Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, August 02, 1894, Image 9

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    ittf H ut s
"'"flÄJl
V
Mädel, fei schlau'."
Lon Z,I,u eller.
El war bcB Pracht Erklär aller
Äouquel. da Herr v. l'enjfelo de
niedlichen xammerkötzchkn entgegen
streckte, während kl ihm die Thüre zum
Boudoir der Herrin öffnete.
.tai gnädige Fräulein noch nicht aus,
gestanden aber Lieschen, nie sehen
Si denn au? Ist Ihnen über Nacht der
Herzallerliebste untreu geworden "
Liekchen sah in der That so betrübt
au, dah dies Frage des verdutzt drein
schauenden Kaoalier roohl berechtigt
war.
So reden Sie doch fuhr dieser
dringend fort. Drei volle Tage lang
hat mich da Geschick von diesem Hause
fern gehalien, und nun, da ich mil freu
big erregtem Herzen endlich meinen ZZuß
jeder über die Schmelle setze, begiilgt
mich da ein Gesichtchen, da na,
aber so schießen Sie doch endlich Io5,
GeheimnißkrömeiinI'
Lieschen sah ihn an, schmieg aber noch
Immer. Sie deutet nur mit aukgestrcck
ter Hand auf eine leer Blumenvase und
schickte (ich dann an, da Zimmer zu ver
lagen.
Lenzseld folgte ihrem Wink und steckte
da Bouquet mil einer Fürsorge, die dem
Preis de Objekte entsprach, in die
Base. Dann wandt er sich wieder der
Zose zu. Sein nicht unschöne, aber
etwa blast:te Gesicht hatte sich in
ernste, gemessene Falten gelegt, al er in
förmlichem Ton sagte:
,Da gnädige Fräulein wird ja wohl
für mich zu spuchrn sein?
,0 gewiß. Si bittet den Herrn
Baron nur um einige Augenblicke Ge
duld.'
Diese Worte kamen so gedrückt und
kletnmüthlg heraus, dag der Baron nicht
umhin konnte, noch einmal mit Fragen
in da Mädchen zu dringen.
Likibckh aber schüttelte nur da hüb
sche Köpschen, seufzt melancholisch und
verließ dann da Zimmer.
Ganz verdutzt blieb Lenzseld zurück.
Er vergaß vor Verwunderung sogar sei
nen Hut abzulegen, sondern blickte suchend
und prüfend im Zimmer umher, al gelte
hier irg:nd eine große Veränderung zu
ntcecken.
Diese Piüsung schien ihn jedoch wie.
der zu beruhigen. Da reizend kleine
Gemach, da Musterstück eine mit vor
nehmer Eleganz eingerichteten Künstler
Boudoir, strömte heute dieselbe Behag-
tchkeit und gute Laune ou, wie immer.
Alle stand 3 feinem alten Platz, nicht
deutete darauf hin, daß die Bewohnerin
Stunden der Aufregung oder Unruhe
verlebt haben könne.
Noch immer nachdenklich, begann er
mit den Quasten seine Sessel zu spie
len und eine Melodie leise vor sich hin zu
pfeifen. Aber nach wenigen Minuten
stand er doch von Neuem beunruhigt wie
der auf und trat an'S Fenster.
.Sie läßt mich lange warten, die
hold Goldelse,- monologisirte er,
wahrscheinlich, um rnkin Aufregung zu
steigern und dann mit der Erklärung
mehr Effekt zu erzielen. Wahrhaftig, ich
bin aufgeregt, und e ist auch kein Wun
der.... ein HeirathSantrag ist schließlich
kkin Pappenstiel. . . . Sie macht sich eine
schöne Rede zurecht und spricht mit einem
Feuer und einer Wärme, die inen selbst
in Erstaunen setzt, und dann heißt k:
Kommen Sie in drei Tagen wieder! ....
In drei Tagen! Da ist rafstnirt. Es ist
in freventliche Spiel mit unseren hei,
ligsten Empfindungen!. . . .
Er durchmaß einige Male in erhöhter
Ungeduld da Gemach und drehte in ner
Söser Erregung die Enden seine mar
tlalischtn Schnurrbarte. Aber lange
sollte er nicht mehr zu leiden haben.
Nur wenige Minuten vergingen noch,
dann öffnet sich die Thüre, und die
junge gefeierte Sängerin, die um
schwärmt Dioa de Opernhauses,
rauschte in' Gemach.
Sie war in ine entzückend Hau,
toilette gekleidet und glich in ihrer vor
nkhmkn Erscheinung wi Lenzfeld,
sagt .einer in geborenen Fürstin.
Haftig eilte er ihr entgegen, prallte
aber fast zurück, al er ihr in da sonst
so schelmisch lachende Antlitz blickt.
Himmel! Wie schwermüthig sah die
schöne Hilda heute au. Ein Schleier
der Wehmuth war über ihr Zöge ge
. breitet, in ihren großen blauen Augen
lag ein Ausdruck schmerzlicher Resigna
tion und IS si ihm dik schlanke Hand
entgegenstreckte, bemerkte er deutlich, daß
dies zitterte.
.Willkommen, mein lieber Baron,
sagt st mit umflorter Stimme, wie
dank ich Ihnen für ihre zarte Aufmerk
samkeit, dabei wie fik auf den
prächtigen Blumenstrauß. .Ich bedarf
jetzt solcher Zeichen wahrer Zuneigung
mehr denn je....
.Aber mein theure, gnädige Fräu
lein! Sie sehen mich starr!.... Welche
Wandlung ist während dieser unseligen
drei Tage meiner Abwesenheit mit Ihnen
vorgegangen? .... Sagen Sie mir doch
gleich offen? was ist geschehen? Wer
I hat Sie gekränkt, beleidigt? Wen soll ich
J Zur Rechenschaft ziehkn '
"i 0, mein Freund! Davon kann
hier keine Red sein.... Was mir ge
schehen, kann menschliche Gewalt nicht
1 bekämpfen.
Er fand aus diese Worte keine Ent
Segnung und starrte sie nur fafsungS
o an.
.Ich habe Ihnen eine traurige Ent
hüllung zu machen.'
Nun fuhr er wirklich zusammen.
,Ahl....ah! jetzt beginne ich zu
ahnen. . . . ES giebt einen dunklen Punkt
in Ihrem Leben, ein EtmaS, dos Sie
mir bisher verschiviegen und da Sie
uun zwingt, meine Bewerbung abzu,
weisen?!'
Jahrgang !.".
Ihr Blicke wurden etwa lebhafter,
al sie erwiderte:
,O nein! Da ist e nicht. Im Ge
geniheil. ES erfüllt mich mit greude,
Ihnen zu sagen daß ich bcreit bin
die Ihrige zu werden.
.Oh, Fräulin Hilda, ist daS wirk
lich?'
Er brachte da in merkwürdiger Ver
wirrung heraus. Warum jubelte er nicht
auf bei diesen Worten? Er vermocht
sich 8 selbst nicht zu erklären, aber die
Art ihrer Zusage und die begleitenden
Umstände machten einen ganz seltsam be
unruhigenden Eindruck auf sein Em
p finden,
.Verzeihen Sie, theuerste Hilda, be
gann er verlegen, .ich möchte Sie nicht
verletzt, aber sie geben mir Ihre Zusage
in einem so mkrkwürdtgkn Tont "
.Zürnen Sik mir deshalb nicht,
Baron. Wenn Sie wüßten! Gerade
jetzt ist ihre Bewerbung, Ihr freundlicher
Antrag, meine einzige Stutze, mein em
ziger Halt.... Wenn ich jetzt Sie nicht
hSttt
Sit war bei diesen Worten langsam
auf Ihn zugekommen, aber unerklär
liche Empfindung! anstatt beseligt vor
ihr in die Knie zu sinken, tirirte kr in
stinktiv Schritt für Schritt, al wolle er
sich ihrer Zärtlichkeit entziehen.
.Mein Gnädigste. . .Sie machen mich
mit diesen räthselhaftkn Audeutungen
ganz bestürzt. . . .So sagen Sie mir doch
vor Allem, wa Sie betroffen hat?!
.Ein traurige sehr traurige Gt
schick, daS freilich Sie vielleicht nicht ganz
so schmerzlich empflndkn wtrdkn.
Fast ärgerlich fuhr eS ihm heraus:
Aber um GotteSmillen, was ist denn
da für ein Geschick?
Sie trat ganz dicht zu ihm heran, legte
die Hand aus feine Schulter eS wurde
ihm höchst unbehaglich dabei sah ihm
mit unsäglich wehmüthigen Blicken fest
in die Augen und sprach dann tonloS:
.Ich habe meine Stimme verloren.'
Mit einem heftigen Ruck befreite er
sich von der auf ihm lastenden Hand und
trat zurück,
.Aber da ist ja.... nicht möglich,
stotterte er und blickte sie völlig fafsungS
los an.
.ES ist di volle, traurige Wahrheit,
mein Freund.. entgegnete sie resig
nirt. .Die Erkältung, dik mich wäh
rend der letzten Woche am Auftreten ge,
hindert hat, ist verschwunden mit ihr
aber auch meine Stimm ....
Aber di Acrzie.... wa sagen die
Aerzte?
.Da Schlimmste:.... nichts!
Eine peinliche Pause entstand. Sie
hatte sich fchmerzerfüllt auf den Dioan
niedergelassen r stand völlig rathlo
und mit bleichem, fast finsterem Gesicht
am Fenster.
Plötzlich aber raffte sie sich empor und
sagte mit erhobener, zuvkrsichtlich klin
gender Stimme:
.Aber jetzt, lieber Freund, da Sie das
Fulchtbare wifftn, kommen Sie, um
mich zu trösten! agen Sie mir, daß
Sik als mein Gatte mich durch Ihr
Liebe, Ihre so oft bewiesene Anhänglich-
keit entschädigen werden für all die glön
zenden Freuden und Triumphe meiner
Künstler, Saniere, auf die ich nun ferner
für immer verzichten muß.'
Ber Baron rührte ich nicht vom
Platze.
Wie angewurzelt stand r am Fenster
und tastete nervös auf den prächtigen
Vorhängen umher
.Verzeihen Sie, gnädigst Fräulein,
wenn ich in Folgt dieser schwerwiegenden
Enthüllung vielleicht nicht ' gleich den
rechten Ton finde .... Ich bin überzeugt,
baß auch Sie in diesem Augenblick kaum
sShig oder geneigt sein werden, noch über
andere, über gleichgültigere Dinge zu
sprechen, al daS bedauerliche Mißge
schick, da Sie betroffen. . .Auch müssen
sie sich schonen, jede Aufregung ver
meiden, möglichst wenig reden Viel
leicht ist doch noch Hoffnung vorhan
den.... Dann raffte er sich endlich zusammen,
um ihr näher zu treten und ergriff ihre
Hand.
Glauben Sie mir man muß nicht
immer gleich da Schlimmste fürchten,
nicht gleich verzagen Ich werde mich
an die besten Autoritäten Deutsch
land und de Auslande wenden, und
jetzt gleich, noch in diesem Augenblick will
ich Schritte thun, um Ihnen Jhn kost
baren Schatz, Ihr Gold, Ihr Vermögen,
wieder robern zu helfen. Jetzt gleich!
muß gelingenl. . . .
Wenig Minuten darauf hatte Baron
Lenzfeld sich empfohlen, die gefeierte
Sängerin aufgelöst in Schmerz zurücklas.
send....
Aber bereit am nächsten Morgen kam
er wieder. Eine .Autorität' halte er
noch nicht zu Rathe gezogen, aber Man
cherlei war ihm durch den Kopf ge-
gangen.... Er wollte koch vorher noch
einmal mit der Dioa den.
.Nun, Kleine, wie fleht' Deiner
Herrin heute?' fragte t Lieschen beim
Eintreten erwartungsvoll.
te anlwoUete nicht, lachte ihn mit
einem merkwurdigkn Ausdruck, der ihm
Beilage zum Nebraska 2taats-An;eiger.
fast wie Spott vorkam, an und ver,
schwand.
,Hm? heute so vergnügt?' mur
melle er verwundert, und lieg sich nach
dknklich in einen Sessel sallen. Aber
im nächsten Moment schon suhr er über
rasch t empor. . . .
Wa war da?. . .. Wa schlug da
vom Nebenzimmer her an sein Ohr?
Täuschte ihn eine grausame Hallunci
nalion? Nein, nein! E war eine
Stimme, unbedingt Hilda' Stimme! . . .
Und sie klang so in, so schön, so voll,
so entzückend und so kostbar wie zuvor!
Wa sie sang, war eines jener kleinen
.Liedchen im Volkston, durch die sie in
populären Conzertea so oft die Menge
entzückt hatte.
Grenzenlos überrascht blieb er stehen,
horchte mit angehaltenem Athem und
verschlang die Worte de naiven und
doch für ihn so bedeutungsvollen Terte:
.Naht sich ein Jüngling Dir,
Mädel, sei schlau!
Ist'S auch ein Kavalier,
Mädel fei schlau!
Nennt er Dich sein und hold,
Mädel sei schlau,
Will vielleicht nur Dein Gold,
Mädel, sei schlau!'
Der Baron verstand jede Wort,
ach, sie war ja berühmt, ihre deutliche
Aussprache! ja, er kannte da Lied so
gar.... Niemals aber hatte dessen
Sinn so erfaßt, wie in diesem fatalen
Augenblick .... Er preßte in ohnmäch
tigem Zorn die Lippen aufeinander und
schlug sich so heftig gegen die Stirn, deß
die Nähte de Handschuhs krachten. In
demselben Augenblick, mährend auS dem
Nebenzimmer her der zweite Ver de
Liede herkintönte, erschien Lieschen'S
Kopf in der EingangSlhüre. Diesmal
lachte die Kleine über' ganze Gesicht
und da war nicht mehr leichter Spoit
wie vorhin, sondern diabolischer Hohn!
,Ah.... Du kleine Here,' raunte
Lenzseld, mit heftigen schritten dem
AuSgange zueilend, ihr entgegen....
.Sage Deiner Gnädigen, sie fei nicht
nur eine große Sängerin, sondern eine
noch größere Komödiantin.'
.Das habe ich ihr gestern bereits ge
sagt. Und wissen Sie, wag sie mir dar-
auf erwidert hat?' Da wird meinen
zukünftigen Herrn Gemahl besonders
freuen .... Dann wird man mich
noch besser bezahlen.
Dabei öffnete Lieschen dem Baron um
höflich weit die Thüre und ihr lachendes
Antlitz erschien ihm jetzt als grinsende
Fratze. ... Er stieß einen kaum hörbaren
Fluch au.
Ohn noch ein Wort zu sagen, schritt
er hinau und stolperte die Treppe hinab,
während ihm in gedämpften Accorden au
der Wohnung der Sängerin immer wieder
in da Ohr klang:
.Mädel, sei schlau!
Johannes.
Die Geschichte eines Kindes. Von Ellen
Wildeneck.
Er war ein so blasser, stiller Junge,
der Johannes.
Sein Vater, der Zimmermann Scheu,
ner, nannte ihn einen träumerischen
Nichtsnutz. Eine Mutter hatte Hannes,
wie man ihn in der Nachbarschaft nannte,
nicht mehr.
Die bleiche, stille, kleine Frau, deren
ganze Ebenbild Johanne war, hatte
man vor zwei Jahren auf den Friedhof
getragen. Nun führte die alte Groß
mutter den kleinen, sehr dürftigen HauS
stand. In die Schule kam Hannes sei
ten, er mußte von frühester Kindheit an
im Hause helfen, Holz hacken, Wasser
holen und vor Allem die Kinder hüten,
daS fünfjährige Brüderchen Fritz und die
kleine dreijährige Martha,
Wenn der Valer ihn mit seiner rauhen
Stimme .HanneS rief, zuckte er stets
zusammen. Warum riefen sie ihn denn
bei diesem Namen, der so rauh und kalt
klang? Warum nannten sie ihn nicht so,
wie eS die kleine Martha that? Er hörte
e so gern, wenn die Kleine, die er zärt
lich lieb hatte, ihn mit ihrer süßen, hellen
Stimme .Hanny, Hannv rief.
Mit semem Vater stand HanneS auf
keinem guten Fuße. Er hatte stet ein so
drückendes Gefühl, wenn er in seiner
Nähe eilte. Und die Ursache, dieser
seltsamen Scheu und Furcht vor dem
Vater meinte Hanne nie, nie vergessen
zu können.
Er hatte einst mit großer Mühe seinen
Schulkameraden einen kleinen, halb zu
Tode gequälten Sperling abgejagt, ihn
nach Hause getragen und mit unsäglicher
Mühe den zerschmetterten Flügel und das
zerbrochene Beinchen geheilt. Und da
Thierchen war zahm geworden, ganz
zahm! Es floz ihm auf die Schulter,
pickte ihm die Brodkiümchen von den
Lippen und bildete In feiner zutraulichen
Art die ganze Wonne, das einzige Glück
des kleinen blassen Knaben.
Eines Abends kam der Vater
HannkS erinnert sich der Scene mit
peinlicher Deutlichkeit vom Brannt
wein übermäßig erhitzt, heim. Wenn
die Kinder den Vater in diesem Zustande
sahen, gingen sie ihm scheu au dem
Wege, und selbst die Großmutter zog sich
In dem dunkelsten Winkel der dumpfen
Kellerstude zurück. Da hatte plötzlich
des Vater rauhe Stimme gerufen:
.Hanne! Wo steckt denn der Tau,
genichl?
Und der kleine Knabe kroch zitternd
und bebend au dem dürftigen Slrohdett
hervor. Er hatte ja kein Geld gehabt,
um, wie der Vater befohlen, die Brannt
Weinflasche füllen zu lassen. Al er
stammelnd und an alle Gliedern be
bend seine Entschuldigung begann, da
wurde der Berauschte rasend vor Zorn.
Er packte die zarte Knabengestalt und
schüttelte sie, daß Johanne Hören und
Sehen verging.' Unglücklicherweise war,
wie allabendlich, der kleine Sperling aus
des Knaben Schulter eingeschlafen. Nun
würde er von den heftigen Stößen zu
Boden geschleudert und flatterte, halb er
wachend, zu den Füßen des Vater. Die
Wuth des Manne kannte jetzt keine
Grenzen mehr.
.Warte. Du Vagabund, ich will
Dich lehren, über Spielkreitn die Be
fehle Dtink VaterS zu vergessen. Da I
Da!
Ein schwerer Fußtritt, ein verzweif
lungSooller Aufschrei de Kinde, ein
leiser, schwacher Ton und ein kleine
Häufchen Blut und Federn lag vor dem
entsetzten Knaben.
Der Berauschte schien durch die rohe
That abgekühlt; noch einen chlag aus
deS Kinde Rücken und wirre Worte
murmelnd, taumelte er seitwärts auf'
Lager.
Seil der Zeit war Hanne vollends zu
dem geworden, wa er jetzt war, zum
stillen, unbrauchbaren Träumer. Der
Vater hatte feit Wochen kein böses Wort
zu dem Knaben gesprochen, er fürchtete
den eigenen Blick, mit dem da Kind ihn
unverwandt und still ansah.
Auch heute hatte der kleine, blasse
Knabe da Kinderwägelchen, in dem
Martha auf einem Berg von Kissen saß,
nach der BahnhosSwiese gelenkt. Hier
mar der beliebteste Spielplatz der Kinder.
Martha jagte sich mit Fiitz luftig im
Grase umher; Johanne, der daS
Schwesterchen gut beschäftigt wußte,
streckte sich lang au und barg den klei
nen Kopf, der in letzter Zeit oft so weh
that, 1 tm kühlen, tauseuchten Grase.
Und dem Knaben war, al träume er, so
süß, o so unendlich süß. Die Mutter
beugte sich über ihn und strich kosend mit
der weichen Hand über die kleine, heiße
Stirn des Verlassenen.
Da einsame Kind sährt plötzlich aus
seinen Träumen empört. Wo waren die
Geschwister? Er blickte sich um.
Dort, mitten auf den Schienen des
niederen Eisenbahndammes sitzt Martha
und spielt im Sande. Ihr feuerrolhe
Kleidchen leuchtet bi zu ihm herrüber.
Und dort? Allmächtiger Gott!
Der kleine Knabe springt jäh in die
Höhe. Dort, dort, die Schienen herauf
braust der Zug.
.Manhal'
Da Kind blickt lächelnd auf da ist
er schon neben ihr und stößt mit zittern
den Händen da Schwesterchen über daS
GeleiS den niederen Damm hinunter.
Sie lacht ob des vermeintlichen Spieles.
Da oben aber allmächtiger Gott,
der kleine Knabe hat da Gleichgewicht
verloren. Noch einmal wendet sich das
blasse Gesichtchen zu der kleinen Schwe
ster, dann braust der Zug über die Kna
bengestalt.
Sie haben ihn helmgetragen in die
enge, klein Wohnung. Der schleunigst
herbeigerufene Arzt schüttelt traurig den
Kopf hier ist kein Rettung mehr
möglich.
Jetzt öffnen sich die großen, träume-
rischm Augen plötzlich. .Martha?
Man bringt die Kleine an sein
Beltchen.
.Hannv, Hannv! jubelt sie, IS sie
den Bruder erblickt.
Ein seliges Lächeln gleitet um den
Mund de kleinen Knaben. Er liegt
nun wieder mit geschlossenen Augen da.
Da öffnen sie sich noch einmal an
da Ohr de Kinde ist daS leidenschaft
liche Schluchzen einer tiefen Männer
stimme gedrungen. Er blickte ftch um
und sieht in ein gramdurchfurchtes, nur
zu wohl bekannte Antlitz. Ader wie
kommt e nur? Die Furcht vor dem-,
selben ist plötzlich geschwunden.
.Vater!'
Der Mann blickt nassen Auge aus
sein Kind, und zum ersten Male gleilet
seine rauhe, ungefügige Hand liebkosend
über das kleine, heiße Köpfchen.
.Vater, lieber Vater! kommt eS leise
über die erbleichenden Kinderlipxen.
Scheu liebkosend greift die kleine, un
verletzte Recht nach der großen Männer
Hand, die auf der weißen Decke ruht.
.Hannv, mein Hannv, bleibe bei
mir!
An des Kinde Ohr dringt e als
ein Aufschi ei der tiefsten, namenlosesten
Lnzst. Ein selige Lächeln legt sich
über die erkaltenden, blassen Züge.
.Vater, nenne mich noch einmal
Hannv, flüsterte der bleiche Mund.
.Mein Hannv!
No. 11.
Die großen, grauen Augen strahlen
noch einmal hell und sonnig auf, dann
schließe sie sich.
Die Leute tm Zimmer treten zurück
und beten teile. tx Vater aber ist
vor dem kleinen Lager in di Knie ge.
funken und vergräbt daZ Antlitz in den
weißen Decken.
Johanne, der kleine, blasse, stille
HanneS, ist be, seiner Mutter!
Die jüngsten und die ältesten
Lheleute.
Die HeirathSsShigkeit ist auf dem
ganzen Erdenrud bei zioilisirten und
nicht zioiliflrten Völkern auf eine gewisse,
durch Gesetz oder Herkommen genau be
stimmte unter Altersgrenze gebunden.
Am niedrigsten ist dieselbe In Indien, wo
Kinder im zartesten Alter mit inander
oerheirathet werden, so daß Brautpaare,
welche zusammen noch nicht zehn Jahre
zählen, keineswegs feiten sind; am HSch,
ften jedoch in einigen Kantonen der
Schweiz und in Nordamerika. Früher
wurden in der Union zur Heiratsfähig
keit blos 16, also genau so viele Jahre
wie in Ruhland gefordert; allein da nicht
wenige der die Trauung Begehrenden er
hebllch jünger waren, undPsarrer, Rich,
ter und MagistratSperfonen nicht ent
scheiden konnten, ob sie da gesetzliche
Alter hatten, weil in Amerika beim Ehe
schluß keinerlei Papiere erforderlich sind,
so fand eine Herausschiebung der Hei,
ralhssähigkeit beim Weibe um zwei, beim
Manne aber nur um 4 Jahre statt. Er
muß also derzeit 20 Jahre alt sein oder,
wie ein Kenner amerikanischer Verhält
nisse bemerkt, wenigsten so alt zu sein
scheinen. Diese Gesetz gilt vielen al
sehr strenge, und der Tag seiner Einfüh
rung eS war der 1. Oktober 1385
ist ein Tag deS Jammer S gewesen. Ganz
Nordamerika beklagte sich damals über
den unleidlichen Druck von oben und pries
die Regierung von Pennsyloanien, welche
voll Mitleid mit allen, deren Vereint,
gung sür Leben entweder da .Nein
der Eltern oder allzu große Jugend ent
gegenstand, jene Gesetz auf ihrem Ge
biete erst am 3. Oktober 1SSS in Kraft
treten ließ. Da die vorher gehörig
kundgemacht worden war, fand damals
in Pennsvlvanien ein wahre Massen
heirathen solcher Personen statt, denen
es an den gesetzlich erforderlichen Jahren
mangelte. Das jüngste Pärchen war zu
sammen nur 23 Jahr alt.
Ein Ehemann von vierzehn Jahren!
Man wird ihn für den jüngsten halten,
der jemals dagewesen. Allein gemach,
eS hat noch jüngere gegeben. Der Erb
prinz Heinrich von Nassau-Saarbrücken
z. B. wurde in feinem elften Jahr mit
der sieben Jahre älteren Prinzessin
Maximiliane von Montbanv verlobt und
di Vermählung am 6. Oktober 1779
wirklich vollzogen. Auch Ludwig der
Vierzehnte wurde sehr frühzeitig Bräuti
gam und wäre, wenn er nicht entschieden
widerstrebt hätte, bereit im Jahr 1643,
also in seinem elften Lebensjahre, mit
der spanischen Jnfantin Anna, einem
Kinde von 6 oder 7 Jahren, vermählt
worden. Thatsächlich befand sich diese
jüngste aller Bräute zur Erziehung am
französischen Hose, aber ein so gutes und
reizende Kind sie auch war, sie hatte doch
da Unglück, ihrem Bräutigam zu miß
fallen, und mußte endlich nach Madrid
zurückgebracht werden.
Uedrigen pflegten im vorigen Jahr
hundert die Reichen und Vornehmen
Frankreichs ihre Töchter oft schon im
zarten Alter von 10 bi 12, höchsten
aber mit dreizehn Jahren zu verheirathen
und nach der Hochzeit ncch ein paar Jahr
im Pensionat zu belassen, ein Verfahren,
welche die Romantik des Pensionat ge
zeitigt und nicht wenig Entführungen
verschuldet hat. Heutzutage hat der
gleichen Mißbräuchen daS Gesetz Schräm
ken gezogen, und e ist überall, wenn
schon nicht ganz unmöglich, so doch sehr
schwer, den Mangel der HeirathSsShigkeit.
insofern derselbe in allzu großer Jugend
besteht, zu bemänteln. ES darf daher
nicht Wunder nehmen, daß an Bräuten
und Bräutigamen unter 16 Jahren der
größte Maogel herrscht.
Dahingegen giebt eS uralte Brautleute
genug. Nach oben zu Ist nämlich die
HeirathSsShigkeit ein völlig unbt
schränkte, und so hat erst kürzlich Hiram
Lefter, ein Jüngling von 124 Sommern,
Miß Marv Moselev, ein junge Ding
von 81 Lenz, geheirathet. Die Trau
ung fand in Atlanta, im amerikanischen
Slaate Georgia, statt, und zwar im
Thaier, welche kaum die herbeigeström
ten Schaaren der Schaulustigen zu fassen
vermochte. Der Baron Longueotlle hin
wiederum, ein Pariser Rentier, verhei
rathete sich von seinem 7a. bis zum 100.
Leienöjahre nicht weniger als fünfmal.
Auch Herr Feodor v. Freimann, in eh:,
maliger russischer Offizier, vermählte
sich in seinem durch amtliche Dokumente
beglaubigten Aller von 100 Jahren mit
in jungen Mädchen von 17 Jahren
und lebte, ducch die Geburt zweier Kna
den beglückt, noch volle fünfzehn Iah
Noch älter als Freimann, nämlich 144
Jahre, war Hadschi Soliman au Ge.
ridje bei Koi-stantinoxel. clS er vor sich
Jahren neuerlich in den Ehesiand trat,
um, wie er sagte, seinen Nan-en nicht
ousterbn zu lassen und Soliman Saba,
ein bosnischer Türke, zahlte 126 Johi,
all tr den Gedanken segle, sich aberuml
zu verheirathen.
Nun sollt man glauben, daß die vor
angeführten Männer die ältesten Freier
gewesen sind, allein dem ist nicht so.
John Surrington. in Norweger, stellt
si all in den Schatten. Er heirathet
nämlich im Alter von 139 Jahren zum
drittenmal, und an feinem Grabe, in
da, er 1797, 160 Jahr alt, gesunken ist,
trauerte ein 10ZjZhrige Wittwe und in
neunjähiiger Enkelsohn. Dieser Sur
rington also ist der älteste unter den Ehe
männern; die älteste .junge Frau jedoch
ist gegenwärtig die 80jährige Frau Sal
zer, wohnhast zu Albernau im sächsischen
Erzgebirge, welche vor Kurzem sich mit
dem 96 Jahr alten Veteran au den
Freiheitskriegen, Salzer, vermählte.
Zer Keörauch von Tischzeug.
Dik Servietten wurden in Deutsch
land erst vor drei Jahrhunderten, zur
Zeit Karl V., bei reichen Prioatper
fönen üblich, noch wkit spät al di
Tischtücher. Früher aß man auf Hölzer
nen, geglätteten Tischen, und al Unter
lagk der Schüsseln und Teller wurde
gegerbte Felle benützt. Tischtücher au
Leinwand und Damast waren so kostbar,
daß si nur an fürstlichen Tafeln In Ge
brauch kamen. Ein merkwürdige Sitte
bestand darin, daß vor dem Platze In
RilterS, auf welchem ein Schimpf haf
tete, der Herold berechtigt war, da Tisch
tuch zu zerschneiden und ihm den Teller
und da Brod umzukehren. Alsdann
mußte der Geschmähte entweder seine
Schimpf tilgen oder beweisen, dah man
ihm unrecht gethan hatte. Diese Schmach
widerfuhr sogar einem mächtigen Für
ften, dem Grafen Wilhelm von Henne
gau, als er an der Tafel des deutschen
Kaiser Karl IV. (1349-1373) speist.
Ein Waffenherold zerschnitt vor ihm da
Tischtuch mit der Bemerkung, daß ein
Herr, der kein Waffen trage, nicht wür
big sei, an eine König Tafel zu sitzen.
Uud al der Graf betroffen rwidirt,
daß r, wie jeder andere Ritter, Schwert
und Lanze führe, antwortete der Herold:
.Das kann nicht fein, sonst würdet Ihr
gewiß schon den Tod Eure Oheim, der
bei Courtrav erschlagen wurde, gerächt
haben.
ßin Studenten Sreich.
Folgender Ulk ist, wie man dem
.B.C.' mittheilt, kürzlich in Bkrlin
von tinigkn Söhnen der ,alma mater
tn Scene gesetzt worden. Bei einem
Frühschoppen, der sich bi in die späte
Nachmittagsstunden anödehnte, halte sich
einer der Theilnehmer derart bezecht, daß
er einschlies und nicht zu ermuntern mar.
Um ihn zu erwecken, ward eine Spazier
fahrt gemeinschaftlich vorgenommen; da
auch die keinen Erfolg hatte, so bracht
man ihn nach dem Lehrter Bahnhof und
setzte ihn in in Coup 2. Klasse de um
7 Uhr 20 Minuten abfahrenden Schnell
zuge. Der akademische Bürger schlief
hier den Schlaf de Gerechten weiter,
und zwar so fest, daß er auch bei der An
kunst in Hamburg um 10 Uhr 56 Minu
ten kaum zu ermuntern war. Mit vieler
Mühe wurde r von anderen Passagiere
aus dem löouxe unv aus die Straße ge
schasst. Noch halb schlaftrunken Irrt
der Musensohn in der Hansastadt umher
und entschloß sich, da er absolut sein
.Bude nicht finden konnte, einen Nacht
Wächter zu fragen, wie er nach der Tieck
straße komme! Kopfschüttelnd machte der
Wächter der Ordnung darauf aufmerk
sam, baß eine Tieckstraße ihm völlig un
bekannt fei und er Ihn daher unmöglich
dahin führen könne. Erst nach längerem
Verhör erkannt der Bierselige, daß r
sich nicht In Berlin befinde, und so blieb
ihm nicht andere übrig, al die Nacht
Quartier in einem Gafthofe zu suche
und am nächsten Morgen nach Berlin
zurückzudampfen. Der Empfang soll
glänzend und da Wiedersehen sehr freu,
big gewesen sein.
Hrotze Heifter tcr stch.
Voltaire und Rousseau vkleaten kick
trotz der sie verbindenden Rreutibfmafl st
recht rücksichtslos aufzuziehen. Al
!ou,ieau eines age mit Voltaire
speiste und Austern auf den Tisch gebracht
wurden, bemerkte der Bei fasser de
.Emile, nachdem er ttcb davon icbo
tüchtig zugelangt hatte: .Ich könnte
0 viele unern vertilgen, wi Samson
Philister erschlug
.Auch mit derselben Waffe?' (d. h.
dem EselS kinnbacken) fragte Voltai
verschmitzt lächelnd.
Rousseau vergaß den aus seine Kosten
gemachten Scherz nicht so bald und
ipayie naq ver Gelegenheit, sich zu
rächen. Nach einiger Reit tarn Voltaire
während Rousseau abwesend war, in
oenen yaus. er Ute Thüren offen
fand, begab er sich in das Albeitszimmer,
sah aber hier alle Bücker in nrnfiti Un.
Ordnung und mit Staub bedeckt umher
liegen, oron iqriev er mit dem Finger
auf einen Buckdeckel da Wori"Co.;IW
(Schwein). Am nächsten Tage begegnet
r Noueau unv meicet diesem, r sei
gestern In seinem Hause gewesen, ohn
ihn anzutreffen.
,ch weiß e,' erwiderte Rousseau,
ich habe ja Ihre Visitenkarte voraekun.
den.'
Im vertrauen.
.Eine schön Empfehlung von meinem
Chef und er läßt um sofortige Begleichung
der Rechnung ersuchen!'
.Wie? Glaubt drnn Ihr Herr ktwa.
daß ich ihm durchgehe I'
.Da nicht... aber im Vertrauen
gesagt mein Herr will durch
gehen!'
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