Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, July 25, 1895, Image 10

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    Der neue Diener.
Erzählung von Kurt Adel.
Nein, es ist doch jetzt ein wahres
Leiden mit dein Dienervolke !" eiferte
ffrau Eleanor, die junge Gattin des
sehr reichen deutschen Bankiers Schel
ing in New Zjork gegen ihre Schwester
Ethelred, welche auf einige Monate
zum Besuch bei ihr weilte. Wahr
baftia. ich werde noch den Tod davon
haben ! Kein Tag vergeht ohne Aerger !
Nun müssen wir wieder den Kaner
diener entlassen !"
Fräulein Ethelred, welche soeben von
einem Spaziergange zurückkehrte, legte
gemächlich ihre Pelzstulpen und Hirnb
schuhe ab.
Weswegen niuß er denn entlassen
werden?" fragte sie, über die Erregung
ihrer Schwester ein wenig lächelnd.
Weswegen? Weil er ein grober
Mensch ist. weil er ,,st) nicht zu oeney
men weiß, weil er sich den Anordnungen
Widersetzt ! Mein Himmel, welche Arten
don Menschen haben wir nun schon ver
sucht! Alle möglichen Nationalitäten,
ausgenommen die Chinesen; und diese
wären vielleicht noch die besten, wenn sie
nicht so grundhäßlich aussähen ! Irinn
der, Franzosen, Deutsche, Schweizer.
auch Farbige haben wir gehabt. Bei
allen war irgend etwas, das sie uner
träglich machte. Die Schwarzen hatte
keine Lebensart, die Jrländer tranken,
die Franzosen stahlen und waren un
treu, nun und die Deutschen waren von
ÄVem etwas, nur keine exakten Diener,
am wenigsten Tafeldecker. Und wen
wird Georg nun bringen? Wahrschein
lieft, wieder solch' einen widerwärtigen
Jrländer, für diese hat leider Georg
noch den meisten Geschmack. Ich er
stehe es nicht ich bekomme noch graue
Haare über diese ewig brennende Frage !
Haft Du noch keine bemerkt, ilbi?"
Was denn?"
Graue Haare, meine ich !"
Ach. Tuträumftwohl. EU! Mache
Dir doch nicht unnöthige Kopfschmer
zen ! Georg wird schon diese sogenannte
brennende Frage erledigen. Sage, wer
det Ihr noch am Fünfzehnten das Diner
geben?"
Da hast Tu es ja wieder !" eiferte
Rleanor. Ob wir das Diner geben
können, das hängt ganz davon ab, was
für einen Kammerdiener und Tafeldecker
wir haben werden. Doch jetzt kommt
Georg ! Nun-werden wir ja hören, was
er aufgefischt hat!"
In den nächsten Augenblicken trat
der Bankier ein.
Nun, Georg?" fragte seine Ge
mahlin. Ich hab' einen," erwiderte der Ban
kier. Aus seinem Tone konnte Frau
Eleanor keine besondere Befriedigung
heraushöre.
Wahrscheinlich einen Fißpatrick!"
bemerkte sie niit einem Ausfluge von
Spott.
,ein, das nicht."
Einen Franzosen, frisch aus Paris,
wie?"
, Nein, einen Deutschen."
So, hm! Nun, da wirft Du recht
schön angekommen -sein ! Ich gratulire !"
Ja, aber was willst Tu denn?" er
widerte der Bankier niit komischem
Eifer; soll ich niir vielleicht eine Roth
haut kommen lassen?"
Gute Zeugnisse hat er natürlich",
fuhr Frau Eleanor dann fort.
Nein, gar keine,"
Sie schlug erstaunt die Hände zu
sammelt.
Keine Zeugnisse ! Nun Georg, Tu
scheinst Dein Silberzeug und Deine
Uhren, Deine Ringe und so weiter wirk
lich sehr lieb zu haben !"
Ah bah! Er wird nicht stehlen!
Wenn er nicht eine grundehrliche Haut
ist, dann verstehe ich mich überhaupt
nicht auf Menschen."
Tarin könntest Tu wohl Recht
haben", spöttelte Eleanor.
Tanke, gnädige Frau!" erwiderte
der Bankin im Scherztone. Aber
ernstlich, der junge Mann mag noch
etwas grün sein, gut sieht er unbedingt
aus und hat auf mich einen sehr günsti
gen Eindruck gemacht."
Nun. ich will ja hoffen, daß Du
Dich nicht täuschtest. Georg. Aber Tu
erinnerst Tich doch noch an den französi
jchen Adonis oder Narciß, den wir hat
ken der Tir heimlich in den Schreib
tisch gegangen war. Also was das
Gutausschen betrifft .... Ueberhaupt
Tu scheinst diese ewig brennende Frage
zu leicht zu nehmen, (iieorg !" redete sich
die kleine Frau von Neuem in Eifer.
.Ich begreife nicht, wie Tu einen Die
ner ohne die besten Zeugnisse in's Haus
bringen kannst !"
Aus dem gleichen Grunde, liebes
Kind, den Tu dattcst. als Tu neulich
sagtest. Tu wolltest nächstens eine
Atheistin durch die Zeitung suchen,
nachdem Tu nun alle Religionen in
Hausmädchen probirt hast. Ich bade
meinerseits genug von diesen abge
schliffcnen, abgefeimten Subjekten, die
in zwanzig oder dreißig aristokratischen
Häusern servirt haben und die Nase wo
möglich über ihre Herrschast empor
strecken. Mit Wilhelm Sernau, den ich
engagirk habe, ist dies nicht der Fall: er
bat das Gesicht eines ehrlichen, gesetzten
Menschen und mir versprochen, in Allem
willig sein zu wollen und fleißig zu ler
nen, was er etwa noch nicht tonne.
Tas heißt, daß ich die LeKnncisterin
zu sein habe?" sagte Frau Eleanor mit
einem halb humoristischen, halb spot
tenden Hüsteln,
Ihre Schwester schien nun dieses Hin j
übers und Herüber über Dienstboten
niüde zu sein, sie lenkte die Uiitcrhal
tung aus ein anderes Gebiet und damit
war das Thema beseitigt.
Ani nächstfolgende Tage stellte sich
Wilhelm Sernau der Tanie des Hauses
vor. Sein Benehmen war bescheiden,
aber von einst gewissen vornehmen Ge
wandtheit, wie es Leuten von guter Er
zichniig eigen zu sein pflegt. Er war
ein schlanker, kräftig gebauter Mann
von etwa 28 bis 30 Jahren mit sehr
angenehmen Gcsichtszügcn. Der Bart
auf der Oberlippe war anscheinend ganz
frisch wcgrasirt. Die Kleider, die er
trug, waren schon etwas verschabt, aber
sehr sauber und von guten Stoffen. ,
Frau Eleanor war, ganz gegen ihre
Grundsätze, in der ersten Stunde für
diesen neuen Diener eingenommen.
Es ist eigentlich nicht unser Ge
brauch," sagte sie. Jemanden ohne
Zeugniß oder sonstige gnte Empsehlun
gen zu engagiren. Wir setzen großes
Vertrauen in Sie, indem wir bei Ihnen
von der Regel abweichen."
Ich sehe das ein, gnädigste Fräu",
erwiderte der Kammerdiener, und bin
von Dank erfüllt für so viel Güte. Ich
hoffe, Ihnen bald in Allein zu genügen,
ja, mir Ihre gnädige Zufriedenheit zu
erwerben."
Wir werden sehen," bemerkte die
Dame des Hauses gemessen. Sie habe
bei uns sehr mannigfache Aufgaben,
von der Instandhaltung des Weinkellers
bis zur Bewachung und Reinigung des
Tafelzeuges. Haben Sie schon viel
Uebung in der Bedienung bei Tafel?"
Nicht viel, gnädige Frau", antwor
tcte Sernau ein wenig befangen.
Die werden Sie sich aber aneignen
müffen."
Gewiß, das soll geschehen."
Wo waren Sie zuletzt beschäftigt?"
Der Diener zögerte einige Momente.
Auf einem Landgute", antwortete
er dann in einer Weise, welche erkennen
ließ, daß er über diesen Punkt nicht
gern weiter ausgeforscht zu werden
wünschte. Tann aber setzte er rasch
hinzu: Ich diente einem Herrn in
Wyoming."
O, so weit !" rief Frau Eleanor.
Sie hatte eigentlich die Absicht, dem
Diener über seine auffallende Zurück
Haltung ihre zweifelnden Bedenken zu
äußern, aber seine Manieren verhinder
ten sie daran, ja, sie hatte die Empfin
dung, daß jede weitere Ausforschung
sllr den Mann beleidigend sein würde.
So begnügte sie sich damit, ihm In
struktionen zu ertheilen und ihm aus
einanderzusetzen, was von ihm erwartet
werde.
Sernau zeigte große Aufmerksamkeit
und einen Eifer der Willigkeit, der von
dem üblichen Gebühren eines gewöhn
lichen Bedienten entschieden abwich.
Aber trotz all' dieses Eifers hatte er in
seinem Wesen immer einen ersichtlichen
Zug von scheuer Zurückhaltung, als ob
er irgend etwas zu verbergen hatte, oder
seiner Unzulänglichkeit sür den Dienst
sich gewiß sei. Im Ganzen machte er
so entschieden den Eindruck der feinsten
Wohlanständigkeit, daß die sehr ver
wähnte Dame die günstigste Meinung
über seinen Charakter in sich aufnahm.
Die nächste Mittagstafel, bei welcher
Sernau aufzuwarten hatte, erwarteten
Frau Eleanor und ihre Schwester mit
lebhafter Spannung, wie der neue
Diener wohl dabei sich machen werde.
Sernau zeigte sich etwas unruhig, sast
nervös. Er machte keinen eigentlichen
Fehler, aber seine ganze Art und Weise,
zu bedienen, wich doch deutlich von dem
Wesen eines routinirten Tafeldeckers ab,
und entschieden komisch r.ar es, wie
Sernau die Servietten ausgelegt hatte.
Er hatte Figuren daraus zu machen ge'
sucht, die aber aussahen wie eingestürzte
Häufchen und Karikaturen künstlicher
Serviettenformen. Tarübermußte selbst
der meist sehr ernst gestimmte Bankier
still lächeln.
Fräulein Ethelred fand sowohl die
Gestalt, wie die Manieren des neuen
Dieners bewunderungswürdig. Offen
bar hatte man es in ihm mit einem
sehr anständigen und für seine Stellung
gebildeten Menschen zn thun, dem viel
leicht an der Wiege nicht gesungen wor
den war, daß er einst Bedienter sein
werde.
Frau Eleanor fühlte sich mehr befrie-
digt, als sie gedacht hatte. Es blieb ja
in den feinen Formen der Bedienung
noch Manches zu wünschen, aber selbst
was dem Manne unbeholfen war, war
weit entfernt davon, den Eindruck der
Plumpheit zn machen, es sah sich hübsch
an. Alles in Allem war Sernau ein
ganz netter Tiener, und wenn sein
Eharakter ausrichtig war, dann, das
mußte sie sich eingeftehen, hatte ihr Ge
mahl diesmal einen Treffer gemacht.
Nach der Tasel begab sich die Dame,
als sorgsame, aber auch neugierige
Hausfrau, in die Silberkammer, um
zu feden, wie der neue Tiener sich bei
der Ausbewahrung des gebrauchten
Taselzeuqs anlaste. Da sah sie mit
heller Bewunderung, daß Sernau eine
ganze Reihe silberner Teller und Platten
ringsherum am Boden an die Wände
gelehnt hatte.
.Zöas haben Sie denn da gemacht,
Sernau?" fragte sie.
Der Tiener blickte die Tame sehr be
treten an.
Entschuldigen gnädige Frau." sagte
er : ich habe das Silberzeug gewaschen
und wollte es etwas ablausen lasten.
Habe ich das falsch gemacht?"
.Ja freilich! Silberzeug darf man
nicht unadgetrocknet Innen. Zum Trock
nen und Polinn sinken 2it Tücher dort
im Schranke."
Sernau wurde roth im ganzen Ge
ficht und Frau Eleanor hatte Mitleid
mit seiner Verlegenheit.
Ich bitte um Verzeihung!" stam
melte er: im fernen Westen wird man
leider recht tölpisch. Auch hatten mir
dort wirklich nicht viele Tücher im
Hanse. Ich danke Ihnen verbindlichst
für die verdiente Zurechtweisung, gnä
dige Frau! Künftig werde ich die
Tücher nehmen. Es soll nicht wieder
vorkommen."
Nun, es sollte ja keine Zurcchtwei
sung sein," lenkte Fran Eleanor mild
ein. Keine Tücher im Haus, sagen
Sie? Nun, das muß bei Ihrem frühe
ren Herrn eine sonderbare Wirthschaft
gewesen sein. Da ist es ja kein Wun
der, das Sie nicht wußten, ivie man es
hier zu Lande macht. Aber fragen Sie
nur ungenirt, wenn Sie irgend etwas
nicht wiffen. Ich werde Ihnen recht
gern jede Anleitung geben."
Besten Tank, gnädigste Frau!"
sagte der Tiener Mit einer vollendeten
Verbeugung. Ich werde mich gewiß
ernstlich bemühen, Alles gehörig zu
lernen, um Ihnen ein guter und treuer
Diener zu werden."
Einem so höflichen Benehmen gegen
über,, das nicht das Mindeste von be
dientenhaster Kriecherei an sich hatte,
war es fast die Gebieterin, die in Ver
legenhcit kam, Sie hätte sich sagen
mögen, daß es eigentlich eine Bürde sei,
mit einem Menschen, dessen bezahlte
Dienste nian erwartet, so viele Umstände
zn machen, ,und doch widerstrebte ihr
Taktgesühl diesem Gedanken. Gewiß
war es das erste Mal, daß die Frauen
des Hauses, Eleanor und ihre schöne
Schwester, einen Tiener zum Gegenstand
ihrer östern Unterhaltung machten; ja,
noch mehr, selbst wenn sie andere vor
nehme Frauen zum Besuch hatten, spra
chen sie mit Ernst oder Humor von dem
neuen Tiener und theilten kleine Episo
den aus seinem Verhalten mit.
Beobachten Sie ihn nur genau,"
konnte dann die Tame des Hauses
sagen, er hat ganz die Manieren eines
Gentleman und in fast allen kleinen
Verrichtungen seines Dienstes ist er un
geschickt wie ein junger Bauer. Er muß
sich nngeheure Mühe geben, wen er ei
Tafeltuch oder eine Serviette ordentlich
zusammenlegen will."
Indeß entfaltete Sernau thatsächlich
den größten Eiser, das was ihm zu
einem gewandten Tiener fehlte, sich an
zueignen. Um sich nicht das Mißfallen
der Herrschaft zuzuziehen, war er so
klug, das Stubenmädchen durch sein
freundliches Wesen zu entzücken, um sie
in Zweifelsfüllen um Rath zu fragen,
und die Folge davon war, daß ihm die
junge Schöne mit wahrhast aufopfern
der Liebenswürdigkeit an die Hand ging
und mit größerem Eifer ihm, als der
Herrschaft diente. Vielleicht wer
weiß! " dachte sie in der Tiefe ihres
leichtcmpfänglichen Herzens, ist dieser
reizende Mann einmal für mich be
stimmt !"
Der Bankier Schelling, ein kompleter
Geschäftsmcnsch, empfand eine große
Genugthuung über den glücklichen Griff,
den er gemacht hatte, und bereitete sich
öfter das Vergnügen, seine Gemahlin
wegen ihrer anfänglichen Bedenken auf-
zuziehen.
Glaubst Tu noch, Elly, daß der
Dein Silberzeug nehmen wird l fragte
er mit ironischem Lächeln.
Ta aber nahm Eleanor's Gesicht
einen sehr ernsten Ausdruck an.
Es mag wohl sein, daß ich mich ge
irrt habe," erwiderte sie, nnd das soll
mich freuen. Wenn Tu jedoch nicht
blind bist, wirst Tu bemerken, daß die
ser Mensch nicht zum Bedienten geboren
ist. Er hat das Betrage eines gcsetz
ten, bis in's Kleinste rücksichtsvollen
Weltmannes, aber das schließt doch nicht
aus, daß er ebensogut ein verkappter
Ränberhauptinann, als ein verunglück
ter Edelmann sein kann."
Na, na!" versetzte Schelling lachend.
Nehmen wir ihn bis auf Weiteres als
das, was er ist und augenscheinlich mit
Ernst sein will einen willigen und
sehr erträglichen Kammerdiener nnd
Mann für Alles. Ich sehe zum Bei
spiel, daß er mit Weinen wie ein seiner
Kenner umzugehen weiß. Er ist also
auf alle Falle eine werthvolle Acquisi
tion." Bald machten die beiden Damen des
Hauses eine neue Entdeckung: man ver
mißte ost Zeitungen nnd Zeitschristen
verschiedener Sprachen vom Lesetisch
und das scharfe Auge der Gebieterin
entdeckte dieselben dann stets irgendwo,
wo Sernau sich aushielt, in der Silber
kammer, oder im Wartezimmer, oder
selbst in seiner eigenen Stube. Mit
unter geschah es, daß aus der Bibliothek
ein gelehrtes oder dichterisches Werk in
englischer, oder französischer, oder deut
scher Sprache fehlte: dann hatte sie sich
sicher der Diener geliehen, um heimlich
darin zu lesen.
Wenn er diese Bücher versteht und
Geschmack daran findet." sagte Ethelred.
dann dürste wohl seine Bildung nichts
mehr zu wünschen übrig laffen und Ihr
habt in ganz New Zjork den Vorzug, das
Xon plus ultra eines Tienftmannes
zu desißen." j
Eines Tages hatte Frau Eleanor unj
ter anderen Freunden ein junges Ehe
paar zu Tische, sür welches sie sich ganz
besonders interef jirte: es war eine ihrer
reichen Jugendfreundinnen, welche sich
mit einem' Attache der deutschen tj
sandtschast vermählt und kurz zuvor ihre
pompöse Hochzeit gefeiert batte. Ter
Attache, von gutem deutschen Adel, aber
ohne Vermögen,' besand sich erst seit
etwa einem Jahre in Amerika. j
So stolz nun die Bankiersfrau stets
auf ihre Tafclarrangemeuts war. ge
rade an diesem Tage hatte sie Ursache,
unzufrieden zu sein: Sernn zeigte sich
zerstreut, besangen, sogar nachlässig.
Er war immer bemüht, möglichst rasch
wieder aus dem Speisesaal und den Ge
sellschaftszimmcrn zu kommen, fast als
ob er sich schämte. Bedienter zu sein.
Der Bankier selbst beobachtete ihn
und glaubte, zum ersten Male, daß
Sernau heimlich im Weine des Guten
zu viel gethan habe; doch kam er bei
fortgesetzter Beobachtung von diesem
Argwohn ab: Sernau war so vollst
big nüchtern, wie er sich stets gezeigt
hatte. Sein abweichendes Benehmen
schien auf irgend eine geistige Jndispo
sition zurückzuführen zu sein. Indeß
wurde Schelling's Aufmerksamkeit durch
anZere Dinge abgelenkt und er schenkte
dem Diener keine weitere Beachtung.
Etwa zwei Monate später erhielt eines
Tages der Bankier ein Schreiben von
der deutschen Gesandtschaft in Wash
ington mit der höflichen Anfrage: ob er
nicht Auskunft gebe könne über einen
Herrn von Harro aus Deutschland, von
dem man zu glauben Krnnd habe, daß
er sich in den Vereinigten Staaten auf
halte. Schelling erwiderte auf dies
Schreiben mit gleicher Höflichkeit, daß er
nicht das Vergnügen habe, den genann
ten Herrn zn kennen, also auch keine
Auskunft über ihn geben könne.
Bald darauf kam aber ein zweites
Schreiben von derselben Gesandtschaft,
und diesmal hatte der Attache, welcher
die Jugendfreundin der Fra Schelling
geheirathct, ein Billet beigefügt, des
Inhalts: Wenn ich nicht sehr irre, habe
ich selbst diesen Herrn von Harro, ehe
maligen preußischen Gardeoffizier, in
Ihrem Hause ein- nnd ausgehen sehen."
Dies Billet nahm der Bankier mit in
seine Privatwohnung und bei Tische
theilte er seiner Gemahlin und Schmä
gerin in den seltsamen Fall mit.
Die Geschichte wird mir bald lästig,"
sagte er. Wenn ich den Herren einmal
erkläre, daß ich einen Herrn von Harro,
ehemaligen preußischen Gardeofsizier,
nicht kenne, so ist das doch ein für alle
mal genug!"
Sernan, der in demselben Augenblick
eine Speiseschüsscl auf die Tafel stellen
wollte, ließ dieselbe fast fallen und war
augenscheinlich sehr betreten. Dem Ban
kier entging dieser Umstand nicht.
Ich möchte wetten," sagte er, als
Sernau den Salon verlassen hatte, die
ser Sernau weiß etwas über den gesuch
ten Herrn von Harro."
Aber es schickt sich doch wahrlich
nicht, ihn, den Diener, darüber auszu
fragen," erwiderte Frau Eleanor.
Wenn er wirklich etwas weiß, wird er
wohl Gründe haben, darüber zu schwei-
gen."
Zwei Tage später langte indeß ein
drittes Schreiben von Washington an.
Ich habe nun," schrieb derGesandte,
eine direkte Handhabe erhalten, die
mich dem Zwecke näher führt. Wie ich
höre, haben Sie einen Diener, welcher
über den gesuchten Herrn genau Aus
kunft geben kann, wenn eres nicht selbst
ist. Da die Sache insofern von Wich
tigkcit ist, als es sich darum handelt,
den Erben des letzthin ohne Testament
verstorbenen Herrn von Harro, eines
Besitzers von bedeutenden Gütern in
Preußen, ausfindig zu machen, so bitte
ich Sie, in dieser Richtung freundlichst
Recherchen anstellen zu wollen."
Schelling gerieth durch diese Mitthei
lung in große Ausregung. Wie, wenn
sein Bedienter selbst der gesuchte Erbe
bedeutender Güter war? Es tam ihm ein
Helles Lachen an, als er sich das Bild
ausmalte, welches sich darstellen würde,
wenn seine Vermuthung begründet war.
Er begab sich sosort in seine Wohnung.
Seine Frau und Schwägerin waren
ansgefahren. Er drückte auf den Klin
gelknopf.
. Sernau erschien mit gewohnter Rasch
hcit und Devotion.
Sagen Sie, Sernau, begann der
Bankier, haben Sie jemals von einem
Herrn von Harro gehört?"
Ich glaube, gnädiger Herr, daß
dies hier im Hause vor zwei oder drei
Tagen geschehen ist," antwortete der
Tiener.
Aber haben Sie diesen Herrn selbst
gesehen?"
Jawohl in Wvoming." :
Nun, es wäre für den Herrn sehr j
gut, wen man ihn ausfindig machen '
könnte."
Wie so, gnädiger Herr?" fragte!
Sernau, die Farbe wechselnd.
Weil er, wie mir der dentsche Ge-!
sandte schreibt. Titel und Güter seines !
verstorbenen Onkels geerbt hat, aber
man kann ihn nicht finden."
Wahrhaftig? Ist der Alte todt?" !
rief Sernau in ganz verändertem Tone, j
Und mich hat er zum Erben eingesetzt I
mich?"
Also war meine Vermuthung doch ,
richtig," versetzte der Bankier gelaflen.
.Sie selbst sind der Gesuchte. Ihr!
Rame ist nicht Sernau. Sie haben
mich getäuscht."
Es ist wahr." erwiderte der Tiener, !
ich heiße nicht Serniu und ich bin kein :
richtiger Bedienter, also in dieier Hin
ficht habe ich Sie getäuscht; aber die
Entschuldigung dürste mir doch nicht!
schwer werden, Herr Schelling. Tie
Vtrhältnine lagen sür mich so unqün
stig, daß ich, nach mannigsaan Wech .
sel'allen, bis zum Tiener herabsinlen
mußte. Ich war infolge meines Leicht I
gnns. besonders beim Spiel, turchter
lich in Schulden gerathen. Mein On
kcl erklärte, nichts mehr für mich thun ,
zu wollen, ja, er sprach seinen festen
Entschluß aus, daß er ei Testament zu
meine, Nachtheile machen werde nie
solle ich einen Pfennig von seinem Ver
mögen erhalten, das schwur er mir,
Ich mußte meinen Abschied nehmen
und ging mit einer elenden Summe
nach Amerika. Hier aber, das werden
Sie begrcisen, hatte ich die Pflicht,
meinen Name zu schonen ich nah,
einen anderen an. Sie werde mir
das Ziigcständniß nicht versagen, daß
ich bestrebt gewesen bin, eine brauchbare
Dienstperson z sein, nnd ich keine Ah
nniig hatte, daß mir noch ein besseres
Glück blühen werde, so war es auch
mein fester und völliger Ernst, ein guter
Diener zu sein. Das ist nun, Gott sei
gelobt, vorbei. Ich danke Ihnen sür
jede Rücksicht, die Sie mir haben zu
Theil werden lasse, aber gleichzeitig
bitte ich nun, mich ohne Weiteres ans
Ihrem Dienste zurückziehen zu dürfen,
um alle Verlegenheiten abzuschneiden,"
Beide Männer blickten einander an
und wie aus eine Eingebung brache
Beide in ein Lachen aus. Schelling
zeigte sich sogleich als Mann von Bil
dung und Herr der Situation.
Laffen Sie uns Platz nehmen, Herr
von Harro," sprach er nun.
Danke," erwiderte der glückliche
Erbe; ich bin gewohnt, zustehen,"
Beide unterhielten sich noch einige
Minuten.
Sie erinnern sich wohl noch jenes
Tages," sagte der Bankier, als der
Gcsandtschastsattache bei uns zu Tische
war."
Das war ein Bekannter von Berlin
her," erwiderte Herr von Harro; da
her ,meine Verlegenheit, meine Angst
vor Entdeckung."
Und ich hielt Sie damals sür be
rauscht", sagte der Bankier lachend,
Doch jetzt will ich Sie nicht länger in
dieser gezwungenen Situation zurück
halten. Ich möchte fast sagen: es ist
gut, daß meine Damen abwesend sind.
Wenn Sie uns morgen oder an jedem
Ihnen beliebigen Tage besuchen und
ich bitte darum ! dann werden wir
uns auf gleichem Fuße begrüßen. Und
jetzt noch etwas Geschäftliches. Ich biete
Mmm keinen rückständigen Lohn an,
nach meinem Gefühl wäre dies in diesem
Momente eine Beleidigung für Sie.
aber gleichwohl müssen Sie unter
uns gesagt fortan gut bei Kaste sein,
aus lautend Gründen. 'a st nun
doch wohl zunächst mich als Ihren
Freund betrachken werden, so gestatten
Sie mir, Ihr Bankier zu sein und
Ihnen eine Vorschußsumme zn über
geben "
Dies Anerbieten acceptire ich", er
klärte Herr von Harro in heiterster
Laune.
Der Bankier Übergab ihm sogleich
zweitausend Tollars nnd der enthüllte
Edelmann empfahl nch bis auf Weiteres,
Eine Stunde später kehrten die beiden
Tarnen heim. Ter Abend dämmerte
bereits.
Was soll das heißen warum
brennen die Lampen noch nicht?" rief
Frau Schelling. Sernau ist doch sonst
nie so nachlässig gewesen.
Sie klingelte heftig. Das Stuben
Mädchen erschien.
Wo ist der Diener?" fragte die Ge
bieterin scharf.
Ausgegangen", antwortete das Mäd
chen verdrießlich. Er ist mit dem
Herrn fort."
Mit dem Herrn fort? Wie sonder
bar !"
Ja. und er sagte, er werde nicht
wiederkommen als Diener."
Nun, da haben wir's ja !" eiferte
Frau Schelling. Das ist das Ende
vom Liede ! Es ist Einer wie ver An
dere ! Wird sich wohl etwas Arges her
ausgestellt haben, vielleicht gar ein Un
tcrschleif !"
'C, sprich nicht so !" entgegnete Ethel
red entrüstet. Zunächst kannst Du
gar nicht urtheilen. Es wird sich her
ausgestellt haben, daß er kein richtiger
Bedienter ist,"
Ein Gauner wahrscheinlich !" eiterte
die Herrin des Hauses.
Aber doch ein liebenswürdiger leben-
saus !" lentzte tyre Schwester.
Tann lehrte der Bankier zurück.
Nun." ries ihm seine Eiemahlin ent
gegen, haft Tu ihn entlarvt?"
Jawohl", antwortete Schelling ge
lasst.
Also wieder einmal eine arge Ent
täuschung !"
Jawohl eine sehr starke", versetzte
der Bankier.
Siehst Tu! Tas kommt davon,
wenn man Diener ohne Zeugniffe enga
flirt ! Nun sitzen wir da und können lins
die Tafel selbst decken !"
Ja. ein Herr von Harro, Be
sttzer mehrerer Rittergüter, konnte sie
uns doch nicht weiter decken !" sagte der
Bankier lächelnd.
Tie beiden Tamen machten große
Augen.
So erzähle doch!" drängte Frau
Eleanor. !
Ter Bankier löste nun endlich das,
Tiegel von seinen Lippen und machte
den Staunenden die nöthigen Mitthei ,
lunqen.
Ich habe stets so etwas geahnt," be
hauplete Ethelred.
Und hast Tich weidlich über ihn
lustig gemacht !" spottete ihr Schwager.,
.Was ich jetzt natürlich bedauere."
bemerkte die junge Tame etwas nieder
geschlagen.
Am folgenden Tage machte fHrt on
Harro, neu equipirt, den Damen seine
Autwartung. j
Ich bitte tausendmal um Ver-i
zeihang, gnädige -trau," sprach er mit
feinster Höflichkeit. Sie wiffen, man
macht au der Noth eine Tugend, Da
habe ich gethan und ich tß aufrichtig
bedauern, daß ich leider eine Illustration
zu Ihrer Ueberzeugung von der Untaug
lichkeit aller Kammerdiener habe liefern
müssen,"
In diesem Falle ist meine Ucbcrjcu
gung wenigsten nicht von unangeiieh
mein Nachgeschmack," erwiderte Fra
Schelling lachend, Sie waren wirk
lich ein sehr netter Diener. Wollen Sie
ein Zeugniß darüber haben?"
Beide lachten herzlich über diesen
Scherz, Ethelred hatte sich in erster
Stimmung abseits gehalten. Herr von
Harro trat mit ritterlichem Anstand auf
sie zu und neigte sich vor ihr.
Gnädiges Fräulein," sprach er mit
einer gewissen Feierlichkeit, ich kann
nicht von hier gehen, ohne Ihnen zu ge
stehen, daß ich Ihrer Gegenwart, Ihrem
Anblicke nnd Ihrer Güte einige der
schönsten Monate meines Lebens ver
danke. Ich werde Ihnen, wie Ihrer
verehrungswürdigen Fra Schtvester
stets die dankbarste Erinnerung beinah
ren. Leider," fuhr er in tiefer Bewe
gung fort, wohne ich i Zukunft zu
weit, um Sie einladen z können, meine
Heimath durch Ihren Besuch zu be
glücken, und dennoch o, Fräulein
Ethelred, können Sie vergessen, daß ich
hier die untergeordnete Rolle eines Die
ners spielen mußte?"
Das Mädchen erhob rasch ihren Blick
zu dem seinigen, dann sank er wieder
und sie reichte ihm ihre Hand; er hielt
diese einige Momente und er fühlte, wie
diese kleine zarte Hand zitterte.
Darf ich wiederkommen?" fragte er
mit leiser Stimme an ihrem Ohr.
Sie antwortete nicht mit Worten,
aber er verstand ihre Bewegung. Er
kam noch einmal am nächsten Tage und
da wurde, in Gegenwart des Bankiers,
eine fröhliche Verabredung getroffen.
Nach einem halben Jahre kam Herr von
Harro wieder und feierte niit der schönen
Ethelred seine Vermählung. Die Hoch
zeitsreise führte auf eines seiner reichen
Güter, wohin der Bankier und seine
Gemahlin, um einmal den europäischen
Kontinent zur Erholung zu besuchen,
das junge Paar begleitete.
lic liamante der Modjeska.
Ein charakteristisches Geschichtchen er
zählt Mr. H. I. Sargent, der srüherc
Manager der Modjesla, von den Dia
manten dieser berühmten polnischen
Tragödin, Diamanten? Ja, wie wir
im Fifth AveneThcatcr in New-Zjork
spielten, da war wahrhaftig nicht an
Diamanten zu denken. Ta waren wir
froh, daß wir satt zu beißen hatten.
Schließlich aber, als mir in Montreal
ankamen, ging's und doch so gut, daß
ich einen Ueberschuß von fünfzig Tol
lars hatte. Fünfzig Tollars, ein Per
mögen. Wir bummelten also eines
schönen Tageö, es war der Tag unserer
Ankunft, in den Straßen von Montreal.
In der Kingstrect bleibe ich mit einem
Ausruf stehen: Teufel, sind das Bril
lantcn ! Die möchten Sie wohl haben?
was?" Das will ich meinen," sagte
Moöjeska, aber dazu werd' ich wohl
im Leben nicht kommen." Ach," sag'
ich, wir wollen hinein und fragen,
was das Ding kostet. Wenigstens
sieht's so aus, als könnten wir's kau
sen," Wir also 'rein. Was kostet
das Kollier draußen?" fragte ich mit
einer Miene, als gehöre die ganze Welt
mir und als seien die Brillanten nur
ein Pappenstiel. Die?" fragte der
Juwelier. O, eine Kleinigkeit.
Sechszig Tollars." Wie?" frageich,
denn ich glaubte falsch gehört zu haben.
S'chszig Tollars," entgegnete er wie
der, denn es ist Imitation." Hm,
wenn Sie sie fiir fünfzig geben, nehme
ich sie." Topp," und die Brillanten
gehören mir, das heißt ihr. ..Nein,
diese Verschwendung." sagte die Mod-
lesia, nannt aber das Rolltet dennoch
glückstrahlend an. Im Gegentheil,
unser Glück ist gemacht," Und es
war's. Der Schmuck wurde in eine
eiserne Kassette gethan und ich ging
aufs Polizeibureau. Bitte kann man
mir zwei Mann geben, um das Brillan
tenkollier zu bewachen, das der Kaiser
von Rußland der Modjeskn geschenkt
hat?" Allgemeines Staunen. Ter
schmuck erregte bei der Voliiei Sen-
sation. Die zwei Mann werden gegen
je einen Dollar vr, Taa bemilliat. die
Geschichte kommt in alle Zeitungen und
die Modjeska ist mit einem Schlage
berühmt. Jetzt erst wird ibre Kunst.
ihr Genie, ihr Talent anerkannt, und
ihr Glück, unser Glück, ist für alle Zci
ten und mit einem Kostenauiwande von
50 Tollars gemacht.
Wie schwer i eine ütttmoiivtl
Aus Mainz schreibt man der Frkf.
Ztg." : Tiefer Tage wurde in der Ma
schinenwerkstatte der hessischen Ludwigs
eisenbahngekellschast die Vcrwiegiing
einer der Güterzugslolomotiven neuester
Eonftruktion vorgenommen, um das
Gewicht derselben in voller Ausrüstung
zu ermitteln. Tie Verwieg ergab,
daß die Maschine allein 48 Tonnen oder
fM) Eentner wog. der Tender sammt
dem Kohlenvorath und dem Basier wog
28 Tonnen oder 5io Eentncr. mitbin
wog die Lokomotive in voller Ausrüstung
V'2 Eentner der l',2. Psund.
fassend.
Warum hat denn der Herr Ane
den schrecklich häßlichen Menschen ;::,
Braimudrer gewählt ?" M gi
-la. tüsift Tll lVr m.lr ifcmt iw'.r i
Duellen sein Sekundant.-