Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, July 02, 1896, Image 11

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    Försterfranz.
i'on lt, t um t r - V cm bete.
Lieschen!"
Franz!"
Ein hochgewachsener junger Man
in schmucker Förstrnmisorm schloß ein
glückselig lächelndes Mädchen von eiwa
neunzehn Jahren in seine Arme.
Aber so spät. Franz. sp spät!" klagte
die Kleine, ich habe schon fast eine
Stunde au? xicd gewartet!"
Die eben noch strahlenden Züge dcS
jungen Mannes verfinsterten sich, und
fast rauh stufe er heraus:
Abgetanzelt hat er mich, wie einen
Schulbuben! Und das in Gegenwart
der Leute I !"
Wer?"
Nun, glaubst Du, dafe ich's mir
von einem Anderen gefallen ließe?
Wer Der Batet!"
Lieschen schlang ihren Arm in den
seinen.
Franz! schmeichelte sie, warum
denn gleich so hcstig? Sieh, in Ruhe
und Gute kommt man viel weiter!"
Da soll der Teufel ruhig bleiben!
polterte er heraus.
Aber Franz! !"
Nun ja!" brummte er, es ist aber
auch s! Ich schinde mich tagsüber und
die halbe Nacht obendrein, so dafe ich
oft vor Müdigkeit umfallen möcht'
und dann IS Dank noch Borwürse !
Das fehlte mir gerade!"
Es ist doch Dein Vater "
Mein Vater ist mein Vorgesetzter,
dem ich zur Ausbildung", wie man'S
nennt, übergeben bin, bis ich selbst eine
.feste Anstellung bekomme! Ich hab!
gar nicht gewollt, aber der Alte hat's
durchgesetzt! Na, und jetzt ist's richtig
gekommen, wie ich gedacht!"
Aber was denn nur, Franz?"
Der Alte hat mir Vorwürfe gemacht
wegen der Wilddiebereien, die in letzter
Am überHand nehmen dabei schien
derte er mir einige seiner beliebten
Kraftausdrucke an den Kopf und als
ich mich dann, erst ganz bescheiden,
rechtfertigen wollte, da schrie er mich an.
ob ich junger Bursch' nicht misse, was
Subordination Heifee? Und ob ich mir
einbilde, dafe er diese Wirthschaft mit
ansehen werd , nur grad deswegen.
weil ich sein Herr Sohn sei diese
. Lotterwirthschaft? Hör'. Liese, da
stieg mir's heife auf im Kopf ich
trat an den Alten heran: Was sagst
Du das"
Um Gottes willen. Franz!?"
Im ersten Moment mufe es ihm doch
verblüfft haben, meinen Alten, dafe ich
so entschlossen dastand! Dann aber
n'mn'i In8! .ftcilinpr Rnnisncins! SsaV
ich lemals so schelten hören!?" Ueber
stürzen thaten sich die Worte und das
fCX' fern OiaK. Hl. (Ill.tm C mi.
VHIU Will lUl IVUli 44,'Ulll lllli
innerhalb acht Tagen nicht den Schurken
stellst, der uns die besten Böcke ab chiefet,
so schwör' ich Dir, daß Tu fiir's Erste
leine Anstellung stieg 1!"
DaS sagte er im Zorn ! Er ist doch
Dein Vater !"
Schön ! Mag'S im Zorn gesagt
sein ! Aber vor den Leuten, Luise, vor
den Leuten ! Das siehst Du, hat mich
so wild gemacht !"
Und was willst Du jetzt thun?"
Hinaus will ich das Revier ab'
pllrschen diese Nacht morgen sriih
und so weiter, bis ich den Burschen er
wisch'! Behüt' Dich Gott. Luise!"
Franz ! Franz ! So hör' doch !"
Aber schon war der junge Mann mit
weiten Sprüngen über die Lichtung ge
eilt und drüben im Unterholze ver
schwunden
Wohl eine halbe Stunde mochte
Franz so Plan und ziellos fortgerannt
sein.
Vom raschen Steigen erschöpft, stand
er nun einen Augenblick, schwer athem
holend.
Ringsum ist'S still und friedlich.
nur daS schwindende Licht des Tages
kämpft verzweifelt gegen die immer
weiter vordringenden breiten Schatten.
Da schlügt ein kurzer scharfer Knall
an daS Ohr deS jungen Mannes.
Wie electrisirt springt er empor.
Ein schneller Ueberblick rientirt ihn
n, ist im alten Steinbruch.
Der Weg, der nach oben in die Tan
nen, w, der Schuß gefallen, führt,
schlangelt sich fast um den ganzen Berg
herum.
Wenn er den einschlägt, ist der Wild
schütz längst mit der Beute auf und da
von.
Er mißt prüfend die vor ihm liegende
Felswand.
Tann wirft er mit kurzem Ruck die
Flinte auf den Rücken und klimmt,
vorsichtig jedes Geräusch vermeidend,
auswärts.
Immer tastend und sühlend, damit
n nicht auf Gerölle trete, klettert er
Schritt vor Schritt höher.
Jetzt hat er den Kamm erreicht.
Seine Hand klammert sich um einen
jungen Baum, noch ein Ruck
Donnernd stürzt ein mächtiger Block,
den er im Halbdunkel übersehen, unter
ihm in die Tiefe.
Nun gieb,' kein Zaudern mehr.
Tn dröhnend widerhallende Schlag
hat ihn dem Wilderer verratden.
Die Büchse schufegerecht im Arm wirft
er sich in die Tannen und eilt halb krie
dnb der Lichtung zu.
Mit pochendem Herzen hält er Um!
schau.
Nicht ist zu sehen nichts !
Schon will n mit leisem Fluche. daS
Vergebliche dies Jagd im Finstern
tinschend. den Rückweg antreten.
Da bricht der Mond durch die Wol
kc. '
Kaum hundert Schritte rechts glänzt
der Lauf eines Gewehres.
Seine eigene Flinte an die Wange
richten, scharf zielen und schießen, ist
sür Franz das Werk weniger Secunden.
Er nimmt sich keine Zeit zum Laden.
Der andere Lauf enthält ja groben
Schrot.
Der genügt auch, wenn ihm Wider
stand begegnen sollte.
Die hundert Schritt sind schnell zu
rückgelegt.
Halt! Steh!"
Der Anruf ist kaum nöthig.
Hinter dem Baum erhebt sich mühsam
eine schwerfällige Gestalt, die verstllm
melte blutige rechte Hand ihm entgegen
streckend.
Hab' keine Furcht, daß ich Dir ent
wische!" stöhnte der Verwundete, hast
mich ja brav gezeichnet."
Das volle Licht des Mondes fällt auf
den Redenden.
Franz starrt ihn mit weit ausgeriffe
nen Augen entsetzt an:
Ihr?"
Sein herumirrender Blick auf den
feisten Bock, der hinter dem Wilderer
liegt.
Das erinnert ihn an seine Pflicht.
Geht voran!"
Aber der Angeredete rührt sich nicht.
Nur sein 'geblümtes Taschentuch
schlingt er um die Wunde.
Vorwärts!" miederholt Franz.
Da kommt Leben in die starre Ge
stalt des Wilderers! ein halb spöttischer
Zug spielt um seinen Mund, als er
fragt:
Und wohin willst mich denn führen,
Franzel?"
Zum Vater der mag entschei
den "
Die Entscheidung kenn' ich schon!"
er lacht wild auf. da geht'S aus 's Ge
richt ! Wird 'n rechtschaffnes Aussehen
machen, Franzel, wenn ich ich dort'
hin komm' und grad' durch Dich!"
, Es ist meine Pflicht !"
Ja so Pflicht?! Schön! Dann
komm!"
Nach wenigen Schritten bleibt der
Alte wieder stehen.
Kannst mir etwas zu Gefallen
thun!"
Wenn ich darf!?"
Darfst schon! Ist auch nur für den
Fall, daß mich Dein Alter gleich einbei
hält ! Willst dann nicht der Luis' Be,
scheid geben, daß Du ihren Vater eiw
gebracht und daß er auf's Gericht ge
führt ist?"
Ein dumpfes Stöhnen antwortete
ihm.
Eine Weile wartet der Alte:
Magst nicht? Auch gut ! Also
weiter!"
Er wendet sich zum Gehen.
Halt. Großbauer!"
Was willst noch?"
Ein gewaltiger Kampf geht im In
nein des jungen Mannes vor sich ein
Kampf zwischen Pflicht und Liebe.
Endlich kommt er zu einem Ent
schlufe.
Gute Nacht, Grofebauer!"
Er dreht sich kurz um.
Aber ?"
Ich habe Euch nicht gesehen, diese
Nacht! Das da" er zeigte in die ich
tung, werde ich bei Seite schaffen!"
Franzel! Franzel! Das vergeß ich
Dir mein Lebtag nicht!"
Die Starrheit, der Trotz des Alten ist
gebrochen schluchzend ersucht er die
Hand des jungen Mannes zu fassen.
Der aber richtet sich hoch auf.
Geht!" befiehlt er in rauhem Tone,
geht, dafe mir mein Entschluß nicht leid
wird!"
Lange blickte er dem Alten noch.
Dann bricht seine kräftige, sehnige
Gestalt in sich zusammen und wild ent
ringt es sich seiner gequälten Brust:
Meine Ehre! Meine Ehre!"
Doch er darf nicht zögern, er muß ja
die Beweise bei Seite schaffen, die gegen
den Wilderer zeugen könnten nnd ge
gen ihn selbst.
Schwankenden Schrittes geht er zu
rück zur Lichtung.
Er bückt sich, nach dem zerschossenen
Gewehr zu suchen.
Da lacht eS spöttisch neben ihm auf.
Guten Abend. Förster!"
Er schrickt zusammen.
War ein Meisterschuß. Förster!
Gerade aus'S Blatt!"
Er erkennt den Scheibenwaftl, den
verrufensten Strolch des Torfes.
seinem ersten Impuls folgend, reifet
er die Flinte von der Schulter sein
Laus ist ja noch geladen.
Aber das höhnische Lachen deS Ande
ren bringt ihn wieder zu sich.
Ist la schon mausetodt, der Boa!
Wozu noch Pulver verschwenden?"
RathloS ftöt Franz heraus:
.Was thut Ihr hier?"
Kuriose Frag'! Es ist doch nicht
verboten, im Walde zu spazieren? Ich
bin halt ein Naturfreund!"
Er lachte froh und spöttisch.
Tem jungen Mann schießt daS Blut
zu Kovf.
Er ist in den Händen dieses Elenden.
der ihm grinsend daS z,':schofjene Ge
wehr entgegenhält.
.Ja, ja. die Ileinen Diebe hängt man,
die Großen "
Er kommt nicht weiter.
Tie volle Schrotladimg streckt ihn laut
loS in'S Gras neben den todten Bock.
Franz erstattete seinem Vater noch in
derselben Nacht Bericht, dafe er den
Scheibenwaftl beim Wilderern betrof
fen und genöthigt gewesen sei. ihn, als
er ihm Widerstand entgegciisctzte, nie
derzuschießen. '
Ter Alte, der seinen Jähzorn schon
längst bereute, Uberhäuste ihn nun mit
Lobworten, ihm immer auf's Neue ver
sprechend, daß in wenigen Wochen seine
Anstellung erfolgen solle.
Tie einaeleitete gerichtliche Unter
suchung des Falles wurde sehr schnell
beendet.
Ter junge Mann habe unbedingt in
der Nothwehr gehandelt! Er sei nicht
nur freizusprechen, sondern verdiene der
bewiesenen Energie wegen die vollste
Anerkennung seiner vorgesetzten Be
hörde.
Sechs Wochen später erhielt Franz
ein in der Nachbarschaft gelegenes
Revier.
Festlich sollte die Hochzeit begangen
werden, die Hochzeit des Förstersranz
mit des reichen Großbauern Tochter
Liesel.
Vor der kirchlichen Einsegnung ist der
junge Mann noch einmal hinauf gegan
gen in's Holz.
Nur seinem Vater hat er davon ge
sagt. Der hat gelacht:
Brav, Franzel, brav! Immer
pünktlich und pflichtgetrcu ! Bleib'
nur nicht zu lang !"
Aber schon sind Stunden vergangen
und die Gäste warten längst.
Da macht sich der Alte selbst auf, den
Säumigen zu holen.
Er weiß es, wo der Franzel steckt.
Auf seinem Lieblingsplatz, oberhalb
des Ktembruas, wo er oft chon halbe
Nächte gesessen.
He. Franzel !"
Keine Antwort.
Der Alte lachte still vor sich hin:
Ist wohl eingeschlafen, der Faul
lenzer! Richtig? Da liegt er! He,
Du I"
Aber der Schlafende rührt sich nicht.
Und als die Hand des Alten ihn an
rührt, fährt er entsetzt zurück.
An der Hand klebt ein rothes Tröpf
lein !
Laut um Hülfe rufend, sinkt der
Alte ln'S Moos:
Franz! Franz! Um Gotteswih
len!"
Mit Windeseile verbreitete sich in der
Umgegend die Trauerkunde:
Der Försterfranz ist im Wald ver
unglllckt !"
Radlerinnen.
In der Wiener Presse" veröffentlicht
Eisbeth Meyer For ter einen Brief an
die Frauen, der das Wesen des Rad-
sahrens so anmuthig auseinandersetzt,
daß wir die Hauptstellen daraus gern
wiedergeben. Frau Meyer Förster
schreibt. A.:
Kommt doch, Frauen und Jräw
lein, fliegt ein einziges Mal mit ! Und
Ihr sollt sehen, wenn Ihr nach Haus
kommt und vor den Spiegel steht wie
Ihr blutjung geworden seid ! Nach der
ersten Woche neunzehn Jahre, nach der
zweiten achtzehn. Wenn s so fort geht,
denkt doch nur, langt Ihr wieder beim
unvergeßlichen Backsischalter an
Wie die Leute am Wege stehen und
nachschauen ! Tie möchten auch mit hin
auf. Und gleich mit ihren Bündeln,
Harken und Kartoffclsäcken was sie
gerade an dem warmen Sommertage
bei sich haben. Torfbauern mit ihren
riefigen Fuhren kommen daher. Die
sehen ein wenig giftig" aus. Die
Sonne sticht, ihre Stirnen find naß,
die hohen, schweren Stiefel fitzen an den
Füßen wie Lehm. Und da rechts, da
links huscht's vorbei wie ein Licht
streif, ein kurzes, rasches Blenden am
Boden fliegende Menschen. Blöd er
schrockcn blicken sich die Fuhrknechte um
und schmitzen ein wenig mit der Peitsche
nach. Aber es trifft nur einen Statt
terling. Das Blitzen ist längst da
von
Ich habe mich überzeugt, wie das
Radeln Wunder wirkt, wi es ein Ver
jüngungsbad ist, ein Naturheilverfah
ren sondergleichen für Pessimisten und
Melancholiker. Menschen, die wie Rau
pen in der Verpuppung steckten, kriechen
aus und werden Schmetterlinge. Ich
kenne genug Frauen, welchen das
Radeln Segen brachte; eZ gibt Frauen,
deren Leben wie das der Eintagsfliege
hingeht hinter Glasscheiben, gegen die I
sie ihre dünnen Flügel drücken. Sie
wiffen nichts vom herrlichen Luftzug
draußen und vergehen und sterben
ab traurige Stubenfliegen. Aber
wenn sie einmal ein solcher Wirbel er
greift, der sie hinausreifet aus den
trüben Wänden ! Wenn fie die Flügel
Proben und ausspannen dürfen und
sich ausflattern im weiten Freien !
Man denke sich einen Maientag. klar
wie die Sonne, und eine Anzahl von
diesen in der Studenluft bleich geworde
nen Frauen und Mädchen, die ihre
Räder zu zaghaftem Versuch hinaus auf
die Landstraße führen !
Ta gibt'S zuerst eine Kinderfreude
mit den unzähligen Erperimenten des
Aussitzens. des UmkippenS, des Herab
fallens. Lange, ach, wie lange hat man
so nicht gejubelt und gelacht, sich aeaen
seitig getröstet, angefeuert, ausgesöhnt ! I
ES ist, als wären Pensionsmädchen aus
der Haft entlassen und stürzten sich nun j
auf die erste beste Gelegenheit, ihr
Müthchen zu kühlen.
Was hat man aber auch Jahre lang j
sür ein Leben geführt, man hat nicht!
springen, lausen, jagen dürfen, man!
ist Tame, Fräulein. Frau gewesen, ein I
Ting ohne bewegliche Glikdmasscn, ans
recht, gemessen und gezirkelt, in einen
Tchlcpprock verpuppt, höchstens zu
Kniren abgerichtet. Man hat gesuhlt,
wie daS Blut ruhig und langsam
worden ist, nicht mchr hüpfte, nur noch
fchrittweiS durch die Adern spazieren
ging ! Und mitunter ist eS heiß zu Kopse
gestiegen in (einer unverdünnten,
gestauten Schwere dann kamen die
Launen, die trüben Gedanken, die chn
süchtigen Träume, oder die Oede und
Leere des GesühlS.
Man ist nie völlig unbefangen ge
Wesen bei dieser Art des Hinlebens, nie
frisch, nie gesund bis zum Jauchzen.
Man zog etwas mit sich herum das
war die liebe, sonnige, verlorene Ju
gend! Man fühlte die Schwere des un
ersetzlichen Verlustes eine Sehnsucht
nach dem Umhertollen und im athem
losen Tanz, bei hetzender Musik brach
sich dieser Rest Kinderluft mitunter
krankhaft Bahn!
Aber an dem klaren, hellen Maien
tage, auf dem Sitze des blitzenden Rades
kehrt der ganze, lang angestaute Lebens
muth zurück. Jeder Mißerfolg ist eine
Note zum lauten Lachen jedes kleine
Gelingen ein Anlaß zu einem Jubelrus.
Und das erste, selbstständige Hin- und
Hertorkeln des wie betrunken schwan
kenden Rades wird mit glühendem Eifer
als Fortschritt" constatirt. Da ist
kein Funken Zimperlichkeit mehr. Eine
steckt die Andere an mit sorcirten Muth'
äufeerungen, die blauen Flecken an den
Armen werden als Kuriosum" gegen'
seitig vorgezeigt.
Und noch ein paar solche Uebungstage
die fesche Rodlerin ist fertig. Da
steht sie im kurzen Rock, der eng wie ein
Reitkleid ist (und zu dem sie ihre zurück
gesetzten englischen Futterale gebrauchen
kann), in der Jockeymütze und langen
dänischen Handschuhen wie eine echte
Amazone da, zum staunen der Bor
übergehenden. Geschickt und mit einer
ganz kleinen Bewegung, als setze fie sich
auf einen etwas hohen Stuhl, schwingt
sie sich unauffällig in den Sattel nun
ein Druck auf das rechte Pedal, als
spiele sie fortissimo die Lenkstange
leicht und waqrccht gehalten und
federleicht rollt sie davon.
Mit vollen Zügen athmet sie die
weiche Luft, die sie durchschneidet; auf
den Waldpfaden, die sie erreicht, in der
Einsamkeit der Chausseen nimmt ihr
Muth und ihre Wagelust zu, sie tritt in
verschnellertem Tempo und die Pedale
fliegen unter ihr. Tie Raschheit der
Bewegungen erwärmt, beschleunigt ihr
Blut, sie fühlt, wie ihre Muskeln Ne'
lend erstarken, von Tag zu Tag größere
Leistungsfähigkeit erreichen. Und ihr
Blick badet sich im wohlthuenden Grün
der Straucher, Wipfel und WiesenräN'
der, und ihr Herz, das von den Unruhen
geräuschvollen Lebens ermattet war,
schlägt rascher und weitet sich, um huN'
dert friedliche Eindrücke aufzunehmen
tfin erschwindelt Diner.
Eine Schwindelei, die ebenso origi
nell wie frivol ist, wurde dieser Tage
von einem jungen Mann in Odessa, der
zwar eine elegante Kleidung, aber kein
Geld besaß, zu dem Zwecke verübt, sich
ein gutes Mittagsmahl zu verschaffen.
Der Schwindler nahm sich einen elegan'
ten Landauer uni fuhr vor einem der
vornehmsten Restaurants Odessa S vor.
Der Kutscher erhielt den Befehl, zu war-
ten; der junge Herr betrat die gastlichen
Hallen. Er verlangte ein Kabinet und
bestellte sich ein gewähltes Diner. Selbst'
verständlich ließ er sich auch edle Weine
geben, kurz, er dinirte höchst anständig.
Darauf verlangte er Papier und Feder
und schrieb in gröfeter Seelenruhe dem
Wirth des Restaurants und seiner Mut
ter, das Leben sei ein wüster Traum.
er fahre von hinnen. Nachdem legte er
sich auf eine Ottomane und gab alle
Anzeichen einer natürlich fingirten Per
giftung zum Besten. Der erschreckte
Wirth schien gleich nach dem Empfang
der Epistel bei dem unheimlichen Gast,
dieser stöhnte erbärmlich und bat, man
möge ihn nach Hause bringen. Wer
war froher als der Wirth, wurde er doch
auf diese Weise den Selbstmörder los.
Der Tandy" seinerseits hatte nur dar
auf gerechnet, da er keine Kopeke in der
Tasche hatte, um Diner und Kutscher zu
bezahlen, schon sollte er hinausqc
führt werden, da tauchte die röchende
Nemesis auf. Im Restaurant speisten
gerade Mitglieder der im Cirkus Suhr
beschäftigten Texas-Truppe. Von dem
Selbstmord hören und gleich zu Hülfe
eilen, war für die braunen Söhne der
Prairie das Werk unes Augenblicks.
Es wurde Milch geholt und aus der
Apotheke eine ganze Kollektion von
Gegengiften gebracht. Trotz des Pro
testes des Selbstmörders pumpten die
Texaner alle diese Flüssigkeiten in den
Unglücklichen hinein, und mit ihren
nervigen Fäusten packten, rieben, dreh
ten sie ihn, bis ihm Hören und Sehen
erging und er seekrank wurde. Tann
erst ließen die menschen freundlichen Tera- j
ncr von ihrem gelungenen Rettungs
werk ab und begaben sich tiefbesriedigt
an ihr unterbrochenes Mahl. Ter ge
riebene Selbstmörder wurde aber noch
in'S Krankenhaus geschleppt, wo man
ihn wieder mit verschiedenen Medika
menten trattirte. Auf sein Flehen
ließ man ihn auch bald vollständig ge
nesen. Tas Nachspiel findet vor dem
Friedensrichter statt, da Wirth und
Kutscher um 22 resp. 2 Rubel geprellt
sind. So kommt dem jungen Manne
das erschwindelte Tiner doch noch theuer
genug zu stehen.
Falb' Vorläufer.
An Teitenstücken zur Falb'schen Pro
phczciung vom Weltuntergang hat es
nie gefehlt, besonders im Mittelalter
und in der Uebergangszeit, wo jeder
auch noch so kleine Hof feinen eigenen
Astrologen hatte. Außerdem gab es
viele bürgerliche Sterngucker und Kalen
dermacher, die sich durch die gewagtesten
Prophezeiungen in die Mäuler der Leute
brachten, im entscheidenden Moment
aber verduftete. Eine der merkwiir
digsten Astroliigcn" war jedenfalls die
von dem Tübinger Professor Stöfler im
Jahre 1513 angekündigte Sintfluth für
das Jahr 1524, weil sich Saturn, Ju
piter und Mars in diesem Jahre dem
Zeichen der Fische näherten. Der Hof
des Kaiser Carl V. gerieth darod in
großen Schrecken und Generul Rango
verlangte sogar, daß der Kaiser die höch
ften Berge aufsuchen und auf ihnen
Magazine anlegen lassen möge. Der
Präsident Auriot in Toulouse ließ sich
eine große Arche bauen und sie mit al
len möglichen Vorräthen versehen, darin
sein Schicksal den Wellen, wie Noah,
anzuvertrauen. Ter Bürgermeister
Hendorf in Wittenberg dagegen richtete
den Oberboden seines Hauses zur Woh
nung ein und sorgte für ein Viertel gu
ten Kukuk Bier), um doch einen Labe
trunk zu haben. Endlich war der in
ganz Europa gefürchtet 'Februar 1524
da und fast überall war er so heiter und
bell, dafe kaum ein einzelner Tag Regen
brachte. Trotzdem wurde die Astrologie
nicht ausgelacht, denn die Gelehrten er
klärten, daß die schreckliche Planetencon
junction nur falsch gedeutet worden
sei, sie hätte dem Bauernkriege gegol
ten, welcher bald nachher (vom 24. Au
gust 1524 an) Deutschland über
schwemmte. So blieben die Sterndeu
terei, sowie Magister Stöfler immerfort
in Ehren.
Der Degen er Akademie.
In geradezu drastischer Weise trat
Jules Simon für den Staatsdegen ein,
der zu der Palmenuniform der Unsterb
lichen der französischen Akademie gehört.
Was?" äußerte er einmal einem In
terviewer gegenüber, man spottet über
unseren Degen. Nun, da will ich Ihnen
eine Geschichte erzählen, die Ihnen be
weisen soll, wie mächtig und nothwen-
dig dieser Degen i t.
Es ist schon lange her. Ich war
damals ein junger Mensch, und Cousin
(der berühmte Philosoph und Lehrer an
der Sorbonne! protcgirte mich aus'
nehmend. Eines Tages hatte ich kein
Geld, dafür aber einen, Appetit, der
nicht mehr einzudämmen, war; Kredit
hatte ich um nicht einen Heller. Was
thun? Zu Cousin gehen. Vielleicht
lud er mich ein. Ich ging und roch
sofort den Braten. Augenblicklich
kam ich Cousin ungelegen. Er sprach
und sprach, aber er lud mich nicht ein.
Dagegen wurde er immer nervöser, je
näher die Essenszeit kam. Endlich gab
er mir einen deutlichen Wink, ich möchte
gehen.
Ich ging. Mit welchen Gefühlen,
das läßt sich denken. Ich öffne die
Thür, da schlägt mir der Bratenduft
wieder entgegen. Dieser Duft ist stärker
als ich: Geben sie mir zu essen,
sonst sterbe ich, ich habe seit gestern
nichts gegessen." Um Gotteswillen,
warum sagen Sie das nicht gleich,"
ruft Cousin, kommen Sie, kommen
Sie," faßt mich am Arm und zieht
mich wohin? In die Küche, in
welcher auf glimmendem Feuer ein
herrlicher Braten sich am Bratspieß
dreht.
Am Bratspieße? Nein, am Degen
der Akademie, an jenem Degen, dem
man jeden Sinn und jede Berechtigung
absprechen will."
Da streitbar Schwein.
In einem Krugc zu Pillmiszken in
Oftpreußen übernachtete, wie der Kö-
nigsbcrger Allgem. Jig. geichrieven
wird, kürzlich ein Bärentreiber. Seinem
Bären wurde der noch TagS vorher von
einem fetten Schweine bewohnte Stall
zur Schlafstätte angewiesen. In der
Nacht wurden die Bewohner und auch
der Bärenführer durch ein furchtbares
Geschrei aus dem Schlafe geweckt. Man
fand den Stall erbrochen und darin ei
nen Menschen, der von Meister Petz in
fester Umarmung gehalten wurde. Auf
den Zuruf des BärensührerS wurde er
loscielanen und gestand nun zitternd und
wehtlagend dem Gastmirthe ein, daß er
das Schwein habe stehlen wollen: als er
ihm aber den Strick um den Hals ge
morsen, sei er von dem Schwein gefaßt
und so gedrückt worden, daß ihm alle
Knochen knackten. Ta der Mann auch
noch einen Arm bei dem Zusammenstoß
gebrochen hatte und über grpfee Schmer
zen in der Brust klagte, so mußte die
Polizeibehörde ihn gleich in ärztliche
Behandlung geben.
Sin scharfe Urtheil.
Alerander v. Humboldt wurde viel
von jungen Gelehrten belästigt, die ihm
ihre Arbeiten vorlegten und ihn um
sein Urtheil baten. Eines Tages wurde
ihm auch wieder ein recht ödes Machmerk
gebracht, und der Verfasser desselben er
bat sich die Erlaubniß, ihn gelegentlich
um seine Meinung fragen zu dürfen.
Als er nun nach Verlauf von einigen
Tagen wiederkam, kragte ihn Hum
boldt: Können Sie dichten?"
Jawohl." lautete die Antwort.
Tann bringen Sie die Arbeit in
Reime."
Diese Arbeit? ein .ein wissen
schaitlicheZ Werk?" fragte der Andere
erstaunt, warum denn?"
Weil sie in vorlicacndc: Form ganz
ungereimt ist," antwortete Humboldt
kaltblütig.
Ans der Znstriiktioiisstiindc,
Der inspizirende General: Nun,
mein Sohn, was machst T, wen Tu
einen schwachen Magen hast, und Du
kannst das Kommißbrot absolut nicht
vertragen?"
Rekrut: Ich esse nur wenig Brot!"
Der inspizirende General: Aber,
denke Dir. T kannst auch wenig Kom
mißbrot nicht einmal vertragen!"
Rekrut (nach einigem Nachdenken):
Tann übe ich eS so lange, bis ich eS
vertragen kann."
Gpterwillig,
Fräulein: Wie sehe ich indem neuen
Hut aus, Herr Assessor?"
Assessor: Reizend; jetzt wuroe ,cy
Sie nehmen, und wenn Sie statt fünf
zig nur sünfundvierzigtausend Thaler
hatten!"
Das Schrecklichste.
TiAtfI!iin: Wenn Sie mich nickt
erhören, reizen Sie mich zum Aergsten,
was ich zu thun im Stande bin."
Fräulein: Sie werden doch nicht
dichten?"
Galgenhumor.
Erster Stromer: Tu, ick will Dich
'n Räthsel uffjeben! Es hat zwee Beene,
aber keenen Schnabel und ooch keene
Flügel ich und is doch 'n Vogel?"
Zweiter Stromer: Tet krieg ick nich
raus!"
Erster Stromer: Und bist 's doch
selber, Du Galgenvogel!"
Enfant terrible.
Herrn Rostau, welcher sich häufig als
Gast im Hause seines Kollegen Salzbach
einfindet, fällt dabei stets die außer
ordentliche Unart von Salzbachs Kin
dern auf. Schon auf der Treppe hört ,
er durchdringendes, mehrstimmiges Heu
len, Schreien und Plärren, welches
während seines ganzen Besuches an
dauert Und zu seinem größten Erstau
nen Väter- und mütterlicherseits gedul
det wird.
Na, ich will meine Rangen 'mal an
ders ziehen," spricht Rostau oft für sich,
bis eines schönen Tages, als er seinen
Besuch ungewöhnlich ausdehnt, der
kleine Paul jammernd herausplatzt:
Papa, wird Herr Roftau noch nicht
bald gehen? Länger kann ich
nicht mehr heulen!"
letzte Zuflucht.
Zose: Wo ist denn der Herr Baron?"
Kammerdiener: Der hatmitderFrau
Baronin wieder einen Zank gehabt, und
jesit sitzt er in der Küche und läßt sich
von der Köchin und dem Kutscher Trost
zusprechen!"
Individuell.
Junge Dame (auf dem Ball): Ihr
Onkel ist ein reizender alter Herr!"
Studiosus: Hm! Wie viel hat er
Ihnen denn gepumpt?"
Line rücksichtsvolle Köchin.
Warum zeigen Sie mir nicht Ihre
sämmtlichen Dienstbücher?"
Aber, gnädige Frau, ich kann doch
nicht die Herrschaften blamiren, die alle
vierzehn Tag' ihre Dienstboten wech
sein!"
ScschSfts-variante.
Kleine Reparaturen erhalten
die Kundschaft.
Ausweg.
Braut: ... ..Ach, ich befürchte, Ar
thur, dafe Tu mich nur meines
Rittergutes wegen liebst!"
Bräutigam: Na, da können wir ja
morgen das Ding versilbern!"
Aus ocr Schule.
Lehrer: Kann mir Jemand sagen.
wer Ganymed war?"
Pep, (Sohn des Löwenwirths): Ter
..der war Zahlkellner im Olymp!"
grauen logik.
A. : ,. Warum schimpfen denn die
Frauen so über diese Dame?"
B. : Weil fie ihr nichts Uebles nach
sagen können!"
Zmmcr lvaidmann.
..Woher kennen Sie denn, Herr
Förster, den berühmten Ohrenarzt, den
Sie soeben grüßten?"
Ich war diesen Sommer in seiner
Löffelklinit in Behandlung!"
An einen Sonntagsrciter.
IVananlk.)
Vom lkrbabkNkn zum Pürfurlirfiirn ist
oft nur ein Ritt.
kin Unverbefferlicher.
Der Schauspieler Schlemmer ist bei
seinem Direktor sehr beliebt nur kann
dieser ihm nicht verzeihen, dafe er immer
Vorschüsse braucht. In einer Gesell
schaft hänselt man Schlemmer damit
und dieser wettet mit dem anwesenden
Direktor um 20 Mark, daß er zwei
Wochen lang keinen Vorschuß verlangen
wird. .Herr Tireltor." bemerkt kurz
nachher Schlemmer, wir haben um 20
Mark geweitet, da könnten Sie mir ja
einen kleinen Vorschuß dar,.us ge
den !"
Des BarenwirtbS Bäuchlc
IS fackcrisch dick.
Mx den k fei Wirthshaus
Ht Stärkefabrik.