Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, September 13, 1894, Image 11

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    Rinderaugen.
Euar.tnbtjat von Ow'iav Urin.
Ein schwere Gewitter war in Ux
Mtttagstund über Berlin viederge
gangen. Am Spätnachmittag halte tl
zu regnen aufgetzört. Die Frühling
Sonne schien vieler vom blauen Himmel
herab und lieh tausend blitzende Diaman
ten in dem roasserschmnen jungen Laub
deö Thiergarten ausleuchten. ic Lust
war weich und dunstig, srisch und ermat.
trab zugleich.
Dr. Herwart schritt die HvfjLger.
llee hinab. Er machte diese Spazier
Sänge in der Dämmerstunde öfter, um
ch etma einfallen zu lassen. Die
sauerfloffhaltige Lust unter den alten
Bäumen wirkte befruchtend aus sein Sen,
tralorgan, wie er behauptete. In der
Einsamkeit dek Park war ihm schon
mancher Gedanke gekommen, der ihm für
da Wohl und Wehe der Menschheit
höchst wichtig erschien. Er wußte, daß
man Psychologie am besten durch Beob
achtungen am eigenen Selbst ftudirt.
Bot ihm aber da geschätzte Ich nicht
genug ftudirenSwerthe Material, so
machte er xhvstoznomische Studien an
den Borllbergehenden. Er bildete sich
auf seine xhaflognomtschen Kenntnisse
etwa, in. Lange Zeit hatte er e al
inen wahren Sport betrieben, au den
GestchtSzügen auf den Charakter die
Fähigkeiten und Schicksale zu schließen,
und einmal in vorgerückter Nachtftunde
beim sechsten Eiergrog hatte er sich zu der
Behauptung verstiegen, er sähe e jeder
grau schon an der Nase an, od sie glück
lich verheirathet, geschieden oder Wittwe
sei. Wenngleich ihm da später selbst
et wenig übertrieben erschien, so hatte
er doch vor seiner erprobten Menschen,
kenntniß eine gewaltige Hochachtung. Er
hatte sich Anderen gegenüber so oft seine
untrüglichen Schnsblickc gerühmt, daß
er schließlich selbst fest an ihn glaubte.
An diesem FrühlingSnachmittag aber
hatte er kaum Gelegenheit zu Charakter
ftudien. Die Wege waren feucht und
weich und nur wenige Spaziergänger
hatten sich hinausgewagt. Der Doktor
schlenderte einen der einsame Wege unter
den hängenden Zweigen entlang, aber
mit dem .Einfallenlaffen' ging e auch
nicht recht. Der warme, weiße Dunst,
der au der nassen Erde und dem dorn
pfevden Grase aufstieg, umnebelte ihm
die Sinne und erwie sich für die Ge
dankenarbeit de selbstgefälligen jungen
Philosophen wenig förderlich. Er schritt
träumerisch dahin und gab seinem geplag,
ten Central'Organ, von dem die Mensch
heit noch viel Schöne und Große er
arten durste, Ferien.
Au seinen Träumerein wurde er
plötzlich durch da Erscheinen einer Dame
aufgescheucht. Sie war ihm entgegen
gekommen und er hatte sie erst bemerkt,
al sie in seiner nächsten Nähe war. Mit
dem durchdringenden Adlerblick de großen
Phyfiognomiker sah er sie an. Auch
ihr mochte die Begegnung überraschend
f gekommen sein. Ein klein wenig er
chrocken blickte sie ihm voll in' Gesicht.
Die dunklen Augen, die einen Moment
ftarr auf ihn gerichtet waren, interessir
ten ihn sofort. E waren große, tiefe,
schwärmerische Kinderaugen, au denen
ine geheimnißooll Welt von Unschuld
und Jungfräulichkeit ihm entgegen
strahlte. Sie wirkten um so etgenarti
ger, al sie in sonderbarem Kontraft zu
dem ganzen Gesicht standen. Sie schie,
nen zu den blonden Locken, die sich um die
Schläfe krausten und die weiße Stirn frei
ließen, zu den rothen Backen und der
kleinen, zierlichen, nicht weniger al
klassischen Nase, zu dem kräftigen Kinn
und den impertinent gesunden Farben
nicht ,u passen. Da bemerkte da kun
big Auge de jungen Gelehrten trotz der
flüchtigen Begegnung wohl. Der Doc
tor sah der Dame nach. Die Figur war
mittelgroß, die geschürzten Röcke ließen
kleine Füße sehen und zierlich modellirte
Gelenke. Taille und Hüften waren ein
bischen stark, im Ganzen aber war die
Erscheinung eigenartig und schön.
Ja sie war hübsch, da hatte der Der,
tor trotz aller Gelehrsamkeit doch in
erster Linie konstatirt. Einen Augen,
blick dachte er daran, umzukehren und sie
anzusprechen. Aber er mußte über sich
selbst lache. Die unschuldsvollen Kin
beraugen rmuthigten so absolut nicht zu
galanten Abenteuern. Er setzte seine
Promenade fort, aber da liebliche Bild
erließ ihn nicht.
Wo hatte er diese Augen schon ge
sehen? Er sann und sann. Endlich er
innerte er sich. In der Dresdener Gal
lerie in der Abtheilung der Modernen
hängt ei Bild von Gabriel Mar :
.Vater unser. Ja e waren die angst
vollen, tiefen, großen, jungfräulichen
Kinderaugen de Mädchens, da dort in
inbrünstigem Gebet kniet. Das Gesicht
war ander, aber die Augen waren die
selben. Er fragte sich, wie diese melan
cholischen, räthselforschenden Augen in
den Körper kamen, der so fest und gesund
aussah. Während er durch den lichten
Nebel schritt und die warme feuchte Luft
sich wie ein Thau auf ihn legte, machte
er sich allerhand Geschichtchen zurecht:
von dem Kind, daß in ehrbarer Häu
lichkeit aufwächst, dem jungen Mädchen,
da nicht von der Welt kennt, al was
die sorgend Mutter ihm sagt, da still
und unbemerkt zum Weibe heranblüht
und dem u die Frage in den Augen
brennt nach Zweck und Bestimmung der
Frau, der im Herzen tief verborgene
Wunsch nach Entschleierung de Bilde,
da man bi dahin ängstlich vor ihm ver
hüllt.
So träumte r. Da begegnete er ihr
auf seinem planlosen Sxaziergang zum
zweitkn Mal. Im ersten Augenblick
war e ihm, al müßte er seine Hut
ziehen. Sie sah ihn wieder mit den
großen gehetmnißoollen Augen an. Aber
um den Mund schien dieimal ein Lächeln
zu zucken, flüchtig, kaum wahrnehmbar.
Ehe er sich rgeroifftrn konnte, war sie
vorüber. AI er sich endlich entschlossen
hatte, ihr zu folgen, fand er sie nicht
mehr. Sie war längst im Nebel evl
schmunden.
Nicht so schnell ober entschwand ihr
Bild seinen Gedanken. Immer wieder
taucht i vor ihm aus. Zur Arbeit
sehlte ihm die Luft. Da Mädchen de.
schästigt ihn mehr al er sich selbst ein
gestehen wollte. Der träumerische Aul
druck der Kinderaugen ließ ihn nicht lo
und e war ihm ein eigenartige Vergnü
gen, sich allerhand Schicksale der schönen
Unbekannten zusammen zu reimen. Ein
paar Wochen nach der ersten Begegnung
fuhr ihm da Mädchen in einer Droschke
aus der Potsdamer Straße vorbei. Ne
den ihr faß eine ältere Dame. Sie selbst
trug einen Reisemantel, auf dem Kut
scherbocke waren Reisekörbe aufgethürmt.
Kein Zmeisel, sie verließ Berlin. Sie
sah ihn, und wieder schien e ihm, al ob
ein flüchtige Lächeln über ihr Gesicht
huscht. Er blickt dem Wagen lange
nach. An diesem Tage war ihm zu
Muthe, al hätt er Abschied von einem
alten Freunde genommen. So groß war
der Platz, den sie in seinem Denken ein
genommen hatte.
Aus den Frühling war ein heißer
Sommer gefolgt. Dem Doktor wurde
Berlin unleidlich. Er sehnte sich nach
neuen Eindrücken, nach andern Menschen.
Er ging nach Norderneu.
Am Abend seiner Ankunft saß er aus
der NeflaurationSterrassede Hotel, um
ihn hemm da Badepublikum, essend,
trinkend, rauchend, beschäftigt mit Flirt
und Klatsch. Aber er achtete nicht auf
sein Umgebung. Er sah auf die schwarze
See hinaus, deren brandende Rau
schen zu ihm hinauf tönt. Die Sterne
strahlten vom dunkle Himmel hernieder,
hin und wieder grüßt der Mond au zer
rissenen Wolken hervor. Er gab sich
gern dem Zauber der Meernacht hin.
Dabei konnt er sich nicht verhehlen, daß
er immer noch von einem geheimnißoollen
Augerpaar träumte. Plötzlich kam ihm
die Frage, welche Stimm sie wohl
haben möchte. Und schie ihm sicher,
daß sie von vollem Anklang sein müßte.
Zu de Augen konnt kein andere
Stimme gehören.
Er drehte sich nach dem Kellner um,
er wollte zahlen. Plötzlich zuckte er zu
sammen und im Moment schoß ihm der
Gedanke durch de Kopf, e müßte eine
Schicksalsfügung geben. Ein paar Tische
von ihm entfernt saß sie mit der Dame,
in deren Gesellschaft er sie in der Pot.
bamer Straße gesehen hatte. Al er die
Terrasse verließ, mußt er dicht an dem
Tisch der Beiden vorbeigehen. Sie nia
ren schon aufgebrochen. Auf dem Platz
de Mädchen lag etwa Weiße. Er
nahm e auf. E war ein Taschentuch
au feinem Battift. In einer Eck stand
der gestickte Name: Maria. Ein leichter
Perfümgeruch entstieg dem Gewebe. Er
steckte in die Brufttasche. Ihm war
sofort klar, daß da Tuch ihm al Vor
wand diene mußte, die Bekanntschaft
de jungen Mädchen zu machen.
Am nächsten Morgen traf er sie, als
er vom Bade zurückkam, am Strand.
Er stellte sich ihr vor, erinnert an da
flüchtige Zusammentreffen in Berlin und
überreichte ihr das Tuch. Sie dankt
ihm mit freundlichem Lächeln und reichte
ihm die Hand mit der ruhigen Sicherheit
einer jungen Dame der guten Gesell
schast. Ihre Stimme klang voll und
tief, wie er vermuthet hatte. Diese B
ftätigung feiner Ansicht gemährte ihm
eine gewisse Genugthuung. Der Phy,
siognomiker hatte sich wieder bewährt.
Seinen Vorschlag, eine kleinen Spa
ziergang zu machen, nahm sie an. Sie
schritten nebeneinander am Strande ent
lang, in der Richtung nach dem Leucht,
thurm zu. Während sie so an feiner
Seite ging, konnte er sie genauer betrach
ten. Sie war nicht mehr ganz jung.
Sie mochte zweiundzwanzig Jahre fein,
vielleicht auch oie, undzwanzig, älter kaum.
Der große Strandhut stand ihr bei ihrem
frischen Gesicht vorzüglich. Die andere
Dame war, wie er im Laufe de Ge,
spräche erfuhr, ihre Mutter. Von ihre
weiteren Familienverhältnissen sprach sie
nicht und er wagte nicht zu fragen, um
nicht indiskret zu erscheinen. Was
brauchteer auch schließlich zu forschen!
Daß sie au guter Familie mar, zeigte
ihr Benehmen, und ihren unschuldigen
Ktndercharakter bezeugten ihm die Augen,
die noch immer den geheimnißoollen Aus
druck zeigten, der ihn von Anfang an ge,
fesselt hatte.
Nsch kurzer Zeit wurde sie müde. Sie
ließ sich in den weißen Sand der Düne
nieder, er setzte sich neben sie. Vor
ihnen brannte im hellen Licht der Mor
gensonne schimmernd und flimmernd das
Meer. Die weißen Wogen hoben sich
au dem grünen Wasser empor, liefen
schäumend auf den Strand und rollten
machtlos wieder zurück. Ein leichter
Wind wehte von der See und trieb den
feinen Sand durch das harte Gra. Ein
paar MSven flogen hin und her. Ganz
fern am Horizont tauchte ein weiße Se
gel auf. Ringsum war kein Mensch zu
sehen, da Seebad verdeckten die Dünen,
Hügel. In dieser stillen Einsamkeit war
ihm, al kannte er die junge Dame
schon lang Jahr, als wären sie Schiff
brüchige, beide zusammen allein auf ine
infam Insel verschlagen. Und ihm
kam der Wunsch, sich mitzutheilen, Ver
trauen gebend, um Vertraue zu nehmen.
Er erzählte ihr von seinen Wissenschaft,
lichen Leide und Freuden, von seinen
phlisiognomtschen Studie, und in seinem
Eifer kam er auch auf ihr Augen, wie sie
ihn gefesselt hätten, wie r si sich deutete.
Sie hatt ihm bi dahin schweigend
zugehört. Jetzt unterbrach sie ihn plötz,
lich unvermittelt: .Wie ich e liebe, da
weit unendliche Meer. Ihm gegenüber
sühlt man sich so recht nichtig in seiner
ganzen menschlichen Jämmerlichkeit.
Die plötzliche Unterbrechung verletzte
ihn ein wenig, aber der geäußerte Ge
danke versöhnte ihn wieder.
.Ja. ich verstehe die, Gefühl.' sagte
er. .nur zweimal habe ich e ähnlich ge
habt. Droben i den Alpen, in jener
Region, wo keine Pflanze mehr wächst
und rur Stein und Schnee un umgiett,
und am Kraterraude de Vesuv, wo man
hineinschaut in den HerenKessel de Erd
innern, au dem die gewaltigen Flammen
emporschlagen.
Sie nickte nur stumm. Für ihn aber
hatte diese Uebereinstimmung i den Ge
suhlen etwa Ergreisende. Wieder
war e ihm, al wenn er mit diesem Mäd
chen ganz besonder zusammengehörte und
von einer plötzlichen Aufwallung hinge
rissen, faßte er ihre kleine Hand und
küßte sie mit langem Kusse auf da graue
Leder de Handschuh. Sie sah ihn mit
den großen Augen an: durchdringend,
fragend, räthfelhaft. Er wußt nicht,
wi er diesen Blick deuten sollte. Dann
entzog sie ihm die Hand ruhig und stand
auf.
Sie schlug den Heimweg ein, er folgte
ihr. Lange gingen sie schweigend neben
einander her. Ihm schien e, al wollte
sie ihm etma sagen. Aber sie schmieg.
Schließlich sprachen sie über gleichgültige
Dinge. AIS sie vor ihrem Hotel ange,
kommen war, reichte sie ihm lächelnd die
Hand.
.Also bis morgen, sagte sie.
Der Händedruck, da freundliche Lä
cheln und die Verheißung eine Wieder
sehen beschäftigten ihn unablässig.
Den ganzen Tag bekam er die Damen
nicht mehr zu Gesicht; der die süßen
Kinderaugen verfolgten ihn. Er lief
durch den tiefen Sand bi zum Leucht
thurm und wieder zurück, um seiner Un
ruhe Herr zu werden. Dabei legte er sich
die Frage vor, ob er wirklich ernstlich
verliebt, und nachdem er alle Anzeichen
pro contra streng wissenschaftlich abge,
woge hatte, kam er zu dem Schluß, daß
er um eine bejahende Antwort nicht gut
herumkommen würde
Am Abend diese für ihn in jeder Be
ziehung anstrengenden Tage saß er auf
einer Bank an der Promenade und blickte
in da dunkl Meer. Seine Gedanken
drehten sich immer um einen Punkt und
dem armen geplagten Zentralorgan
wollte absolut Nicht einfallen. Eben
war in großer, roftgelber Scheibe der
Mond über dem Horizont emporgestiegen,
ruhig, erhaben. Auf dem Wasser schil
lert c silbern und goldig. Hin und
wieder zog langsam eine Wolke vorüber
und das flüssige Gold blitzte in sonder,
baren Gestalten auf. Die kleinen Wel
lea rauschten auf den Sand, ein linder
Wind umspülte ihm die Stirn, durch die
Lüfte klang ein wunderlich Getön und
ihm war'S, als hörte er einen Namen:
Maria. In den Wassern ward e leben
big und die Meerfrau tauchte herauf, ein
Diadem von Perlen und edlen Steinen
im goldenen Hair und ihr Hofstaat folgte
ihr, Edelfrauen und Junzfräulein mit
weißen Armen und weißen Schultern
und alle hatten Perlen und Diamanten
im goldgelben Haar. Damit spielten
die Wogen und breiteten e au vor sei
nem entzückten Blick. Die weißen Arme
winkten und die weißen Schultern lockten,
das goldige, edelfteinfunkelnde Haar
flimmert auf den Wellen, die Meer
frau sah ihn mit großen, geheimniß
vollen Augen an und der laue Westwind
flüsterte ihm einen Namen in'S Ohr:
Maria! Da hat ihn ein verspäteter
Spaziergänger geweckt und ihm mohlmei,
nend gerathen, sein Bett aufzusuchen,
denn die Nächte waren kühl, um im
Freien zu schlafen.
Als der Doktor in seinem Zimmer
war, mußte er sich eingeflehen, daß eS
sogar sehr ernsthaft war. Er hatte daS
Meerleuchten gesehen und dabei allerhand
dumme Zeug geträumt. Er beschloß,
am nächsten Tage alle nöthigen Schritte
zu thun, um sich über die junge Dame
Klarheit zu verschaffen, denn, so sagte
er sich, warum soll die zukünftig Frau
Doktor Herwart nicht ein Mädchen mit
Kinderaugen sein?!
Am Morgen kaufte er einen Rosen
ftrauß. Aber er suchte vergeblich am
Badestrand. Sie schien nicht Wort' zu
halte, trotz ihre .Also bi morgen!'
Al er in fein Dorf zurückkehrte, war
soeben der Dampfer von Norden einge,
troffen.
Auf der Promenade kam ihm die junge
Dame entgegen.
Er stutzte. An ihrer Seite ging ein
Herr, mährend drei Jungen im Alter
von sechs bis neun Jahren ihr an Armen
und Händen hingen.
Er lüftete feinen Hut.
.Gute Morgen, Herr Doktor, darf
ich Ihnen meinen Mann und meine
Söhne vorstellen? sie sind jetzt nach Be
ginn der Schulferien der Mutter ge
folgt.'
Sie lächelte wieder mit ihrem eigen
artige flüchtigen Lächeln.
Hermart fühlte, daß er puterroth
wurde. Er überreicht ihr das Bovquet,
sprach in paar alltägliche Worte mit dem
Gatten, dann machte er, daß er fortkam,
das nagende Gefühl im Herzen, sich nicht
ganz tadellos aus der Affaire gezogen zu
haben.
Selbige Vormittags verließ er Nor
derneo.
Als er in vorgerückter Nachtstunde im
Bremer Rathskeller beim Rheinmein
faß, schlug er plötzlich mit der Hand auf
den Tisch, daß die Gläser klirrten: .Drei
Lümmel mindesten 23 Jahr
und da hat Kinderaugen I Hol' der
Teufel die Phnstognomie! pereat
scientia Kellner, noch eine RüdeS
heimer!
Zum Wohlthäter bedarf es eine gu
ten Herzen und eine schlechte? Gedacht
isse.
?arku de ÄltertSms.
Im Alterthum war man auf nur
wenige Farbe angewiesen, außer dem
Indigo und der Purxurschnecke rreifl aus
Mineralsarben; aber dafür wäre siejova
einer derartigen außerordentlichen Licht
echlheit, daß sie heute noch nach Jahr
taufenden mohlerhaltea find, obwohl sie
dem Einfluß der Sonne und Atmosphäre
ausgesetzt waren. Besonder zeigt sich
die a de Baudenkmäler der alte
Aegyxter, aa denen zwar die Bausteine
verwittert, die Farbe indeß noch unser
sehrt geblieben find. Die Farbe, die am
meiflea verwendet wurde, ist ein unter
dem Namen .Pomxejanische Roth be,
kannte Gemisch oa Eisenoryd (natür
lichem Rotheisenstein) und Thon. Diese
Farbe ist weder von dem Sonnenlicht
Aegrzxten während fünftausend Jahren
noch von WitterungSeinflüssea verändert
worden und wird auch von de Säuren
nicht angegriffen. Sie ift zu jener fer
nen Zeit in einem solch außerordentlichen
Grade der Feinheit zubereitet worden,
wie wir heute unsere Farbe ur durch
Niederschlägt auf chemischen Wege erhal
ten; fit wurde jedenfalls zwischen Stei,
nen unter Wasser zerrieben. Eine gleich
werthige Farbe, die ebenfall häufig vor.
kommt, besteht auch au natürlichem
Eisenorzd, vermischt mit viel Thon,
Kalk und Wasser; die Mischung, dit kin
schönt Gtlb rgibt, bräunt sich beim
Erhitzen; durch Vermischung beider er
zeugte man Orange. Al Gelb wurde
edoch auch Goldbronze und Blattgold
verwendet. Al blaue Farbe diente eine
Art Gla mit Zusatz von Kupfererzen,
die an Beständigkeit den vorgenannte
nicht nachgiebt, so daß selbst Säuren
nur eine geringe Wirkung an der Ober
fläche hervorzubringen vermögen. Weiße
Farbe wurde durch Gip hergestellt und
dieser auch als Grundlage zu blassen
Farben verwendet, wozu er auch wohl
mit organischen Farbstoffen, z. B.
vermuthet man Krapp bei röthlich. ver,
setzt wurde. Da Verdicken und die
Haftfähigkeit der Farben wurde jeden
falls durch Zusatz von Gummi erreicht.
Interessant ift. daß sich die Künstler auf
gefundenen Jhschriften zufolge der Un
Vergänglichkeit der Farben wohl bewußt
waren.
ZSas yeiht -Ferdeliraft.'
Jame Watt führte bekanntlich als
praktische Maßeinheit für mechanische
Krast die .Pferdekrast (Ilorsepower)
ein, und zwar bezeichnet man damit eine
Kraft von 75 SekundenKilogrammmeter,
b. h. eine Kraft, die im Stande ift, in
einer Sekunde 76 Kilogramm einen Me
ter hoch zu heben. Thatsächlich ift aber
die mittler Kraft des Pferde zu dieser
Leistung nicht ausreichend; denn sie ift,
wie neuere an 260 Pferden ausgeführte
Versuche ergaben, nur im Stande, 30
Kilogramm in einer Sekunde einen Me
ter hoch zu heben. Die Bezeichnung ent
stand auf folgende Weise: Eine der ersten
von Watt konstruirten Dampfmaschinen
sollte in der Brauerei von Witbread in
England ein bi dahin von Pferden ge.
trikbene Pumpwerk in Bewegung setzen.
Um un, nachdem vereinbart worden
war, daß die Maschine dasselbe leisten
solle, wie ein starke Pserd, eine mög
lichft kräftige Maschine zu rhalten,
stellte der Brauer die von einem Pferde
geförderte Wassermenge in der Weise fest,
daß er ein kräftige Thier unter Peit,
schenhieben unausgesetzt volle acht Stun
den lang bi zur äußersten Erschöpfung
arbeiten ließ, und e gelang ihm so, zwei
Millionen Kilogramm Wasser fördern zu
lassen. Mit Berücksichtigung der Hub
höhe ergab die? allerdings eine Arbeit,
die dem Heben von 7S Kilogramm um
einen Meter in der Sekunde gleichkommt;
aber dies Ergebniß ift eben unter ganz
ungewöhnlichen Verhältnissen erreicht und
hätte eigentlich nicht als Grundlage einer
technischen Maßbezeichnung gelte sollen,
dennoch ift eS in der Weise verwendet
und als Grundlage de Begriffe .Pfer
dekraft angesehen worden.
Die Presse bei de ßskimos.
Die Polargegenden, belichtet da
Journal de Debat, nehmen jetzt an
allen Wohlthaten der Civilisation Theil:
e eriftirt sogar ein arktischer JournaliS
muS. Drei Blätter find es, die dort
erscheinen. DaS eine, .Der Eskimo
Anzeiger, erblickt daS Tageslicht nicht
weit vom Prince-de.GalleS-Cap in einem
Eskimo-Dorfe, wo englische Missionäre
eine Schule gründeten. ES erscheint nur
einmal im Jahre, um die Ankunft des
einzigen Dampfer? zu feiern, der den
Missionaren die Neuigkeiten der übrigen
Welt überbringt, und ift auf einem
dicken, cartonartigen Papier gedruckt.
Ebenso kommt in Godhaab auf Grön
land jährlich eine Zeitung heraus, die sich
Mnagagdlintit nalinginginarmik lu
earrnuinaesasumik" betitelt, was zu
Deutsch ungefähr bedeuten soll: Einiges
Lesenswerthe, interessante Neuigkeiten
aller Art. Diese Journal mit dem
vielversprechenden, aber etwa langen
Titel ist manchmal auch illuftrttt. Die
dritte Zeitung endlich, die auf Grönland
gedruckt wird, heißt Ka ladlit".
Hin Sahberg.
In Rumänien soll ein Berg aufgefun
den morden sein, der au einem einzigen
massiven Block von Steinsalz besteht.
Eine ganz dünne Lehmkrufle schützt ihn
vor den ia jenen Gegenden weder häusi
gen, noch heftigen Regengüssen. Da in
Rumänien die Salzgewinnung Regal
und da Salz mit einer sehr hohen
Steuer belastet ift, so hat die Regierung
den Berg durch eine Kette von militäri,
schen Posten einschließen lassen, welche
die von allen Seiten herbeieilenden
Bauern daran hindern soll, sich kostenlos
einige Fuhren des unentbehrlichen Mine
ralS zu verschaffen. DaS Vorkommen
de Steinsalz ia jene Gegenden ift
durchaus nicht Ausfällige, da man auch
in dem benachbarten Siebenbürgen a
vielen Orten auf große Lager de rein
ftea Salze stößt, welche vielfach berg
mäonisch ausgebeutet werden, auch in
Rumänien selbst sind mehrere unterirdi
sche Ftetnsalzlager bereit bekannt. Aus.
fällig ist nur die Thatsache, daß ei au
Salz bestehender Berg Jahrtausende hin,
durch den Esnflüssen der Witterung hat
Widerstand leiste können, ohne vernichtet
zu werde.
?adnewski's Vcnnett".
Al Paderemiki noch Professor am
Warschauer Ernferoatorium war, befand
er sich eine Abend im Hause de be
kannten polnische SchriftstellerSTchmIez
tochowkki. Letzterer behauptete, daß sich
keiner der lebenden Comxonisten mit
Mozart an Einfachheit und Schönheit
messen könnte. PaderemSki zuckt zu
nächst nur mit den Schultern, erschien
aber an inem der nächste Tage wieder
in demselben Hause und setzte sich an'
Piano. .Darf ich Ihnen eine Kleinig.
keit von Mozart, die Sie wahrscheinlich
noch nicht kennen, vorspielen? Er
spielte daS später so berühmt gewordene
.Menuett. SwicztochowSki war ent,
zückt und rief: .Werden Sie nun nicht
selbst zugeben, daß ein Musikstück wi
diese? heutigen Tages nicht compontrt
werden kann? .Ja, ich weiß freilich
nicht; erwiderte PaderemSki, .das, aa
Sie eben hörten, hab' ich freilich schon
gestern geschrieben.
Kurz vor Hyoresschluk!
Pietro MaScagni befand sich al
Kapellmeister einer kleinen Schauspieler
trupxe in Cerigeola (Axulten), al er
zufällig in einer alten Mailänder Zeitung
die Anzeige la, daß der Musikalienver
leger Sonzogno in Mailand einen Preis
aus eine neue einaktige Oper auSgeschrie
be hab. MaScagni zögerte nicht, trotz
der beinahe schon abgelaufenen Zeit sich
zu betheiligen. Zwei Freunde verfaßten
den Operntext, sandten denselben, auf
Postkarte geschrieben, ihm stückweise zu,
MaScagni componirte luftig drauf loS
und war in sechs Wochen fertig. Die
Preisrichter ertheilten seiner Oper, die
als di letzte eingelaufen war, eivftim
mig den Preis. Am 18. Mai 1690
ward sie zuerst aufgeführt unter dem
Titel Cavalleria rueticana."
?as ööchlie Konorar.
In einer Gesellschaft rühmte sich
Alexander DumaS, für feine Artikel stet
sehr hohe Honorare erlangt zu haben.
.Das ist ganz hübsch, sagte ei ihm
Unbekannter zu ihm, ,maS war denn da
Höchste, das Sie erzielten?'
.Zehn Franken für die Linie', versetzte
DumaS.
.Bah! DaS ift gar nichts', fuhr der
andere fort, .ich habe für eine Linie eine
halbe Million Franken bekommen.
.Wirklich?' erwidert DumaS mit
ungläubigem Lächeln, ,wa sind Sie
denn?'
.Eifenbahn-Jngenieur ! '
?i, Vingsocke zu Zitta.
' Noch im Jahre 1733 wurde an jedem
Abend um ö Uhr eine Glocke geläutet.
Sobald dieselbe gehört wurde, mußt
sich Jedermann aus dem Wirthshause
nach Hause begeben. Wer danach von
den Circular.Meiftern noch im Wirths
Hause betroffen wurde, wurde in Ge
wahrsam gebracht und daraus erst dann
entlassen, wenn er außer dem Stock und
Wachgeld, noch 12 Groschen Strafe er,
legt hatte. Der Wirth, bei dem der
späte Gast angetroffen wurde, mußte ein
Neu.Schock Strafe keiften.
Strenge Disziplin.
Lazaretkranker : .Herr Unteroffizier,
wie lange habe ich noch zu leben?'
Lazaretgehilfe : .Das weiß ich nicht,
da mird erst morgen bei der Parole be
stimmt!'
Ungerechtfertigt,
Chef (der seinen Kommi über den
Büchern eingeschlafen gesunden hat) :
.Ich will Ihnen etma sagen, Meyer,
am nächsten .Ersten' können Sie gehen ! '
Kommis (mürrisch): .Na. deshalb
brauchte Sie mich doch nicht jetzt
schon aufzuwecken I
vorsichtig.
Kellner : .Wa belieben zu speisen?'
Gast : .Ein Beefsteak, aber groß I
Ich bin nervös, jede Kleinigkeit regt
mich auf!'
Guter Geschmack.
Gefangniß'Jnfpektor (zu einem neu
eingelieferten Gefangenen) : .Welch
Beschäftigung sagt Ihnen am meisten zu?'
Gefangener: .Ja, Herr Inspektor,
ich bin weder Schufter noch Schneider,
noch sonst was. Könnte ich nicht als
Reisender in Gefängniß-Artikeln enga
girt werde.
Grund des Lienstaustritts.
.Und warum wollen Sie denn unsern
Dienst verlassen, Anna?'
Köchin : .Der Dector hat meinem
Grenadier kräftigere Kost verschrieben!'
Immer nobel.
Bettler (eine Gabe zurückweisend:
.Nee, danke! Ick bi blo jekommen,
um meine AbschiedSviflte zu machen, weil
ick morjen ne längere Arreftstrafe an
trete!
Karriere.
Der kleine Benjamin: .Vaterleben,
ich bin wa geworden!
Vater: .Mein Segen! Was bift Du
denn geworden?
Benjamin: ,'rauSgeschmissen bin ich
geworden!
j U?ie der tnr. so d Dien r.
Herr: .Weihalb wolle Sie den
au meine Dienste gehen, Johann?'
Diener: .Weil Sie mich vor vierzehn
Tagen geohrfeigt haben, all ich betrun
ken war!
Herr: .Davon weiß ich gar richt!'
Diener: .Glaub' schon. E ist aber
trotzdem so; mir siel' auch erst heut
wieder ein, all ich den Küchenjungen
durchwalkte!
Triftiger Grund.
A : .Ich kann Dir sagen, einmal ia
meinem Leben habe ich mit der geladenen
Pistole vor dem Spiegel gestanden, um
mich zu erschießen !
B : .Und weihalb führtest Du den
Vorsatz nicht au,?' '
: .Ich hatt am nächste Tag Geld
nöthig und mußte deshalb die Pistole
versetzen!
Erste Dame: .Sieh' nur Olga,
welch' unpassende Paar, der Herr v. ZI.
und seine Frau ; sie ift doch um mtnde
flen zwei Köpf kleiner.
Zweite Dame: DaS macht bei der
nicht au ; die Differenz hat sie durch
ihr Mitgift ausgeglichen.
Der gute Onkel.
Onkel (zum Arzt, der ihm mittheilt,
daß die gefährliche Krisis überstanden):
.Bitte meinem lieben Neffen die Nach
richt von meiner Genesung mit möglich
st er Schonung mitzutheilen. Der gute
Jung hat sich schon so sehr auf die Erb
fchaft gefreut.
.Also auf den Kopf hat Sie der Wat
schelhuber getoffeu?
Bauer : .Ja i Hai scho Pech, daß
mi der Kerl grad' an so a saudumma
Stell' treffen mußte !'
.Aber, Herr Lieutenant, Sie werde
mir doch nicht ernstlich einrede wollen,
daß Sie mich wirklich lieben!
.Weshalb nicht, meine Gnädige? Das
ift bei Ihrem Vermögen durchaus natür
lich.
Der Unterschied.
Karlchen : .Papa, welcher Unterschied
ift zwischen einer Erkältung und der In
fluenza?
Papa: .Da will ich Dir sagen,
mein Junge. Wenn der Arzt die Krank,
heit Erkältung nennt, dann beträgt seine
Rechnung ungefähr S Mark; nennt er
fie aber Influenza, fo beträgt si 60 Mk.
Der Unterschied ift also ungefähr 45
Mark.'
Glück.
Student : .Sie haben doch 'n kolossa
le Glück, Meister ; gestern machen Sie
mir ' Anzug und heute gewinne ich in
der Lotterie, so daß ich Ihnen gleich fünf
Mark anzahlen kann!'
Ihr Standpunkt.
.Reden ift Silber, Schweigen ift
Gold,' sagte Herr Mückebein zu seiner
klatschsüchtigen Frau. .Dreißig Mark
in Silber find mir aber doch lieber al
zwanzig Mark in Gold, entgegnet diese
und klaschte weiter.
Aatdederbliitrie.
Professor (der Augenheilkunde, zu den
Hörern): Meine Herren! DaS schreck
lichfte LooS ift, blind geboren zu werden,
denn wenn ein solcher Mensch daS Licht
der Welt erblickt, so ist eS nur ein Un
glück für ihn !
Er kennt ihn.
Student (zum Bekannten, der gleich
zeitig mit einem Gerichtsvollzieher ein
tritt): .Aber, Mensch, wie haft Du mich
denn hier in der Straße gefunden?'
.O, ich bin einfach diesem Herrn nach
gegangen I'
rub, krümmt sich.
Lehrer : .Nun, Zipfel, wa ist die
Hälfte von :inem Viertel?'
Schüler (Sohn eines Wirthes):
.Schaum !
verkannte Situation.
Betrunkener (bei strömendem Regen
im Rinvfteia liegend): .Deubel, bet
scheint hier durchzurejnen !
Böse.
Fritzchen erzählt in großer Gesell
fchaft, in Gegenwart seiner älteren
Schwester : .Unsere Elisabeth kann im
Dunkel sehen wie eine Katze. Als Herr
Müller in die Stube kam, wo wir ganz
im Duftern faßen, hörte ich, wie sie
sagte: .Arthur, Du bift ja heute nicht
rssirt.
Elisabeth erröthete.
Feiner Tro.
..... Aber was machen Sie denn heute
für ein griesgrämiges Gesicht?'
.Ich habe fo starke Zahnschmerzen l'
.Da gratulire ich Ihnen herzlich !'
.Wa8, zu meinen Zahnschmerzen gra
tulire Si mir?'
,Nu, wen man mit achtzig Jahren
Zahnschmerzen haben kann, da darf man
schon gratulirenl'
Vor der Schulxrüfung.
Mutter der kleinen Elfe (zu Nachbar
Fritz): .Nicht wahr. Fritz, Du hilfst der
Elfe etwa, daß sie nicht sitzen bleibt I
Nachbar Fritz : .Aber, Frau Müller
.... ich kann sie doch jetzt noch nicht hei,
rathe!
Schlechte Ausrede.
.Hen Wirth, nun behauptet die böse
Welt gar, Sie hätten einen Frosch im
Weinfaß gehabt I
.Verlöumdung, nicht a! Verläum
dung, ia meinem Brunnen gibt e gar
keine Frösche!