Nebraska Staats-Anzeiger. (Lincoln, Nebraska) 1880-1901, September 14, 1893, Image 11

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    Die theure Cigarre.
Z'on Sat! OTurai.
Ich wer ein untertHZnig Tiurnist
im l'limsttTiuin, IS eS sich begab, daß
der Xlnr Josef da! Vorzimmer verlieh,
um ein Gläschen SchnipS zu sich zu
nehmen; der Herr Minigerialrath klin
gelte ihm daher vergeblich.
Ter Herr Minisierialrath klingelte
aber, weil ein lieber Gajt bei ihm war
und er keine .Pogatschen' halte. Diese
benöthigte er dringend, denn er hatte
seinem Gast Liquexr angeboten, und dazu
ist etwas zum Zubeißen immer gut.
In seiner Verwirrung und Noth wen
bete er sich an mich und bat mich schön
stenS, ich möge In den ZuckerbLckerladen
hinuntereilen und ihm dort Pogatschen
heraufbringen. Wohl hatte ich die Em
finbiyig, daß diese Dienstleistung er
niedrigend sei und daß da Pogatschen,
holen nicht zu meinen amtlichen Pflichten
gehöre; nichtsdestoweniger vertrat ich den
Diener.
Indessen muß ich gestehen, daß der
Herr Ministerialrath wirklich ein Äcva
lir war und mir zum Zwecke der Her,
stellung meine? verletzten Selbstbewußt
sein Liqueur, Pogatschen und eine theure
Cigarre verehrte, als ob auch ich sein
lieber Gast gewesen wäre. Den Liqucm
trank ich au, die Pogatschen aß ich auf,
allein die Cigarre rauchte ich nicht.
Die wird für irgend einen großen Fest,
tag aufbewahrt, wenn irgend eine große
Fre'lde mein Herz in gehoben Stimmung
versetzt.
Ich beschloß, mir die Cigarre erst an
brennen, wenn ich zum Kanzlisten er
nannt werde. Wenn dieser sehnsüchtig
erwartete bedeutungsvolle Tag endlich
eintrifft, wie wird utir da die theure
Cigarre munden! Zum Speisen kehre ich
dann ia ein vornehme Restaurant ein,
bestelle mir einen wirklichen, richtigen
Braten und trinke Rothwein dazu. Dann
lös ich da Silberpapier von der. Cigarre
ab, reiche sie dem Zahlkellner hin, damit
er mir die Spitze abschneidet, und brenne
sie mir an.
Natürlich verfloß die Zeit und inzwi,
schen begannen gewisse Gefühle mein
Herz zu erwärmen.
In dem Hause, in welchem ich wohnte,
befand sich ein Spezereigeschäft und in
diesem SpezereigeschSst ein mürrischer
alter Mann mit einem Ziegenbarte, den
man nach der Firma des Geschäftes den
.alten Raben" nmnte. Ich erwähne
diesen alten Mann auS dem Grunde,
weil er der Bater jenes Mädchens war
welches di Musik-Akadkmie besuchte, und
daS von Anderen Theref. von mir aber
Engel genannt wurde.
Ich war an jenem Tage, an welchem
mir kundgethan wsrd, daß Se. Excellenz
mich turn Kanzlisten ernannt, also n
dem großen Festtage, für welchen, ich
meine Cigarn aufbewahrt" hatt,, im
wahrsten Sinne deö Wortes schwärmerisch
verliebt.
Der große Tag war also gekommen.
aber ich ging weder in das vornehme
Restaurant zu speisen, noch rauchte ich
die Cigarre.
Ich hob mir Beides für ein andereSmal
auf. ,,ur emen größeren ge mag. te,
fer aber wird dann eintreffen, wenn der
glänzende Stern meines -.Glückes an,
Himmel meines Herzens aufleuchtet und
Therefen'S Lächeln, TheresenS füßer Blick
mir gelten wird; wenn mich Therese mit
liebevollem Schem vom oven, wo ich
zu ihren Füßen liegen werde, aufheben
und mir sagen wird: .Herr Gorombolv,
ich liebe u"; wenn ne aus lyrem Cla
vier mir vorspielen wird und ich ihr die
Notenblätter umschlagen werde.
Wenn ich zuweilen in die ferne Zu
lunft blickte und diese? Bild vor mir
sah, streichelte ich liebevoll und zärtlich
die theure Cigarre, die immer trockener
wurde.
ES gehört nicht zur Sache, wie und
auf welche Weise es geschah. Genug
daran, daß mich eines Tages Therese in
dem neben dem Laden befindlichen Zim-
:m vom Boden aufhob und mir mit leise
zitternder Stimme zuflüsterte: Herr
Görkmböly, ich bete Sie an; geben wir
aber Acht, daß eS der Papa njcht er
fährt.- Ich schloß daS Mädchen in
meine Arme und küßte eS auf den Mund,
W triumphberauscht ich auch nach
her die Straßen durchstrich und so glück
lieh ich mich auch fühlte, folgte mir die
Angst dennoch auf den Fersen nach.
Was wird geschehen, wenn der Alte
Alles erfährt? Und was wird er mir
erwidern, wen ich einmal vor ihn hin
trete und tolgendermaßen zu ihm spreche
.Mete Herr! Diesmal bitte ich nicht
um Salami, sondern um die Hand Ihrer
Tochter.'
Ich Uxak wohl nach der Cigarre.
allein ich that sie wieder auf ihren alten
Platz zurück, da mir die Festesfreude nicht
vollkommen genug schien.
Lassen wir die Sache nur für später.
Noch ist die Zeit nicht dazu da.
Diese Cigarre wird nicht Jmre 8
römbölo, der Kanzlist, der glückliche Lieb
haber, sondern Jmre Görömböly, der
Bräutigam, rauchen, und zwar an jenem
Abende, an welchem er mit seiner liebli
chen Braut soupiren gehen wird und ihn
die , unterschiedlichen Diurnisten und
Kanzliften mit neidischen Blicken betrach
ten werden.
Dann wird di Cigarre ihren Duft
aushauchen.
Der alte Gemischtwaorenhändler war
wahrhaftig nicht geneigt, in diese Ver,
andtschaft einzugehen. Er hatte mehr
Einwendungen, als er Artikel in seinem
Laden führte.
Und r gab erst nach, als ihm Therese
zwölf Schmefelhölzchen vor die Nase hielt
und ihm erklärte, daß diese ihr letztes
Abendbrod bilden würden..
Wenigstens werde man fle mit mir zu
sammln begraben.
Daraufhin ergab sich der Alte und
zwei Tage später konnte man in jedem
Blatt lesen, daß der talentvolle unv
fleißige Beamte Jmre GöiömdSll) sich
mit Fiäulein Therese Tengely, der ein
zigen, litblichschcnen und gebildeten Toch
ter d,eS ehemaligen Alterkprästdenten der
Ofener UnibhSngigkeltSpartei, des Mit
bürgerS, Herrn Michael Tengell), ver
lobt habe.
Ich öffnete die Lade und rief hinein:
Jetzt komm' nur hervor, du theure Ci
garre! Nun will ich dir endlich an viesem
großen, sehr großen, Freudenfest den
Kops abschneiden.
Ich war kurz vorher von der Ver
lobungsfeier heimgekehrt und der Kops
dampfte mir ei wenig. Der Alte hatte
zwei Flaschen von dem Bierzigkreuzer
Wein entkorkt und Therese schänkte mir
immer das Glas voll.
Ich lehnte mich im Sessel zurück und
meine geschlossenen Augen sahen daS Bild
deS HochzcitSzugeS. Ein Bild, welche
mich im schwarzen Frack zeigte und The
rese mit dem weißen Schleier und dem
Brautkranze auf dem Haupte. Und ich
sah auch da Bild des Hochzeitsmahles
nach der Trauung.
Ich stieckie meine Hand auS und schob
die Lade wieder schön zu.
ES ist wohl wahr daß ich jetzt glücklich
bin begann ich eine Art Monolog
kann aber nicht irgend ein unerwarteter
ftall dazwischentreten? Ein Wagen, der
mich überfährt und mich um einen Fuß
bringt? Oder ein Husarenofflzier, der
hübsch und kühn ist? Dem Alten kann
auch etwas zustoßen. Der heutige Fest
tag ist dennoch nicht ganz vollkommen
Diese gute Cigarre verdient, biS zum
Hochzeitstage zu leben. Dann köpfen
wir sie und mag sie daS Feuer verzehren
Die Trauung hatte stattgefunden, das
Hochzeitsmahl war vorbei, allein ich hibe
die Cigarre nicht zu rauchen vermocht
denn ich hatte sie zu Hause vergessen und
eS hätte sich im Uebrigen auch gar nicht
geschickt, an diesem Abend meinen Mund
nach Tabakrauch riechend zu machen.
Therese hat auch nur blo Süßigkeiten
gegessen, damit mir ihr Kuß noch süßer
würbe.
Wenn Ich an diesen Küß zurückdenke
Einmal. IS Therese auf meinem
Schooße saß. erzählte ich ihr diese Ci
garren'Bffatre. Und ich richtete die
Frage an fle, wann und ob ich überhaupt
noch jemals einen gentag haven konnte
der größer wäre als di bisherigen und
werth wäre, daß die Havana ihm zu
Ehren aus ihrem Silberpapier hervor,
komme.
Si sagt mir wird iner kommen
Und sie gab mir einen Rath:
Nach dem Schmause, wenn die Gäst
weggegangen sein und ich im vollkomme
nen Bewußtsein der allergrößten Glück
seligkeit der Welt fein werde, möge ich
mir das End der theuren Cigarre an
brennen. Und dann möge ich in den
blauen Rauch, der einen feinen Duft
verbreiten wnd, hineinsehen und dar
über nachdenken, wie unser Kind heißen
soll.
Ich wurde ganz gerührt.
Eine neue Welt begann sich vor mir
aufzuthun, und ich sah ein, daß alle
meine bisherigen Festtage eine Kleinig
keit, ein Nichts tm Berhaltniß zu jenem
unendlich großen Glücke feien, welches
mir zu Theil wird, wenn ich Bater
werde.
Mit beiden Armen umfaßte ich die
Taille meines süßen Weibes und blickte
mit thränennassen Augen in ihr liebes,
gutes Geftcht.
ES wird in der That gut sein, ' diese
Cigarre einzusperren. Sie muß den
herrlichen Tag abwarten.
Ein größeres, echteres Glück Tann mir
auf Erden nicht begegnen.
Indessen trug es sich zu, daß mit die
sem Mädchen, mit diesem weinenden,
rothen, kleinen , Ding, tau end
änqstigungen in'S Haus einzogen. Der
traurige Engel des Todes schwebte fort
während über unserem Hause. Ein Arzt
reichte dem andern di Klinke, Besürch
tung um Befürchtung entstand und ich
mußte mit Thränen in den Augen Nächte
durchwachen. ,
Die Cigarre dort in der Lade konnte
ganz getrost ruhen.
Und fle ruhte auch lange, sehr lange,
denn obwohl diese Gelegenheit oft, viel
mals wiederkehrte, mit Fröhlichkeit, mit
Heiterkeit, kam sie nie.
Immer war daS chreckaewenst da
Immer fühlte ich das Wehen des Todes,
das Wehen der Gefahr.
N:e war das Glück rein und voukom
me.
. . .Heute bin ich schon Kanzleidircc
tor. Mein Haar und mem Bart sind
schon mit grauen Fäden gemischt, und ich
fühle, daß fle immer grauer werden.
Meine Gattm ist inzwischen eine ztem
lich starke Frau geworden, der die sechs
erwachsenen, gesunden Töchter Sorge ge
nug bereiten.
Jahr vergingen, lang und kurz, cuetn
die theure Cigarre hade ich noch immer,
Dort liegt te bestaubt unv unberührt
tn der Lade.
Meine Frau weiß gar nichts mehr von
hr; allein mir fällt sie sehr oft ein, und
ich denke mir, dasz in dieser Cigarre in
Fingerzeig des Schicksals liege.
Und dieses Vchicksal sagt mir, da ich
noch niemals so glücklich war, als daß
mir nicht ein Glück zu Theil Werden
könnte, welches dieser Cigarre noch wür
diger sei.
Es war dennoch gut, daß ich die Et-
garre nicht geraucht habe.
Denn meiner harrt em noch größeres,
ein wahre? Glück, welche? nicht nur
Freuden bereitet, sondern auch von Sor
gen, von schweren, brennenden Sorgen
befreit.
Ich weiß was das ist.
Wenn ich jetzt zuweilen die Lade her
vorziehe, klopft mir ordentlich da
Herz.
Hei, waS wird dS für in Tag fein,
an welchem ich mir diese Cigarre andren
nen kann!
Ein Stein wird mir dann vom Herzen
fallen and mein Freudenjauchzen wird die
ganze Hauptstadt durchschallen.
E wird dies geschehen an dem Tage,
an welchem ich auch meine sechte Toch
ter verhciralhe.
.... Zuweilen indessen, wenn ich mir
meine sechs Töchter fo betrachte, drängt
flch mir die Frage auf:
Werd ich dies Cigarre wohl jemals
rauchen?
Aus ttu oldwäschereien in ZI
birien.
Einem Briefe der St. Petersburger
Zeitung auS Sibirien entnehmen mir
folgende Schilderung:
Nach eingenommenem Frühstück brachen
wir auf. um noch zwanzig Werkt den
Fluß hinaufzugehen, und gelangten.
nachdem wir eine ganze Reihe alter Gru
den und verlassener Wäschereien passirt
hatten, zu einer größeren Goldwascherei,
die im Thale eines NebenftüßchenS dS
Großen Bogolannach arbeitete und über
20 Arbeiter be chäftiqte. Die e Leute
waren per Solotnik (16 Unze) bezahlte
ES war kem hüb cheS Bild, diese m Ad
theilungen ven 510 Mann arbeitenden
Goldwäsche? bei ihrer Beschäftigung zu
sehen. Liuter in bunten Hemdlumpen
fleckende abschreckende Gestalten, die ml
den Gesichter von zottigen Bärten um
rahmt, den ops zum chutz gegen
taub und chmutz mit einem Weiber
tuch umwunden, die Augen mit glühen
der Gier auf die Erdschollen gerichtet,
welche Spaten und Hacke bearbeiteten
Es war, als ob ein großer Haufen Irr
sinniger hier ihren Wuthanfall aus,
tobte. Gerade so wurde gekarrt und
gewaschen, gestochen und gestoßen und
auf die arme Erd losqehauen
Wär ich ein großer Maler deS realifti,
schen Leben?, wie unser Repin, ich malte
das Bild solch' einer Goldwäsche, wie eS
mich beim ersten Anblick mit Schauder
und Entsetzen erfüllte und meiner Er,
innerung noch in brennenden Farben vor
schwebt. ES würde tn Bild mensch
lich er Thorheit, menschlicher Gier und
menschlichen Elend, wie kein zweite?.
Die meisten unter diesen Solotnik
Arbeitern gehören zu Verbrechern, welche
ihre Strafzeit abgebüßt haben oder ihr
entronnen stnd. Auch hier tnfft man.
wie auf den großen Goldwäschereien in
na, alle nur möglichen Nationalitäten
Zigeuner, Juden, Tscherkessen, Tataren,
Groß, und Klelnrusien. Polen.
Deutsche :'c. Der eigentliche Bauer ist
hier lettener vertreten, und wo er es ist.
da ist er ein verlorener Mann, wie all'
die Anderen. Die schwere, nasse Arbeit,
schlechte Wohnung und noch schlechtere
Kost, di ewige Aufregung, der in Strö
men fließende sinnen und gemissentäu
bend Branntwein das Alles richtet
ihn in kürzester Zeit zu Grunde. Es
ist eine häufig beobachtete Thatsache, daß
ein Men cy, der das Goldwa cherleben
durch einige Jahre gekostet hat, zu jeder
anderen Arbeit unfähig wird und über
kurz oder lang wieder tn die Gold
Wäscherei zurückkehrt, um sie lebeud nicht
mehr zu vertanen. Ge chieht die eS
dennoch, so zieht er heim als geistiger
unv leiblicher Krüppel und bereichert das
yeimathttche ort um einen Bettler.
Noch schrecklicher ist der Lebenslauf der
Goldgräber auS den Verbannten. Für
diesen hat daS Geld keinen Werth, so
lange er eS nicht m schnaps umfetzt.
Der Unglückliche hat keine Heimath,
keine Zukunft mehr, der Branntwein
aber öffnet ihm meniastens für einige
Stunden den Himmel, und ist der selige
maul vorbei, so trinkt er ich einen
neuen an, und so weiter und immer um
ter, bis er, von Stufe zu Stufe sinkend,
in dem Pfuhle angelangt ist, wo kein
Sinken mehr möglich ist. Selbst Die
jenigen unter dieser Klasse von Gold
Wäschern, welche noch so viel moralische
rast in ki haben, einige Hundertrubel-,
scheine bei Seite zu legen, um damit nach
beendigter Goldwaschesalson in irgend
einem noch unverdorbenen Winkel
LenathaleS ein neues Leben anzufangen,
entrinnen nur höchst selten' dem Unter
gange. Der Weg zum Ziele ist lang
unv nie Versuchung zum Niicksau in das
alte Laster gar zu groß. Während end
loje trecken Sibiriens todte Einöden
sind, dem müden Reisenden nirgends ein
freundliches Wohnhaus winkt, darin er
auf Gastfreundschaft hoffen könnte, bietet
der zu den Golvwäschereien führende
Weg vag Bliv bunten ebenS, aber es ist
ein abstoßendes Bild. Echänke reiht
sich.an Schänke, die rothe Laterne ladet
den Nahenden schon von Weitem ver
führeiisch zur Einkehr, die Schankmam-
sell kredenzt ihm das berauschende Gift,
feile Dirnen, diese Lockvögel aller
Schnapsspelunken! umdrängen den mit
vollen Taschen eintretenden Gast. ' Der
Goldgimpel mag sich wehren, wie er will,
er ist im Netz und bleibt darin gefangen,
bis ihm das letzte Goldfederchen ausne,
rupft ist und er, ein Bettler, hinauöge
nogcn wiro aus vie trage, over eS
kommt oft vor die Lena eines Tages
einen Leichnam in verschwiegener Stunde
der Nacht aufnimmt.
Diese trüben Wellen der Lena.' wie
viel scheußliche Verbrechen tragen fle
purlos mit sich fort in den Ocean. Da,
bei fällt mir eine Anzeige ein, die ich vor
Kurzem in einem .Polizei-Anzeiger'
las. in dessen Spalten solche Verun,
glückte- nach ihrem Tode noch eine Weile
wieder auftauchen, um dann für immer
zu verschwinden. Diese Anzeige lautet:
Der Polizelchef deS Distrikts
bringt hiermit zur Kenntniß aller Ver
wandten und Bekannten deS Verunglück
ten, daß an dem (folgt das Datum) an
dem Ufer des Flusses die Leiche
eines Unbekannten gefunden worden, von
unbestimmbarem Alter und Geschlecht.
Besondere Merkmale finden sich nicht, da
der Körrer von wilden Thieren bis auf
die Knochen abgenagt ist. Einzige
Merkmal sind ein Paar schmarzer 'ne
fela an den Füßen.' ES dürste wohl
etwa schwer halten, ein Skelett an den
Stiefeln allein zu erkennen, besonder
wenn diese zu den gewöhnlichen Arbeiter,
Stiefeln gehören, wie sie zu Tausenden
über denselben Leisten ge lagen wer,
den.'
WttftrtitkAtrt der Ralibran und
Thalberg.
Bei ihr zweiten Vermählung for,
derte die Malibran Thalberg. der sich
unter den HochzeitSgästen befand, zum
Spielen auf. .Ich vor Ihnen, mich
hZren lassen, Madame?' rief Jener
auS, .ich würde nie daran denken zu
dem schmachte ich nach einem l'iece von
Jknen.' .Da ich nicht fingen werde,'
erwidert die Künstlerin. .Heute bin
ich nicht die Malibran, sondern nur
eine von den Aufregungen und Mühen
deS Tage abgespannte Frau, welche
der Erquickung bedarf. Verschaffen
Sie mir die durch ihr Spiel.' .Nur
nach Ihrem Gesang. .Der abscheulich
sein würde.' .Desto besser für meinen
Muth. ' .Sie bestehen darauf. Gut,
Sie sollen Ihren Willen haben.' Und
sie sang genau so, wie sie eS prophezeit
hatte: abscheulich. Ihre limme war
heiser, kein Funke von Empfindung in
ihrem Vortrag. Selbst ihre Mutter
bemerkte 3 und schalt fi deshalb. ,WaS
willst Du, Mama?' wer die Antwort,
.am Hochzeitstage wie kann man sich
da hinstellen und fingen?' Thalberg,
welcher sich nicht an demselben Tage ver.
helrathet hatte, setzte sich jetzt an den
Flügel und entlockte seinem Instrument
all' die Fülle und Weichheit deS Tone,
welche sem Spiel auszeichnete. Wah
rend desselben veränderten sich allmählich
die Anfangs so erschlafften Züge der
Malibran. Ihre glanzlosen Augen er
strahlten, der Mund öffnete sich wie in
athemlofer Spannung, die Nasenflügel
zitterten. AIS er geendet hatte, sagte sie
nur: .Wundervoll! Aber nun ist die
Reche an mir!' Und sie sang, aber die
mal ohne eine Spur von Ermattung, so
daß Thalberg in starrer Bewunderung
da saß, kaum fähig, seinen Sinnen zu
trauen; nur hier und da stammelte er:
.Oh, Madame, Madame!' Als der
letzte Ton verklungen war, erhob er sich
und sagte: .Die Reihe ist an mir!' Nur
fiN : ix., it.- . ewir t
diejenigen, wezqe ign an ienem Avenv
hörten, dürfen sich schmeicheln, .den
ganzen Mann' kennen gelernt zu haben.
Der Malibran'sche Genius durchdrang
sein meisterhaftes Spiel, in welchem die
sieberhsfte Leidenschaft ihrer Seele nach
tönte. Als die letzten Akkorde verball
ten, brach die Malibran in heftiges
Schluchzen aus; am ganzen Körper er,
bebend, stürzte sie in das nächste Zimmer.
Nach wenigen Minuten kehrte fie jir ück,
erhobenen Hauptes, flammenden Blickes.
.Die Reihe ist an mir!' sagte sie mit
fester Stimme und sang, sang ein, zwci,
drei, vier Lieder nacheinander, in immer
wachsender Größe, nur blind folgend
dem .göttlichen Wahnflnn', der von ihr
Besitz genommen hatte. Plötzlich siel
ihr Auge auf Thalberg' thränenübe?,
strömte Antlitz da brach fie ab. Nie
aber, erzählt man, ist es je einem
Sterblichen zu Theil geworden, so wie
der die große Malibran singen zu hörep,
wie an dem Abend ihrer zweiten Hoch,
zeit.
ein Haisischfang.
In den Gewässern von Spalato wurde
dieser Tage von Sardellenfischern ein
Haifisch von über Metern Länge ge
fangen. Interessant ist es, auf welche
primitive Art es den Fischern gelungen,
des Unthiers habhaft zu werden. Sie
fuhren, wie der .Wien. P.' aus Sxa
lato berichtet wird, vier Mann stark, in
einer kleinen Segelbarke auf Fischfang
auS, als sie einen Fisch von bedeutenden
Dimensionen bemerkten, der ihre Barke
umkreiste, ohne ihr jedoch näher zu lorn
men. tote warten bm. um ibn en,u-
locken, kleine Fische zu. allein er ließ sie
unbeachtet, da neigte sich einer der Fischer
so weit als möglich uS der Barke vor,
seinen Arm so tief als er konnte, ins
Wasser tauchend. DaS wirkte. Der
Fisch kam sofort so nahe an die' Barke
herangefchossen. daß der Mann nickt
Eiligeres thun konnte, als seinen Arm in
Siltzerheit zu bringen. Der Fisch scheint
sich jedoch seines OxferS sicher geglaubt
zu oaoen unv blies in ver unmUbaren
Nähe der Barke, dieselbe "beständig
umkreisend. Die Fischer, die außer
oen aroeuennkTen reine gischzeuge mit
sich führten, befanden sich eine Zeit lang
in größter Verlegenheit, schließlich kamen
ne aus vie vee, us einem Stricke e ne
große Schlinge zu binden, die sie sodann
behutsam dem Fische entgegenhielten. ES
währte nicht lange und der Saiflsch
passtrte fie thatsächlich ein rascher Ruck,
und daS Ungethüm steckte in der Schlinge.
Allein jetzt erst begann der eigentliche
Kampf. Der Fisch, der sich der Unge,
müthlichkeit seiner Situation balb be
wußt wurde, wand sich und schlug herum
und die Barke schwankte hin und her.
Doch die vier Männer hielten uner
chrocken die Schlinge, die flch knovo vor
der Schwanzflosse in's Fleisch deS Mches
eingepreßt hatte, fest, fle immer kräftiger
an sich ziehend. Schließlich hoben sie
den Hintertheil ihres Gefangene ganz
über die Wasseroberfläche. DieS machte
sie zu Herren der Situation, da sie hier,
durch dem Haifisch einen aroken Tbeil
der Kraft benahmen. Zwei Männer
reichten hin, um den Fisch auf diese Art
über dem Wasser zu halten, die anderen
zwei gaben der Barke die Segel und so
fuhren sie triumphirend nach Hause.
Rodespitrreund Marintintite.
ES gab in Pari während der ersten
Revolution Leute genug, die die Unglück
lich: Königin retten wollten, aber sie
wurde zu streng bewacht. Man hatte
die sie im Temxle bewachenden Gendar
men und die Frau be :tsckmkistr be,
stochen, ein ihr ergebene? Priester gab
ihr heimlich den Wink zur.Fucht, aber
sie hatte vergessen, daß sie mit der zwei,
ten Schildvache sprechen sollte und redete
die erste an, von der sie in ihm, Kerker
zurückgeführt wurde. Ein andere Mal
war fie schon bi auf den Flur de
.emvle trommen. da sing Ne em
GenSdarm auf und zwang sie zur Um
kehr. Ein LudwigSritter, der Marquis
Rougeoille, juchte die Bekanntschaft de
Munlcipalbeamten und Gesängnißsekre
tärS MichoniS und erhielt die Erlaubniß,
ihn zur Königin zu begleiten. Schein
bar gleichgültig aber mit einem heimli,
chen Winke überreichte er ihr eine Nelke,
in der einZettel verborgen war mit den
Worten: .Ich habe Armee und Geld zu
Ihrem Befehle!' Die Königin war eben
im Begriff, ein Nein' mit einer Nadel
auf den Zettel zu kritzeln, als ein Gen,
darm eintrat und fie überraschte. Rouge
ville rettete flch durch die Flucht, Micho,
niZ wurde gouillotinirt DaS aber selbst
Robespierre heimlich auf die Rettung
der Königin bedacht war, behauptet Hör
mavr in seinen .Lebensbildern auS dem
BesreiungSkriege.' Er schreibt: .Merk,
würdig, tlber seiner Zeit den Wissenden
in Wien längst kein Geheimniß war,
daß man daselbst 1794 die Hoffnung
auf Wiederherstellung einiger Ordnung,
ja zum Frieden auf den ärgsten Blut
Hund, auf Marimilian Robespierre,
setzte, daß (der Minister) Thugut mit
ihm wegen der Rettung der Unglück,
selige Königin Marie Antoinette ange
bunden hatte, daß Robespierre und sein
Bruder bei allen Römergrimassen gleich,
wohl gegen Gold und Silber nicht den
geringsten Widerwillen hatten.'
Sin Hans binnen einer Stunde
gedaut.
Es handelt sich hier nicht etwa um in
Tatarenzelt oder um eine Lehmhütte, son
der um ein wirkliches hölzernes Bau
werk von 15 Meter Länge und S Meter
Tiefe, daS ein elegante Aussehen und
sehr zweckdienliche Einrichtungen hat.
DaS Gebäude wiedersteht auch dem
heftigsten Winde. E bildet eine neue
Art Feldhospital, wurde von dem öfter,
reichischen Militärarzt Dr. Hofgräff er,
funden und von den MtlltSrbehSrden tm
Feldlager bei Brück auf feine Zweck
Mäßigkeit geprüft. Hierbei rechtfertigte
e vollständig die Angaben de Erfin
derS, dahingehend, daß eS von nur acht
Mann binnen einer tuuv zusammen
gestellt und zur Aufnahme von Kranken
eingerichtet werden könne. Werkzeuge
find hierzu nicht nöthig; alle Balken,
Füllungen, Riegel, Stangen und wasser
dichten Stoss zur Bedachung find fertig
vorbereitet, jedes Loch für seinen Bolzen,
jede Ruth für ihr Elnsatzftück. DaS
Ganze kann auch in unglaublich kurzer
Zeit abgebrochen und auf einen passenden
Wagen verladen werden.
Schwerfällige riegszüge
Den Schauplatz, auf dem sich im voli
gen Jahrhundert die ampse zwischen
den Russen und Tartaren abspielten, bil
deten die endlosen Steppen zwischen der
Krim und der Ukraine. Da dieselben
nun völlig holz, und wasserarm waren,
sah man sich genöthigt, jede einzelne
Kompagnie mit zehn Fässern Wasser und
Brennholz zu versehen. Außerdem mußte
man Bretter und Pontons zur Ueber
brückunq der seltenen Flüsse mitführen.
Auch Proviant für mindesten ein halbes
Jahr war erforderlich. So kam es, daß
einer Armee von 60,000 Mann min
destens 90,000 Wagen folgten. Denn
schon die Säcke mit Mehl nahmen 40,
000 Wagen in Anspruch. Jedes Regt-
ment sührte außerdem auf 250 Wagen
fein Gepäck mit sich. Hierzu rechne man
noch die Munitionswaaen. die 8000
Marketender, das Gepäck der unregel
mäßigen Truppen (der Kranken) und ver
Offiziere, so wird die ungeheure Zahl
von Wagen glaublich. Zur leichten Be-
wegung des Heeres trug dieselbe natür
lich nicht bei.
Alte Weine und Weinberg.
In Burgund bewahrt man noch Weine
aus, die setzt über 400 Jchre alt sind.
Wie sie schmecken mögen, davon schweigt
die Geschichte; ikdenfallS auch nicht lieb
licher als der berühmte Rosenwein im
Bremer Rathskeller, der zwar vorzüglich
duftet, doch wie ine Sohlenlederab
kochung schmeckt.
In Italien hat man Weinberge, die
schon über drei Jahrhunderte lang Trau
den tragen, und eine solche Anlage, die
noch nicht hundert Jah,e zählt, wird dort
als ziemlich jung betrachtet.
Unverbesserlich.
Bei einem Souper hat eine lebhafte
Dame einen sehr schüchternen Herrn zum
Tischnachbarn. Nachdem ihr alle Ver
suche, aus ihm etwas mehr, wie .ja',
.nein' und .ich weiß nicht' Jherauszu
bringen, mißlungen find, fragt sie schließ
lich, als Klaoiertöne aus einem Neben,
zimmer erklingen: .Spielen Sie Kla,
vier?'
.Nein, ich nicht', antwortet er
.das thut Jemand im Nebenzimmer!'
Der Brennxunkt.
Onkel: .Nun lieber Neffe, wie bin
ich auf dieser Photographie getroffen?'
Studio us: .Zum anpumpen ayn
lich!'
altblülig.
Schneider: .Wenn Sie jetzt meine
Rechnung nicht bezahlen, gehe ich sofort
zum Gerichtsvollzieher!'
lStuvenl: .Glauben :e, vag ver vas
Geld für mich auslegen wird?'
Lr reiß es.
Lehrer: .Nun, Karlchen, welcher Va
gel ist wohl nach Deiner Ansicht der
sknste ter Natui?'
'Karlchen: .Der VZnseiraten.'
Jetzt schon.
.Sie zeigen' an, daß Ihnen da Mi!
tel von Ihrem zwanzigjährigen Leide
geholfen hat; ich verspüre nicht die ge
ringste Wirkung!'
.Haben Sie Ihr Leiden schon zwanzig
Jahre?'
.Kaum drei!'
.Wie können Si ober dann oerlon,
gen. daß Ihnen des Mittel jetzt schon
h'lftZ!'
Der Gipfel des Nairen.
(Im Speifehaufe): .Darf ich Sie
vielleicht um eine kleine Unterstützung
bitten, mein Herr?'
.Hier!'
.Schönen Dank; ist der Stuhl neb.cn
Ihnen vielleicht frei?' '
Nach und nach.
Richter: .kihalb habkn Sie sich mit
dem Angeklagten verfeindet?'
.Erst wars er mtr ein BierglaS an
den Krxf, dann ich ihm ein, dann warf
er eine Weißbinflafche nach mir, ich warf
sie zurück und so haben wir unS da?
gegenseitig Sbermorf.'
ä Ausdauer führt zum Ziel.
Pcltient: .Allmächtiger Gott! Da
ist ja schon der zweite umechte Zahn, den
Sie mir ausziehen ! '
Zahnarzt: .DaS thut mir herzlich
leid; da Sie aber nur drei hatten, s.
werde ich jetzt wohl den richtigen finden.'
Auch richtig.
.Wenn Ich sage: Der Lehrer lobt die
i - i in i. . l : . . I- ' . . t i -V. c
UMer, ii nie lyuiigr ovrr icioenec
Form?'
Schüler: .Di thätige Form.' .
Lehrer: .Richtig; und wie heißt die
leidende Form?'
.Schüler: .Der Lehrer haut d
Schüler.'
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Uebertrumpft.
Erster Junge: .Wenn Du mich nun
nicht gehen läßt, sag' ich'S aber meiner
Mutter!'
Zweiter Junge: .Ich aber sag'S mei
nem Vater seiner Schwiegermutter, da
kannst was rlkbenl'
Schlußfolgerung.
A: (stellt seine grundhäßliche Braut
vor.) .Mein Freund B., meine liebe
Braut I'
B: (leise): .Donnerwetter. Freund.
wozu brauchst Du denn daS unmenschlich
viele Geld?'
' Herzlose Bemerkung.
Arzt: .Nun, wie sind Ihnen die Pul,
ver bekommen?'
Patient: .O. ich danke Ihnen. Herr
Doctor, sie haben nichts geschadet!'
Deutliches Inserat.
.Mein NeufoundlSnder ist mir zum
drittenmal entlaufen. Dem Wieder
bringe? sicher ich als Belohnung die fast
neue Violine meines SohneS zu.'
Aus dem kramen.
Professor: .Wir haben also qesehe.
daß Cäsar, AntoniuS und PompejuS sich
zur Uebernahme der StaatSleitunz ver
einigten. Wie nennt man nun eine
solche Vereinigung von drei Männern,
Herr Kandidat?'
Kandidat: .Einen Skat, Herr Prc,
fessor!'
Alles reichlich.
,Ns, wie gefällt es Ihnen in Ihrer
neuen Stellung?"
.Danke, es macht flch. Ich habe alle
reichlich, viel Arbeit, viel Aerger und
viel, viel zu wenig Gehalt!'
Unbedingt.
A: .In Deinem Trauerspiele gefällt
mir etwas nicht. Du läßt Deinen Hel
den im 4ten Akt heiralhen und im öte
erschießen. Kannst Du es nicht umge
kehrt machen? Die Heirath gehört doch
unbedingt an's Ende des Stückes.'
Boshaft.
.Der Dramatiker Kolb schreibt so
tiefsinnige Stücke! '
.Jawohl, bevor man den eisten Akt
versteht, ist dS Stück längst durch
gefall!'
Aus der Kaserne.
Unterosficier: .Ich erklärte Euch also
soeben die Hauptugenden deS Soldaten.
....Püstke. worin findet stch also die
wahr Größe des Soldaten?'
Rekrut: .Im Militär-Paß!
Unmögliches Solo.
Student: .Gestern Abend war uns
berühmte Baritonift auch in unserer
Kneipe aber merkwürdiger Weise wer
er nicht im Stande, uns, wie er wollte,
ein Solo vorzusingen!'
Bekannter! Das beorelfe ich nicht.
nachdem ich mich doch selbst überzeugt
habe, daß er gerade an diesem Abend so
wunderbar bei Stimme war!'
Student: .Und doch konnte er kein
Solo singen weil halt immer Alles
mitgebrüllt hat!'
Aus der Instructionsftunde.
Hauptmann (zum EiniShriq-Freiwil,
ligen, welcher bei'm Exerzieren bereit
zum oritten '.Deal vom Pferde fällt):
Donnerwetter, Eln,akrige?. wa schwc,
den Sie denn fortwährend zwischen Him,
mel und Erde! Wenn Sie durchaus Ihr
Jahr in die Luft abdienen wollen, hüt
ten Sie sich doch beim Ballon-Detache
ment melden solle. I'