Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, February 06, 1896, Image 9

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    Zwischen tebcn und Tod.
Von C. Hk,r,
Dichter Herbstnebel hüllt die Straßen
in Dammnung, obgleich schon die
neunte Bormittagssiunde geschlagen hat.
LJm Zimmer ist es finster, und trotzdem
ist da Fenster verhiillt. und statt deö
Tageslicht muß eine kleine Nachtlampe
Dienst leisten, daß die Geröthschaften
auf dem Tisch nicht umgestoßen wer
den von einer unsicheren Hand. Das
einfach und zweckdienlich eingerichtete
Zimmer befindet sich in einem der op
nehmsten Krankenhäuser Berlins und
gehört der ersten Klasse" an. Nur
wohlhabende Patienten werden hier der
pflegt und genießen die Beannstigung,
ihre Angehörigen Tag und Nacht um
ich haben zu dunen.
Ein Menschenleben schtvcbt zwischen
Thilr und Angel der dunklen Pforte,
wo Lust und Leid keine Eingang sin
den. ES ist ein junger Mann von etwa
bierundzwanzig Jahren, der bewußtlos
in den Kissen liegt, und die alte Dame
im Lehnftuhl am Bett ist seine Mutter,
Eine vornehme, stattliche Erschein
ung, obgleich eine Sechzigerin. Seit
drei Tagen und drei Nächten weicht sie
nicht von seinem Lager, immer hossend,
daß er sie noch einmal wenigstens erkcn
nen und anreden werde. Drei Jahre
lang hat sie sich den Verkehr mit dem
Sohne freiwillig versagt, ihn nicht
mehr sehen wollen. Jetzt jetzt be
mit sie es nicht gerade, weil sie noch im.
mer die Ueberzeugung hegt, Recht ge-
habt zu haben, aber diese letzten Stun
f den solle nur der Vergebung der Liebe
geweiht sein.
Da wird leise angeklopft. Die
fromme Schivester verläßt geräuschlos
ihren Platz und geht an die Thüre.
Dann tritt sie zu der Frau heran und
flüstert: Ein junges Mädchen wartet
im Sprechzimmer, Sie bittet, die Stau
Baronin auf einen einzigen Augenblick
' sprechen zu dürfen." .
Ich verlasse meinen sterbenden Sohn
nicht. Ist es eine Dame?"
Sie hat ein feines Gesicht und gute
Manieren, ist aber sehr bescheiden ge
kleidet. Ich glaube nicht, daß sie Jh.
rem Bekanntenkreis angehört, Frau
Baronin."
Vielleicht eine meiner Armen. Fra
aen Sie. bitte, was sie von mir will,'
sagte die alte Dame und faßte mecha
nisch nach ihrem Geldtäschchen. Sie
genießt allgemeinden Rus großer Wohl
thätigkeit. Ich glaube nicht, daß es eine Bett
lerin ist," sagt die Schwester.
Dann hat sie kein Recht, mich zu
stören erwidert die Dame ungeduldig
und wendet ihr Gesicht wieder dem
Kranken zu. In diesen drei Tagen hat
sie mehr Almosen ausgetheilt als je,
und ihr Sohn hat drei Jahre lang
Mangel gelitten, schlechte Ernährung
und Uebcrarbeitung untergruben seine
Kräfte und machten ihn widerstandslos
gegen die Krankheit: der Arzt sagte so.
T Anlanas hatte die Mutter sich über fein
abgezehrtes Gesicht, das einst so blühend
auslab. und aanz dem seines Paters
alick. aeradeui entsetzt.
Die Baronin war zweimal verhei
rathet gewesen. Als lebenslustiges
junges Mädchen hatte ein alternder
Diplomat sie zum Altar geführt; dem
schenkte sie zwei Kinder, einen Sohn
und eine Tochter. Beide nahmen eine
Stellung ein im Staat und in der Ge-
I, ,!,(,,,?, t- Cnlin nl ij!sndtsch,lsts
Attache in Petersburg, die Tochter als
Gemahlin eines hohen Beamten, der
- seinen Wohnsitz in Berlin hatte. Aus
ihrer zweiten Ehe hatte die Baronin
nur dielen Sobn. Bernhard. Es war
diesmal eine Liebesheirath gewesen.
DaS Glück währte zehn Jahre, dann
'wurde sie abermals Wittwe und lebte
knrtnn nur ihren Erinnerungen und
det Erziehung des jüngsten Knaben,
kkiden anderen Kinder waren zu
iener Seit schon versorgt. Bernhard
besaß mütterlicherseits gar kein Ver
mögen, also war er nur darauf ange
wiesen, eine glänzende Karriere zu
mnArn. An Intelligenz und Talenten
fehlte es ihm keineswegs, aber wenn er
überhaupt Ehrgeiz hatte, so schlug dieser
ganz andere Bahnen ein, als es den
Ueberlieferungen der Familie ent,prach.
Weder zur Diplomatie, noch zur mili
tärischcn Lausbahn empfand er Nei
gung. Er wurde nach Bonn auf die
Universität geschickt, wo er in ein vor
nehme Korps eintrat. und da, da
ging er verloren.
Schon in seinen Knabenjahren hatte
Hang zu schlechter esellschast ge.
habt - da heißt schlechter tefeflfatt
im Sinne der Mutter. Nicht jene
Sorte von schlechter Gcsell,cha,t. die
man bisweilen auch in vornehmen rei.
sen trifft, schlechte Gescllschast mit seinen
Kleidern und eleganten Manieren.
Nein, n ging mit Leuten um. die
außerhalb seiner Kaste standen: mit
Künstlern und Handwerkern sogar.
Als n einundzwanzig Jahre alt war.
oberrascht. die Mutter durch d.e
, Mittheilung, daß er nicht langer Jura
udiren, sondern Techniker werden
wolle. Natürlich wurden ihm die Mit
tel ,u diesem Zwecke versagt. Er flu
dirte weiter, wenigsten blieb er in
Bonn w, n die Kollegien schwänzte,
fich in Wirthshäusern umhertned.
wahrscheinlich, um die Familie zu
, Mg, daß sie snm Wun füllte.
. Dann ab machte n da, Maaß voll,
tatern n seiner Mutter Einwilligung
pt Heirat!) mit ein Ladenmamsell
ttfbfli t i
. Die Verwandten ließe ihn fallen.
M Somtagögast.
Jahrgang 16.
Vor der Welt denn insgeheim be
hielten sie ihn und sein Bestes im Auge:
sie wußten es zu verhindern, daß er
irgendwo eine Anstellung oder Beschäf
tigung erhielt. Wen er hungern
mußte, fand er wohl ganz von selbst
den Weg zu den Fleischtöpfen daheim
zurück und fügte sich in die auferlegten
Bedingungen.
Er hatte cs nicht gethan. Als An
fertiger von allerhand schriftlichen Ar
beiten fristete er sein Leben, anfangs
außerhalb, zuletzt aber gar in Berlin,
wo Bekannte ihm in seiner abgerissenen
Kleidung auf den Straßen begegnen
konnten.
In einer Dachkammer wohnte er
zur Schmach der angesehenen Familie,
deren Namen er trug. Dieser Name
verrieth ihn schließlich, als er, vom
Typhus befallen, in die Krankenanstalt
eingeliefert wurde. Man benachrich-
tiate die Mutter. Sie eilte sofort hin,
um sür seine Unterbringung in der
ersten Klasse" zu sorgen. Nun fehlte
es ihm an nichts mehr als an der
Lebenskraft, ohne welche die beste Pflege
wirkungslos meint
Wieder klopfte es an die Thür.
Excellenz kommt orgefahren. Er
celleuz will sich persönlich nach dem Pa-
tienten erkundigen.
Diesmal erhebt sich die alte Dame
und läßt die Schwester allein am Kran
kenbett zurück. Sie eilt mit elastischerem
Tritt, als er dem Alter und Gram sonst
eigen ist. ins Sprechzimmer zu der
Tochter. Wenn Mathildens Interesse
für ihren Bruder sie bewog, zu dieser
außerordentlich frühen Stunde schon
Toilette zu machen und ihren Wagen
zu beordern, darf man sie nicht warten
lassen.
Toilette hat sie sogar in ausgiebigster
Weise gemacht. Sie sieht sehr schön
as, mit ihrer stattlichen Figur und den
regelmäßigen Gesichtszllgeii gleicht sie
der Mutter.
Guten Morgen, Mama! Ich sahre
zum Wohlthätigkeit? - Bazar, habe da
eine Verkaufsbude übernommen, Par
fünierie und künstliche Blumen, da
wollt' ich doch auf dem Wege mal nach
frage, wie es um Bernhard steht."
.Schlecht. Er wird sterben," sagt
die alte Dame herb und kurz, denn sie
will nicht weinen.
Die Mittheilung kommt Mathilden
keineswegs unerwartet, sie hat den Be
scheid schon, ehe die Mutter kam, von
der Oberin erhalten. Daher zeigt sich
kein Schreck, nur ein Ausdruck von
schmerzvoller Sympathie auf ihrem Ge
ficht. Ueberanstrenge Dich nicht, Mama!"
Wenn's nur etwas nutzen könnte!"
stöhnt die alte Frau. Ich gäbe gern
mein Leben für seins."
Man darf den Muth nicht verlieren.
Vielleicht bessert sich sein Zustand.
Sollte aber das Schlimmste eintreten,
so müssen wir uns schon mit dem Ge
danken trösten, daß ein verfehltes Leben
so seinen Abschluß findet, und daß aus
dem armen Bernhard doch nie mehr
was Rechtes hatte werden können. Tu
kommst dann zu uns, Mama, es hat
keinen Zweck, weiter so vereinsamt zu
wohnen."
Die Baronin schüttelt wehmüthig den
Kopf. Sie widerstand bisher immer
dem Drängen der Tochter, die eigene
Wohnung aufzugeben, weil sie hoffte,
da noch einmal dem verlorenen Sohn"
ein Heim zu bereiten.
Ich muß sort. es ist die höchste
Zeit !" ruft Mathilde mit einem Blick
aus das Zifferblatt ihrer kostbaren klei
nen Uhr. Adieu. Mama."
Sie rauscht hinaus: Die Pflicht
rust, und dieser glänzende Bazar ist
vielleicht ihr letzte Erscheinen in der
Gesellschaft vor der voraussichtlichen Fa
milientrauer. Die Baronin wendet sich wieder zum
Gehen. Da halt eine Hand sie am
Kleide fest. Ein junges Mädchen oder
eine sehr junge Frau ist es. die unde
merkt in einem Winkel des Zimmers
gesessen hatte.
Vergebung, Frau Baronin! Schon
vorhin bat ich. Sie einen Augenblick
sprechen zu dürfen. Ich möchte
mochte den ranken gern noch einmal
sehen selbst wenn er bewustlos ist
und Niemanden erkennt."
Meinen Sohn? Wer sind Sie
denn?"
Ich mein Name ich bin die
Veronika."
Die Putzmacherin, Bernhards Ge
liebte! Die Baronin zieht unianft ihr
Kleid au des Mädchens Hand, und eine
Welt von sittlicher Entrüstung liegt in
ihrem Blick.
Da ist nicht Jbre Wodnung. gna
dige Frau. Das ist ein Krankenhau,
wo nur der Herr über Leben und Tod
zu gebieten hat.' sagt Veronika in jetzt
viel ftftenm aone.
Es wäre leicht, diele teyr ensecylvare
Bebauvtuna lurückzuroeisen, aber die
Geistesgegenwart der alten tarnt laßt
Beilage zum Nebraska Staats-Anzeiger.
sie im Stich. Sie kann sich in diesem
schmerzlichen Moment nicht einer ge
wissen Neugier erwehren gegenüber dem
jungen Frauenzimmer, das ihr des
Sohnes Herz entfremdet hat.
Nichts von dem kokett aufgeputzten
unfeinen Dämchen mit Fcderbarctt und
Glockeiiarmeln, wie sie sich die Veto.
nika" immer vorstellte. Groß, schlank
gewachsen, braunäugig und braunhaa-
rig, mit sanftem Geficht, das sonst wohl
blühende Farbe mag gehabt haben, jetzt
aber blaß ist wie eine Lilie. Ein schö
nes Mädchen, dies Kind aus dem Volk.
Schöner als die meisten vornehmen
Fräulein ihres Umgangs, schöner als
ihre eigene Tochter Mathilde in diesem
Alter war.
Sind Sie gekommen, um irgend
welche Rechte in Bezug auf meinen Sohn
geltend zu machen?"
Keins als höchstens das, welches
seine Liebe mir gab. Ich stand ihm
doch am nächsten auf der Welt seine
Mutter natürlich ausgenommen."
Seine Familie!" entgegnet die Ba
ronin scharf. Sie merkt, daß Veronika
die Naturrechte im Gegensatz zu Gesetz
und Gesellschaft betonen will. Mein
Sohn hatte hatte vorbereitende
Schritte zu einer Heirath mit Ihnen ge
than. Sind Sie ihm augetraut? Wei
ter will ich nichts wissen?"
Nein, gnädige Frau."
Dann "
Die Baronin machte eine Bewegung
auf die Thür zu.
Laffen Sie mich ihn noch einmal
sehen!"
Unentschlossen wendet die Mutter sich
um zu ihr.
Haben Sie bis zuletzt in Verbin
dung mit ihm gestanden? Er lebte hier
doch allein?"
Er schrieb mir nach meiner Heimath
hin. Ganz kurz vor seiner Krankheit
erhielt ich seinen letzten Brief. Ich trage
ihn bei mir."
Wie gern möchte die Mutter diesen
Brief sehen! Aber welche Beschämung,
dieser Person darum bitten zu müffen,
der ihres Sohnes letzte Gedanken galten!
;yre eyninaji, aus oie geiieoie Pano
sehnst zu blicken, siegt über ihren Stolz.
Wollen Sie mir den Brief einmal
zeigen ?"
Veronika zögert. Tann erfüllt sie
den Wunsch der alten Dame und reicht
ihr das Blatt. Die Schrift ist stellen
weise von Thränenspuren verwischt.
Rühren sie von dem Schreiber her oder
Veronika?
Theure, einzige Geliebte! Verzeih',
daß ich erst heute Deine lieben Zeilen
beantworte. Aber ich habe Tag und
Nacht gearbeitet, und der Kopf sihwin
delt mir vor Erschöpfung. Tu sprichst
von Opfern, die ich Dir gebracht haben
soll! Ahnst Du nicht, wie tief mich das
beschämen muß? Du, bist der einzige
Sonnenstrahl in meinem Leben während
dieser drei Jahre gewesen und ich bitte
Dir das Leid ab, welches Dir etwa durch
mich zugefügt worden ist! Das Einzige,
was ich Dir sür Deine unendliche Liebe
bieten konnte, war mein Name, den Tu
ohne Zustimmung meiner Mutter nicht
annehmen wolltest. Das schmerzte mich
ansangs, aber nun denk ich anders
darüber. In Deiner Welt, mein süßes
Lieb, denkt man weniger grausam als
in der, z welcher ich durch meine Her
kunft gehöre. Die Familie bedeutet bei
uns nicht ein Band, welches Herzen an
einander knüpft, sondern eine eiserne,
aus konventionellen Rücksichten geschmie
dete Kette: der ererbte Name gilt mehr
als die Person. Eine nützliche Thätig
keit durfte ich nicht ergreifen, weil ein
unsähiger Beamter auf einer höheren
Staffel steht als der tüchtigste Techniker!
Wärst Tu meine Frau, so würden mein
Name und Titel Dir nicht Eingan
verschafft haben in unsere Kreise, und '
den Deinigen hätten sie Dich entfremdet.
Eine Baronin kann sich ihr Brod nicht
durch ihrer Hände Arbeit erwerben.
Ich mache an mir selbst die schmerzliche
Erfahrung, daß man dem aus der Kaste
Gefallenen überall Mißtrauen entgegen
bringt. Um Deinetwillen, Geliebte, hab' ich
bisher den Muth gehabt, alles zu ertra !
gen. und selb entlernt von Dir halt
mich der Gedanke an eine Wiederverei
nigung aufrecht. Ich möchte nicht ftcr
den. weil es Tich vereinsamt ließe in
der Welt. Aber käme von mir unqe
rufen der Tod, so möge da Bewußt.
sein Tich trösten, daß ich durch Deine
treue Liede, trotz allen Elends, bi zu-
ictzi glücklich war. ceit einigen Tagen
ist mir londerdar zu Muthe, ich fürchte,
krank zu werden. Deine Sendung,
liebes Mädchen, nehme ich an. wenn
mir auch die Schamröthe dabei in's
Gesicht steigt, es minien ja wieder des
sere Zeiten kommen, wo ich da Brod
verdienen kann für mich und für Tich."
Die aronin batte den Brief längst
zu Ende gelesen und sah trotzdem noch
immer narr aus da Papier. Wa be '
deuten die letzt Zeilen 1 Etwa, daß!
Bernhard, ihr Sohn, in seiner Noth
Geld angenommen hatte von dem jnn.
gen Mädchen hier, das sich von ihrer
Hände Arbeit ernährte? Bernhard hatte
doch sonst Ehrgefühl besessen. Auch
Stolz. So viel Stolz, daß er sich nicht
an den Schwager, sogar nicht an die
eigene Mutter um Unterstützung wen
dete. Die Seinigen freilich verleugne
ten ihn, während dies Mädchen alles
mit ihm theilte; Glück und Leid, zuletzt
selbst ihr tägliches Brod. In diesem
Augenblick überkam die Baronin etwas
wie eine Hallucination: sie sah Math,!
den in ihrem Sammetkleid, lächelnd,
liebenswürdig plaudernd, umringt von
Herren und Damen, die unter Kompli
meiiten und Scherzen Parfümerien und
künstliche Blumen einhandelten von der
vornehmen Verkäuferin, die zu ihrem
Vergnügen Ladenmamsell spielte. Und
Mathilde hatte keinen Gedanken sür den
sterbenden Bruder als höchstens den, ob
er wohl noch so lange leben wurde,
sie der nächsten Hofgesellschaft beiwohnen
tonne, .
Stillschweigend gab die Baronin den
Brief an Veronika zurück. Nach einer
kurzen Pause sagte sie in mildem Ton:
Kommen Sie mit mir."
Die Schwester erhob sich bei dem Ein
tritt der Beiden und machte der alten
Dame Platz am Bett des Sohnes, Auf
ihren fragenden Blick antwortete sie
achselzuckend: Unverändert."
Veronika brach nicht in ' lautes
Schluchzen aus. wie die Mutter erwartet
hatte. Mit einer gewissen feierlichen
Ruhe trat sie heran, ohne den Kranken
zu berühren. Nur die Augen sprachen
in ihrem blassen Gesicht.
Die Baronin deutete auf einen Stuhl
an dem Kopfende. Setzen Sie sich,
mein Kind."
Wieder war alles still. Die Frauen
warteten ergeben auf die Verände
rung", die der Arzt als bevorstehend
verkündet hatte. Diese Zeit über durste
Veronika hier bleiben, die Spanne Zeit
zwischen Leben und Tod.
. Die alte Dame hatte sich durch Nacht-
wachen erschöpsi. Die Natur ermies
sich stärker als ihr Wille und stärker
selbst als ihr Schmerz. Allmählig sank
ihr Haupt gegen die Lehne des Sessels,
sie schlummerte ein.
Im unruhigen Halbschlaf kommen
Träume. Auch die Mutter träumte.
Sie wohnte im Traum dem
Begräbniß Bernhards bei. Es war
nicht einfach und schlicht, wie es zu
seinem elenden Leben in den letzten
Jahren gepaßt hatte, sondern Prunk
hast, standesgemäß". Alle Freunde
der Familie hatten seinen Sarg mit
kostbaren Kränzen überladen. Da stand
Bernhards Schwager, der trug sogar
alle seine Orden! Und Mathilde, in
einem sehr eleganten Trauerkleid, drückte
ihr Spitzentaschentuch vor die Augen,
die ganz trocken waren. Ihre drei klei
nen Töchter, hübsche Kinder von zwölf,
neun und acht Jahren, hatte sie auch
mitgebracht. Sie machten der Mama
alles allerliebst nach. Und wieder hörte
die Baronin, wie Mathilde zu ihr
sagte: Tu kommst nun zu uns, es hat
keinen Zweck, weiter so einsam zu le-
den."
Und dann sah sie sich in das Haus
der Excellenz versetzt. Es ging etwas
geräuschlos da zu. Bälle und Gesell
schasten zu geben erforderte die Stellung
des Schmiegersohnes. Tie Baronin saß
auf ihrem Zimmer, hörte von ihrem
Lehnsessel au die Tanzmusik. Mit
unter wurde sie von den Dienern, die
so viel zu tbun hatten, vergessen und
ging ohne Abendmahlzeit zu Bett. Am
Morgen kamen regelmäßig die kleinen
Äiadchen, erlundigten sich, wie Groß,
mama geschlafen habe, und küßten ihr
die Hand. Das war alles, was sie mit
ihr zu thun hatten, spazieren gingen
sie mit der Erzieherin, und zum Spielen
kamen Kameradinnen, die genau so
modern erzogen wurden wie sie selbst , . .
Tie Baronin seufzte im Schlaf,
wandte den Kopf auf die Seite, und
dabei erwachte sie.
Veronika saß mit gesalteten Handen
am Bett, in derselben Stellung wie
vorhin. Ihre Augen ruhten aus dem
Gesicht des Geliebten, mit einem Aus
druck, den die Baronin ähnlich aus
einem altitalienischen Muttergottes
bilde gesehen hatte. Bernhard athmete
schwer. Seine Züge scheinen der Ba
ronin jetzt weniger fremd und starr als
vor einer Stunde, er sah wie ein ruhig
Schlummernder, nicht wie ein Sterben-
der aus.
Die Thur ging auf, der Arzt trat
ein. Sein Blick streifte überrascht das
schöne junge Mädchen.
Eine Verwandte." sagte die alte
Tame. welche gekommen ist, mir zur
Seite zu stehen."
Ter Arzt verneigte sich. Tann wid
mete er seine ganze Aufmerksamkeit dem
Patienten, dessen Puls und Herzschlaa
er lange prüfte.
.Es ist eine öberraschende Wendung
No. 3.
zum Besseren eingetreten," sagte er auf.
sehend. Die Gefahr einer Herzlüh
munq besteht nicht mehr. Wenn die
Kräste sich als ausreichend erweisen
habe ich Hoffnung."
Aus Veronika's Augen stürzten jetzt
Thränen. Da sühlt sie sich plötzlich
von den Armen der alten Dame um
schliingen, welche sie an ihre Brust zieht
und ihr zuflüstert:
Wenn mein Sohn am Leben bleibt
sollst Du meine Tochter sein."
Eifersucht.
Bon War Hi r s ch sei 6.
Vor einem Jahre hatten sie gehei.
rathet, der Droschkenkutscher Heinrick
und die Köchin Marie. Sie hatte eine
hübsche Summe Ersparuiß mitgebracht,
davon wiiiöe eine Droschke und ein
Gaul gekaust, allerdings beides sür
alt". Das hatte aber nichts zu sage
Heinrich sllhlte sich als Fuhrherr" recht
glücklich.
Weniger glücklich war Marie. Denn
als sie Heinrich heirathete, hatte sie eine
Nebenbuhlerin aus dem Felde geschla
gen, die Nähterin Bertha, und eine
gütige Nachbarin batte ihr versichert,
daß Heinrich der einstmaligen Flamme
auch etzt noch Besuche abstatte. Von
der Wahrheit oder Unwahrheit dieser
Behauptung wollte sie sich nun persön-
lich überzeugen.
In später Abendstunde nahte sie
dicht verschleiert dem Droschkenstand
ihres Mannes, welcher gerade das Pferd
fütterte, und ging auf Heinrich's Ge-
fährt los.
Wohin werden Sie denn fahren,
Fräulein?"
Dir in die Augen, Du Spitzbub',"
murmelte sie.
Wohin denn? Ich hab' nicht ver-
standen."
Zwirnqasse 10," sagte Marie leise.
aber verständlich.
Zwirnqasse 10? Das trim sich
gut, da habe ich auch gerade zu thun."
Das weiß ich, Du Halluiik ."
Was sagen Sie, Nummer dreißig?"
Nein, Nummer zehn."
Heinrich kletterte kopfschüttelnd auf
den Bock und fuhr davon. Das Ziel
war bald erreicht. Marie stieg aus
und drückte ihrem Manne einen Thaler
in die Hand.
Haben Sie nichts Kleineres?"
Sie branchen nichts herauszugeben,"
flüsterte Marie.
Aber es kostet nur eine Mark."
Das klebrige ist Trinkgeld."
Donnerwetter, wie nobel!" sagte
Heinrich und bedankte sich vielmals.
Marie ging in's Haus, kletterte vier
Treppen in die Höhe, lehnte sich dann
Uber's Geländer und blickte in's dritte
Stockwerk hinunter. Nicht lange brauchte
sie zu warten, da ging es tapp, tapp,
tapp! sie kannte den Tritt ihres
Mannes. Und richtig, da klopfte er an
und verschwand in der Wohnung der
Nähterin Bertha.
Sollte sie eintreten und das saubere
Pärchen überraschen? Nein, das war
ihr zu peinlich. Sie wußte ja genug.
Leise huschte sie hinunter und eilte nach
Hause.
Als Heinrich spät Abends heimkehrte,
empfing ihn eine Gardinenpredigt, wie
er sie sich nie hätte träumen lassen.
Und morgen gehen wir aufs Stan
desamt und lassen uns scheiden," war
der höchst erbauliche Schluß.
Aber, -maxie, ich bin j ganz un-
chuldiq.
Warst Tu heute bei der Nähterin
oder nicht?"
Ja, ich war aber"
Halt, wir sind noch nicht zu Ende!
Zeig einmal Dein Portcmcnnaie!"
Er reichte es ihr hin, sie zahlte rasch
das Beld durch.
Wieder weniger. In den letzten
vier Wochen hast Tu immer sehr wenig
Geld nach Hause gebracht."
Ja. das Geschäft war schlechter "
Lügner! Hast Tu nicht vor ein paar
Stunden einen harten Thaler eilige
nommen? Wo ist der geblieben?"
Ha! Jetzt geht mir ein Licht auf.
Tu warst die, elche ich nach der Zwirn-
gaffe fuhr?"
Ja, das war ich! Leugnest Tu
noch?"
Nein, nein, es ist alles wahr."
.Ihr, ihr hast Tu das Geld hinge
tragen?"
Ja, das muß ich zugeben."
Und das am Vorabend meines Ge
burtstages?" Weinend legte sie sich schlafen. Als
sie am anderen Morgen erwachte, sah
sie ihren Mann in seinem Sonntazs
anzuq am Fenster sitze.
Bist Tu heute nicht ausgefahren?"
Nein! Heute wollen wir uns doch
scheiden laffen."
Tn Geburtstag sing gut an. Schnell
legte Marie ihre Kleidung an und trat
in die .gute Stube". Da erjtaunte sie j
aber. Die ganze Stube war mit Grün
und Blumen geschmückt, und aus dem
Sopha lag ein schwarzes Seidenkleid,
so, wie sie es sich immer gewünscht
hatte.
Darf ich Dir jetzt gratnliren?"
fragte Heinrich.
Ach, das alles kann mir doch keine
Freude machen."
Nicht? Macht es Dir keine Freude,
daß ich seit vier Wochen das Geld ge
spart habe, um Dir das Kleid machen
z lassen? Der Thaler, den Du mir
gabst, war der Letzte, den ich zu Bertha
trug, die das Kleid nähte."
Aber, weshalb gerade z Bertha?"
S!)cil das die einzige Nähterin war,
die ich kannte, und dann ist ihr Bräu
tignm auch ein alter Freund von mir,
der war immer zugegen, wenn ich kam."
Aber, Heinrich, warum hast Du
mir das alles nicht schon gestern Abend
gesagt?"
Weil ich Dich für Deine Eifersucht
ein Bischen bestrafen wollte."
Und nun begann das Gratnliren.
Pin
Kriegsgericht im 17. Zahr
niiiiocn.
Tie Schlacht bei Leipzig im Jahre
1042 zwischen den Schweden und Oester
reichern fiel für die Armee der Letzteren
unglücklich aus. Die Schweden machten
viertausendfünfhundert Gefangene, er
oberten 60 Standarten, 121 Fahnen,
16 metallene Kanonen, deren Verlust
der empfindlichste war; der Herzog von
Oesterreich verlor seine ganze Baggage.
sein Silbergeschirr und eine ganze Kauz
lei. Die Oesterreicher zogen sich in der
größten Unordnung zurück; der Rückzug.
wurde zur Flucht, es rettete sich, wer
konnte, Die Ursachen eines so herben
Verlustes konnten nicht ohne Unter
suchung und Strafe bleiben. Die
Schuld wurde den Ungarn und Kroaten
beigemessen. Sobald die flüchtige Ar
mee in Prag angekommen, wurde
Kriegsrath gehalten, und des Obersten
Madclon Regiment, welches zuerst die
Flucht ergriffen, auf das Härteste be
straft. Die Fahnen des Regiments
wurden vom Henker verbrannt, die De
gen der Offiziere zerbrochen; die Offi
ziere und der Zehnte von den Soldaten,
welchen das Loos traf, wurden ge
henkt, und die klebrigen für Schnrken
erklärt.
Auch sine ritik.
Hier ist auch eine neue Geschichte über
Edwin Booth, den vorzüglichen, der
dramatischen Kunst dieses Landes, leider
zu früh entrissenen Menschendarsteller.
Bei einer zu Gunsten seines Bruders
stattfindenden Benefiz-Vorstelluna stand
er hinter den Emilissen, als ein Schau
spielet, der verschiedene Kunstler imi
tirte, einem Encore Folge leisten wollte
Wen wollen Sie letzt imitiren?"
fragte Booth.
Ich wollte gerade Sie als Hamlet"
in dem Monolog Sein oder Nichtsein"
personisiciren. Doch, wenn Sie mir zu
schauen, befürchte ich, nur eine Earrika
tur hervorzubringen."
Wie wäre es, wenn ich mich selbst
imitirte?" fragte Booth.
Gesagt, gethan.
Schnell die Perrücke des anderen
Schauspielers auf den Kopf werfend
und den Rock zuknöpfend, eilte er auf
die Bühne und trug mit der gewohnten
Äieisterschast den bekannten Aionolog
vor.
Am anderen Morgen war in der Kri
tik eines sehr verbreiteten Blattes zu le
sen, daß die Imitationen die Vorstellung
verdorben hätten, namentlich sei die von
Edwin Booth so schlecht gewesen, daß
dieser berühmte Schauspieler, wenn er
sie ge ehen, vor Schrecken aus der Haut
gefahren wäre.
Sisprechcnexaariknvogel,
und zwar einer, der plattdütsch snacken"
sollte, wurde jüngst in Hamburg dem
schaulustigen Publikum empfohlen. Die
,juchauer" wurden nur einzeln vorae-
lassen und es wußte daher Jedermann
von vornherein, daß es sich da um einen
Ulk handelte. Da aber der Eintritts
preis mäßig war, zahlten Viele und
Jeder kam lachend aus der Bude" her
aus, die den sprechenden Kanarjnvogel
beherbergte.
Trat ein Schaulustiger ein, so wurde
er von dem glücklichen Besitzer des klu
gen Thieres vor letzteres geführt und
diesem wurde eine Eigarre und eine
Thonpfeife mit der Frage vorgehalten :
Wal foll der Herr smöien, ene Zihgarr
oder ene Piep ?" ,
Piep", antwortete jedesmal der Vo
gel, woraus dessen Besitzer den Zuschauer
mit einer Verbeugung entließ.
Handlich.
Niemals sind die Linien der Hand bei
verschiedenen Menschen einander ganz ,
gleich. Wenn ein Ehinese einen Reise
paß verlangt, so wird sein Handteller
mit seinem Cel schwach eingerieben und
davon auf dünnem Papier ein Abdruck '
genommen. Diese mit behördlichem
Stempel versehene und unbedingt nicht
zu fälschende Papier dient ihm dann als
Legitimation.
Aufopfernd.
Hausfrau: Tu, Karl, die Unter
hallung stockt jeden Augenblick unsere
Gaste langweilen sich schreck
lich ! Was sollen wir nun thun, sie zu
amüsiren?"
Gatte: Da hilft nur Eines: Wir
müssen da Zimmer auf einige Zeit er
lassen, damit sie über n klat
fd)e llnnen!
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