Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, February 24, 1898, Image 12

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    EU.' l-ül
Der einarmige General.
?,oiifUt'.!f von t ( r in a n " V a :::
Vor einigen Senaten fuhr ich von
Hannover nach Hamburg, Die erste
Hülste der Tour fuhr ich ganz allem in
einem Nichtraucher.(5oupee zweiter lasse
und langweilte mich recht tüchtig.
Eo war ich ganz froh, als in Uelzen
ein älterer Herr zu mirin'S Soupee stieg.
6? war ein Mann in den fünfziger
Jahre mit sehr starkem grauen Schnurr,
bart. grau melirten BartcoteletteS und
sauber auZraftrtem Kinn. In allen
seinen Bewegungen war etwaZ Ruhi
geZ. GescteS, fast Pedantische? ; aber
seltsam eonftatirte damit der unruhige,
beinahe flackernde Blick seiner kleinen
grauen Augen.
Tieser Widerspruch reizte mich, ihn
eingehender zu beobachten. Ta er mein
aufmerksame? Studium zu bemerken
schien, so setzte ich. um ungenirter zu
sein, meine schwarze Brille auf. mit der
ich meine Augen vor grellem Sonnen
licht schützen muß. In demselben Mo
ment glaubte ich ein leichte Lücheln
über sein Gcftcht huscheln zu sehen. ge
rade als ob ihm plötzlich das verstand,
niß für etwas aufginge.
Er faß wieder ganz ruhig da und sah
scheinbar aufmerksam zum Fenster hin
auZ. Bald aber merkte ich. wie er zwei
Finger der linken Hand und einen der
rechten Hand in ganz eigenthümlicher
Weise verschränkte. Mich durchzuckte
blitzschnell eine Erinnerung. Genau
dieselbe sonderbare Fingergruppirung
hatte ich einst auf der Fahrt von Brüs.
sel nach Oftende einen hochelegant ge
kleideten Herrn machen sehen. Darauf
hatt? ein anderer Herr eine ähnliche
Fingerbewegung gemacht und wenige
Minuten spater waren die beiden Herren
in ein Kartenspiel irre ich nicht, so
war eS Kümmelblüttchen vertieft,
an dem sich wieder nach sehr kurzer Zeit
ein junges Ehepaar mit leidenfchaft
lchem Eifer beteiligte. Daß das
Ehepaar schließlich der leidtragende
Uheil war. brauche ich wohl nicht zu er
mahnen. Also jetzt war eS mir klar: mein Nach
bar war irgend ein Hochstaplsr und
hatte mich in dem ehrenvollen Verdacht,
derselben edlen Zunft anzugehören.
Höchst schmeichelhaft! Ader da mich die
Sache interessirte und belustigte, so
machte ich mit meinen Fingern die Be
wegung, wie ich in dem Brüsseler Zuge
als Antwort gesehen hatte und wartete
ad. wie sich die Dinge weiter entwickeln
würden.
Richtig! Der graubärtige Ehrenmann
lüftete seinen Hut und sagte verbindlich
lächelnd:
D3 trifft sich ja ganz reizend, ich
bin der Graf Bornholm oder Ihnen
vielleicht besser als Major Berenyi be
kannt!"
Sehr erfreut, endlich Ihre perfön
liche Bekanntschaft zu machen," entgeg
nete ich, und da er augenscheinlich eine
Gegenvorstellung erwartete, fügte er
hinzu: Ich bin der Lord Tattertown,
auch Bawa Bingaresen."
Sofort rückte er, merklich abgekühlt,
ein Stückchen zurück und sagte steif:
Diese Namen find mir durchaus unbe
konnt." Ja," sagte ich lachend, das glaube
ich wohl, ich habe diese Namen auch erst
jetzt angenommen; meine früheren Na
men werde ich mich wohl hüten, Ihnen
hier zu sagen."
Warum?"
Weil die Coupee-Wände Ohren ha
den." Wir können ja leiser sprechen. Doch
wie Sie wollen. Sagen Sie mir we
nigstenS, was Sie arbeiten!"
Diese Frage hatte ich natürlich erwar
tet. Ich erinnerte mich, daß ich als
theures Andenken an meine letzte Reife
nach Italien noch immer einen falschen
Hundert-Lireschein bei mir trug, auch
fiel mir das Klagelied ein, das ein Ber
liner Bankier vor mir angestimmt
hatte, und die Art, wie er auf falsches
Geld hineingefallen war. Ich zog den
Schein aus meiner Tasche und über
reichte ihn mit den Worten: Bitte sehr,
weil Sie eS sind, will ich Ihnen diesen
Schein und so viele Sie wollen, für
vierzig Mark lassen, sonst freilich bin
ich gewohnt, den vollen TageScourS zu
erhalten."
Er prüfte den Schein mit Kenner
miene und sagte: Ganz brillant ge
macht. Arbeiten Sie nur mit Hun
derten?"
Ausschließlich und stets nach dersel
den Schablone. Ich wechsele mir zu
nächst gegen gute? deutsches Geld einiges
echte italienische, ein paar Goldstücke
und Kleingeld. Dann gehe ich an die
nächste Wechselstube und frage, ob ich
den Rest meiner italienischen Reifekasse
gewechselt erhalten kann. Dabei lege
ich zwei Hunderter, zwei Goldstücke und
etwaS Kleingeld auf den Tisch. Der
Klang deS echten GoldeS verscheucht zu
nächst jede Voreingenommenheit, und
die Scheine find so vorzüglich imitirt.
daß ein deutscher Bankier oder gar ein
junges Bürfchchen von Gehilfen stets
hineinfallen müssen."
Meine letzte Erzählung schien jeden
Rest von Mißtrauen bei meinem Reise
geführten verscheucht zu haben. Denn
er klopfte mir wohlwollend auf die
Schulter und sagte : Brav, brav. Sie
haben Ihr System, an dem Sie fefthal
ten, auch sind die Scheine wirklich gut
gemacht. Wo führen Sie Ihr Geld bei
sich und wie viel t"
Vierzigtausend Liere," log ich keck
weiter, die Hälfte in einem kleinen
Roßhaarklssen, die andere Hälfte in
meinem Reisen-Necessair für Kamm.
Zahnbürste :c., daS natürlich doppelten
Boden hat."
Na. da? ist nicht gerade sehr origi
nell und gut." wais er mir vor. Ee
hen Sie. ich z. B. habe ein Schachspiel
in meinem Koffer, wo jede Figur ein
feinste? englische? Instrument in sich
birgt. Und in den Rahmenftangen
meines VelocipedeS habe ich ein ganzes
Instrumentarium sorglich in Watte
verhüllt. Ja. man muß mit der Zeit
fortschreiten."
Soweit hatte unser Gespräch einen
verhältnißmäßig harmlosen Verlauf;
oder nun trat eine Wendung ein. die
ihm eine ganz andere Bedeutung gab.
Nach einer kurzen Pause nämlich, in
der er erst definitiv schlüssig zu werden
schien, begann der edle Graf Bornholm,
alias Major Berenyi wieder : Wissen
Sie. Sie gefallen mir. auch ist's ganz
gut, daß Sie einen Bollbart haben.
Ich hätte nicht übel Luft, mit Ihnen
in Hamburg den einarmigen General
zu wiederholen."
Den einarmigen General?" sagte
ich höchst erstaunt, verbesserte mich aber
rasch durch den Zusatz: Sollte diese
Wiederholung nicht doch gefährlich
sein?"
Nicht im Geringsten ! ES sind jetzt
fünfzehn Jahre her. daß ich die Sache
in Pest machte. Ich glaube nicht, daß
einer der jüngeren Juweliere in Ham
bürg sich deS Vorgangs erinnert. Und
warum auch, es ist gar kein Risiko
dabei. Aber ich würde eS diesmal mit
einer anderen Schluß-Variante machen. "
ES wäre mir doch lieb, wenn Sie
mir die ganze Geschichte noch einmal er
zählten ; so ganz ist sie mir nicht mehr
in der Erinnerung."
Sehr gern," erwiderte der Major,
also passen Sie auf : Bor etwa fünf
zehn Jahren kam ich mit einem Kol
legen von Wien nach Pest. Hier kam
ich auf die Idee von dem einarmigen
General. Vorbereitungen waren nicht
viel nöthig. Wir mußten zunächst
einen Juwelier eruiren, der bei sich zu
Hause in der Privatwohnung, nicht nur
im Geschäft größere Summen der
wahrte. Das ist bei Juwelieren nicht
gerade selten, da sie ost für einen Ge
legenheitZvcrkauf größere Posten brau
chen und zwar zu Stunden, wo sie auf
der Bank nichts entnehmen können.
Mein Opfer hatte ich bald gefunden.
Er hieß KereZvedö Ernö, war ein ange
sehener Juwelier und seit etwa drei
Jahren verheirathet. Mein Kollege
hatte sich, so lange er noch seinen lan
gen Vollbart trug, bei dem Juwelier
Brillantenkolliers vorlegen lassen, die er
genau beschrieb ; dann ließ er sich den
Bart völlig abmhmen, legte Diener
livree an und trat nun als mein Die
ner in Funktion. Er war völlig un
kenntlich. Also eineS Vormittags lege ich unga
rische Generalsuniform an und fahre
in eleganter geschlossener Equipage bei
dem Juwelier vor. Den Wagen schicke
ich weg, mein Diener aber begleitet
mich, waZ schon deshalb nöthig war.
weil ich den rechten Arm fest in einer
Binde trug und nur den linken Arm
benutzen konnte.
Ich verlange einen Ring mit einem
kleinen Brillanten, wähle gleich einen
der ersten, die mir der Juwelier vor
legt, und lasse mir von Johann, dem
Diener, meine Börse reichen, der ich
mit der linken Hand mühsam achtzig
Gulden entnehme. Als ich mich zum
Gehen wenden will, fragt mich der Ju
melier ganz selbstverständlich, ob ich
nicht sonstigen Gebrauch hätte. Ja,"
sagte ich so obenhin, ich suche eigentlich
schon lange ein Brillantenkollier für
meine Frau, aber eZ müßte so und so
fein" und nun beschrieb ich ihm
ein? seiner vorräthigen Kolliers, das
mir natürlich mein Kollege vorher be
schrieben hatte. Hochersreut springt
der Juwelier auf und zeigt mir daS
Kollier. Ich bin sehr erstaunt und
sage : Aber. daS ist ja wie auf Beftel
lung, daS ist doch merkwürdig! Wie
viel soll eS denn kosten?" Der Juwelier
verlangt 10,800 Gulden, ich werde im
mer erpichter und handle schließlich auf
10.000 Gulden herunter. Wir werden
handelseinig, und der glückliche Juwe
lier fragt mich, wo er den Schmuck
hinschicken und das Geld in Empfang
nehmen soll. Nun," sagte ich mit
sichtlichem Stolz, ich gehe jetzt nicht
nach Hause, ich habe hier in der Nähe
eine Verabredung ; aber ich kaufe stets
nur gegen baar und bin nicht gewohnt,
auch nur eine Minute lang Schulden
zu haben. Also ich werde, wenn Sie
mir einen Sitz vergönnen, hier bei
Ihnen im Laden warten, bis mein
Diener von meiner Frau zu Hause das
Geld hierherbringt."
Ich bitte ihm um ein Stück Papier,
und versuche mit der linken Hand zu
kritzeln. Als eZ aber nicht recht geht,
sage ich endlich : Ach, Herr KereSvedö,
Sie können mir eigentlich den Gefallen
thun, und die paar Zeilen an meine
Frau schreiben. Sie weiß ja, daß ich
nicht schreiben kann, und wird unserem
Diener auch auf fremde Handschrift
das Geld aushändigen. Ein Miß
brauch ist ja ausgeschlossen." Natür
lich war der Juwelier gern bereit. Er
nimmt eines feiner Geschäftsformulare
und schreibt nach meinem Diktat fol
gende Worte :
Liebe Frau, sende mir sofort
durch Ueberbringer dieses zehntau
send Gulden. Ich habe eine selten
günstige Gelegenheit, ganz besonder?
schöne Brillanten preiswerth zu kau
fen. Ich komme heute etwa? später
nach Hause. Dein Ernö."
Wie der Juwelier den Namen
schreibt, lacht er und sagt : Ach. Es
cellenz, heißen auch Ernö?"
Wieso auch?" fragte ich.
Ich erlaube mir, gleichfalls Ernö
zn heißen," lächelte der Juwelier.
Sehr angenehm." sagte ich kühl
und etwas von oben herab. So,
bitte jetzt thun Sie den Zettel in ein
Eouvert und geben ihn meinem Diener.
Der Juwelier nimmt natürlich auch
wieder eine Eouvert mit Firma, ich
inftruire den Diener, und Johann zieht
ab. Nach einer knappen halben
Stunde erscheint Johann, giebt mir
ein Eouvert mit Geld, ich lege zehntau
send Gulden auf den Tisch, nehme mei
nen Brillantschmuck und ziehe mit
Johann ad. Natürlich war Johann
nicht bei meiner gar nicht exlftirenden
grau gewesen, sondern bei der deS
Juweliers, die ihm auf den Brief
ihre? ManneZ hin, mit dessen sicherer
Handschrift, auf Eeschäftsformular und
dem GefchäftZcouvert, ferner bei der
Angabe eineZ ganz glaublichen Grun
des. das Geld anstandslos auszahlte.
Da? bei dem übersandten E.'lde ein
Zettel lag mit der Frage : Warum
nimmst Tu daS Geld nicht, von der
Bank?" habe ich dem Juwelier freilich
nicht erzählt. Aber der Coup war ge
lungen.
Der Major legte sich in die Polster
zurück, nnd ich verfehlte nicht, ihm meine
aufrichtige Bewunderuug auszudrücken,
warum er nicht lieber die zehntausend
Gulden genommen und den Brillant
schmuck im Stiche gelassen hatte."
Ja, sehen Sie," meinte er, das
war auch eigentlich eine Dummheit.
Und wenn wir jetzt die Sache in Ham
bürg zusammen machen, so will ich
eben den Schluß so ändern, daß ich,
während Sie mit dem Gelde unterwegs
sind, dem Juwelier sage, daß ich inzwi
schen vorausgehen will, und daß er Jh
nen den Schmuck ausliefern soll, wenn
Sie mit dem Gelde zurückkommen.
Diesmal müssen wir aber noch eins be
denken: inzwischen ist daS Telephon er
funden. Wir müssen also einen Juwe
lier toählen, der nur im Geschäft und
nicht in der Wohnung Telephonanfchluß
hat. Auch darf ich in dem militärarmen
Hamburg nicht in Uniform erscheinen;
ich muß also als einarmiger Civilist
auftreten."
Nach einigem Hin und Her erklärte
ich meine völlige Bereitwilligkeit ; wir
verabredeten dann noch, wie und wo wir
un? in Hamburg treffen wollten. Jeder
sollte sich inzwischen bis zum ersten
Rendezvous möglichst über die Privat
und GefchäftSverhältnisse der Hamdur
ger Juweliere informiren.
Kurz darauf fuhren wir in Hamburg
ein; wir trennten uns mit kühler Höf
lichkeit, möglichst unauffällig, wie flüch
tige Reisebekannte.
Ich muß gestehen, daß ich mit argen
Skrupeln zu kämpfen hatte. Einerseits
widerstrebte eS mir höchlichst, als De
nunziant aufzutreten, andererseits wollte
ich den edlen Jnduftrieritter nicht unge
hindert seine Pläne ausführen lassen ;
denn er würde ja selbstverständlich,
wenn ich unsichtbar blieb, seine Gau
nereien mit anderer Unterstützung aus
führen. Schließlich sagte bei mir die Ueber
legung. daß, wenn ich den Fall anzeigte,
meinem Reisegefährten ja kaum etwas
Ernstliches pasfiren könnte; denn für
die geplante Hochstapelei konnte er
nicht bestraft werden, höchstens konnte
er als verdächtiger Ausländer er war
aus Rufsisch-Polen abgeschoben wer
den. So entschloß ich mich also, sein Reise
gefpräch einem mir bekannten Kriminal
beamten mitzutheilen. Die Folge davon
war, daß der Graf Bornholm Berenyi
festgenommen wurde, als er zum Ren
dezvouS mit mir erschien. Er leugtete
hartnäckig, aber das Instrumentarium
in den Schachfiguren und in dem Velo
zipedrahmen belasteten ihn zu stark, als
daß er sich Hütte loZlügen können. Er
brauchte wirklich sein Billet bis an die
Grenze nicht zu bezahlen.
So bin ich auch einmal Detektive ge
Wesen.
Das Wunderkind.
In einem großen, dunklen Hause,
hoch oben, beinahe unter dem Dache,
wohnen die Eltern der kleinen Elise.
Der Vater ist Musiker. Er spielt die
zweite Geige an einem Vorftadttheater.
Die Mutter ist Garderobiere.
Elise ist kein paffender Name für
ein Wunderkind, und daS soll unser
Blondkopf doch einmal werden," meint
die Mutter, und deshalb ruft sie die
Kleine Listtta, und auch der Vater nennt
das Kind so.
Wenn auS dem Kinde etwas werden
soll, so ist eS hohe Zeit, daß Du mit dem
Unterricht beginnst," sagte die Gardero
biere ein paar Tage später zu ihrem
Manne.
Hm ja! Ich habe auch schon daran
gedacht," erwiederte er. Lisitta ist jetzt
vier Jahre alt und kann sich in einigen
Jahren als Wunderkind auf der Geige
bören laffen, wenn sie begabt und fiei
big ist."
Großmutter, die am Ofen sitzt und
ihren Kaffee trinkt, brummt: Laßt
daS Kind lieber mit der Puppe spielen!"
Davon verstehst Du nichts. Mut
ter," schneidet ihr die Garderobiere das
Wort ad. Du bist keine Künstlernatur".
Und dann flickt sie an dem violetten
SammetwamS weiter, daS der erfte
Liebhaber heute Abend tragen soll.
Die kleine Elise muß nun jeden Tag
unter Leitung ihreS VaterS üben.
Wie schnell sie faßt!" sagte er ent
zückt. Wenn daS so fortgeht, kann sie
schon in zwei, drei Jahren in die Welt
hinaus! Noch einmal die Passage.
Lisitta, noch einmal! Nein, nein, so
wird da? nichts. Leg' die Puppe bei
Seite, Frau! DaS Kind sieht immer
darauf hin. Da kann der Lauf ja un
möglich glatt gehen."
Ich werde die Puppe NachdarS Lene
schenken," sagt die Garderobiere, und die
Puppe wird fortgebracht.
In der Nacht-die kleine Elise schläst
neben der alten Großmutter klagt das
Kind unter bitteren Thränen: Mama
hat mir meine Puppe genommen, Groß
mutter." Weine nicht, mein Kind, weine
nicht!" tröstet die Alte. Wenn Du
artig und fromm bleibst, schenke ich Dir
zu Weihnachten eine neue. Weine
nicht!"
Unter Thränen lächelnd, schlummerte
die kleine Elise ein.
Drei Jahre sind vergangen. Für
Elise war es eine lange, freudenlose
Zeit, eine Zeit rastlosen LernenS. DeS
KindcS Wangen find blaß geworden
und daS liebliche Lüchen ist wie fortge
wischt.
Großmutter hat ihrem Herzblatt keine
neue Puppe schenken dürfen.
Lisitta soll ein Wunderkind wer
den," sagt die Mutter, da braucht sie
kein Spielzeug. Die Geige muß ihr
da? Liebste fein." Und so sagt auch der
Vater.
Ta wickelt sich die kleine Elise aus
Flicken und Fetzen eine Puppe, und mit
dieser spielt sie, sobald Vater und Mut
ter im Theater beschäftigt sind.
Hurrah! Der Theaterdirektor giebt
uns den Saal unentgeltlich," ruft der
Bater, aus der Probe nach Hause kom
mend, aus. In nächster Woche kann
Lisitta zum ersten Male öffentlich auf
treten!" ES ist sündhaft, wie Jhr'S mit dem
Kinde treibt," sagt die Großmutter,
aber man hört nicht auf sie.
Haft Du auch Listtta in der Anzeige
drucken laffen. und nicht Elise ?" fragt
die Garderobiere ihren Mann, und
näht emsig an dem weißen Eoncert
kleidchen.
Natürlich, und eS ist Dir doch recht
so nicht wahr?"
Die Frau nickt, nimmt ihm die Zei
tung aus der Hand und liest : Lisitta,
da? siebenjährige Wunderkind ! Wie
hübsch das klingt!" sagt sie ftolz. Aber
Tu hättest sie immerhin für sechs auS
geben können: sie ist ja so fabelhaft
klein und schwach für ihr Alter."
Es ist ein naßkalter, unfreundlicher
Abend, an dem die kleine Elise zum
ersten Male auftreten soll.
Wie reizend sie in dem weißen Kleid
aussieht !" ruft entzückt die Mutter.
Meine kleine Geigenfee l" sagt stolz
der Vater.
Großmutter aber murmelte : Wenn
sie die Augen schließt, sieht fle wie eine
Todte aus. Arme Liese !" Und köpf
schüttelnd blickt sie auf daS Kind herab.
Wo ist Dein Lächeln . geblieben.
Elise?"
Unruhig und schmerzhaft klopft der
kleinen Elise daS Herz, als sie auf der
Bühne steht, und unter sich, wie in ein
Meer von Licht getaucht, die vielen ge
schmückten Menschen sieht.
Vorwärts ! Vorwärts ! So
fange doch an !" raunt ihr der Vater
aus einer Coulisse zu.
Sie hebt den Bogen und. die blas
sen, dünnen Lippen auf einander pres
send, spielt sie.
Als sie geendet hat, durchbraust ein
Beifallssturm den Saal. Sie senkt
müde das Köpfchen und blickt ftill vor
sich hin.
Der Vater wirft sich ftolz in die
Brust, die Mutter sitzt in ihrem der
fchoffenen Seidentleide mit der Miene
einer Königin vom Vorftadttheater in
der ersten Reihe.
Endlich ist das Concert zu Ende.
Wie bleich Du bist, mein Kind.
Und wie Dein Herz klopft !" sagt die
Großmutter, als Elise mit den Eltern
Eltern heimkommt. Du bift krank."
Ach, warum nicht gar I" eifert die
Mutter, daS Seidene" ablegend. Sie
ist von der Freude nur ein wenig auf
geregt. Das ist AlleS.
Und daS meint auch der Vater.
In der Nacht, als AlleS schläft, steht
die kleine Elise ftill auf und holt die
alte Flickenpuppe aus ihrem Versteck
hervor, drückt sie fest an die Bruft und
schleicht mit ihr zum Bette zurück.
Großmutter ift die Erfte, die am
Morgen erwacht.
Herr Du mein Gotil" schreit sie
auf. Herr Du mein Gott I DaS Kind
daS Kind ift ja todt !"
Wie? Was?" fragt schlaftrunken
die Mutter ; dann aber ift sie mit einem
Male munter.
Mann, unser Goldkind, unser Wun
derkind unsere Lisitta ach !" Sie
steht schon am Lager der Kleinen.
Schnell, hole den Arzt, Mann ! ES ist
ja nicht möglich, daß sie todt ift nicht
möglich !"
Und doch ist es so ; der kleinen Elise
vermag kein Doctor mehr zu helfen.
Ter Vater sitzt, dumpf vor sich hin
brütend, da. während die Mutter die
kleine Leiche mit dem Concertkleide
schmückt.
Unser Wunderkind! Unser Gold
kind !" schluchzt sie. Elise in den Sarg
bettend. Ach Lisitta. Tu starbst zu
früh l Wir hätten durch Tich reich und
berühmt werden können. Ach, Du !"
Ja, daS hätten wir durch Dich wer
den können." schluchzt der Vater in
sanft vorwurfsvollem Tone und drückt
dem todten Kinde eine werthlose Geige
in den Arm.
Ader Großmutter nimmt das Jnftru
ment fort.
Laßt das jetzt !" sagt sie mit rauher,
gebrochen klingender Stimme, und bet
tet die alte Flickenpuppe auf der kleinen
Bruft.
Mutter und Vater wollen Einwen
düngen machen. Ader da gebt da?
letzte Adendroih über de? todten Kinde?
Gesicht, und lö sieht au?, al? ob der
kleine, blasse Mund lächele, so zufrie
den. so glücklich, wie er seit Jahren
nicht mehr gelächelt hat.
Zur cschichte der emüse.
Zu den ersten Pflanzen, die von
Menschen angebaut wurden, gehört die
Linse. Sie stammt vom Himalya.
Um ein Linsengericht gab bekanntlich
bereits Efau sein Recht der Erstgeburt
dahin. Ebenso alt ist die Kultur der
Laucharten, die ebenfalls aus Asten
stammen. Nero, der allmonatlich weh
rere Tage hindurch Lauch aß, um feine
Stimme zu klären, wurde fpottweise
PorrophaguZ der Lauchfresser ge
nannt. Zu den Zeiten der Pharaonen
wurde der Lauch in Aegypten allgemein
kultivut. Ter Knoblauch speziell galt
bei den Alten als diätetisches Genuß
Mittel. Tie JZraelitcn in der üzypti
schen Gefangenschaft, die Arbeiter an
der CheopZpyramioe, die Soldaten,
Matrosen, Feldarbeiter bei den alten
Griechen und Römern aßen Knoblauch,
wenn fle von der Hitze und Arbeit er
schlofft waren. Elphinstone, der be
kannte Geschichisschreiber Indiens, be
richtet, daß noch jetzt die Völker in
Gegenden, die voni Samum heimgesucht
werden, sich die Lippen und die Nase
mit Knoblauch einreiben, um, wie sie
glauben, von dem heißen Winde wcni
ger zu leiden.
Die Zwiebel war bei den Aegyptern
Gegenstand der Verehrung. Sie kam
gleichfalls aus Indien. Auch die Gurke
war in Ostindien heimisch, sowie in
Kaschmir, China und Persien. Kaiser
TiberiuS aß sie massenhaft im Sommer
und Winter. Die Aegypter bereiteten
ein Getränk aus Gurkensaft. Die Kür
biSarten werden in Asien mit Vorliebe
kultivirt. Spargel, der an der engli
schen Küste und in Rußland wild wächst,
war daS Liebling? gemüse deS großen
Plato, und AriftophaneS prieS eS als
ein gutes Verdauungsmittel. In den
russischen Steppen ist der wilde Spar
gel so häufig, daß ihn das Vieh abgrast.
Lattich galt bei den Alten als ein sehr
wirksame? Mittel gegen den Rausch.
Nach starkem Weingenuß empfanden sie,
daß eine Portion Lattich ihnen da? er
hitzte Blut angenehm kühlte. Sehr ge
schätzt waren von den alten Aegyptern,
Griechen und Römern der Endiviensalat
und die Petersilie.
Die Melone stammt aus Südastcn
und wurde schon von Aegyptern. Grie
chen und Römern kultivirt. Colum
buS führte sie in Amerika ein. Die
Wassermelone ist in Afrika zu Haufe,
der Kohl in Griechenland ; CincinnatuS
befahl feine Anpflanzung in Rom.
Der Blumenkohl ftammt aus Cypern,
Rettiche, auS China ftammend, wurden
schon seit alten Zeiten in Europa kulti
virt. Aus China kam auch der Rhar
barer, der im vierzehnten Jahrhundert in
Europa eingeführt wurde. Die Bohne
ift in Aegypten und Ostindien heimisch,
die Erbse überall in Asten. Beide
wurden schon seit ältesten Zeiten in
Europa angebaut. In den Schweizer
Pfahlbauten der Bronzeperiode sind
Erbsen gefunden worden. Die Lupine
kommt auS Aegypten. In Europa hei
misch sind noch : Merrettich, auS Ruß
land nach Weft-Europa verbreitet, Sel
lerie, der in Großbritannien einst ein
gemeines Unkraut gewesen ; Fenchel,
dessen Früchte bei den alten Römern
beliebt waren und noch heute in Aegyp
ten gegessen werden; Pfefferkraut,
Pastinak. Cichorie, Artischoke. Mohr
rübe und rothe Rübe an den Gestaden
SüdeuropaS heimisch und seit Urzeiten
angebaut; Kresse, die aber auch in
Asten und in Amerika wild wächst;
Sauerampfer, Bibernell. Mit einer
Anzahl jetzt unentbehrlich erscheinender
Gewächse hat Amerika die Welt be
schenkt. ES sei nur an die Kartoffel
erinnert, sowie an die Tomaten und
an die Opuntien.
Der Fund.
Professor (der herbeigeholt wurde,
um die Bedeutung eineS HohlraumeS,
den man bei der Grundgrabung zum
Bau eineS Hauses entdeckte, zu erklä
ren): Diese? räthselhafte Gewölbe ift
jedenfalls ein uraltes Grab. Ich habe
genau nachgeforscht und, obzwar ich
keine bestimmten Anhaltspunkte finden
konnte, so kann ich doch aus einem
interessanten Funde, den ich gemacht
habe, schließen, daß daS Grab einige
tausend Jahre alt sein muß. Hier ift
dieses aus Horn gedrechselte Gefäß,
welches jedenfalls einen Balsam ent
hielt, der mit der Zeit eine körnige
Form annahm, jedoch nichts von seinem
Dufte eingebüßt hat. Dieser Fund ist
von eminenter Wichtigkeit. Ich werde
sofort eine längere Abhandlung darüber
verfassen "
Einer der umstehenden Männer :
Vcrzcih'n Sä. Härr Brofessor. daS iS
ja meine Schnubbdose, die ich Heide
frieh verlor'n hab' !"
Lallgcs'rZch.
Junger Mann : Fräulein, können
Sie mit den Ohren wackeln?"
Tit hart, Händchen.
Wie sind so hart die kleinen Hände
Bon steter Arbeit, steter Plag';
Wie rühren sie sich ohne Ende
Voll EeldftSttlcungnung Tag für Tag.
Oft will der lange Tag nicht reichen.
Zu Hülfe nehmen sie die Nacht;
Ja. dieser Eifer ohne Gleich?
Ist'S, der so hart die Händchen macht.
Und doch, wie können milde streichen
Sie mir die schaffenshciße Stirn!
TeZ Unmuths edle Geister weichen
Vor ihnen schnell au? Herz und Hirn.
Gar sorgsam sie die Kissen rücken.
Daß sauft mein Haupt gebettet liegt.
Und leise meine Hand sie drücken.
Bis mich der Zraumgoit eingewiegt.
Wie haß ich sie, die üderzarten.
Beringten Hände, fammetweich!
Ihr lieben Händchen, ardcit-hartcn,
Euch kommen keine and'ren gleich.
CrrMrt.
Junge Frau (ein Vierteljahr nach
der Hochzeitsreise): Wie schnell Du
Dich geändert haft; jetzt gehst Du jeden
Abend kneipen, während Du auf unserer
Reise stet? bei mir bliebst."
Mann: Ta gab'? auch keinen
Stammtisch!"
llAirnt, ii'Zrmcr, a, iiutnsUMt.
Ein sinnischer Spruch sagt: Ein
Hau? mit einem Weibe ist oft warm
genug; ein Hau? mit einem Weibe und
ihrer Mutter ift wärmer, al? irgend
eine Stelle auf Erden; ein Hau? mit
zwei Schmiegermüttern ift so entsetzlich
heiß, daß es keinen Platz auf Erden
fließt, der damit nur einige Behnlichkeit
Hütte!"
A viel verlangt.
Junge Frau (beim Fleischer):
Geben Sie mir ein Pfund Kalb
fleisch, aber nicht wieder solche?, da?
anbrennt!"
Ans kzeimwcl?.
Schlächtermeister: Ihr Hund hat
mir gestern eine Braunschweiger Leber
wurst gestohlen."
Besitzer: Ja. das müssen Sie schon
entschuldigen; der Hund ist Sie nämlich
aus Braunschweig!"
Rdlerschbnich.
Wenn mer Dei Bneimaiigg zer
schdichd, dann laß Der äns zum Drosde
sagen: E? fein de schlächZden Blüdze
nich manchmal uff ünen Leiderwagcn!"
prosaisch.
Lehrerin (voll Begeisterung): Könnt
Ihr mir auch den Namen nennen von
dem tapferen Mädchen, daS bei der Be
lagerung von Wien durch die Türken
sich dadurch so heldenmütig hervorge
than, daß eS mitten im Kugelregen die
Patronen auflas, und um freie Hände
zu haben, den Schürzenzipfel zwischen
die Zähne nahm? .... WaS wünschte
ich Euch wohl, daS Ihr von dem MSd
chen haben möchtet?"
Klara: Ihre ihre Zähne!"
wie man spricht.
Nacht muß es sein, wo Friedlands
Sterne strahlen," dachte Lottenfritze,
da stieg er in den Juwelierladen von
Friedland & Co. ein.
Die Hauptsache.
Junge Frau: Zu dem Kaffeekränz
chen gehe ich aber nicht wieder, man
kennt ja keinen Menschen!"
Mann: Ich denke, die Damen waren
Dir alle bekannt!"
Frau: Die anwesenden ja ....
aber nicht die, von denen gesprochen
wurde!"
In der Dorfschenke.
Gaft: Aber. Frav Wirthin, der
Braten riecht ja schon."
Wirthin: Seh'n S'. 'Z ift d' höchste
Zeit, daß 'r 'geffen wird!"
Ein guter Mensch.
Förfter: Ja, warum schießen Sie
denn nicht?"
Sonntagsjäger: Mein Grundsatz ift:
Leben und leben lassen!"
Entzückender Gedanke.
Herr: Drüben geht die Gemahlin
des kommandirenden Generals."
Dame: O, wie herrlich muß eS fein,
einen kommandirenden General unter'm
Kommando zu haben!"
Ein Schlaukopf.
Wirth (bei einer Wählerversammlung
dem Redner zuflüsternd): Herr Tok
tor. reden S' nur noch eine Weile, ich
hab' noch eine Menge Bier im Fassel!"
Gemüthlich.
Zuchthausdirektor (dazu kommend,
als ein Sträfling, der 15 Jahre der
büßt hat, entlassen wird): Na, wollen
Sie uns schon verlassen, Huber?"
Aus dem Briefe eines Barbicrlchrliiias an
seinen Vater.
Mein Herr scheint mit mir zufrieden
zu sein; bis jetzt hat er mich abziehen
lassen, zu Ostern will er mich auch schee
ren lassen!"
Boshaft.
Mann: Heute habe ich endlich den
Hasen geschossen, dem ich so lange auf
der Spur war!"
Frau: Na ja. der Klügere giebt
nach!"