Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, March 07, 1895, Image 9

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    ka
Ein Lastnacht5fcherz.
Novetlelie von Gustav t itx H.
.Aber, Cnr'qacta, hin (Srcßtant ist
doch rua schon seit r.un dJtcnolcn
tobt
.Ganz recht, ober du weißt, w! fhng
Papa in der Beobachtung oller Süßeren
Formen Ist; er sagt, und da tft ja rich.
tig, wir mußten in unser? hohen gesell'
schaftttchen Stellung durchaus ntch: vn
jiur.:en, na die alt aristokratische Eti.
quell einmal vorgeschrieben hat. (fr
metut, und auch darin muß ich lhm Recht
geben, d! geringfügigst Lerlryurg der
herkömmlichen Formen wird un viel
Zcherer angerechnet, alt dem r.i?deren
Adel und vollends dem Bürgerfiaiid. Er
selbst gefleht ja zu. die all 9ZjIH,ize
Großtan! hab un nicht so nahe gelianj
den, des? mir so tief um sie trauern mäs
ten, aber der ölte delSltte! der rojtn
von Antisaz ist von ihr aus Papa üdere.
gangen, sie hat unZ groß O'üter und
Geldsummen hintellassen und so sind wir
ihren Manen eine gewisse Rücksicht schul
dig.
.Daß du darum aber zulllckzozeN
leben, kein Theater besuchen, keine un
schuldigen Vergnügungen, fitr.e Prioat
bSlle mitmachen sollst, da ist denn dvch
zu streng und schon mehr ungerecht.
Sieh, mein Mann ist auch rst twaS
über ein Jahr todt und ich danke ihm eine
hohe Stellung, einen glänzenden Namen,
hält vielleicht mehr Grund, den chein
zu wahren, zu trauern und zinZckgezogen
zu leben, als dn ich denke aber nicht
daran.
.Bist euch bekanni !S .die listig
Wiltme'. lachte Er.r'q ieta.
ma8 schadel duS? Aber, um
cuf unseren Gegenstand zurück.ukomuier',
sei vernünftig, begleite mich Heu! Abed
aus den Maskenball; eS ist der letzte in
diesem Jahr; Anita komn,t auch mit, die
gcitue .Gesellschaft ist da. Und hier
wird Niemand etroaö fochien, veilcfj
dich aus ich. Ich hab ali Mädchen
oft genug ohn Vormissm der Eltern und
ohn dag sie je davon eifuljteit, inen
Scherz ausgeführt ; so überlasse nur
deiner erfahrenen Freundin all Difvo,
fltionen.
.Ader bedenke, wenn der Zufall es
fügte, tafj eS entteifl würde
.Entliq leta, nie kamt man so zimxer
lich sein! Also, heut Abend um Zehn
findest du meinen Wagen an der life deS
JsabelplaheZ. Ich und Anita halten
unS bereit, lege deine Matt zurecht, so
daß wir spätesten um Els tm Opern
Hause sein können. Bi dahin Lebe
wohl! Mit einem Seuser entschloß sich Enri
q reta, den verführerischen Lockungen ihrer
nur wenige Jahr älteren Freundin zu
folgt. Ach, sie sehnt sich ja so sehr
nach einer Unteibrechung dieses traurigen
Lcben. Die Mutler feit lange krank;
der älter Bruder als Aitache auf einer
fernen Gesandtschaft, der Bater durch
sein politischen Interessen ganz in An.
spruch genommen, der jünger Bruder
in Club und SxortSmann. Carmev
hat! Recht wa war'S den auch
schließlich! Ein Stündchen auf dem
Makenball, wo doch nur die höchste Ge
fellschast Zutritt hatte; um 12 Uhr sollt
fi ja wieder zu Hause sein.
Die freudige Aussicht auf ein so feite
neS Vergnügen kl stickt im Lauf des
lang Tages alle dann nnd wann auf
tauchrnden Bedenken und sie mall sich
schon di Scherz aus, das si im Verein
mit Carmcn und Anita auöfnhren würde.
Si wußt von vielen Freundinnen und
Bekannten, welche sicher dort sein wZr.
den; hauptsächlich belustigte sie auch der
Gedanke, ihren geliebten Ankonio den
AuSerwähUen ihres Herzen, dort seh?n,
biodachten v,r,d necken zu können.
So weihte st d'nn ihr Kammermäö
chen in den Plan in und beauftragte
dasselbe, den Portier zu informtnn, laß
r sorgfältig Wache halte und sie auf ein
bestimmtes Zeichen sofort in den Palast
einlasse. Der alte Pedio, in dessen ga
milie das Amt der Thürhüter des Palais
deS Grafen von Rosicler seit Generatio
nen blich gewesen, hatt sich in den
schlimmen Zeiten der vielen Resolutionen
und Bürgerkriege immer verschwiegen
erwiesen und r würde sie nicht verrathen,
das wußte sie.
Alles war geregelt und langsam schli
chen die Stunden bis zur Nacht dahin.
Der alte Graf mußt früh in eine poii,
tische Versammlung; EnriqietaS Bruder
Juanito ging in seinen Klub und um 9
Uhr zog sie sich selbst unter dem Vor,
wände einer leichten Migräne von ihrer
Mutter zurück. Pochenden Heizens trat
sie endlich gegen 10 Uhr über die Schwell
des alten Palast?. Sie empfand diesen
Schritt als ein unerhört kühne Wagniß.
Niemand hätte sicherlich ia der in tuscs
Schwarz gehüllten dicht verschleieriea
zarten weiblichen Gestalt, welche im
Schotten der stillen Straß: eilig dahin
huschte, die Trägerin eine! der ältesten
Adelsnamev Spaniens vermuthe.
Jetzt nech eine kleine Straß ja
dort an der'Ecke stand der Wagen. Kein
Wappenschild, keine Livree gemährten
einen Anhalt der Ermittelung des Be
sitzerS der Kutsche, und Niemand konnte
ahnen, daß sie der eleganten Mmquife
von Cartilla gehörte.
Letzter und Anita rwartkten ihre
Freundin bereits ungeduldig. Leide
hatten glänzende Kostüme angelegt: die
luftige Wittwe die ihr vortrefflich sie;
htnde kleidsame altspanische Tracht; Anita
ein kostbares Gewand der Zeit Ludwigs
XIV. Für Enr'qaeta hat,', sie einen
Pagenanzug der Zeit Philips? III. zu,
recht gelegt. D! junge Gräfin war
zuerst höchst bestürzt, lS sie diese G,
wänder '.blickt vnd erklärte fest, sie
wolle unter keinen Umständen in Män
nerrracht erscheinen; nie h-kte sie dnglei
chen gechan. Carmen und Anita stellten
Der Sonntagsgast
- .. in.!t u.r..:. IHU . ..t .... J')
Jahrgang 15.
ihr vor, daß eine von ihnen sich no'h
wendiger Weise dazu entschließen müßte,
denn drei weibliche Matten würden vus
fallen und die Herien mehr als '.wünscht
anzi,h,p; für die schlaeike schöne lZcstc.lt
i5nriqielaS tlat sich nicht besser a!S die
Pagenkracht, tdn Met,sch würde sie da.
itn erkennen und etwa ein Mädchen unter
duser Matte vermuihen.
El hdf kein Weigern; Elli'queta er,
kannte endlich selbst, daß der Scherz da
durch nur erhöht e?erden würde, und
wiederum entwarf sie nun uater diesen
neuen Umständen mit ihren Freundinnen
lustige Pläne, die auf dem Lall au?ge
fühU werden sollten.
Mit geschickler Hand halfen Carmen
und ihl Zos soaite Anita der jungen
Gräfln bei dem Anlegen der kostbaren
und. wie Eniiq:eia selbst gestehen
muß!e, höchst kleidsamen Pazenttacht und
um 11 Uhr waren alle drei, bis z',:r Un.
kenntlich?eit u,attrt, ia dem wappenlofen
Wagen unlerwezS nach dem Opernhause.
Um zu o-rmewen, baß vielleicht In Neu
ailnger an den Pferden die Hirrln deZ
Was?nS erkennea könnte, verließen di
drelfiöhlichen. in dunkl Mäntel gehüll.
ten Matten denselben schon in einiger
Entfernung von dem Theater und der
Kulscher uulde angewiesen, an bestimm
ter St'Ue zu halten und deS Zeichens ge,
wältig zu sein, daß ein in der Vorhalle
deS HauicS stationirter lioreelefer Diener
etwa geben wüde.
Keine Vorsichtsmaßregel war außer
Acht gelassen, um daS strengste Inkognito
zu wühren.
Die gtsträume waren noch ziemlich
leer und der uvuntei brochene Strom von
neuen Ankömmlingen ler,kle bald daS Jn
teresse von den drei Matten ab. deren
Trachten Sb'.igenS auch nicht so auffallend
waren, bß ste die Aufmerksamkeit beson,
der in Anspruch genommen hätten, DaS
geüdle Auge konnte nur an den kostbaren
Stoffen sogleich elkennen, daß die drei
Matten der reichsten und vornehmsten
Gesellschaft angehölten und bieg bewies
auch ihr Auftretm und Benehmen. Man
vermuthete in ihnen einen Bruder mit
zwei Schwestern, vielleicht einen Herrn
mit feiner jungen Gattin und feiner
Schwägerin; nach beiden Seiten hin wer
den Vermuthungen laut und in der schnell
sich wehrenden Gesellschaft kolportirt.
Wurden sie durchaus zum Sprechen g
zmungen, fo bemühten si sich, die Stim
men bis zur Unkenntlichkeit zu verändern;
die kundige Wittwe hatte ihre Ge.
f?,hrtinnen für alle Fälle aus da Sorg,
fäliigfl insiruht, damit Niemand ihre
Persönlichkeit rrathen und feststellen
könne. Möcht vielleicht Mancher in der
eil en der Masken Carmen vermuthen,
so wußte doch Niemand zu sagen, wer
denn der Page an ihrem Arme sein
konnie, denn die Marquise war trotz ihre?
Frohsinns als außerordentlich streng in
ihren Sitten bekannt.
DaS Bemußisein, die Neugier der
aukeclksenen vornehmen Gesellschaft auf
das Aeußeiste zu reizen, lhöhle den na
türlijen Gnuß, den ein eleganter Co
stßm taü bietet, und zwar um so mehr,
al die drei Masken bald unter den Her
ren wie unter den Damen zahlreiche ihrer
besten Freunde und Freundinnen erkann
ten. Allerdings mahnt die Anwesenheit
so vieler Bekannten zu um so größerer
Vorsicht.
Die Säle hatten sich allmählich gefüllt
und imm?r bunter wurde das Bild, das
sich den A igen bot. Vergebens suchte
Cnriqueta rtonio, dagegen erkannte sie
ihr lockeres Brüderchen Juanito und eS
machte ihr besonderes Vergnügen, densel
den zu necken. Wie sie" vorausgesehen
hatten, bemahrke die Anroes:nheit d:S
Pagen, den man offenbar ganz allgemein
für einen Mann hielt, Carmen und Anita
vor zu großer Zudringlichkeit seitens der
Herren. Nur Iusniio bemühte sich in
Folge der beständigen Neckereien des Pa
g, seine Persönlichkeit festzustellen und
eiltrsarf mit fewen Freunden einen Plan,
das RS'hsel zu lösen. Unter diesen jun
qeu Leuten war uuch der Graf von
Lalor, der die drei Matten scharf be
obachtete und verfolgte.
Da Enriqucta bereits die Braut Va.
lorS gesehen hatte, so beschloß sie, sich
dieser zu nähern und ihr den Hof zu
machen, um den jungen Brausekopf, mit
dem sie oft Streit halte, in wenig zu
reizen. Sobald sie daher der Braut
ValorS wieder ansichtig wurde, näherte
ste sich, gefolgt von ihren beiden Freun,
binnen, derselben, redete sie mit ihrem
Namen Pilar d Florida on, bot ihr den
Ärm an und überhäufte sie mit Schmei
cheleien oller Art. Pilsr such! dem
hübschen Pagen zu entfliehen, doch Enri
qta hielt sich ia ihrer Nähe, versn hte
von Neuem, ihr den Hof zu machen, griff
ihr endlich unter daS Kinn und streichelte
ihr die Wangen.
Wie ein Blitz kam nun der junge Graf
Valor herbeigeeilt und wüthend vor Zorn
versetzte er dem Pagen zvei schallende
Schläge in'S Gesicht und versuchte ihm
die MaSke abzureißen.
Im Nu haiie sich ein großer KrciS um
die Gruppe gebilöet; Graf Valor ver
langte unter U:be:reich rng seiner Karte
den N imen de Pgen zu wissen, erging
sih in herausfordernden Schmähungen
,. Jücuagc jum yicvrustu ciuuiinti9n. ' -
gegen denselben und bemüht sich, unter
stutzt von seinen Freunden, namentlich
von Earkqueta' Bruder, dies die Matte
vom Gesicht zu reißen, was Carmen un?
ter Aufgebot aller Sräfie mit Geschick zu
verhindern wußte. Die ohnmächtige
Enriqueta in ihren Armen gab sie Aniia
ein Zeichen, den Diener zu insormiien
und strebte dahin, eir.cn der AuSgänge zu
erreichen. Sie beschwor Juaniio, der
ihr am nächsten war und der sich vor
allen anderen bemühte, Enriqueta'S
MaSke zu lösen, die zu unterlassen; er
soll! mit ihr kommen, si wclll ihm
Alle rklären, flüsterte ste ihm zu. Ja,
nito hört jedoch nicht darauf, und plötz
lich, ehe sich Carmen dessen versah, v
lang eS ibm, Enriqueta'S Gesicht zu nt
hüllen. Mit einkm Schrei deS Schrecken
wollte er die Matte wieder befestigen; in
dem Gedränge aZer war sie zu Boden
gefallen und überdies hatten tm ersten
Augenblick schon alle Nächsistehenden die
hochgefeierte junge Grästn von Rosicler
erkannt. Schnell trat nun Antonio, der
eben gekommen war, an Enrique! heran,
nahm die Ohnmächtige, deren Wangen
geschwollen und stark gerölh.t waren, in
seine Arm und trug sie, unterstützt ton
Carmen und Juanito, aus dem Saale
und zu dem Wagen, welcher bereits in der
Einfahrt wartete.
Die kühle Luft krachte Enr'qucta wie,
der zu sich, die nun im vollen Bewußtsein
d:S Vorgefallenen in einen Weinkrampf
versiel. Graf Valor stellte sich jetzt
ebenfalls ein, um sich zu entschuldigen,
Antonio und Carmen ersuchten ihn je
doch, sich sofort zu entfernen.
Zu verschweigen war daS Geschehene
nicht mehr, wie Juanito sich zu seinem
Schrecken überzeugen mußte, denn wie
in Lauffeuer hatt sich di Kund davon
bereits über alle Ballsäle verbreitet.
DaS Unglück war geschehen, und eS kam
nur darauf an, den Zorn des überaus
strengen alten Grafen von Rosicler zu
besänftigen.
Daß dieser alsbald davon erfahren
ü:de, war um so sicherer, olS mehrere
setner politischen Gegner der Scene bei,
gewohnt hatten und schnell davongeeilt ,
waren, um den Vorfall in den politischen
Kceisc zu erzählen.
Um weiteres Aufsehen zu vermeiden,
wurde Enriqueta zunächst nach Carmen'S
Hzufe zurückgebracht. In dem sieder,
haften Zustand, in dem sie sich befand,
war eS indessen nicht möglich, sie umzu
kleiden, und in ihrer Pagentracht mußte
sie nun, von Carmen und Juanito b
gleitet, nach Hause zurückkehren. An
tonio, dem Carmen und Anita genauen
Bescheid gegeben hatten und der zur
Uebelzeugung gelangte, baß Enr?queta
durch Carmen zu dem verhängnißvollen
Streich verführt worden, begab sich noch
einmal nach dem Opernhuufe, um den
Grafen Valor wegen feines höchst un
schck!ichen Benehmens zur Rede zu stellen
und für die Ehre des jungen Mädchens
einzutreten. Die heftigen Auseinander'
fetzungen zwischen den beiden jungen
Leuten, die bis dahin Freunde gewefeu
waren, fühlten ncUürlich zu einer Heraus,
forderung.
Der alte Graf von Rosiger hatt, wie
S zu vermuthen gewesen, beinahe nn
mittelbar nach dem traurigen Ereigniß
im Osernhaufe in dem nahe gelegenen
Klub Kunde davon erhalten und traf in
seinem Hause einige Minuten eher ein,
als Farmen, Juanito und die unglückliche
Schwester des letzteren. Er hatte sich
schnill von der Abwesenheit Enriq'rttllS
und somit von der Richtigkeit der ihm
hinterbrachten Nachricht überzeugen kon
rien und war im Begriff, sich nach dem
Opernhaus zu begeben, als die beiden
Geschwister und Carmen an dem PalaiS
eintrafen.
Stumm und ernst öffnete der alte Herr
selbst den Schlag des Wagens, aus dem
Carmcn eilig ausftieg, um den Grafen
durch die unwiderstehliche Gemalt ihrer
Rede und ihrer Argument von der
Schuldlosigkeit EnriqetaS zu überzeu
gen. Der Graf war jedoch taub gegen
alle Bitten und Beschwörungen CarmeuS
und JuanitoS. Das einzige, was r zu
Inriqueta fegte, indem er sich verächtlich
von ihr abwandte, al er sie in der glän,
?,k!?den Pagentracht erblickte, war: ,Du
hast unsern Namen, unser HauS mit
Schande bebeckt und wirst dies im Kloster
büßen.
Von diesem furchtbaren Entschluß v:r
möcht ihn alle Uebcrredungskünfte Car
meng nicht abzubringen. Doch auch da,
für wollte er" sorgen, daß Graf Valor
für feine That den gebührenden Lohn
empfinge.
Enriqaeia war in Folg der furchika,
ren Aufregung in in hitziges Fieber ver
fallen, das si für Wochn an den Rand
des Todes bracht und von dem sie sich
erst nach Monaten so weit erholt, daß
ihr Ueberführung in das von dem Gra
fen Rosicler erwählte Kloster möglich
wurde. Dem Leben wiedergewonnen,
sollte si ihm somit für immer ntfagen:
kaum zu voller Jugendkraft gelangt und
herrlich erblüht, sollte ste hinter den Ker
kermauern eines Klosters verwelken und
langsam hinsterben I
Carmen unterließ nicht, um diesen
unerbittlichen Entschluß de Grasen ,u
l erschüttern: sie bot di Häupter der Lite,
sten AdelSgeschlechter auf, um von (5n
riqueta da schreckliche Gejchick abzuwen
den.
Die lange schwere Krankheit, die dak
junge Mädchen durchgemacht hatte, die
Versicherung der hervorragendsten Mit,
glieder der Aristokratie, daß diese da
Vergehen Enriquda nicht so hart keur
theilen könnten, wie ihr Vater, die Sühne
de Grafen Valor trugen endlich dazu
bei, den starren Sinn Rosicler zu beu
gen und ihn nachgiebig zu stimmen.
Am zweiten Tage nach jenem Ereigniß
der Fastnacht berichteten nämlich die
Zeitungen, daß Don Antonio, Herzog
von Rio Negro, sich zufällig bei dem
Untersuchen einer Waffe leicht verletzt,
ein Streifwunde am Halse erhalten
hatte. Gleichzeitig hieß e von dem
Grasen Valor, er si so unglücklich aus
einen spitzen Gegenstand gefallen, daß
einige Sehnen de linken Arme durch
j schnitten und dieser steif geworden war.
Für jeden Kundigen bezeichnete diese
N.'tiz'.n klar genug den AuSgoug de
üuellS zwischen Beiden.
Der junge Herzog Antonio hatte nach
seiner Herstellung dar,n gleichfalls da
Aeiiie dazu beigetragen, den Grafen
Rosicler von seinem sinstelen Entschluß
abzuklingen und hatte förmlich bei ihm
um die Hwd EnriquetaS angehalten.
Da Antomo für die Ehre seiner Tochter
mit feinem Degen und seinem Leben ein
getreten rar, so glaubte schließlich der
Graf den Bitte deS jugendlichen Her,
zozS Gewähr geben zu müssen, und an
dem Tage, an welchem di Ueberführung
EnriquetaS in daS Klosier hätte statlfin,
den sollen, widerrief er endlich diesen Be
schluß u::d willigte in ihr Verbindung
mit S'n tonia.
Zack.
Sine Hundegeschichle. Bon F. L.
.Willst Du morgen mit mir speisen?'
fragte ich kürzlich meinen alten Freund
Adolph, den ich lange nicht gesehen hatte
und nun zufällig auf der Straße traf.
, .Morgen? entgegneteFreundAdolph.
,Nr'n, morgen kann eS Nichtsein. Ich
dank Dir sehr, alter Bursche, aber der
Tritte diese? Monats wird von mir als
ein feicrlichir Tag betrachtet. Du mußt
wissen, S ist der Gedenktag von Jack'S
Tod.
.Jack? Wer ist da? fragte ich.
,,Jack war ein kleiner ForTerrier,
den ich besaß. Ich verdanke feinem Tode
me'n; Existenz. Soll ich also sein An
denken nicht feiern? Soll ich Dir die Ge
schichte erzähle.,?"
In der That, ich mochte sie gerne
hören."
Run gut, gehen wir in Stück
WegeS zusammen, Du sollst sie h?ren.
Vor mehreren Jahren war ich in einem
HandlungShZl.se angestellt, das fallit
wurde. Ich verlor meinen Posten und
trotz guter Zlugniss vermocht ich lange
keine Stelle zu finden. Meine kleinen
Ersparnisse waren bald aufgezchrt und
ich hatt Niemanden, von dem ich Unter
flützung erhoffen konnte, da meine Eltern
gtstotben waren und ich keine Verwandten
halte, deren Hülfe ich in Anspruch neh
men konnte. Woche auf Woche verrann
und irctz meines eifrigen Sucheus nach
Arbeit war ich noch immer ohne Be
schSftigur.g. Ich halte von allen meinen
Freunden schon kleine Darlehen in An
spruch genommen, um mich sortzufristen,
allein auch dies Quelle begannen zu
versiegen.
Eines Tages, eS war der dritte Dezem
ber, befand ich mich, was bei den ange
führten Umständen wohl begreiflich er
scheint, in äußerst gedrückter und ver
zweifelter Stimmung. Ich hatt de
Tag damit zugebracht, in allen Stelle,
vermiitlungs Bureaux herumzulaufen
und die J:iseratenColumne der Zeitun
gen zu durchstöbern, aber wieder ohne
Erfolg. Und als die Nacht kam und ich
nach meiner in einer entlegenen Vorstadt
befindlichen Wohnung heimwzndelle,
hatte ich das Gefühl, daß alle Hoffnung
von mir gewichen fei.
Ein solche Leben konnte keinen Werth
mehr haben, warum eS also nicht enden?
Mein Entschluß war gefaßt. Ich
suchte mein Zimmer auf, schrieb einen
Brief, in welchem ich meine Abficht be
kannt gab, und ließ ihn auf meinem
Schreibtische liegen. Dann nahm ich
meinen Revolver aus dem Kaste und
steckte ihn in die Tasche. Nachdem ich
meiner Ouartierf.au gesagt, daß ich erst
sehr spät zurückkehren würde, trat ich auf
die Straße hinaus. Ich war schon eine
Weile gegangen, als ich die Bemerkung
machte, daß Jack, mein Hündchen, an
meiner Seite war. Während der ganzen
Zeit meiner Armuth und Betrübniß war
er nie von mir gewichen. Der treue
Hund war der letzte Freund geblieben,
den ich noch Im Leben hatte. Armes
Thier, auch jetzt mußt g mich bezlei,
In 1 Ich blieb stehen und streichelte den
Hund. Jack, .Du mußt nach Hause
gebe. Du kannst heute nicht mit mir
kommen. Doch er sah mich mit bitten,
den Bugen an. Ich hatte den Eindruck,
al rb er wilt?, ??z zu tun iz
griffe stand, und al ob er sagen wollte:
.Lass' mich mitgehen ! Wenn Du sterben
mußt, so lass mich mit Dir sterben !'
Ich ließ ihn also mitgehen. E war
eine dunkle, frostig Nacht; In feirer
Regen rieselt herab, während ich durch
die koihigen Straßen gegen den Park zu
schritt. WaS mich betrifft, hat! ich kein
Sorg mehr, ber ich dachte jetzt mehr an
Jack, a! an mich. Ich beschloß, daß er
mit mir sterben solle. E war besser für
ihn, al wenn er nach meinem Tod etwa
in grausam Hände sie!. Ich suchte eine
einsame Stelle auf und blieb dort siehe.
Jack sprang an mir empor, ich hielt ihn
fest und sagte: .Jack, Du warft immer
ein treuer Hund. Wir wollen nun zu
sammen sterben. Ich muß Dich zuerst
lödten, aber ich folge Dir gewiß nach,
die nächste Kugel ift mir bestimmt. Gute
Nacht, Jack!
Ich setzte die Mündung meine Revol,
verck an seinen Kopf au. Er rührte sich
nicht und sah mich nur mit seinem treuen
Agen unverwandt an. Ein leiser Knall
und da arme Thier rollte zu Boden
todt. Ich fetzte nun den Lauf deS Reool
veiS an mein rechte Schläfe und be
:ührt den Drücker....
ES folgte jedoch keine Entladung. Die
Kammern des Revolvers waren leer, S
war nur mehr di einzig Palrone drin.
r.e gewesen, die meinem armen Hunde
den Tod gebracht hatte. Ich spreche die
Wahrheit, wenn ich sage, d,iß ich von
dieser Entdeckung nicht erfreut war.
Diese Rettung kam mir gar nicht er
wünscht. Ich wollte ste, den und sah mit
Zlerger leinen gefaßten Plan momentan
vereitelt. Einen Augenblick stand ich
raihloS da, dann schleuderte ich die Waffe
mit einem Fluche von mir in die Dunkel
heit. Ich konnt mich nicht rfchießen,
doch was that'S? Der Fluß war gar
nicht weit entfernt ich eilte demselben
zu. Schon sah ich die Wasserfläche
da kam mir ein Mann entgegen. Ich
wollte ihm rasch ausweichen, er that des
gleichen nach derselben Richtung und im
Schein einer GaSlatern stießen wir zu
sammen. Er sah auf und rief : .Adolph I
Endlich habe ich Dich gefunden I
Jetzt kannte euch ich ihn. ES war
ein Jugendfreund, den ich Jahre lang
nicht gesehen hatte, den aber gerade jetzt
anzutreffen mich nicht erfreute, stand er
doch als in Hinderniß vor mir, das
meinen wohlerwogenen Plan durchkreuzte.
Er ließ mich auch nicht von der Stelle.
.Du weißt gar nicht, wie emsig ich gerade
Dich gesucht habe, ohn Dich zu treffen,
rief er, .und gerade jetzt, da ich schon
meine Nachforschungen ausgegeben hatte,
muß der Zufall Dich daherführe. Ich
konnte Dkln Adresse nirgends erfahren,
aber jetzt habe ich Dich und lasse Dich
nicht mehr aus. Doch, wie schlecht Du
aussiehst I Ist Dir wohl nicht am besten
gegangen in der letzten Zeit, seit Deine
girma fallilte? Doch damit ist'S jetzt
vorbei, komm' mit in mein Hotel, ich
habe eine bringende Besprechung mit Dir
zu halten.
Nnd ehe ich ei Wort erwidern konnte,
hatte er seinen Arm unter meinen gescho
den und schleppte mich nach seinem Hotel.
AIS wir bann hinter dampfenden Vchüs
fein und eincm gu!n Glase Wein einan
der gegenüber saßen, fing er zu erzählen
an. Er war in die weite Welt gegangen,
hatte sein Glück gesucht und auch gefan
den. Nun war er im Begriffe, ein
großes Geschäft hier zu etabliren, und
ich soll! in demselben eine hervorragende
Stell einnehmen. Deshalb hutle r
nach mir geforscht; hätte nicht der Zufall
so sonderbar mitgewirkt, bann hätt mein
Freund mich wohl kaum mehr unter den
Lebenden gefunden. Wie Du weißt, bin
ich jetzt Gesellschafter seiner Firma, weiche
außerordentlich profperirt, und denke
nicht mehr daran, den Tod heibcizu
sehnen. Verstehst Du also? Wenn der arm
Jack nicht jene Kugel in den Schädel be
kommen hätte, dann hätte sie meinen
Kopf durchbohrt. Ich habe dem armen
Kerl mein Wort nicht gehalten, folglich
muß ich ihm wenigsten ein dankbares
Andenken bewahren. Und morgen ist der
3. Dezember.
Meduse!
Von Harr? Ritsch.
Der ewig heitere und v'.rgnügte
Schwerevöther Arthur Steigs eld lief
schon feit einigen Tagen wie ein bcgof,
fetter Pudel umher und ließ die Ohren
hängen, wie sein Jagdhund. ES ift aber
auch fürchterlich, wa dem armen Manne
begegnet war!
Fährt er neulich Abends mit dem
Schnellzug von Hamburg nach Berlin.
Im dem ziemlich matt erlkuchtelen Coupe
befand sich außer ihm noch eine dichtoer
schleiert Dame, deren Züge zu enträth,
sein er sich vergeblich abmüht, welche ihn
jedoch mit allen Zeichen beginnenden In
teresseS mustert. Aha, dacht er, ich ge
fall ihr natürlich I Auch sie muß hübsch
sein, denn nnr ei schöne Gesicht ver
birgt sich hinter solch dichtem Schleier,
und als losgelassener, abentuergenei,lter
Strohwittwer. der .Gichtring ruhte
längst in der Westentasche, bkzann r so
...., " 1
JV.l t'.ll.i vlt!4 (...
.Gnädig Frau fahren auch nach Ber
lin?
.Jl'
.Und fürchte sich gnädig Frau gar
nicht, mit einem Unbekannten allein tu
die Welt ,u fahren?
,O nein, ganz und gar nicht! Außer
dm hab ich ja wohl on einem , Ver hei
ratheten Mann si warf ineu lt
zeichnenden Blick auf sein Hand nicht
zu befürcht?
,Ah. Si täusche sich, liebe gräu
lein, ich bin so unverheirathet wt mög
lich, und er hielt ihr sein tadello un
beringte Hand hin. .Uebrigen sind Ei
in inem bedeutende Irrthum, gerad
di veiheiratheten Männer sind e. welch
dn alleinreifenden Dame gefährlich
wt'.den. Dabei rückte er ihr in große
Stück näher.
,h. meinen Sie?
.Allerdings I Sonst meisten unter
Aussicht, sind sie auf der Bahn i iu
losgelassener Kettenhund; schwapp ver
schwindet der Ring in der Westentasche,
und nun ift kein weibliche Wesen mehr
vor ihnen sicher! Jetzt faßt r ihr,
Hand und streichelt dieselbe, wa die
Dame sich auch ruhig gefallen ließ.
.Dann müßte ich also dem Zufall
tankbar fein, welcher mich mit einem
,un?erheirathelen Mann zusammen
führte? (Sie betonte da .unverhei
rathet fg besonder scharf.)
.In der That, mein liebe Kind'
er tätschelte ihr zärtlich die Wangen
.da dürfen Sie! Aber seufzt rr. .ich
fühl, wie Ihre süße Gegenwart meinem
unverheiratheten Zustand gefährlich wird!
Tief hier im Herze sitzt e! bereit und
regt sich für Dich, mein süßer Engel.
Darf ich nicht einmal Dein reuende
Gesichtchen schauen, mein süße Täub
chen?
.Wollen Sie e wirklich, mein Herr?
Ich va,ne Sie, der Anblick ist sürchter.
lich!
.Ach geh, mein Putchen, wa quälst
Du mich so? Komm, nimm die neidisch
Hülle fort, damit ich Dir in Deine süßen
Guckerln sehen kann!
.Also Sie wollen eS wirklich ?
.Aber gewiß, mein Herzchen!
.Nun, dcnn damit hob si
den Schkkier, und mit inem fürchter
lichen Schrei siel er zurück in die Kissen!
Das Haupt der Meduse wäre für ihv
noch ein Engel gewesen, denn die da vor
ihm saß, war seine Schwie.
germutter 1
KöciZll merkwürdige Steinzeiche.
An einigen Gebäuden der alte Elb,
stadt Tangermünde, besonder am Rath
Hause, dem Schlosse, dem Wasserthor
und dem Thorthurm der Vorstadt Huner
dorf befinden sich höchst merkwürdig
Steinzetchen. C sind in gebrannt Zie
gelsteine gedrückte Stempel. Wie be
kannt, hatte im Mittelalter jeder Stein
und Bildhauer ein Zeichen, das er statt
des Namens auf die von ihm behauenen
Steine fetzte. Er wählte es an dem
Tage, da r zum Gesellen avancirte. Es
wurde seinem Gesellenbkief aufgedruckt
und ihm vom Vorsteher der Bauhütte al
Ehrenzeichen eingehändigt. Die in Tan
gnmüllde befindlichen Zeichen haben inen
ähnlichen Zweck. Die Form der Stem
pel ift verschieden; bald sind sie rund,
bald eckig. Die runden finden sich meift
ia älteren, di eckigen in den neueren
Bauwerken, oder auch in den oberen Ge,
schössen. Sie sind nur an Thüren, Jen
stern und Blendenbogen angebracht, also
überall da, wo die Architektur besonder
zierliche Formen annimmt. Die Bear
beituvg des Ziegels ift ungemein kunst
voll. Di Slkin sind von einer außer
ordentlichen Festigkeit und Feinheit; wer
sie anfertigt, mußte in allen Künsten de
Steinschnitts bewandert sein. Die Zeit
der Entstehung datirt bi zu den Tage
Kaiser Karls IV. zurück. Die Muster
der Stempel sind sehr verschieden und
dem Hanrwkt kszeug der Maurer entuom
men. Ein sehr hübscher Stempel ift am
Rathhause in einer Höhe von IS Fuß.
In einer Art von Thor steht ausrecht in
Maurerhammer; zwei offene, sich mit der
Spitze berührende Zirkel sind als Ver
krönung darüber angebracht. Der Erste,
der biet Stempel entdeckte, war der Kan
tor Stölpel in Tangermünde.
Wie di ßskimos freien.
Wenn ein junger Eskimo in
.Schöne heimführen will, strecken zu
nächst die Allen die Köpfe zusammen, um
die Frage zu erö.tern: kann er ein Weib
ernähren und regieren? ES wird ihm
ausgegeben, einen Eisbären zu erlegen.
Hat er dies gethan, so darf er sich hinter
die Thür der Hütte flecken, in der sein
Schöne wohnt; wenn sie herauktlitt,
packt er sie, um sie fortzuschleppen. Si
wehrt sich, kratzt, schlägt und beißt, wi
eine vollkommene Furt. Dann fall
di alten Frauen über sie her und hauen
sie mit steif gefrorenen Riemen, bi si
.eich gedroschen ist. Nun stürzt der
tapfere Held vsn Freier abermals her
vor, schleppt die Geschlagene auf seinen
Hundeschlitten und fährt mit ihr in seine
Hütte; jutzt sind beide Mann und Frau,
ein SlandeSamt brauchen sie nicht.
Jung bis zuletzt.
AIS Mademoiselle Mars, die berühmt,
französische Schauspielerin ei Alter er,
reichi hatte, in welchem sie dem Paris
Publikum denn doch nicht mehr jung
genug als jugendliche Liebhaberin er
schien, schrieb Scribe ein Stück für sie,
.Die Großmutter, in welchem sie die
Titelrolle spielen und so in'S älter Fach
übergehen sollte. Als der Schriftsteller
ihr sein Werk laut vorgelesen hatte,
fragte er sie um ihre Meinung. .Vor
tr-fslichl rief die Künstlerin ganz be
geistert aus; .doch da ich natürlich die
Rolle der Enkelin übernehmen werde,
wer soll denn die nicht minder wichtig
N??e der Grmn knl,in?