Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, February 06, 1896, Image 10

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    Fräulein Dubois,
Historische inäliliinn 0011 ffelir LiUa,
Zu den lieblichsten und geistreichsten
Schönheiten des erste Kaiserreichs ge
hörte Fräulein Dubois gerade nicht,
als sie im Jahre 180 zu Paris solch'
erstaunliches Aufsehen erregte. Bon
keiner einzigen hübschen Pariserin wurde
sie beneidet u, ihre Reize. Und doch
wurde sie allgemein bewundert! Wie
kam das? Ihr Aller kannte man nicht
genau; man nahm aber an, daß sie noch
ziemlich jung sei. Etwa vier Fuß war
sie hoch und gekleidet in ein röthlich
schimmerndes Fell. Ihr Antlitz hatte
gewöhnlich einen etwas melancholischen
und zuweilen au ,qmaqienoen aus
druck; doch konnten ihre Auge oft auch
recht munter und schalkhast blicken. Ihr
Teint war blau-graugelblich, ihre Nase
platt, ihre Ohren klein, ihr Mund,
wenn sie ihn ganz aufriß, ungeheuer
breit und voll gesunder Zähne, ihre
Sprache ein sanftes melodisches Knurren
und Grunzen.
Um es kurz zu sagen, Fräulein
Dubois war ein weiblicher drang
Utang von der röthlichen Sorte, also
kein Pongo, wie man die schwarzen
nennt.
Ihre Heimath war ein schattiger Ta
marindenwald an der Nordmestkiiste von
Borneo, dort, wo die Maludbai tief in's
Land hinein sich erstreckt. Die früheste
Jugendzeit verbrachte sie mit allerlei
Kletterkunsten, Niisseknacken und ande
ren angenehmen Beschäftigungen. Un
vorsichtige Naschhaftigkeit sie liebte
Delikatessen über alle Matzen veran
latzte es, daß sie in Gesangenschaft ge
rieth, indem sie nämlich vorwitzig in
eine Fallgrube sprang, welche etliche
Eingeborene, die ihr nachstellten, für sie
mit sinnreicher List eigens hergerichtet
hatten. Ach, sie schwärmte so sehr für
die köstlichen aromatischen Mangostanen
Der Tamarinden war sie allmählig
etwas überdrüssig geworden.. In der
Gegend aber gab es keine Mangostanen.
Von ferne her hatten die schlauen Wil-
den solche leckeren Früchte geholt und sie
als Lockspeise in die Grube gelegt
Fraulein Dubois hatte richtig der Ver
lockung nicht widerstehen können; sie
war unbesonnen in die Falle gegangen,
aus welcher sie sich nicht selbst zu befreien
vermochte.
Es scheint, daß sie in der Gefangew
schaft von den wilden Daiaks gut ve
handelt wurde, denn als nach einiger
Zeit der unternehmungslustige Kapitän
Gaspard Clopinel, ein Marseiller, mit
seiner Brigg Camargo" in die Malu
dudai hineinsteuerte, um mit den Ein
geborenen Tanschhandel zu treiben, sah
sie recht wohlgenährt und auch sonst
ganz munter aus. Er dachte sich, daß
mit ihr vielleicht ein gutes Geschäft zu
machen sei. So lauste er denn diese
menschenähnliche schone Aefnn nach lan
gerem Feilschen für allerlei Tand zum
Werthe von fünfzehn Franken und gab
ihr den ganz paffenden Namen: via
demoiselle Dubois, zu deutsch: Fröu-
lein von Walde,
Nachdem er an der Maluduküste uud
auch noch in anderen Gegenden O nn
diens sein Fahrzeug genügend befrachtet
hatte, machte er sich auf die Heimfahrt
während Fräulein Dubois durch ihr
possirliches Wesen ihm viele langweilige
Stunden angenehm versüßte. Aeußerst
gelehrig war sie, und so lernte sie denn
von dem Kapitän und auch von dessen
Mannschaft allerlei Künste und HantU
rungen. In's Takelmerk kletterte sie
und half da oben, sowie auf Deck beim
Anziehen der Taue. Unter dem Son
nensegel auf dem Hinterdeck half sie den
Tisch des Kapitäns decken, und sie
ichmaufte dann mit ihm, indem sie Lös'
sei, Messer und Gabel gebrauchte, genau
so, wie sie es ihm absah. War sie ser
tig. so wischte sie sich den Mund ab mit
der Serviette und nahm einen Zahn
siocher zur Hand, um sich damit die
Zähne zu reinigen. Im Trinken leistete
fte Hervorragendes. Kaffee uud Thee
aren ihr sehr genehm; sie handhabte
ihre Tasse mit der Sorgfalt einer Dame,
ohne sie je zu zerbrechen. Auch das
Weintrinken lernte sie bald, und von
den Matrosen wurde sie leider zum
Ziumtrinken und Tabakrauchen enge
leitet.
Seekrank wurde sie nicht; aber am
Kap der guten Hoffnung sing sie an zu
frösteln. Clopinel befaß einen alten
dickmattirten, blindseidenen chinesischen
Schlafrock, welchen er ihr anzog. In
diesem Kostüm, welches recht phantastisch
aussah, gesiel sich Fräulein Dubois so
wohl, daß sie fortan immer so gekleidet
sein wollte, auch sogar, als die Brigg,
nordwärts steuernd, wieder den Aequa
tor passirte. wo die Sonne ihre sengend
ften Strahlen niedersandte. Der Ka
Pitön und die Mannschaft schwitzten und
stöhnten vor Hitze. Fräulein Dubois
aber, in ihren bunten Schlafrock gehüllt,
suchte die wärmsten Stellen auf, ließ
sich von der Sonne bescheinen und
grunzte dazu recht vergnüglich.
Nach glücklicher Fahrt langte der Ka
pitan und Eigenthümer der Eamargo" j
mit seinem chine wolloelatlen in
Marseille an, w er seine werthvolle La
dung vortheilhast verlauste, bis auf
Fräulein Dubois und noch einige andere
seltene Thiere. Diese brachte er per
sönlich nach Pari? und verlauste sie dort
an den sogenannten Pflanzenqarten,
den Jardin des Plantis". Für den
weiblichen Orang-Utan erhielt er MX)
Fr. Orang-Utans kamen nämlich da
mal nur lrli I,b,nd kiack, !
Europa; sie wurden also, wenn eS doch
einmal geschah, mit sehr hohen Preisen I
bezahlt. Die Direktoren der zoologischen
Abtheilung des Pflanzengartens, zwei
ausgezeichnete Gelehrte, nämlich La
pede ud vuvier, genethen ins ljoanie
Wissenschaftliche Entzücken über Fräulein
Dubois. ES war der erste lebende
Orang'Utan, welchen sie sahen.
Mit einigen ausgestopfte Erempla
ren hatten sie sich bis dahin für ihre
Studien behelfen müssen. Bunon, ihr
berühmter Vorgänger, war allerdings
vierzig oder sünfzig Jahre zuvor fo
glücklich gewesen, in Paris Gelegenheit
zu nnoen, einen tevenoen maniuien
Orang-Utan zu beobachten und ihn ge
nau zu schildern.
Unter Anderem hatte er damals Fol
gendes geschrieben:
Die Miene dieses großen Affen war
ziemlich melancholisch, sein Gang gram
tätisch, seine Bewegung abgemessen.
Er hatte nicht die Ungeduld des Magot,
nicht die Bosheit des Babuins oder gel
den Pavians, nicht die Ausgelassenheit
anderer Affen. Er war, wird man ein
wenden, unterrichtet nnd wohl erzogen.
Allein die anderen Affen, die ich mit
ihm verglichen habe, hatten gleichfalls
Erziehung genoffen. Zeichen und Worte
genügten, um unseren Orang-Utan in
die gewünschte Thätigkeit zu bringen;
bei dem Babuin brauchte nian den
Stock und bei den anderen Affen die
Peitsche ; nur durch Hiebe erzielte man
Gehorsam. Ich sah, wie dieses Thier
den Besuchern die Hand reichte, wie es
mit Anstand und gleichsam als Gesell
schaster mit ihnen auf und ab ging.
Ich sah, wie es sich an den Tisch setzte,
ernsthast seine Serviette ausbreitete,
wie es sich des Löffels und der Gabel
bediente, sich Getränke einschenkte und,
wenn man es dazu aufforderte, mit dem
Glase anstieß. Es stellte Unter und
Obertasse zurecht, that bedächtig Zucker
hinein, goß Thee dazu und wartete ge
duldig, bis dieser Thee zum Trinken
nicht mehr zu heiß war. Nichts ging
ihm über Bonbons, Jedermann gab
ihm solche, und da er ohnehin häusig
Husten und eine angegriffene Lunge
hatte, so trugen diese vielen Sllßigkei
ten ohne Zweifel zur Abkürzung seiner
Tage bei. Es lebte nur einen Sommer
zu Paris und starb im folgenden Win
ter zu London.
Fräulein Dubois aber erregte in
Paris noch viel mehr Interesse, als
vormals der von Buffon so genau be
schrieben männliche Orang-Utan, wel
chen e in ikglicher Hinsicht weit übev
traf, wie manche alte Pariser behaup
ten, die Buffon's Ezremplar damals ge
sehen hatten. Aber das, was jener
gethan, that sie auch und noch viel
mehr, und Alles mit viel mehr Grazie.
Allerdings wurde ihre Erziehung,
wozn Capitän Clopinel und besten
Matrosen ettvas seemännisch rauh und
derb den Grund gelegt, in Paris be
deutend verfeinert. Der außerordenb
lich geschickte und sachkundige Oberwär
ter Felik, angestellt bei der Menagerie
des Jardin des Ptantes, besorgte, n
terstützt von seiner Frau, mit schönstem
Erfolge die weitere Ausbildung. Die
ganze schöne Welt von Paris, besonders
aber die neugierigen Damen, pilgerten
oder fuhren nach dem Jardin des Plan
tes, um die bewundernswürdigen Ta-,
lente des rothen Affen anzustaunen.
welcher in einer Art von möblirtem
Zimmer wohnte, wo sie die Besuche
empfing.
Ein modisches Kleid trug sie dann,
welches man sür sie hatte anfertigen
lasten, aber keine Stiefeletten und auch
keine Haube, denn davon hatte sie durch-
aus nichts wiffen wollen. Wie Fräu-
lein Dubois auf einem Sessel an ihrem
Tische saß, Thee einschenkte und trank
und dazu Kuchen aß, das und noch an
dere Wunderdinge mit eigenen Augen
zu sehen, wurde für längere Zeit
im Frühling und Sommer deS Jahres
1808 ein Hauptvergnugen der vorneh
men Pariserinnen.
Auch zwei junge Hofdamen der Kai
serin Josephine machten sich diesen
Spaß, nämlich die Gräfin von Hauffon-
ville und die !vcarqulse von Lauriston.
Ganz begeistert von der interessanten
Bekanntschaft mit Fräulein Dubois.
hatten sie nach ihrer Rückkehr in die
Tuilerien nichts Eiligeres zu thun, als
ihrer Gebieterin die Wunder von der
rothen Aesfin zu erzählen, wodurch in
Josephinen'S Gemüth der brennende
Wunsch erweckt wurde, ebenfalls Fräu
lein Dubois kennen zu lernen.
Am folgenden Morgen sagte sie zu
Napoleon den Ersten, daß sie Luft habe,
die Menagerie des Jardin des Plantes
zu besuchen.
.Weshalb?" fragteer.
Um zu sehen, wie Fräulein Dubois
Thee trinkt," versetzte lächelnd die Kai-
serin.
Das könnte leicht zum Skandal An-
laß geben!" rief Napoleon unwillig.
Ich habe schon von all' dem Unsinn, der
da getrieben wird, gehört und gelesen.
Ta würden denn alle die Gaffer und
Gafferinnen umherftehen, um zu be
dachten, wie die Kaiserin von Frank
reich sich mit der rothen Aesfin unter
hält."
Ader das ist doch ein ganz unschul
digeS Vergnügen!"
Die Oppositionszeilungen würden
eS gewiß nicht unterlassen, darüber
allerlei Anspielungen und boshafte
Witze zu machen."
.Tu wünschest e also nicht?"
.Rein! Es gliche zu sehr einer öffent
liehen Schaustellung, in welcher Tu
auch eine Rolle zu spielen hattest
.Gut so richte ich eS anders ein!"
.Wie denn?"
Ich lasse Fräulein Dubois zum
Thee in meinen Salon einladen. Hüt
test Du vielleicht auch dagegen etwas
einzuwenden?"
Durchaus nicht, meine Liebe! Nur
lade vorsichtshalber auch die gelehrten
Direktoren des Jardin des Plantes ein,
den Grafen Lacepedc und Baron Eu
vier. Dadurch bekäme der Besuch der
rothen Aeffin sozusagen einen gesell
schaftlichen Anstrich."
Sehr wohl, mein Gemahl! Es
wird mir gewiß recht erwünscht sein,
Einiges von der Affenweisheit der bei
den berühmten Naturforscher zu profiti
ren bei solcher Gelegenheit. Willst Tu
vielleicht auch mit dabei sein?"
Wann?"
Nun, wenn es Dir recht ist, heute
Abend schon."
Meinetwegen! Ta ich es so bequem
haben kann, so will ich denn auch die
Bekanntschaft der Mademoiselle Dubais
machen. Doch lade auch Cambecercs
ein!"
Warum?"
Damit ich einen vernünftigen Wen
schcn in Deinem Salon habe, mit dem
ich sprechen kann. Eine wahre Qual
würde es für mich sein, wenn ich mich
aus Höflichkeit stundenlang niit den bei
den Gelehrten über Affenkunde unter-
halten müßte."
Es sei ! Ich muß ohnehin noch dem
Herrn Erzkanzler von Frankreich gratu-
tuen zu keiner neuesten fetandeser
höhung. Vor einigen Tagen hast Du
ihn ja zum Tilnlarherzog von Parnia
gemacht."
Ja. Solche kleine Gefälligkeiten
kosten kein Geld und erhalten die
Freundschaft."
Nach diesem intereffanten ehelichen
Zwiegespräch trennte das hohe Paar sich
orläiisig. Napoleon hatte eine niili
tärische Besichtigung auf dem Maisfelde
abzuhalten. Die Kaiserin wurde in
Anspruch genommen durch eine wichtige
Konferenz mit ihren Modistinnen.
Doch zuvor ertheilte sie dem Grafen
v. Bauffet die nöthigen Weisungen.
Dieser dicke Herr, eine wahre Fal
staffsfigur, war der beliebteste Präsekt
des kaiserlichen Palastes. Die Angele
genheit gehörte in sein Amtsbereich; er
arrangirte gewöhnlich allerlei Bergnü
gungen, wenn solche gewünscht wurden.
Uebrigens hatte er noch zwei Kollegen.
Der Vorgesetzte dieser drei Palastpräfck
ten und somit der höchste Palastbcamte
war der Großmarschall Duroc, neuge
backener Herzog von Friaul. Gerade
zu der Zeit wurden sehr viele neue Her
zöge ernannt.
Graf Bauffet begab sich alsbald per
sönlich zu den Herren Lacepede und Cu
vier, welche nicht wenig erstaunten, als
sie erfuhren, was von ihnen begehrt
wurde. Doch fühlten sie sich sehr ge
schmeichelt durch die hohe Ehre.
Auch der Oberwärter der Menagerie
des Jardin deS Plantes, Herr Felex,
wurde von dem, was auf allerhöchsten
Befehl geschehen sollte, verständigt, wo
rauf er und seine Frau mit fieberhaftem
Eifer sich daran machten. Fräulein
Dubois auf's Sauberste und Zierlichste
auszuputzen.
Abends um sieben Uhr rollten zwei
Kutschen vom Jardin des Plantes nach
dem Tuilerienschlosse. In der ersten
saßen die beiden gelehrten Akademiker.
in der zweiten Herr Felix und Fräulein
Dubois, letztere prangend in einem
schönen seidenen phantastischen Ge-
wände.
Felix half der rothen Aeffin mit so
viel würdevollem Ernste beim Ausstei
gen, als ob sie eine ostindische Prinzessin
gewe en wäre.
Beinahe hätten bei ihrem Erscheinen
am Portal die erstaunten Schildwachen
die Gewehre präscntirt. Aber da rief
der wachthabende Gardeosfizier: Laßt
das! Es ist ja nur die große rothe
Aesnn aus dem Jardin des Plantes!'
Die Gardisten lachten und sahen er
staunt der merkwürdigen Erscheinung
nach.
So wurde Fräulein Dubois in's
Tuilericnschloß geführt.
Tiefe erstaunliche Ehre, die ihr Wider
fuhr, hatte sie sich wohl nicht träumen
lassen srüher, als sie noch in ihrem
Tamarindenwalde auf Borneo Nüsse
knackte.
Boraus schritten der Palastpräfckt
Graf Bauffet und ein Kammerherr,
ihnen folgten die beiden Gelehrten, dar
aus Herr Felix mit Fräulein Dubois
am Arm, sie führend, als ob sie eine
richtige Dame wäre. Pagen bildeten
Spalier auf der großen Treppe und in
der Dianagallcrie, und ein Lakai öffnete
gravitätisch die Flügelthüre zum Salon
der Kaisirin.
Im Salon war eine Gesellschaft von
etwa sünfzig Personen versammelt, be
stehend aus Mitgliedern der kaiserlichen
Familie, Höflingen, hohen Offizieren
und vornehmen Damen.
Napoleon selbst hatte sich auch schon
eingesunden. In einer Fensternische
stand er und unterhielt sich mit dem
Erzkanzler Eambaceres.
Die beiden gelehrten Akademiker wur
den angemeldet und eingeführt. Jose
phine trat ihnen entgegen mit dem artig
ften und liebenswürdigsten Lächeln, in
dem sie sagte: .Ich danke Ihnen sür
Ihr freundliches Erscheinen! Wir
nämlich ich und meine Damen er
hoffen von Ihrer Güte einige intereffonte
Mittheilungen über die Naturgeschichte
der rothen Aefnn."
Der Kammerherr rief: .Fräulein
Dubois!"
Ha, da ist sie ja! Wahrhaftig, sie
ist beinahe ebenso nett, als die karaai
bische Prinzessin, die ich in meiner
Jugend auf Martinique einmal gesehen
habe!"
Allgemeines Erstaune!
Die rothe Acfsi trat in den Salon
und kiiixte zierlich; denn dies hatte sie
auch sehr schön gelernt.
Sie war gar nicht sonderlich befan
ge; freilich hatte sie sich ja schon ge
wohnt an den Umgang mit hohen Herr
schastcn.
Felix war bescheiden a der Thüre
stehe geblieben. Zuweilen schaute
seine Pflegebefohlene sich nach ihm um.
Dann leitete er sie durch Winke.
Bevor wir selbst uns zum Thee nie
versetzen, wollen wir zusehen, wie Fräu
lein Dubois ihren Thee trinkt," sagte
die Kaiserin.
Es stand in der Mitte des Salons
ein kleiner Thcetisch fertig gedeckt und
dabei ein Sessel.
Josephine deutete darauf hin, indem
sie z Felix sagte: Bitte, mein Herr,
lassen Sie Fräulein Dubois dort auf
ihre gewöhnliche Art Thee trinken!"
Der Wärter stieß einen leisen Pfiff
aus. Die rothe Aessin wandte sich um
und sah ihn an. Er zeigte ihr den klei
neu Theetisch.
Sosort begriff sie, was von ihr ver
langt wurde.
Ernsthaft nahm sie auf dem Sessel
Platz, indem sie ein zufriedenes leises
Murmeln hören ließ. Die bereit gelegte
Serviette erfaßte sie und breitete sie aus
einander. Dann that sie mittelst der
silbernen Zuckerzange viel Zucker in die
Tasse und schenkte sich Thee ein. Da
derselbe ihr aber noch zu heiß vorkam,
ließ sie ib einstweilen stehen und fing
unterdessen an, mit bestem Appetit al
lerlei Leckerbissen zu verspeisen. Dabei
gebrauchte sie, wen es ihr nöthig er
schien, Messer und Gabel oder auch ge
lcgentlich einen Löffel.
Ganz menschlich benimmt sie sich,"
sprach die Kaiserin. Wenigstens bei
Tische erscheint sie gaaz civilisirt. Es
ist doch seltsam! Mir wird beinahe un
heimlich dabei zu Muthe."
Sie wandte sich an Cuvier. Herr
Baron," fragte sie, ist es wahr, daß
von einigen asiatischen Völkerschaften
geglaubt wird, es sei wirklich etwas
Menschliches in dieser sonderbaren Art
von Geschöpfen?"
Das ist wahr," versetzte der Ge
lehrte. Das Wort Orang-Utang be
weist es, denn es entstammt der Ma
layen - Sprache und bedeutet : Wald
mensch." Und was ist Ihre Meinung?"
Es ist nichts wahrhaft Menschliches
in diesem Thiere, nur Menschenähnli
ches. Die Sprache fehlt ihm; es kann
nur knurren und grunzen."
Aber dies sichere Benehmen am
Theetische! Das zeugt doch von Ueber
legung." Nein, Majestät. Es ist nur Nach
ahmungstrieb, Folge geschickter Dressur,
keine wirkliche Intelligenz."
Sind Sie dessen ganz sicher ?"
'.Ja."
Indessen giebt es Wilde, glaube ich,
die kaum auf einer höheren Stufe der
Kultur stehen."
Das könnte man glauben bei flüch
tiger Untersuchung. Geht man aber
giindlich zn Werke, so gelangt man zu
anderen Resultaten. Zwischen den höchst
entwickelten und menschenähnlichen Affen
und den denkbar niedrigst stehenden
Wilden Südafrikas oder Nordaustra-
liens bleibt noch immer eine breite
Kluft."
Cuvier setzte ihr dann weitläufiger
seine Meinung über die Sache auseiw
ander ln einem kleinen unterhaltenden
und geistreichen Vmtrag, und Lacepedc
betheiligte sich zustimmend hin und wie
der eifrig daran.
Alle lauschten aufmerksam der intev
essanten Belehrung, bis auf Fräulein
Dubois, welche sich gar nicht darum be-
kümmerte, obgleich der Vortrag sie per
sönlich betraf. Sie hatte gerade Ande
res zu thun. Der Thee, den sie sich
eingeichenlt, war nämlich genügend ab
gekühlt und sie schlürfte nun das von
ihr so geliebte Getränk mit ihrem ge-
wohnlichen Anstünde. Es war aber
auch wirkl ch Thee von der allerbesten
Sorte.
Unterdessen war Napoleon näher ge
treten, zuletzt ganz nahe z der sitzenden
Aeffin. Er sprach kein Wort. Höchst
aufmerksam schaute er mit seinem durch-
dringenden Blick Fräulein Dubois an.
Taun begann er mit seiner rechten
Hand ihre Kopf zu streicheln und zu
tät cheln.
Gewiß, etwas so Sonderbares und
Groteskes hatte man noch niemals im
Tuilerien-Schloffe gesehen: Der mäch-
tigfte Herrscher des Erdballs streichelte
eine große rothe, geputzte Aefnn!
Ein Augenzeuge schrieb darüber am
nächsten Tage folgende Betrachtung nie
der: Es war ein merkwürdiger Anblick,
wie der größte Feldherr der neueren
Zeit, der mächtige Kaiser von Frankreich
und Tiltator von Europa, einen Au
genblick die Regierungs-Sorgen vergaß,
um eine große rothe Aesfin zu beobach
ten und sie mit seiner Hand zu ftrei
cheln, welche so viele Königreiche und
Fürftenthrone zu erschüttern gewohnt
war. Die arme Aesfin, so klug sie
aussah, konnte doch die hohe Ehre nicht
begreijen, w.'Iche Napoleon der Große
ihr erwies!"
Ganz richtig! Fräulein Dubois
konnte das allerdings
nicht begreifen.
wie sich sogleich offenbaren sollte zum
allgemeinen Entsetzen der vornehmen
Gesellschaft. j
Tenn nachdem er ihr den Kopf ge
streichelt, erfaßte er das linke Ohr der
Acssin uud sing an, daran zu zupsen
und zu zerre.
Er that das nicht auf die zarteste Art.
Wie man weiß, fiel Napoleon Gala
terie dem schöne Geschlecht gegenüber,
ost ei wenig in's Brutale.
Fräulein Dubois knurrte und grunzte
unwillig. Solche eine Scherze ließ sie
neu iruher wohl vom Kapitän lM0inel
und spater von, Wärter Felix gefallen;
aber der kleine Man im grüne Rocke,
der sich jetzt Solches z thu erlaubte,
war ihr och eine gar zu neue Bekannt
,con,l.
Napoleon zupfte und zerrte vor
sichtigerwcise och stärker.
Knurrend und fauchend bezeigte die
große Acssin ihre steigernde Entrüstung
daruver. Ihren ibtt hatte sie antun
ten. Behutsam setzte sie die leere Tasse
auf den Tisch. Dann ei zorniges
Grunzen sie holte mit der rechten
yanb ans und versetzte blitz chnell dem
Kaiser eine so kräftige Ohrfeige, daß er
zurücktauinelte und beinahe auf den per
fischen Teppich gefallen Ivärc.
Allgemeine Bestürzung.
Eine Augenblick herrschte Todten
stille. Dann schrie Napoleon mit heisc
rcr, wüthender Stimme: Schafft das
verwünschte UngethUm hinaus! Ich will
die Bestie nicht mehr sehen!"
Und nachdem er dies hervorgespru
delt hatte, rannte er selbst zornig aus
dem walon und in ein anstoßendes Ge
mach.
Herr Felix, bringen Sie den Affen
weg," sagte die Kaiserin. Der Gras
v. Bauffet wird Ihnen süns Napo
leonsd'or sür Ihre Mühe auszahlen."
Eilends entfernte sich der Thierwärtcr
mit seiner Pflegebefohlenen.
Halblaut sagte im scherzenden Tone
der Erzkanzler zu den beiden gelehrten
Akademikern Cuvier und Lacepede.
Wahrlich, nieine Herren, sür Fräulein
Dubois ist's ein Glück, daß Sie vorhin
miffenschaftlich bewiesen haben, sie ge
höre zu den Thieren und nicht zu deni
Menschengeschlecht. Denn wäre Letzte
res der Fall, so hätte sie ein todeswür-
diges Verbrechen begangen, indem sie
sich thätlich vergriff an der Person
unseres Staatsoberhauptes. Solchen
falls müßte sie nach Paragraph 7 un
seres Strafgesetzbuches über Majestäts
bcleidigung vor Gericht gestellt und zum
Tode verurtheilt werden. Auf dcm
Grevcplatz würde man sie enthaupten.
Da sie aber nachgewiesenermaßen zum
Thicrreich gehört, kann ihr wegen ihrer
Missethat nichts Schlimmes widersah
ren." Recht hatte der scharfsinnige Jurist
und kluge Staatsmann. Schon nach
wenigen Minuten kehrte Napoleon lä
chelnd und heiter in den Salon zurück.
Sein Zorn war rasch verraucht. Er
scherzte und lachte nun selbst über den
Vorfall.
Im Uebrigen verlief dieser Thee
abend bei der liebenswürdigen Kaiserin
Josephine ebenso angenehm und ge
müthlich wie so manche andere.
Fräulein Dubois erlebte leider den
Winter nicht. Im Herbst brach die
Grippe oder Influenza in Paris aus,
welcher sie zum Opser fiel, weil bei ihr
eine Lungenentzündung hinzutrat. Von
einem geschickten Präparator wurde sie
sehr schön ausgestopst. Und in solchem
ausgestopften Zustande kann ma die
Heldin unserer Geschichte och heutigen
Tages in der naturhislorischen San-
lung l Jardin des Plantes bewundern
Unvermutet.
Humoreske von Fr. Zi,
Sie warteten aus den dritten Mann,
Alle Augenblicke öffnele sich die Thür
des eleganten Restaurants, aber der Er
sehnte kam nicht.
Ta wurde einem der Wartenden,
dcm schon recht kahlhäuptigen Legalions
rath von Winninger, ein Brief gebracht.
Er las ihn dem anderen Herrn vor:
Bedauere heute nicht zu unserem Scat
erscheinen zu können. Meine Damen
wünschen, daß ich sie zu der Reuter
Vorlesung Junkermann'S im Curhause
begleite."
Also der gute Präsident kommt
nicht!" sagte der Major von Ebersburg
ärgerlich. Was liest denn der Junker
mann heute so Schönes?"
Herr von Winninqer ergriff das ne
ben ihm liegende Badcblatt: Woans
ick tau 'ne Fru kaam!"
So, so, , das ist freilich für die
Frauen das schönste Thema von der
Welt," brummte der Maior.
Erlaubcu Sie, eS ist auch nicht nn-
interessant," meinte der Legationsrath,
.Sie, als Junggeselle, kennen das frei
lich nicht, aber ich weiß zu sagen, wie
sonderbar eS dabei oft zugehen kann.
Wenn e wollen, ever (freund, er
zähle ich Ihnen heute etwas davon."
.Schon thun feie das!"
.Also, Sie wissen, daß ich gleich nach
meiner Beravicyicoung hierher zog.
Schon damals ein wenig mit .Mond-
chein" behastn. etwas Gourmand, be-
quem und durchaus nicht hcirathsluftig,
war ich das Abbild eines richtigen
HaussreundeS. Ich verkehrte damals
viel im Hause deS Fabrikbesitzers Treu
mann.
Mit der Zeit siel eS mir aus, daß die
Frau Treumann mich st gedankenvoll
betrachtete, und mehr wie je darnach
ftrebte, mich an ihr Hau? zu fesseln, ihr
Wesen wurde unruhig und ungleich.!
Ost erzählte sie mir. daß ihr Gatte, den i
ich im Warzen seilen und nur aus Mi
nuten sah, kränkele und daß sie sich das,
Schicksal einer alleinstehenden Wittwe
schrecklich dachte.
Mir kamen allerlei sonderbare Jdccn.
Sollte mich Fra Trcumaun jetzt schon
zum Nachfolger ihres Mannes aSer
sehe haben? Das wäre allerdings stark
gewesen !
Ich blieb mehrere Tage ihrem Salon.,
fern, mir war es heimlich geworden.
Ei Briefchcn vo ihr: Wo stecken Sie,
lieber Freund? Wir erwarten Sie heute
bestimmt" veranlaßte mich, dann doch
wieder hinzligehen.
Als ich eintrat, fand ich den Salon
leer. Dann erschien Anna., das älteste
Kind des Paares: Die Mama läßt sich
entschuldigen, sie wird gleich kommen."
Ei, Aennchen," sage ich. ich habe
Dich Sie ja so lange nicht gesehen.
Sie sind aber recht groß geworden!"
Ich plauderte also mil dem ziemlich
dünne, eckigen und schüchternen Back
sischchcn. Als sie mich ansieht, bemerke
ich, daß sie ganz die blauen Augen der
Mutter hat. Ich lege scherzend meinen
Arm um ihre Taille, indem ich dies und
ähnliche harnilose Dinge ihr sage.
.Meine theuren Kinder, laßt mich die
Erste sei, die Euren Buud segnet!"
Ich fühle eine weiche Hand auf meinem
kahlen Schädel, der sich soeben z Aenn
chen niedergebeugt hat. Ich fahre em
por! Meine Freundin steht thränenden
Auges vor mir: Mein geliebter Schwie
gersohn!"
Donner und Doria, das ging schnell !"
schaltete hier der Major ein.
Ja, m der That! Anna stand auf
das Höchste verlegen uud überrascht vor
mir und jetzt kam auch Treunlnun, der
mit der Gattin zugleich eingetreten war,
auf mich zu: Ich hörte zu meiner
Freude, welche Absicht Ihren gütigen
Besuchen zu Grunde gelegn hat. Unsere
Anna ist freilich noch sehr jung"
Ja. sehr!" fuhr eS mir heraus. Ich
war wirklich im ersten Moment ganz
confuse. Also dies war der in's Werk
gesetzte Augenblick, der Alles umgcstal
ten sollte! Dann aber überlegte ich im
Stillen, daß mir dadurch eigentlich nur
Vortheile blühen würden. Die Schwie
germutter würde noch besser sür mich
sorgen, wie die Freundin und die Kleine
konnte ich mir ganz als gehorsame Ehe
frau ziehen ; ich sage Ihnen, es ist mir
auch herrlich gelungen!
So, nun wissen Sie, lieber Major,
woans ick tau 'ne Fru kaam." Und
ich kann nur jedem Freunde wünschen,
daß es ihnen nicht schlechter geht, als
mir ich habe ganz vermuthet einen
Haupttreffer in der Ehelotterie gezogen.
Schalljahre.
Die an einem 29. Februar Gebore
nen haben alle Ursache, ihren Geburt
tag in diesem Jahre mit besonderem
Glanz zu feiern, denn der nächste 29.
Februar tritt nicht in vier Jahren, so
dern erst wieder in acht Jahren, also
1904, ein. und angesichts dieses seltenen
(nirtltifs(a IwrlnTint ?3 firh ht Wtnpti
"'N"'II" . .,... v ,,, v.v v.ttv...
thümlichkkit der Schaltjahre in Erinne
rung zu rufen. Genau genommen,
braucht die Erde zu ihrer Bewegung
um die Sonne bekanntlich 305 Tage,
5 Stunden, 48 Minuten und 46 Se
künden, und so lange mußte somit jedes
Jahr sein, doch wäre es weniger prak
tisch, wenn nicht jedes Jahr mit An
fang des Tages begönne. Man be
gnügt sich deshalb gewöhnlich mit 305
Tage und macht, da die überschießen
den 5 Stunden, 48 Minuten und 46
Sekunden im Laufe von vier Jahren
fast einen Tag ausmachen, jedes vierte
Jahr zu einem Schaltjahre mit 366
Tagen. Dann kommt man indessen
wieder in der Zeitrechnung etwas zu
weit, denn in jedem Schaltjahre sind
44 Minuten und SO Sekunden oder fast
dreiviertel Stunde zuviel. So gering
fllgig dieser Zeitüberschuß nun auch ist,
so beträgt er doch im Verlaufe von 40g
Jahren 74 Stunden, 53 Minuten und
29 Sekunden, oder über drei Tage.
Diese drei Tage müssen also wieder
uutei gebracht werden, bevor 40 Jahre
verflossen sind, und dies geschieht da
durch, daß man einige Jahre, die sonst
chaltiahre sein mußten, dieser Eigen
schast entkleidet. Diejenigen Jahre.
deren Ziffern mit zwei Nullen schließen.
lind dayer keine kchaltiahre. sosern
nicht die Zahlen vor den Nullen durch
vier theilbar sind. Die Jahre 1900,
21. 2200, 2300 u. f. w. sind dem
nach keine Schaltjahre, dagegen Jahre
wie 200 und 24,). Es ist also ein
höchst ungewöhnliches Ereigniß, daß
zwischen zwei aufeinander folgenden
Schaltjahren ein Zeitraum von acht
Jakren liegt. Wir werden dies nicht
wieder erleben, und etliche nachfolgende
Generationen erleben es überhaupt
nicht, denn der nächste gleiche Fall tritt
erst wieder in 2 Jahren ein, nämlich
zwischen 2090 und 2104.
Naiv.
Bettlerin: .Bitte, schenken Sie mir
was, meine armen Kinder haben sonst
morgen nichts zu essen!"
Junge Haussrau: .Wie, eS ist doch
erst Freitag und Sie sind schon mit
Ihrem Haushaltungsgeld fertig?"
Verhinderung.
Freund: .Tu solltest Dich aber dock.
besser krisiren. Tu schauft ia aus mit
ein Wilder!"
Junger Ehemann: .Tu haft gut re
den, einen S Siegel haben wir nur und
von dem geht meine Frau den ganzen
Tag nicht weg!"
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