr und hieß den
Kutscher warten, bis er zurückkomme.
Er war hoch und schlank, ging etwas
vornübergebeugt und machte mit seinem
langen, grauen Bart, feinem dürftigen.
abgegriffenen Röcklein und feiner gerade
nicht blendenden Wäsche einen ein bis
chen verwilderten und einigermaßen
ärmlichen Eindruck. Er trug keine
Handschuhe und hatte leinen Schirm,
und als er fröstelnd im Sprühregen
stand und an der Klingel zog. sah er
gern wie Jemand aus, der milde Gaben
heischt. Dazu pßte allerdings die
Droschke erster Klasse nicht; aber die
hatte fünfzig Schritte vor der Villa
Pofto gefaßt und konnte von dem Die
ner, der das fleinere Trinkgeldgesicht
trug, nicht bemerkt worden.
Mit mißtrauischer Miene blinzelte
der glatte Lakai den Besucher an, der
sich danach erkundigte, ob der Herr
Geheimrath zu Hause sei; er wollte
schon hochmüthig sagen, daß hier nichts
gegeben werde, aber es traf ihn ein
Blick aus den Augen des vermeintlichen
BettlerS, der ihn zu Vorsicht mahnte.
Wen tou ich melömr sagte er in
einer süffisanten Manier. .Darf ich
um die arte bitten," setzte er ein
diZchen höhnisch hinzu, als ob er dessen
gewiß fei, daß der Besitzer einen selchen
einen Luxusartikel nicht führe.
Ist nicht nöthig," sagte der Fremde
urz. that einen Griff in die Wegen
tasche und holte einen Thaler hervor.
worauf der Bediente inftinktmäßig die
bekannte hohle Hand machte. Hier ist
meine Karte," bemerkte der Fremde mit
ernsthaftem Gesicht, IS ob er durch
aus nicht beabsichtige, Scherze zu frei
ben melden Sie nur, eS fei ein alter
Mann draußen, der den Herrn Geheim
rath kenne."
via, oenn tommen ie man." er
widerte der Bediente, der jetzt keine Ein
Wendung mehr machte, aber bleiben
sie einen Augenblick im Vorzimmer.
sie tropten i von Regen."
Ter Fremde entgegnete lüchts. er
trat in da? Vorzimmer, das schlecht
beleuchtet war. und setzte sich im Halb
dunkel auf einen Stuhl, gebückt und
still, aber mit einem forschenden, neu
gierigen Zug um die Lippen. In sei-
nen Augen leuchtete eS einen Moment
auf, als ob die Situation ihn amüffre;
dann, als die anstoßende Thür ein
wenig geöffnet wurde, verschwand das
wieder, er sank zusammen und saß
regungslos da, wie eZ einem gedroche
nen, alten Manne geziemt.
Hier ist der Herr!" schnarrte der
Lakai.
Hereinkommen!" befahl der Ge
heimrath, der in großer Toilette, im
Frack und mit der unvermeidlichen
weißen Binde, dastand.
Der Fremde stand auf, humpelte
etwas gebeugt in das Arbeitszimmer
deS Herrn GeheimrathS und machte
ein tiefes Kompliment. In der ge
dämpften Beleuchtung war es schwie
rieg. sein Gesicht. daS er halb seit
wärtZ geneigt hielt, genau zu erkennen.
Was wünschen Sie?" frug der Ge
heimrath kurz, ich bin presst ct."
Sie erkennen mich nicht, Herr Ge
heimrath?" frug der Mann fast demü
thig ; dann. a!Z der Lakai langsam die
Thür geschlossen, richtete er sich ein
wenig auf und sagte das eine Wort:
Rudolf!"
DaS traf. Der Mann mit der wei
ßen Binde trat einen Schritt zurück
und nestelte an der Schnur, um da?
Pincenez zu finden.
Ich weiß wirklich nicht" sagte
er, mit wem "
Ich glaub'S wohl," versetzte der
'!ast ; .in einunddreißig Jahren wird
man nicht jünger. Du bist auch alt
geworden."
Jetzt dämmerte eZ wie eine Ahnung
in dem Echeimrath auf; aber eS war
keine angenehme Empfindung. eS kam
wie ein Schauer deZ Schrecken? über
ihn. .Sollte eZ möglich sein." stra
nullt er mit weit geöffneten Augen.
.Du bist e?. Heinrich? Du bist zurück
gekommen und nicht in den besten
Umstünden, wie ich sehe " er machte
eine bezeichnende Bewegung nach dem
ärmlichen Anzüge hin ; kein Laut einer
Empfindung kam über feine Lippen,
kein Wort deS Willkommens. Er streckte
nicht einmal die Hand aus. um die des
einzigen Bruders zu schütteln, den er so
lange Jahre nicht gesehen, der verschal
len gewesen war: den er auS seinem
Erbe gedrängt hatte.
Heinrich blieb still und sah ihn ernst
haft an.
Eine merkwürdige Pause folgte.
.Tu wirst jetzt in Berlin bleiben?"
setzte der Geheimrath dann wieder ein.
Tie Furcht zitterte auS jedem Worte,
die -Verlegenheit und die Scham.
Ter Bruder erwiderte nicht?; jetzt sah
er wie ein Richter auf den stammeln
den Mann, der feinen Welt hinab,
und immer stolzer richtete .er sich auf.
immer vernichtender wurden scme
Blicke, immer eisiger ward .der Au
druck feines Antlitzes.
Ich bin verheirathct eine Wittwe
mit zwei erwachsenen Töchtern" fuhr
Rudolf nach einem Augenblick pem
lichcn Schweigens fort, aber unsere
Verhältnisse sind nicht so gar glänzend
AuS dem Staatsdienst bin ich auSge,
treten, und wir brauchen diel a zu
viel für unsere Mittel wir können
nicht auskommen "
Ja daS Entsetzen um den Groschen,
daS war ihm die Hauptsache.
Ader trotzdem wenn ich Dir he
fen kann disponire ganz über meine
Kasse. Augenblicklich ist zwar tie.
Ebbe "
Er machte eine Bewegung, als ob er
nach dem Portemonnaie greifen oder
die Brieftasche hervorziehen wollte
Jetzt hielt der Verschollene nicht meh
an sich.
Mensch!" rie er. Mensch! Wie
unglücklich mußt Du fein, daß dieß
Deine erste und schwerste eorge ist. ich
könnte eine Anleihe bei Dir machen
wollen! Aber ich will Dich und mich
nicht aufhalten wozu diese qualvok
len Augenblicke unnöthig zu verlängern?
Sieh, Du haft mich mit dem Vater
auSeinandergedracht, Du haft mir
meine Jugend vergiftet und mich auS
der Heimath vertrieben, auS der Hei,
math, an der mein Herz mit allen fei,
nen Fasern hing ! O wie lange hat
es gewährt, diS in den fremden Län
dern die Wunden, die Tu mir geschla
gen, nur einigermaßen vernarbten,
und daS Heimweh, an dem ich so lang
litt, durch die Zelt gemildert ward
und jetzt, oa ich nach melzr als einem
Menschenalter wiederkomme, empfängst
Du mich so ! Kein einzige, nicht daS
kleinste herzlichste Wort nur die Angst
vor der Unbequemlichkeit und die Furcht
vor der Schande! Ja, Du bist treu
geblieben in Deiner grauenhaften Ver,
ödung und Erstarrung !"
er err o,'yeimrctty stierte mit
aufgeriffenen Augen wie geistesabwesend
vor sich hin. DaS Beste wäre eS ge,
Wesen, dachte er, dem lästigen Menschen
die Thüre zu weifen, aber nun hat er
dich überrumpelt und nur keinen
eclat
Berlin ist groß," fuhr Heinrich fort,
aber für unS beide hat eS nicht Raum,
Du wirft die Stadt verlassen, ohne
Aufsehen zu machen, nach Verlau
etlicher Monate wirft Du hier nicht
mehr wohnen. Es lüftete mich, ein
wenig Komödie mit Dir zu spielen,
ch wollte mich doch selbst davon über
zeugen, daß Tu ein Lump bist '
Der Geheimrath fuhr auf und nahm
eine trotzige, herausfordernde Stellung
an.
Ein Lump," wiederholte der Andere
leiie, aber scharf accentuirt und
zischend. Ich bin nicht arm, durch,
aus nicht, durch harte Arbeit ist eS mir
da draußen geglückt, ich bin sehr reich
Ich will nichts von Dir, gar nicht!
mehr, weder Dein Weid, noch Deine
erbärmliche brüderliche Gesinnung
Zwar ist ein Testament in meinen Hän
den, daS Dich ruiniren würde, falls ich
eS aufdeckte, und die Geschichte an die
große Glocke hinge. Wie eS mir zuge
gangen ist, das ist mein Geheimniß.
ES liegt bei meinem Notar, ein Wort,
und Du n.ußt nicht nur das Geld, fon
dern auch die einunddreißigjährigen
Interessen herausgeben
Der Geheimrath sank geknickt auf
dem nahestehenden Senel ; große
Schweißtropfen perlten auf seiner
-tirn.
Und damit überlaß ich Dich Deiner
Schande und Deiner eigenen Verach
tung."
DaS waren feine letzten Worte; er
verließ das Gemach.
Als Heinrich hinaustrat, stieß er
mit dem Diener zusammen, der an der
Thür gehorcht hatte.
So recht," murmelte er vor sich hin,
der wird eS der gnädigen Frau schon
rapportiren. Damit sie aber nicht im
Zweifel über den Besuch ist hier."
sagte er laut und wandte sich an den
Lakai, hier ist noch ein Thaler, und
dies ist meine Karte, die überbringen
Sie augenblicklich der Frau Geheim
rath."
Damit verließ er das Haus. Der
Regen goß in Strömen herab. Eiligst
lief er auf die Droschke zu und suhr
sein Hotel zurück.
in
Ein paar Monate darauf hatten
''.'heimrath? die Stadt verlassen; eZ
hieß, sie seien auf ihre Güter gegan
gen. Sie kehrten nicht wieder zurück.
Ein gebrochener, kaum geduldeter und
von den Seinen jämmerlich behandelter
alter Maun, sitzt er apathisch, ftump
! und vernichtet in seinem einsamen Ge
mache auf dem Gutshofe.
Oeinnch hat eme prächtige illa im
Westen erworben und führt ein behag
lichcs. ftillumfriedeteS Leben, eifrig
Studien hingegeben, die ihn zur Zeit fei
ner Jugend schon beschäftigt und er
freut hatten. Er ist ein Wohlthäter der
Armen und nimmt am geistigen Leben
der Hanplftadt den regsten Antheil
aber den Namen eineS Muftermenschen
nimmt er nicht in Anspruch und hoffent
lich wird ihm auch Niemand denselben
anhängen.
Der Rarnerals-Türkc'.
Der Referendar HanS Schneider fand
eZ auf dem GeburtZtagZdiner bei feinem
Onkel, dem Fabrikbesitzer Ottomar
Schneider, furchtbar langweilig. Er
hatte daselbst eine alte, dicke Tante zur
Tischnachbarin bekommen, die ihn mit
den abgestandenen Familiengeschichten
anödete und dabei fortwährend zum
Essen animirte. Und dieses Effen ! EZ
schien von einer zehnfach verliebten
Köchin herzurühren, die Alles, waS ih
an kulinarischer Kunst fehlte, durch
Reichlichst deZ Salzgehaltes zu ver
decken gesucht hatte. Tasür waren
aber die Tischzetränke nicht zu genießen
Onkel Ottomar hielt in dieser Hinsicht
aus Einfachheit und verköstigte die ganze
Gesellschaft mit einem einzigen Roth
fast, der zwischen Margaux und Kanz
leitinte ungefähr die Mitte hielt, den
er aber Ehauteau Lafitte Schloßab
zug" nannte. Um das Unglück zu ver
vollständigen, befanden sich an de
Tafel noch verschiedene andere Mitglie
der aller möglichen Schneider'schen
Linien, die einander m Familien
Toalen uvervoten. und hierin an
Länge, Witzarmuth und Selbstgefällig
seit da Menschenmöglichste leisteten
Kurzum, eS war nicht zum Aushalten
Als aber nach aufgehobener Tafel
eine entfernte Cousine sich am Klavier
niederzulaffen begann, um daS Jnter
mezzo auS der Cavallerm Rufticana
vorzutragen, beschloß der Referendar,
einen Staatsstreich zu wagen.
Weißt Du, Onkel." sagte er. ich
habe furchtbare Kopsschmerzen und muß
unbedingt ein wenig auf die Straße !"
Daß Du mir aber bald wieder
kommst," entgegnete der Onkel.
Gewiß, gewiß," stöhnte HanS
kcgneider, und fort war er.
Mit icner Plötzlichkeit, mit der ge
niale Gedanken den Menschen oft über
kommen, war eS ihm klar geworden.
oa er oen eil oes Avenos aus einem
höchst flotten Maskenbälle zubringen
müffe. zum Trost für die ausgestandenen
Leiden. Und zehn Minuten später be,
fand er sich wirklich in der Phil
Harmonie", jenem prachtvollen Etab,
lissement, das den Hauptstädtern nicht
nur die erlesensten Symphome-Conzerte,
sondern auch die famosesten Redouten
bietet und so daS Niki'fche Element mit
dem Neckischen vereinigt. Mit dem
Blick deS Sachkenners musterte der
Referendar die Weiblichkeit, fest ent
azionen, in aioe mir irgend einer
Fee zu pokulieren. welche das Andenken
an eine fürchterliche Tischnachbarin, die
dicke SeiteN'Tante von vorhin, gründ
lich in seiner Seele ausrotten sollte.
Eine holde Spanierin lächelte ihm
verheißungsvoll zu. Er näherte sich ihr
und sprach sie an, allein schon nach den
ersten Worten bemerkte er, daß in der
exotischen Hülle einer Fabrikmamsell
aus der verlängerten Ackerftraße steckte.
und nach einigen verbindlichen Worten
ließ er sie stehen. Aehnliche Ent-
täufchungen erlebte er bei verschiedenen
Repräsentantinnen anderer Völkerschaf
ten. bis er endlich an einer wunderbaren
Türkin hängen blieb.
Holde Odaliske." flötete der Re-
erendar. würde eS wohl Ihren Inten
tionen entsprechen, mit mir eine Flasche
Heidsieck auf ihr spezielles Wohl zu lee
ren?" Warum nicht? allein nur
unter einer Bedingung." Und die
wäre?" Daß Sie Ihren abscheulichen
Frack mit einem Kostüm vertauschen.
Nennen Sie eS Caprice oder was Sie
wollen, jed nfalls habe ich mir. borge
nommen. heute meine Gesellschaft nur
einem LandZmann zu widmen. Ich bin
Türkin, seien Sie also Türke !"
Ich füge mich Ihrer Bedingung
unter einer Gegenbedingung, daß Sie
auf mich warten, bis ich ein solches
Kostüm aufgetrieben habe."
Seien Sie unbesorgt; ,ch werde
Lokal nicht vor Schluß des BalleZ
echte SultarZkostüm, das ihm oben
diein wie angegossen faß. Er sah bild
schön darin aus.
Während der ganzen Expedition hatte
er seinen Durst wacker niedergekämpft,
einen wahren Höllendrand. der sich auS
dem versalzenen GedurtStagdiner ent
wickelt hatte. Jetzt aber mußte unde
dingt eine .gehörige Quantität Flüssig
keit aufgegossen werden.
.Kutscher, fahren Sie hinüber nach
dem ZNeiN'Einzang deS RathhauZlellerS
und warten Sie dort auf mich."
Eine leere Nische nahm ihn auf.
Der Kellner machte zwar ein sehr ver
dutztcS Gesicht, als er den Türken er
blickte, wurde aber sofort sehr freund
lich. als der Fremde RüdeSheimer AuS
lese bestellte. .Die Odaliske wartet ja
auf mich", dachte der Referendar, Mäh
rend er sich mit der zweiten beschäftigte,
und bei der dritten dachte er gar nicht
mehr.
Nach einer Weile sagte der Kellner:
.ES ist schon recht spät. Sie müffen
nach Hause gehen, Herr Türke."
.Gut, daß Sie mich daran erinnern,"
entgegnete der Referendar, wie viel
macht das?"
.Bezahlt haben Sie ja schon."
Ja, ja, bezahlt hab' ich schon; wo
ist denn der AuSgang?"
Hier die Treppe hinauf."
Die Treppe nah in gar kein Ende.
Und plötzlich wurden Flügelthüren vor
ihm aufgerissen, und er befand sich im
großen RathhauSsaal. dem berühmten
Congrcßbild von Anton v. Werner
gegenüber. Aber nicht wie sonst. lebloS
auf die Leinwand gebannt, erschienen
die Figuren, sondern leibhaftig saßen
sie um den Congreßtisch, wie damals,
als sie im ReichskanzlerPalaiS über die
Geschicke der Türkei berathschlagten.
Na. da ist ja der Eroßtürke in
höchsteigener Person!" vicf Graf An
drassy, nun werden wir mit unseren
Debatten schneller zum Ziele kommen."
Seien Sie mir willkommen, Ma
jestüt!" mit diesen Worten ging Fürst
Bismarck auf den Ankömmling lo?.
es ist unS eine hohe Ehre, daß sie sich
persönlich zu unS bemühen; wir find
gerade dabei, über Ihr Wohl und Wehe
Entscheidungen von großer Wichtigkeit
zu treffen."
Ader ich bin a gar nicht der Sul
tan," stammelte der Referendar, daß
ich zufällig so aussehe, erklärt sich da
durch, daß ich "
Lord BeaconSfield, der englische Te
legirte, unterbrach ihn: ES ist im
höchsten Maße erfreulich, daß Eure tür
kische Majestät sich in fo guter Laune
befindet. DaS wird unsere Verhand
lungen ungemein erleichtern. Wollen
Sie gefälligst Platz nehmen?" Mecha
nisch gehorchte er.
Hieraus nahm Fürst Gortfchakoff das
Wort: Um die orientalischen Wirren
ein für alle Mal zu beenden, schlage ich
hiermit formell vor, die Türkei einfach
zu theilen."
Fürst BiZmarck erklärte, die en An
trag sofort zur Abstimmung bringen zu
wollen; wer dafür ist, erhebe die rechte
Hand! DaS ist die Ma orität! Tie
Türkei wird getheilt!" Und zwar auf
der Stelle!" ergänzte Gortfchakoff; je
des Land wird durch feinen Herrscher
repräsentirt, wir haben den Padischah
hier theilen wir ihn!"
Der Pseudo-Türke suchte zu entfliehen.
Aber die Repräsentanten der Groß
mächte waren flinker, als er, sie ergrif
en ihn bei Armen und Beinen und wa
ren eben im Begriff, ihn in Stücke zu
reißen
Zu Hül e, zu Hül e!" chrie der Re
ferendar. -
Na endlich! sagte der Kellner deS
RathhauSkellerS; seit einer Stunde
chüttele ich Sie an Armen und Beinen.
aber Sie wollten nicht aufmachen!"
Ist denn Bismarck noch da?" mur
melte HanS, noch immer schlaftrunken.
Nein, BiZmarck ist längst fort," ent
gegnete der Kellner, und Sie sollten
auch machen, daß Sie fortkommen, eS
ft schon furchtbar spät!"
Draußen wartete der Wagen noch
immer. Nun aber nx nach der Phil
Harmonie!" befahl der Referendar.
AIS er an dem BallEtablissement
auSftieg, bemerkte er ein Paar, daS sich
eben zum Heimweg anschickte; er er
kannte am Arm eineS großen gepelzten
Herrn feine schöne Odaliske. Und
kaum hatte HanS Schneider feine große
Nachtfahrt auf Zeit bezahlt, als jenes
.aar in den nämlichen Wagen stieg und
davon fuhr.
da
verlassen !"
In einem Wagen erster Klasse auf
.seit suiir vans coneioet von einem
Mas!enGaroerobcgeichüft zum ande,
ren. Er fand sie zwar, dem Usus in
Karnevalszeit entsprechend, alle geöffnet.
aber ein echteS Türkenkoftüm vermochte
nicht aufzutreiden. lleberall zeigte
man m tiroler', vyine en",
Stierkämpfer", Thierverkleidungen
aller Art, nur keinen Türken.
Kutscher, wiffcn -ie nicht noch so
ein Geschäft?"
Jawohl, ich woaß oanS in der
Bahnhofftraße, da giebt es Alles!"
..Also rasch dahin !"
Und hier fand er daS Gesuchte : ein
Jrcinde.
Ae wahrer Freind in'n Löwen
DaS iS ä Edelfchdeen.
Glick. wenn sich zwee Mändfchen
Von'n Härzen ganz verfchdehn.
Tä guden Aexämmblahre
Sinn freilich dinn gcfä'd.
Das märkd wohl där und jener.
Doch merfchdenS, Wenn'S zu fchdäd.
Wär Gäld hadd. griegd Sie Freinde
In Hill' und Jewerfluß.
E? gchd ooch wundcrfcheene.
Sa lang' fä han'n Genuß".
Doch iZ eS blädzlich alle"
Wenn Mangel gommd und Nodh,
Da gibdd mer'n frieher'n Gäwer
Nich gärne drockneS Brod.
Doch oft hadd dreie Freinde,
Wär Gäld nich' biedcn gann:
Noch seinen Jonadhan.
Ooch heite find't ä David.
vruckfelzlcr.
Der Herr trat wüthend an den Schal
ter und verlangte ein Rind(Rund)reise
dillct ausgestellt.