Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, June 28, 1894, Image 9

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    Sie sä'weizt.
lulic ri4i4: zn Äz' X:ze?.
Der ffymnzsialebeilkhrer It. Phi!os.
Mayrr hatt der inst feine Gattin au
purer Liebe gkheirakhet. CbaU'.cJ di
mal nur im Besitz eine sehr mäßigen
Einkommen? und etmelcher Schulden 011
seiner Studentenzeit her. war er loch
unter dem Wahlspruche: Eine Hütte und
ein Herz, einem ganz unuttderstehlichen
inneren Antriebe gefolgt und hatte die
blutarme, aber bildhübsche Tochter einer
Leamtenwittwe zum Ehegesponi sich aui
erkoren.
Da junge Frauchen war, wie gesagt,
mit allen tldenklichen Süßeren Voizügen
ausgestattet; aber maZ ihien Gatten tast
in noch HZH:rem Maße, wie jine, un
niderstehltch angezogen hatte, da war
ihr fo bewegliche Wesen, ihr, nir
Vogeltnllcrn klingende Lachen und ihr
witzige, stets hettereS Geplakder ge
esea. Jahr um Jahr verging, d,e Ehe
blieb kindeSlol. aber still ging e de.
wegen in dem kleinen Haushalt nicht zu.
denn Frau Martha schwätzte so lebhaft
fort. IS ob mindesten! zehn kleine
Sprößlinge vorhanden wären.
Der Scheitel de Herrn Oberlehrer
hatte sich bereit bedenklich gelichtet, und
I wurde feinem Besitzer nicht mehr leicht,
tnit den wenigen grauen Strähnen feine
Blöße zu decken. Aber auch Frau
Martha glich schon lange nicht mehr
ihrer eigenen, so bestrickenden Erscheinung
von ehedem, die dem jungen Philologen
Herz und Sinn bezaudert hatte. Manch
graue Haar blinkte in dem dünn ge
wordenen dunklen Scbeitel, manch Är5
henfüßcheii, ja horribile dictu Falte
zeigte sich an den Schläfen und um die
Lippen. Aber unberührt von dem Wech
sel der Zeiten schienen ihre Sprich und
Lachlverkzeuge zu sein. Nicht zur Freude
ihre! Galten, der ihre sonstigen Eigen
fchaslen als brave Hausfrau hochschätzte.
Denn nur zu leicht wird uns mit der
Zeit weniger erträglich, ja oft geradezu
lästig, was uns dereinst in dem Gegen,
stände unserer jangen Liede entzückt halte.
Mit welcher HerzenSseligkeit hatte vor
Jahren der verliebt Herr Doktor diesem
kleinen, süßen, süßlichen, beweglichen
Mäulchen zugeschaut, hinter deui bim
sende Perlemeihen sich zeigten und ein
rolhes Zünglein sein lustiges Spiel trieb
aber mit welchem Schreckgefühl be
dachtet er jetzt, nach mehr denn zwan
zig Jahren, die unausgesetzte, seine Ner,
ven zerrüttende Thätigkeit dieser mittler
weil recht, recht spitz gewordenen Zunge,
die freier, wie damals, hinter Zahn
luden, StockzShnen und bleichen, dünnen
Lippen ihr unheimliches Wesen trieb.
Und Frau Martha hatte immer etwas
zu sagen; sie schmieg nie. Selbst im
nächtlichen Schlummer arbeitete ihr
Zünglein noch, und recht oft entrissen
thre verworrenen Reden dem Gatten den
ihm nöthigen Schlaf.
Und ihr Lachen klang n'cht mehr
silbern.
Nicht einmal sein Studirzimmer respek
tirte sie. Mochte er bei einer noch so
streng wissenschaftlichen Arbeit, oder beim
Korrig'ren seiner Klagenhefte sein
wollte und mußte sie ihrer Schwatzleider
schaft Luft machen, so drang sie wider
standölo bei ihm ein und erkor ihn zu
ihrem Opfer. Und sein Unwille, ja
Zorn, zerpuffi stet an ihrem energisch
abweisenden Gelächter. Häufig stellte
sie dabei Vergleiche an zwischen einst und
jetzt, worauf er einmal .höchst ungalant
zu eimidern wagte, daß fröhliches G
pfapper von zwanzigjährigen Mädchen
lippen sehr ander klinge, als das ewige
Geschwätz einer Zahnlückigen. Weiter
war er nicht gekommen, denn mit dem
niederschmetternden Donneroort: llnge
heuerl' hatt sie die Thüre hinter sich zu
geschlagen, um in der nächsten Stunde
die Schleußt ihrer, durch die Erregung
offenbar nkugekrästigten Beredsamkeit
jeder aufzuziehen.
Schließlich hatte der Doktor, wie ein
rechter Philosoph, sich in sein Schicksal
gefunden; wenigstens haderte tr nicht
mehr gegen fein Geschick nach außen
desto mehr aber nach innen.
Um so verwunderlicher war eS ihm
aber und Anfangs schier unfaßbar, daß
Frau Martha einiges TageS weniger
sprach als sonst, minen in einer höchst
lebhaft begonnenen Tirae plötzlich daS
Zimmer verließ. Der Doktor wagte
och nicht, Guie zu hoffen, ja, er be
Harm sogar irgend ein unabwendbare
Gefahr zu fürchten und beobachtete
.darum seine Ehegenosstn mit 2lrgu.
äugen. Aber kein fchreZenerregendes
Ereignih stellte sich ein, nur wurde Frau
Martha von Tng zu Tag immer eitistlbi
ger. Dabei verließ sie auch wiederholt
ohne sein Wissen daS HauS, was sie
sonst nie gethan, und die Folgen ihrer
geheimnißoollen AuSflüge waren insofern
secienörciche sür den geprüften Gatten,
als sie danach immer mehr und mehr den
Gebrauch ihrer Zunge zu verlernen
schien, big sie endlich eine schönen TageS
ganz und gar verstummte.
Der Mensch ist ein GewohnheilSlhier.
Und Herr Doktor Mayer, der schon
längst tn den Augen seiner Gattin viel
von seiner ehemaligen Götterähnlichkeit
inaedüht hatt, war gleichfalls in
Sklave de Angewöhnten, Hatte er sich
unter den Wsrtergüffcn feiner Gattin zu,
vor höchst unbehaglich gefühlt, so empfand
r jetzt ihr unheimliches Schweigen als
ine allmälig immer unerträglicher wer
dende Pein. Lieble er doch feine Martha
trotz alledem, und diese ihn mit all dem
Feuer, welche in einer nahezu fünfund
zwanzigjährigen Ehe noch zu glimmen
pflegt. Und so sorgte er sich um sie und
gab dieser' Sorge zärtlichen Ausdruck,
Doch Frau Martha beanturortete seine
indrtnglichen Fraae: ob ihr etwa fehle,
ob sie ihm gar zürne, stets, mit einer
stummen schmerzlichen Geberd, und, als
r sie einmal liedeisll an sich ziehen
S7
VtX
Jahrgang 15.
wollte, da entwand sie sich sanft seinen
Armen, richiete ihre, wie ihm schien,
serchlen Augen schmerzlich kopfschüttelnd
nach oben uid entiioh'in ihr Zimmer,
dessen Thüre sie hinter sich verriegelt,.
Da ging unmöglich mit richtigen Din
gen zu, und unsern Doktor überkam die
Angst. Martha war offenbar krank,
vielleicht gar der Himmel schütze sie
gnädig zeigten sich die Anzeichen einer
beginnenden GeifteSzerrüttung; zu war
ten und zögern hieße hier Verbrechen und
ohne sich lange zu besinnen, lieh der be
sorgte Gatte ohne Wissen von Frau
Martha den alten, befreundeten Hau!
arzt, seinen Studiengevoffen, zu sich
bitten.
Mit allerhand, von der Angst ihm ein,
geg:benen, confusen Redensarten empfing
er Oderlehrer den Doktor, während
Frau Martha, ruhig und mit nach ihrer
neuesten Gepflogenheit fest zusammen
gekniffenen Lippen, ihm einen stummen
Wink gab, ihr in ihr Zimmer zu folgen,
was auch der Arzt, selbst wohlgeschulter
Ehemann, unverzüglich that.
Herr Oberlehrtr Dr. Mayer hatte,
unterstützt durch passende Cltatt aus
alten und neuen Klassikern, seinen Schü
lern der höheren Klassen wiederholt aaf's
Eindringlichste an' Herz gelegt, daß
nichts den Menschen, und besonder den
männlichen, mehr schände, 0I8 weibliche
Neugier. Und nun haben wir, den Göt
lern sei'S geklagt, diesen männlichen Dr.
Meyer in einer Situation zu beschreiben,
die seine männlich Würd stark zu be.
einträchtigen, ganz und gar angethan war.
Doktor Mayer horchte! Ader er horcht
aus Liebe. Er neigte fein Haupt und
drückte das Ohr an das Schlüsselloch,
Er hoffte, daß ihm das düstere Geheim,
niß, welches auf seinem Weide und damit
auch auf ihm lastete, einigermaßen gelüf
tet werden würde.
Aber eS war wenig zu hören. Nur
ein unterdrücktes Glucksen, von dem er
im Zweifel blieb, ob eS von feiner Gat
tin oder dem Arzte herrühre, dann aber
dann hörte er die Stimmt feiner Frau
leise und ganz ander? wie sonst, al
ob das Sprechen ihr Schmierigkeiten
verursacht, Widerstrebendste Gefühle er
füllten seine Brust: Freudk, daß sie doch
nicht ganz stumm war, und Sorgt, daß
oieLeicht ein Schwgansall sie hkimgesucht.
Plötzlich fuhr er wie ein ertappt?
Sünder empor und stieß sich empfindlich
den Kopf an die messingene Thürklinke.
Die festen Tritte b2 ArzteS näherten sich
schon saß unser Oberlehrer, anschei
nend ganz harmlos in die Lectür ineS
BucheS verlieft, auf dem Sofa die
Thür wurde geöffnet, der Arzt trat ein
ohnk Frau Martha.
.Nun, aas ist'S mit ihr?' stammelte
M-ayer dem Arzt entgegen. Freund,
sage mir alleS ich will stark fein
nicht wahr, eine partielle Lähmung?
Aber heilbar, nicht wahr, heilbar ich
bitte Dich, alter Freund!"
Na, na, beruhige Dich nur, be
fchwichtigte der Arzt den Erregten. ES
ist nichts, gar nichts l Habt nur noch eine
kurze Zeit Geduld, dann wird AlleS von
selber wieder gut nur verschone sie mit
unnöthigen Frage, sie kann Dir nicht
antworten.
Deine Andeutungen genügen mir
durchaus nicht,' ries Mayer. Du mußt
Dich offener auSsprechen, ich bitt Dich
darum."
Offmer? Unmöglich! Auch ich bin
zum Schweigen verpflichtet! Traue nur
mein Versicherung, daß keinerlei Ge
fahr vorliegt.'
Damit verabschiedete sich der Arzt,
während Mayer dachte: Wunderlich!
Auch dieser sonst so mittheilsame Mensch
dars nicht reden? DaS scheint ja eine an
steckende Krankheit zu sein zuletzt
werde gar auch ich noch davon ergrtf.
fen!'
Und fo war eS auch. In den nächsten
Tagen herrscbte eine ganz unheimliche
Stille im Mayer'schen Hause. Frau
Martha ging still umher und bemühte
stch, ihrem Gatten auszuweichen, wäh
rend dieser ein Gleiches that, um nicht
der Versuchung zu unterliegen, Frau
Martha mit Fragen zu belästigen.
Am nächsten Sonntag war der Ge
burtskag des Oberlehrers. Sonst half
eine Taseliunde fröhlicher Freunde diesen
Tag feiern, in diesem Jahre standen dl
Aussichten auf solche FefttagSfeier slhr
niedrig. Und gerade auf diesen Gebiirts
tag hatte Mayer sich so gefreut, weil er
auf einen Sonntag fiel. Wenn Martha
nicht den Gebrauch ihrer Sprache wieder
erlangte, dann war ihm olle Freude rer
gällt. Zudem war das Novemberwetter
so trübe wie nur möglich, ganz angethan,
einen HämorrhotdartuS wie Mayer noch
tiefer zu verstimmen.
Neugierig war er übrigens, wie feine
Gatlin an diesem Tage sich benehmen
würde. Ob sie ihn mit ihrer unHeim
lichen Siimme anreden wird? Ein
Schauer flog ihm durch die Glieder
und doch wünschte er sehnlich wieder ein
Wort von ihr zu hören.
Der trübe, regenschwere Geburtstag
morgen brach an. Mm)er wachte schon
lange und starrte gedankenvoll in das
trüdse'ige Dämmerlicht des gemeinsamen
Schla'zrmmerS.
Tt)
Beilage zum Nebraska Ttaats-?ln;eiger.
Da regte sich Martha und Mayer
schloß die Augen. Er wollte die kom
menden Dinge scheinbar schlafend abwar
ter. Leise erhob sich Frau Martha und
kleidete sich an, ohne dem Gatten dm ge
wohnten Kuß und Glückwunsch gespenvet
zu haben.
(sonderbar! Dem Oberlehrer begann
die Sache ordentlich unheimlich zu wer
den. Aber er beschloß, vorläufig ruhig
liegen zu bleiben und stch weiter schlafend
zustellen.
Unterdessen hatte sein Frau sich iv'S
Nebenzimmer begeben, und nun konnte
er durch die halboffene Thüre beobachten,
wie sie mit liebevoller und geschäftiger
Sorgfalt den Geburtstagstisch in Ord
nung brachte, die Geschenke vertheilte
und endlich die sechZundfünfzig Wachs
lichtchen die Zahl seiner Lebensjahre
um die alljährlich an Größe zunehmende
Prachtiort anzündete.
Ein liebes, gute Weib!' dachte
Mayer gerührt und wollt sich schon au
dem Bette schwingen, um Frau Martha
dankbar an sein Herz zu drücken, doch
trat die Letztere wieder in' Schlafzim
mer und von Neuem schloß Mayer er
wartungsooll die Bugev.
Da fühlte er ihre Hand leicht, dann
immer schwerer aus seiner Schulter ruhen,
aber stamm blieb ihr Mund! Endlich
wurde er ziemlich unsanft gerüttelt und
so blieb ihm nichts übrig, als mit er
künstelte Schreck und Erstaunen im
Bktle sich aufzurichtkn. Fragend siel
fein rster Blick auf fetr, Gattin. Doch
stumm, mit abgewandtem Antlitz, wieg
diese ans den in hellstem Ltchterglarze
strahlenden Gebartagttisch. Dabei tret
sie, ihm ein Zeichen, ihr zu folgen, gc,
bend, wieder in' Nebengemach.
Schnell warf sich der Oberlehrer in
die nothwendigsten Kleidungsstücke und
gehorfamk ihrem Winke. Gerührt blickte
er auf die zahlreich vor ihm ausgeb.eite
ten Gaben der Liebe, doch mit eireni
schmerzlichen Blick auf die wortlos darein
schauende Gattin, entrang es sich klagend
seinen Lippen:
Ja, wenn nur
De fühlte er sich von zwei Armen um
schiuncen, das Antlitz seincS Weibe
drück? stch fest an seine Brust, und ihr
ganzer Körper erbebte in einer seltsamen
Bewegung.
Um GotttSwillen, Martha!' rief
Mayec erschreckt.
Laß mich, laß mich'.' klang e da in
tollem Gelächter, aber auch in ihm frem
der, dumpfer Klangfarbe von ihren Lip
xen: Ich Halt'S nicht mehr auk! Gott
sei Dank, daß diese Qual ein Ende hat!
Und AlleS Dir zu liebe, Du Du Un
gcheucl! Ich hatte nicht vergessen, wie
Du über meine Zahnlücken hergezogen
bist, und nun wollt' ich Dich zum Ge
burtslag überraschen und hab' mir eine
Garnitur falscher Zähne einsetzen
lassen. Sieh 'mal her!'
In der That: Perl an Perle! Ganz
wie vordem! Nur vermocht der also Be
schenkte den heimlichen Wunsch nicht zu
untcrkrückcn, daß auch Antlitz, Lippen
und ach! di Zunge sich ähnlich
zum Besseren verändert haben möchten.
Doch das mußte ein frommer Wunsch
bleiben.
,U,id darum.' fragt Mayer, wie ein
wenig gezwungen, darum die Komödie?'
Waö? Komödie?' rief sie ärgerlich,
mit altcr Zungenfertigkeit. Eine Tra
gödie war'S, und ich' hab' fürchterlich
darunter gelitten. Der Mensch, der
Zahnarzt, sagte mir, ich müßte daS neue
Gebiß tagelang erst im Mund tragen,
um mich daran zu gewöhnen und damit
ordentlich sprechen zu können, und da eS
doch ein Geburtstagsüberraschung für
Dich sein sollt, durft ich in Deiner Ge
genmart den Mund nicht öffnen. Fast
acht Tage lang hat di Qual gedauert,
aber nun kann ich auch wieder ordentlich
sprechen, Mayer, daS kannst Du mir im
ganzen Leben nicht genug danken ich
habe übermenschlich leiden müssen!'
Das kann ich mir denken,' mein!
der Oberlehrer, gleißnerisch mitleidig
und fZgie in Gedanken hinzu: Man
kommt doch nicht auS den Piüfungen
heraus: nun spricht sie wieder! War'S
vielleicht doch viel angenehmer, als sie
schwieg?'
Ehe er noch mit sich über diese Frage
einig werden konnte, brachte der Postbote
eine groß Anzahl von GratulzlionS
briefen, darunter aber auch eine neue,
ungeahnte Prüfung des beklagrnSwerthen
Manne: die unqmttnt Rechnung im
Bktrag von 200 Mark über in voll,
ständige, der Frau Oberlehrer Dr. Mayer
gelieferte Zahn. Garnitur.
Erzählung einer Rrankenpfle
gerin.
Bon Schwester Martha.
Sechs Wochen hatte ich ihn gepflegt,
diesen einst so schönkn stolzen Mann, und
doch hab ich ihn nur halb, nur sür kurz
Zeit dem Tode abringen können; dies sah
ich bald ein, denn der, der vor mir saß,
war mit kaum 36 Jahren ein Greik; ge
brochen an Leib und Seele war der Se
kretärS, vom Nervensieber genesen, aber
nur, um fortan zur eigenen Qual weiter
i i
NNMgSMj!.
zu leben Er bat mich, doch Platz zu
nehmen und zuzuhören, er woll mir die
Ursache seiner Erkrankung mittheilen,
gleichzeitig auch sein Herz erleichtern.
Ich versicherte, daß ich den innigsten An
! theil an seinem Geschick nähme, und bat
ihn anzufangen.
M:in Interesse war gerade für diesen
Patienten ein sehr große, denn nur ein
herber SchtcksalSschlag'konnt den Stolz
und Muth diese herrlichen Manne ge
brochen hoben, die fühlte ich, daher
meine Aufmerksamkeit, welche ich seinen
Worten schenkte.
Er begann nach einem liefen Seufzer
also:
Ich war mit 30 Jahre in H. ali
Sekretär angestellt; hier lernte ich die
Schwester meine Freunde kennen, bald
war mir klar, daß ich ohne dieses Mäd
chen nicht mehr leben konnte. Meine
Neigung offenbarte ich zuerst dem Onkel
des Mädchens, dann dem Bruder; beide
legten gerne Magda'S Zukunft in meine
Hände. Wir liebten ur,S und durften
nun fo oft zusammenkommen, so oft wir
wollten.
Wir sahen unS vier Mal täglich; und
hätt mein Dienst nicht die andere Zeit
in Anspruch genommen, so wäre ich ge
wch nicht eine Minute von Magda'S
Seite gewichen.
Ein Jahr verging unS Glücklichen,
wie in Traum, dann brach das Verhäng
niß über unS herein.
Hier machte der Kranke ine Pause,
fuhr mit der Hand über die Augen und
versuchte Herr seiner Aufregung zu wer
den und die Rührung zu bekämpfen,
welch di Erinnerung an jene Zeit in
ihm wachrief.
Nach geraum Zeit fuhr er fort:
. Da ging ich, wi gewöhnlich, Mittags
nach Hause, um mein Mädchen zu einem
kurzen Spaziergange abzuholen; von der
Wirthin erfuhr ich, daß Mazda seil 7
Uhr f:üh fort sei zu ihrem Onkel
nach E.
Ohne mich zu benachrichtigen? Da
mußte ivgend etwas passtrt fein. Ich
beschloß, sofort selbst dorthin zu fahren.
Eine olle Stunde muhte ich fahren,
dann noch ein gut Stück gehen und fo
sonnte ich von Glück fagen, daß ich ge
ra'e vor Thoresschluß bei Magda'S Ver
wandten anlangt. Auf mein Klingeln
wurde mir von de? Tante die Thür ge
öffnet, sie schien nicht erfreut, aber auch
durchaus nicht erstaunt, mich zu fo später
Stunde zu sehen; sie war nur verlegen,
ebenso der Onkel, der zu Begrüßung so
fort herauskam.
Hastig frug ich nach Mazda, da wurde
mir der Bescheid, sie sitze bei ihrem krau
ken Bruder; ich wollte sofort den kranken
Schwager begrüßen und meine Magda
sehen, man wehrt mir aber den Eintritt
und bat mich, b'8 gut Zimmer zu
treten, man woll Magda sofort bknach
richtigen.
Ich war verstimmt, gekränkt und b
leidigk, nach dieser Angst, die ich um
meine Braut ausgestanden, wurde ich
doch von deren Familie wie ein Fremder
behandelt. Warum durft ich nicht den
kranken Schwager sehen?
Ich kannte ihn ja noch gar nicht;
meines W sser.S nach war er Geschäfts
führer in wem großen Geschäft in B.
Wieso war er nach hier gekommen?
Diese Fragen versuchte ich mir selbst
zu beantworten, da ging die Thür auf,
und mein blasseS, liebe Mädchen kam
herein; ich wollte auf sie zustürzen, sie
umfangen und die Thränen foriküffen,
Da gedachte ich der Qualen, die ich um
ihretwillen heut erduldet, und ich ließ
sie mir näher kommen, ohne einen Schritt
vorwärts zu thun, ohne ihr die Hand zu
reichen; ja, mein Gesicht muß wohl sehr
bös ausgesehen haben, denn st kam auf
mich zu und rrichte mir nach alter Ge
wohnhett den Mund zum Kuß, allein sie
schrak zusammen, als sich unser Augen
begegneten, und trat in paar Schritte
zurück alleS ohne ein Wort, ohne
einen Laut; S nlftand eine peinooll
Pause, dann sragle ich sie, ob sie die Nach!
hier zu bleiben gedenke oder ob ich sie
nach Hause bringen solle; st sah sie mich
an, Bitte und Liebe war da Auge, dann
sagte sie mit klangloser Stimme: Ich
gehe nach Hausei'
Wir verabschiedeten unS, und drinnen
hörte ich Magda fagen: Ich komme wie
der, sei nur ruhig!' A! sie heraustrat
aus dem Krankenzimmer, reichte ich ihr
meinen Arm und wortlos wanderten wir
zur Bah.
Nun aber wurde ich böse, daß meine
Braut nicht von selbst dirseS Dunkel
lüftete, welche der heutige Tag vor
unS ausgebreitet, und so herrschte ich sie
an: Erzähle endlich!'
VerständnißloS sah sie mich an. Was
soll ich erzählen?' Nach inr Weil,
mit zitternder Stimme: Lieb, sei gut,
glaube mir, mein Bruder ist nicht schlecht,
nur leichtstnnig;' hier brach di Stimm
ab und in Thräntnftrom brach auS den
blauen, geliebten Augen. Wir fuhren
schweigend in die Nacht hinau. Endlich
fragte" meine Braut: Verdammst Du
meinen Bruder? Wirst Du ihm ein
milder Nichter fein?'
Ich war zornig, daß ich den ganzen
!ag hatte in Ungewißheit leben müssen,
No. i
dann kränkte mich daS Heimlichthun von
Onkel und Tante, und fo erwiderte ich in
gereiztem Tone:
Geh, e, ist zu spät. Du hättest früher
einsehen sollen, daß Du mir Aufrichtig,
kett schuldest, Du verbirgst mir etwa,
und nun will ich eS nicht mehr wissen, be
halte eS für Dich, und auch Dein Ler
trauen kannst Du einem Andern fchen
ken,'
Magda zuckte bei diesen Worten zu
sammen, doch dann richtete sie sich in di
Höh und sagte mit zitternder Stimme:
Ich hätt Dir AlleS gesagt, und auch
der Onkel wollte mit Dir sprechen, nur
nicht heut, nicht gleich! Lieb, einziger
Schatz, weißt Du denn nicht mehr, daß
Du mein AlleS bist?'
Bei diesen sehr leise gesprochenen
Worten sahen mich die lieben blauen
Augen bittend an, und eine kleine Hand
stahl sich schmeichelnd in die meinige. Ich
aber wandte den Blick und befreite
mein Hand; in difm Augenblick hielt
der Zug, wir waren zu Hause. Schwei,
gend legten wir noch die paar Schritte
zurück, die unS von Magda'S Wohnung
noch rennten, dann rief ich den Wach
ter, zog mit einer tiefe Verbeugung
den Hut zum Gruß und wandte mich
zum Gehen; als Magda meinem Auge
entschwunden und die Thüre in'S Schloß
fiel, wär ich ihr gerne nachgeeilt, um
durch Liebkosungen mein Betragen wie
der gut zu machen, aber eS war zu
spätl-
Jch verbrachte ein schlaflose Nacht,
und der frühe Morgen fand mich vor
Mazdas Thür. Um acht Uhr klingelt
ich und fragte, ob meine Braut schon
auf sei, da wurde mir der Bescheid, daß
sie um fech Uhr mit dem ersten Znge""
nach E. gefahren und mich bäte, ihr nicht
nachzukommen.
Drei lange, bange Tage verlebte ich
nun! Dann forderte ich das Schicksal
heraus; ich schrieb an Magda und gab
sie frei ich gab als Grund an, ich
hätt gemerkt, ich sei in der Familie nicht
gerne gesehen, auch sei ihr Vertrauen zu
mir nicht groß genug, um mir als Weib
zu folgen, kurz, ich brach mit ihr aber
im Herze nicht nur der löse Stolz
und Trotz gaben mir die Worte in, und
!MagdaS Stolz litt kein Bitten und
Flehen sie gab mich frei, damit ich
mit der andern, di ich lieber habe als
sie, glücklich erden könnt.
Acht Tag nach Empfang dieses Bri,
feS horte ich, daß Magda H. verlassen
habt, um nie wiederzukehren.
ES vergingen sechs Jahre; diese er,
lebt ich i SauS und BrauS, um dieses
Mädchen zu vergesse; ich trank und
spielte ich liebte heute die, morgen die
andere, und immer verfolgten mich die
bittenden blauen Augen, immer streckte
sich mir di klein Hand entgegen, welche
ich nicht ergriffen batte und doch hatte
halten wollen für'S Leben.
Endlich nach langen, bangen sechs
Jahren erfuhr ich durch Zufall von einem
Freund, daß Magda ein sehr ernsteS,
blasseS Mädchen sei und in B. in einer
großen Firma ein angesehen Stellung
bekleide; sie sehe sehr leidend aus und
lache nur selten, eS sehe auS, als denke
sie immer an etwas sehr Trauriges.
Magda litt dies um meinetwillen?
Nein, daS durfte nicht fein! Ich kam
um Urlaub ei und fuhr vier Wochen
nach jener Mittheilung nach B. Unter
weg gaukelt ich mir di allerschönfien
Zakunflsbilder vor und nicht schnell ge
n'ig, für meine Sehnsucht, fuhr der
Schnellzug nach B ; Nachmittag um in
Uhr war ich bei dem Chef der mir ge,
nannten Firma.
Dieser Herr theilte mit großem Be
douern mit, daß Fräulein Magda schon
seit i. vier Monaten sehr leidend ge
wesen und ,nun schon feit drei Wochen
krön? darniederliege.
Fr gab mir bereitwillig einen Boten
mir, und so stand ich bald klopsenden Her
zens vor Magda'S Thür.
WaS wollte ich alles sagen, wie wollte
ich bitte und reden und alleS aufbieten,
um mein liebes Mädchen zu versöhnen!
Ich klopfte. Ein junge Mädchen öffnete
und erklärte auf meine Frage nach
Fräulein Magda, daß sie mich nicht
hereinlassen könnte, der Arzt sei gerade
bei der Patientin; ich bat sie, mir den
Arzt zu holen, dieser kam auch aliobald
heraus und sah mich mitleidsvoll an,
dann winkte er, leise näher zu treten.
Ich trat in da lag Magda, mine
Magda, ich trat näher und kniete nieder,
ergr.ff ihr Hand und küßt si, da öffnete
sie d Augen, sah mich lächelnd an und
sagte Iris und innig: Endlich, kommst
Du, mein Lieb. Wie sehr habe ich mich'
nach Dir gebangt!' Da sank ihr Kopf
zurück ein tiefer Seufzer noch und
diese müde Seele halle Ruhe! Ich
kam zu spät zum Glück, zu spät zur Liebe!
Vorbet war Jagend, Lebenslust und Hoff
nung!
Ich warf mich über die geliebte Leiche
und bat und flehte Gott um Erlösung;
den Arzt bat ich, mir Gilt zu reichen,
und so raste ich, bi ich ohnmächtig zu
Boden fiel, dann war ich immer, immer
mit Magda zusammen und nun bin ich
wieder allein, wieder süh'.e ich, daß e zu
spät war. zu spät sür uv zum Glück, zu
spät zur Lieb!'
Erschöpft hielt hier mein armer Pa
tienk an, und ich hatt keinen andern Trost
leise schmiich lnd strich ich ihm da
Haar von der Stirn, leise, lei t berührte
ich mit meinen Lippen seine Hand. Dann
ging ich in' Nebenzimmer, um mein
Ihläaen nicht dem zu zeige, um de ich
sie weinte. Vierzehn Tag nach dieser
Erzählung schlief er sanft und ruhig in,
kurz vor seinem Tode bat r mich, seine
Geschichte niederzuschreiben, damit der
Magda und ihm ein Gedenkstein gesetzt
würde.
Ich bitte die geehrten Leser und Lese,
rinnen diese schlicht Wahrheit nicht zu
verschmähen, ich bin keine Schriftstellerin
und habe keinen Roman schreiben wollen,
sondern ich bin Krankenschwester und
theile die Leidensgeschichte meine er,
ehrten Patienten mit so, wie ich si
von ihm hörte!
Zer SaoZverkädige.
Bei einer Vorstellung im Wieur
ZZolkStheater im Prater hatten jüngst,
wie die Deutsche Ztg. erzählt, in einer
Parterreloge zwei Herren Platz genom
men, und bald nach ihnen käme eine
elegante Dame und ein Herr, die in der
zweiten Reihe der Loge saßen. Di erst
gekommenen Henen machten der Dame
galant Platz, und bald entspann sich ein
lebhaftes Gespräch zwischen de vier
Logeninsassen. Nach dem zweiten Akt,
da ein Schauspielerin in recht hübsche
Lied als Einlage singt, bemerkt einer
der Herren abfällig: Singen kann sie
nicht, aber dafür ist sie recht lieb und
spielt auch ganz gut.' Bescheiden meinte
die Dame: Ich finde im Gegentheil,
daS Fräulein hat eine ganz prächtige
stimme, da ließe sich etwas darau
machen.' Der Herr oxponirte, und sein
Genoss meinte lächelnd: Mein Freund
sollte da eigentlich kompetent sein, eS ist
Dr. . au Dresden, Kunstkritiker
der ....Blätter.'
Wir sind sehr erfreut', antwortete
nunmehr der ....Begleiter der Dame,
aber ich denke, die Dame sollte auch
etwas verstehen, wenigsten giebt e
Leute, die dieser Meinung sind,' und er
nannte seinen eigenen Namen, e ist der
eines bekannten hochbegabten Konzert
fängerS und denjenigen der Dame er
stell, sie lächelnd vor Frau Baronin
Wallhofen, raite Paulina Lucca ....
Aewogn der Lüfte.
Ein amerikanischer Naturforscher, I.
Lancaster. der sich fünf Jahr lang an drr
Weftküft Florida'S aufhielt nnd dort die
See und die Landvögel aufmerksam be
obachtete, behauptet, daß der Fregatt
oogel länger als alle andern Vögel, näm
lich volle acht Tage in der Lust aushalte
könne, und Tag und Nacht fliegend bleibt,
ohne je einen Ruhepunkt aufzusuchen.
Der Fregattvogel spannt mit den Flügeln
bis 4 Yards und hält sich so ununler
brochen in der Lust auf, daß man von
ihm sagt, r schlafe im Fliegen. Auch
der Albatroß ist Schiffen häufig tage
lang nachgefolgt, ohne jemals auszu
ruhen. Dieser Vogel kann i der That
als der König der hohe See bezeichnet
werden. Er übertrifft an Größe deu
Schwan, erreicht ein Gewicht bi 21
Pfund und hat eine Flügelfpannweite
von Sj bis 4 YardS. Ein außergewöhn
lich großes, am Kap der gute Hoffnung
erlegtes Exemplar maß sogar fast S
YardS (?) von einer Schwingenfpitze bi
zur andern. Die Thurmjchwalbe ist
ein weiterer Vogel, der fast stets im Fluge
iii und sich niemals auf die Erde oder auf
Bäume niederläßt. Er lebt vielleicht
mehr als irgend ein anderer Vogel in der
Lust, wo er nicht nur Nahrung sinket,
sondern auch das Material zu seinem
Neste zusammensucht.
?er Schwertfisch.
Der Schwertfisch ist verwandt mit der
Makrele, der r i dr Gestalt auch
ähnelt, und ist ein vortrefflicher Schwim
mer. Sein sogenanntes Schwert' bildet
ein furchtbar Waff und besteht au
einer harten, scharfzinkige flachen
Knochenmasse, die horizontal von der
Nase ausgeht und als deren Bcrlänge,
rung zu betrachten ist. Im Winter findet
man diesen Fisch in beträchtlicher Menge
an der Insel Martha' Vineyard. nahe
der Küste von Massachusetts. Viel Pr
fernen erklären das Fleisch des Schwert
fische für eine vortreffliche Speise, nnd
deshalb wird dieser auch viel gefangen.
Die gewöhnliche Länge de Fischköipei
beträgt 4$ Meter, die des Schwerte
etwa 1 4j5 Meter; der ganze See.
foldat' mißt also durchschnittlich etwa
unter 6 Meter. Gerade im l,tztrgan.
genen Sommer zeigten sich sehr zahl
reiche Schwertfische an der Küste von
Massachusetts. Die Fisch kriegen die
selben mittels Harpunen, di si vom
Deck kleiner Segelfahrzeuge schleudern.
S&önt Seelen finden sich.
Schmidt : Man hat doch nicht wie
Aerger und Verdruß! Heut Morgen
sagte mir meine Wirthin: Herr
Schmidt, entweder Sie bezahlen oder
verlassen mein HauS l'
Müller: Na, und deswegen klagen
Sie Menschenkind?! Da find Sie ja der
reine Glückkxilz ! Meine Wirthin sagte
heule zu mir : Herr Müller, erst bezah.
len Sie mich und dann machen Si, daß
Si aus mkinem Haus komm I'
ver Grund zur Eintracht.
Ich hoffe, wir werden un gut er
tragen', sagte der Mann, der soeben in
die Straße gezogen war. zum Kaufmann
n der Ecke.
.Ei gewiß,' erwiderte dieser und fügte
nach weiterer Ueberlegung hinzu : ,B
sonlkis da ich nur gegen baar verkauf!